Interview mit Julia Bautz in Textform

In der am 30. Oktober 2021 veröffentlichten Folge 73 von Miauz Genau! ist Julia Bautz zu Gast, Pokémon-Fans vor allem als deutsche Stimme von Chloe aus „Pokémon Reisen“ und „Pokémon Meister-Reisen“ bekannt. Im Interview-Special „Die Reise zum Kindheitstraum“ spricht Dominik mit ihr über ihren bisherigen beruflichen Weg, ihre Perspektive auf die deutsche Synchronbranche und ihre persönliche Verbindung zu Pokémon. Außerdem erzählt Julia, wie es für sie ist, mit Chloe eine der Hauptfiguren der damaligen Pokémon-Ära zu sprechen und sich dadurch einen Kindheitstraum zu erfüllen.

Auf dieser Seite findest du das Gespräch als redaktionell aufbereitetes Transkript zum Nachlesen. Die Podcast-Episode bleibt die vollständige Originalfassung, diese Textversion dient als ergänzende Möglichkeit, das Interview in Ruhe zu lesen, bestimmte Stellen wiederzufinden oder einzelne Aussagen leichter nachzuschlagen.

Da das Interview in Textform eine beachtliche Länge hat, ist es hier in ein Akkordeon-Element eingeklappt.

Dominik:
Du bist Jahrgang 1993 und damit selbst mit Pokémon und Anime aufgewachsen. Hast du zu diesem Bereich eine nostalgische Verbindung?

Julia Bautz:
Absolut. Ich habe schon im Kindergarten angefangen, Pokémon zu schauen, und bin seit der deutschen Erstausstrahlung dabei. Soweit ich mich erinnern kann, war ich von Anfang an Fan. Für mich wird es wahrscheinlich nie vollständig realistisch wirken, dass ich inzwischen selbst ein Teil davon bin. Es kommt mir immer noch surreal vor. Natürlich nehme ich die Arbeit ernst und stehe professionell dahinter, aber ich denke trotzdem oft: Wahnsinn, wie sich das entwickelt hat.

Dominik:
Wie hat sich dein Interesse am Synchronbereich entwickelt?

Julia Bautz:
Die Liebe zum Spielen war schon von Anfang an da. Man sagt immer, dass einem manche Dinge in die Wiege gelegt werden. Ich komme allerdings überhaupt nicht aus einer Schauspielerfamilie. Meine Eltern hatten mit diesem Bereich nichts zu tun und interessierten sich auch nicht dafür.

Als Kind nahm ich mich mit einem Kassettenrekorder selbst auf. Wenn etwas im Fernsehen lief, sprach ich darüber und synchronisierte es gewissermaßen mit. Dadurch war schon sehr früh klar, dass ich später etwas in diese Richtung machen wollte. Ich sang ebenfalls von klein auf und nahm Gesangsunterricht. Ich wollte also immer mit meiner Stimme arbeiten, auch wenn der genaue Weg zunächst nicht feststand.

Natürlich war das mit einem gewissen Risiko verbunden, denn der Weg führt meistens über eine Schauspielausbildung. Meine Eltern standen nicht hinter meinem Berufswunsch, deshalb nahm ich zunächst einige Umwege. Ich arbeitete in normalen Bürojobs und in der Gastronomie.

2014 begann es dann ernsthaft. Ich suchte immer wieder im Internet nach professionellen Sprechworkshops. Ein Synchronstudio in meiner damaligen Heimatregion bei Frankfurt bot einen Anime-Synchron-Workshop an. In der Ausschreibung stand, dass auch der Publisher anwesend sein würde und besonders gute Teilnehmer möglicherweise die Gelegenheit bekämen, eine kleinere Rolle in einem Anime zu sprechen.

Da wurde ich sofort hellhörig und bewarb mich. Ich fragte, ob ich die Teilnahmegebühr in drei Raten bezahlen könnte, weil ich nicht viel Geld hatte. Dazu schickte ich einige Sprachproben. Die Chefin war sehr lieb und sagte, ihr gefalle meine Arbeit und sie mache für mich gern eine Ausnahme.

So fuhr ich zu diesem Workshop. Ich war dort die Einzige ohne jegliche Studioerfahrung. Neben mir saßen Radio- und Werbesprecher, und ich kam mir sehr klein vor. Ich dachte: Hoffentlich stelle ich mich jetzt nicht wie der letzte Idiot an.

Offenbar machte ich aber etwas richtig, denn meine Leistung gefiel den Verantwortlichen. Kurz danach meldete sich das Studio und sagte, dass man mich gern für eine Rolle ausprobieren würde. Anschließend wurde ich immer wieder für kleinere Aufgaben gebucht, beispielsweise in der zweiten Staffel von „Sword Art Online“. Dadurch wurde ich allmählich besser.

Parallel traute ich mich, mich bei der privaten Schauspielschule Academy of Stage Arts vorzustellen. Ich wurde angenommen, beantragte Schüler-BAföG und begann meine Schauspielausbildung. Gleichzeitig buchte mich das Studio weiter. Irgendwann kamen andere Studios hinzu. Es lief zunächst langsam an, wurde dann aber immer mehr.

Dominik:
Wie hast du die Branche am Anfang erlebt? Wurdest du als Neuling unterstützt, oder blickten erfahrenere Kolleginnen und Kollegen auf dich herab?

Julia Bautz:
Glücklicherweise bekam ich am Anfang nicht besonders viel von den negativen Seiten der Branche mit. Es gibt viele Kritiker der deutschen Synchronisation, aber auch Rivalitäten innerhalb der Branche. Ich bin froh, dass ich davon in meinen ersten beiden Jahren kaum etwas mitbekam.

Ich lebte in meiner kleinen Blase und dachte, dass alles toll und aufregend sei. Damit war ich sehr glücklich. Die Menschen in den Studios meiner Heimatregion waren immer sehr lieb zu mir.

Erst später merkte ich, dass es nicht jeder gut mit einem meint und manche auf andere herabschauen. Ich bin froh, dass ich diese Erkenntnis eine Weile vor mir herschieben konnte.

Dominik:
Gerade unter Anime-Fans hört man oft die Aussage, dass das japanische Original grundsätzlich besser sei und Anime auf Deutsch nicht funktioniere. Wie stehst du dazu?

Julia Bautz:
Die Behauptung, Anime funktioniere auf Deutsch nicht, halte ich für völligen Blödsinn. Wir haben in Deutschland das Privileg, dass sehr professionell und intensiv gearbeitet wird. Viele Menschen stecken unglaublich viel Herzblut in die Synchronisation.

Es gibt zum Glück auch viele Zuschauer, die von Anfang an gesagt haben, Deutschland habe hervorragende Synchronfassungen und Anime funktioniere auf Deutsch sehr gut. Bei manchen anderen frage ich mich allerdings, wie sie die Fassungen überhaupt vergleichen wollen. Viele Menschen, die sagen, Anime funktioniere nur auf Japanisch, verstehen die japanische Sprache nicht.

Sie wissen also gar nicht, wie sich das Schauspiel für japanische Muttersprachler anhört. Sie hören die Sprache und sind an ihren Klang gewöhnt, können aber nur eingeschränkt beurteilen, wie gut jemand tatsächlich spielt. Man muss sich eingestehen, dass wir das nicht genauso bewerten können.

Für uns klingt Japanisch oft sehr mächtig. Im japanischen Schauspiel gibt es außerdem viel Overacting. Für die deutsche Synchronisation ist es deshalb schwierig, die richtige Mitte zu finden. Meiner Meinung nach gelingt uns das inzwischen in ungefähr 90 Prozent der Fälle sehr gut.

Viele deutsche Sprecher geben gerade bei Schreien, Kämpfen und sehr emotionalen Szenen alles. Trotzdem soll es nicht unnötig übertrieben wirken. Ich glaube, dass wir inzwischen einen guten Mittelweg gefunden haben.

Dominik:
Unterscheidet sich die Synchronisation animierter Figuren stark von der Arbeit an realen Schauspielerinnen und Schauspielern?

Julia Bautz:
Bei animierten Figuren besitzt man mehr Freiheit und kann stärker etwas von sich selbst einbringen. Eine gezeichnete Figur hat weniger feine Mimik als ein realer Mensch.

Bei einer realen Person muss man viele Feinheiten aus dem Gesicht, der Körpersprache und der Stimme übernehmen. Man orientiert sich viel genauer an ihrer konkreten Darstellung.

Weil die japanische Sprache unserer eigenen Sprache sehr fern ist, ist es bei Anime noch einmal schwieriger, den richtigen Pegel zu finden. Wir müssen mehr von uns und unseren eigenen Emotionen einbringen. Einerseits gibt uns das mehr Freiheit. Andererseits kann es kompliziert sein, einen Charakter so zu treffen, wie die Fans ihn sich vorstellen.

Dominik:
Welche Erfahrungen hast du mit dem klassischen Schauspiel auf der Bühne oder vor der Kamera gemacht?

Julia Bautz:
Durch meine Ausbildung stand ich einige Male auf der Bühne. Wir hatten außerdem einen Kurzfilmworkshop und weitere Projekte, an denen ich teilnahm.

Ich fühlte mich allerdings weder auf der Bühne noch vor einer Kamera wirklich wohl. Es fühlte sich nie wie das an, was ich dauerhaft machen wollte. Den größten Spaß habe ich, wenn ich mich unbeobachtet fühle und im Schatten mein Ding machen kann. Ich möchte am liebsten nur mit der Stimme arbeiten, ohne dass mich jemand dabei sieht. Dann fühle ich mich am sichersten.

Ich war nie jemand, der sich nach dem Rampenlicht sehnte. Ich mag es nicht besonders, wenn mich andere Menschen anschauen oder eine Kamera auf mich gerichtet ist. Das ist nicht meine Welt. Ich habe es während der Ausbildung ausprobiert und die Erfahrungen mitgenommen, möchte diesen Weg aber nicht weiterverfolgen.

Dominik:
Zum Sprechberuf gehören neben der Synchronisation auch Hörspiele und Hörbücher. Welche Erfahrungen hast du in diesen Bereichen gesammelt?

Julia Bautz:
In Hörspielen spreche ich regelmäßig mit. Zu dieser Zeit war ich beispielsweise in „Hello Kitty und ihre Freunde“ als der kleine Pinguin Badtz-Maru zu hören.

Einen Monat vor diesem Interview nahm ich mein erstes offizielles Hörbuch auf. Über den Titel durfte ich damals noch nicht sprechen. Insgesamt sollten es drei Bände werden, und die Aufnahme des zweiten Bandes war bereits für den folgenden November geplant.

Das Hörbuch ist für mich die Königsdisziplin des Sprechens. Es ist sehr anstrengend. Man sitzt mehrere Stunden am Tag da, spricht beinahe ununterbrochen und macht weniger Pausen. Das erfordert eine ganz andere Form der Konzentration und belastet die Stimme anders als eine Synchronaufnahme.

Ich verstehe vollkommen, dass manche Sprecher sich nicht an Hörbücher herantrauen. Man braucht sehr viel Disziplin und Konzentration. Ich bin inzwischen in diesen Bereich eingestiegen, aber Hörspiele empfinde ich als leichter und verspielter.

Dominik:
Machen dir Hörspiele und Synchronrollen mehr Spaß als Hörbücher?

Julia Bautz:
Ich würde schon sagen, dass sie mir mehr Spaß machen, weil man stärker spielt. Natürlich besitzt auch ein Hörbuch eine schauspielerische Komponente. Im Kern liest man den Text aber vor. Dafür braucht man ebenfalls eine bestimmte Technik und eine besondere Art des Vorlesens, trotzdem ist es weniger Spiel.

Man kommt sich dabei manchmal etwas steifer und kühler vor. Im Hörspiel besitzt man mehr Freiheiten. Man muss sich nicht an die Mundbewegungen oder an enge Zeitvorgaben halten und kann die Charaktere stärker auf die eigene Weise anlegen. Deshalb machen mir Hörspiele mehr Spaß.

Dominik:
Auf welche Rollen oder beruflichen Erlebnisse blickst du besonders gern zurück?

Julia Bautz:
Im Animebereich ist das Holo aus „Spice and Wolf“. Sie war meine erste große Anime-Hauptrolle. Durch sie habe ich unglaublich viel gelernt und bin stark gewachsen.

Ich freue mich außerdem immer sehr über größere Videospielrollen. Solche Aufnahmen machen wahnsinnig viel Spaß, sind aber auch anstrengend und verlangen viel Konzentration. In „Borderlands 3“ habe ich beispielsweise sehr viel gesprochen. Darauf blicke ich gern zurück.

Daneben gibt es diese kleinen, schönen Karrierehöhepunkte. Dazu gehört die erste große Hauptrolle in einem Realspielfilm. Das war für mich der Netflix-Film „Der doppelte Vater“.

Im Berufsleben erreicht man immer wieder bestimmte Punkte, an denen man denkt: Das ist jetzt ein Meilenstein. Solche Augenblicke vergisst man nicht, und sie werden einem immer etwas bedeuten.

Dominik:
Gibt es rückblickend Entscheidungen oder Arbeiten, die du heute anders angehen würdest?

Julia Bautz:
Nach ungefähr sieben Jahren im Synchronbereich denke ich natürlich bei meinen ersten größeren Rollen manchmal: Das hätte ich heute viel besser spielen können. Ich höre, dass ich immer wieder dieselben Sprechbögen verwendet oder noch nicht die richtige Mikrofontechnik beherrscht habe.

Natürlich würde ich manche Rolle heute gern noch einmal aufnehmen. Gleichzeitig hätte ich es damals nicht besser wissen können. Man muss diese Dinge erst lernen, deshalb kann ich mir nicht wirklich böse sein.

Ähnlich ist es bei Castings. Manchmal erfährt man im Nachhinein, wer die Rolle bekommen hat oder was sich der Kunde eigentlich gewünscht hatte. Dann denkt man: Verdammt, hätte ich die Figur doch anders angelegt oder etwas anderes angeboten. Das sind aber Kleinigkeiten, über denen man irgendwann stehen muss.

Dominik:
Viele erfahrene Synchronschauspieler berichten, dass es schwierig und kräftezehrend ist, in der Branche Fuß zu fassen. Wie hast du diesen Prozess erlebt?

Julia Bautz:
Man muss viele Klinken putzen. Ich bin durch den Workshop und meine Schauspielausbildung zwar keine vollständige Quereinsteigerin. Wenn man aber zunächst keine Kontakte zur Branche besitzt, muss man sich wirklich beweisen.

Man muss hart arbeiten, sich bei vielen Studios bewerben, dort persönlich auftauchen und mit Aufnahmeleitern sprechen. Vor allem muss man am Ball bleiben.

Es kann sehr niederschmetternd sein, wenn keine Rückmeldungen kommen. Dann fühlt man sich schnell nicht gut genug und sehr klein. Trotzdem muss man weitermachen und parallel an sich arbeiten.

Man sollte anderen Sprechern zuhören, Schauspiel- und Sprechkurse besuchen und zeigen, dass man sich weiterentwickelt hat. Man muss sagen können: Ich bin gewachsen, habe etwas gelernt und kann euch etwas Neues zeigen.

Man braucht Standfestigkeit und Ausdauer. Hoffentlich entwickelt es sich dann irgendwann in die richtige Richtung. Von nichts kommt nichts. Die Konkurrenz ist sehr groß, denn viele Menschen möchten diesen Beruf ausüben. Einige wachsen bereits als Kinder hinein, viele andere müssen sich ihren Platz erst erarbeiten. Es ist eine harte Branche.

Dominik:
Gab es auf deinem Weg Menschen, die für dich zu Mentoren wurden?

Julia Bautz:
Ich kann mich bei vielen Menschen bedanken. Besonders wichtig war die Sprecherin Nicole Hise, die früh an mich geglaubt hat. Sie ist außerdem eine gute Freundin von mir.

Als Aufnahmeleiterin holte sie mich ins Studio und schlug mich als eine der Ersten für größere Rollen vor. Als ich später nach Berlin zog, disponierte sie mich ebenfalls. Ihr habe ich sehr viel zu verdanken. Ich nenne sie in diesem Zusammenhang liebevoll meine Mami.

Es gab aber auch viele andere Kolleginnen und Kollegen, die sehr lieb mit mir umgingen und mir geholfen haben. Ich hoffe, sie fühlen sich ebenfalls angesprochen.

Dominik:
Früher standen bei Synchronaufnahmen häufig mehrere Personen gemeinsam vor dem Mikrofon. Konntest du diese Arbeitsweise noch erleben?

Julia Bautz:
Bei mir verlief der Einstieg nicht ganz klassisch. Viele Sprecher beginnen im Ensemble. Sie stehen gemeinsam mit anderen vor dem Mikrofon und synchronisieren Hintergründe, Menschenmengen oder ähnliche Szenen.

Ich habe nicht im Ensemble, sondern mit kleinen Rollen angefangen. Dadurch lernte ich sofort das getrennte Aufnehmen, das sogenannte Ixen. Die Zeit, in der klassische Rollen gemeinsam aufgenommen wurden, lag schon einige Jahre vor meinem Einstieg.

Als ich zwei Jahre vor diesem Interview nach Berlin zog, musste ich mich dort gewissermaßen neu beweisen und etablieren. Die Studios und Aufnahmeleiter kannten mich noch nicht. Deshalb arbeitete ich in dieser Zeit sehr viel im Ensemble.

Ich stand mit anderen Ensemblesprechern gemeinsam vor dem Mikrofon, und wir nahmen Hintergründe und Menschenmengen auf. Diese Zeit fehlt mir inzwischen ein wenig. Es ist sehr schön, gemeinsam mit anderen zu spielen. Einer sagt beispielsweise: „Hast du das schon gehört?“, und der andere reagiert direkt darauf.

Genau dieses Spielen liebe ich. Mit anderen zusammen macht es noch mehr Spaß. Das kennt man auch aus dem Gruppenunterricht an einer Schauspielschule. Man spielt sich gegenseitig den Ball zu.

Durch die Coronapandemie ging diese Arbeitsweise beinahe vollständig verloren. Ensembles wurden nicht mehr als Gruppe aufgenommen. Stattdessen übernahmen die Sprecher kleiner Rollen die entsprechenden Hintergrundtexte häufig einzeln.

Das finde ich schade. Wenn man mit anderen zusammenarbeitet, kann man von ihnen lernen. Umgekehrt können weniger erfahrene Kollegen auch etwas von einem selbst lernen.

Dominik:
Glaubst du, dass die Branche nach der Pandemie wieder stärker zu gemeinsamen Ensembleaufnahmen zurückkehren könnte?

Julia Bautz:
Ich habe mit einigen Aufnahme- und Projektleitern darüber gesprochen. Die Meinungen sind sehr gespalten.

Viele Studios sagen, dass sie nie wieder zum klassischen Ensemble zurückkehren werden. Sie haben inzwischen zahlreiche Tonspuren und Ensembleaufnahmen in ihren Archiven. Für eine gewöhnliche Schulhof-, Straßenbahn- oder Menschenmengenszene können sie passende deutsche Spuren aus dem Archiv verwenden. Aus ihrer Sicht sind neue gemeinsame Aufnahmen deshalb oft nicht mehr notwendig.

Einzelne Studios würden Ensembleaufnahmen gern wieder einführen. Dafür müsste man mit den Sprechern besprechen, ob sie wieder gemeinsam vor dem Mikrofon stehen möchten. Diese Studios wollten es langsam und versuchsweise erneut etablieren. Zum damaligen Zeitpunkt wäre das aber frühestens im folgenden Jahr möglich gewesen.

Die Mehrheit hielt eine Rückkehr offenbar nicht mehr für notwendig. Das finde ich sehr schade, denn man lernt am meisten von seinen Kolleginnen und Kollegen. Ob man ein Kind oder bereits ein erfahrener Sprecher ist, vieles funktioniert nach dem Prinzip Learning by Doing und durch Beobachtung.

Wenn diese Möglichkeit wegfällt, wird der Einstieg für neue Sprecher noch schwieriger.

Dominik:
Hätte sich deine eigene Entwicklung möglicherweise anders gestaltet, wenn du von Beginn an regelmäßig mit anderen vor dem Mikrofon gestanden hättest?

Julia Bautz:
Genau kann ich das natürlich nicht sagen. Ich machte am Anfang aber viele Fehler, die ich vielleicht hätte vermeiden können, wenn ich erfahrene Menschen direkt bei der Arbeit beobachtet hätte.

Ich konnte nicht sehen, wie andere ihre Stimme stützen oder bestimmte Sätze sprechen. Wahrscheinlich wäre ich dadurch schneller gewachsen. Damit meine ich nicht, dass ich früher größere Rollen bekommen hätte. Ich wäre vermutlich schneller souveräner und sicherer in meiner Arbeit geworden.

Ich kann das nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, halte es aber für sehr wahrscheinlich. Mir fehlte die Gelegenheit, anderen bei ihrer Arbeit zuzusehen.

Dominik:
Wie kam es dazu, dass du in „Pokémon Reisen“ die Rolle von Chloe bekommen hast?

Julia Bautz:
Es war immer mein großer Wunsch, einmal bei Pokémon mitzusprechen. Mir hätte wahrscheinlich schon gereicht, ein einziges Pokémon-Geräusch zu machen. Ich hätte mir niemals ausgemalt, dass ich eine Hauptrolle bekommen könnte.

Eine bestimmte Aufnahmeleiterin in München kannte mich bereits und hatte mich regelmäßig für andere Projekte eingesetzt. Sie arbeitete auch mit SDI Media in München zusammen.

Ich wusste, dass es für die neue Pokémon-Staffel Castings geben würde. Solche Prozesse laufen allerdings im Hintergrund ab. Soweit ich weiß, sucht die Aufnahmeleitung für eine neue Rolle drei oder vier mögliche Sprecherinnen aus und schickt diese Vorschläge weiter.

Ich bekam überhaupt nicht mit, dass auch etwas von mir eingesandt worden war. Ich war 2019 noch relativ neu in Berlin und gerade am Alexanderplatz unterwegs. Es war sehr laut, und ich war vollkommen müde.

Dann rief mich diese Aufnahmeleiterin an. Sie war ziemlich gestresst und sagte: „Julia, ich habe dich für die neue weibliche Hauptrolle bei Pokémon vorgeschlagen. Der Kunde möchte dich. Ab wann könntest du, und kann ich hundertprozentig mit dir rechnen?“

Ich begriff zunächst überhaupt nicht, was sie mir gerade gesagt hatte. Ich antwortete nur: „Ach so, ja, cool. Das sollte kein Problem sein. Ich schaue noch einmal nach und melde mich.“

Sie bat mich, möglichst schnell zurückzurufen, und kündigte noch eine E-Mail an. Anschließend stand ich völlig perplex mitten auf dem Alexanderplatz. Erst nach und nach verstand ich, dass sie mir gerade gesagt hatte, ich würde die neue weibliche Hauptrolle in Pokémon sprechen. Dann fing ich an zu weinen.

Es war ein unglaublicher Moment. Alles war hinter meinem Rücken abgelaufen, und ich war im besten Sinne schockiert.

Dominik:
Wie hast du dich anschließend in Chloe und ihre Geschichte eingearbeitet?

Julia Bautz:
Ich fuhr für die ersten Aufnahmen ins Studio. Meine Regisseurin Daniela Arden zeigte mir die Figur und erklärte: „Das ist Chloe, die Tochter von Professor Kirsch. Sie ist am Anfang kein großer Pokémon-Fan. Das verändert sich später. Zunächst ist sie eher eine Nebenfigur, wird aber zunehmend zu einem Hauptcharakter.“

Viel mehr erzählte sie mir zunächst nicht. Sie sagte, Chloe sei am Anfang etwas zickig, mache aber eine gute Entwicklung durch.

Darüber freute ich mich, denn das klang nach einem interessanten Charakter. Ich wusste, dass sie sich positiv verändern würde. Wahrscheinlich würden manche Zuschauer am Anfang denken, dass sie unsympathisch sei.

Ich fand sie aber von Beginn an aufregend und cool. Außerdem liebe ich ihr Design. Ich hatte sofort große Lust auf die Rolle und fühlte mich mit ihr sehr wohl.

Dominik:
Wie fühlte es sich an, ihre ersten Sätze im Studio zu sprechen und damit tatsächlich deinen Kindheitstraum zu leben?

Julia Bautz:
Es war unglaublich cool. Man denkt plötzlich: Jetzt spreche ich mit Ash. Das war sehr aufregend.

Ich begann außerdem direkt mit Szenen, in denen Chloe noch ein kleines Kind war. Dann gingen mir tausend Dinge durch den Kopf: Klingt das gut genug? Klingt es jung genug? Ist meine Stimme in der richtigen Lage?

Man weiß, dass es Pokémon ist und deshalb sitzen muss. Die heutige Generation von Kindern wächst möglicherweise mit meiner Stimme auf, so wie ich damals mit Misty aufgewachsen bin. Das löst einen wahren Wasserfall an Gefühlen aus.

Dominik:
Chloe beginnt als Nebenfigur und rückt erst allmählich stärker in den Mittelpunkt. Hat dich ihr zunächst geringer Auftrittsanteil frustriert?

Julia Bautz:
Mich persönlich hat das nie frustriert. Als die Folgen ausgestrahlt wurden, schrieben mir allerdings Freunde und Bekannte immer wieder: „Du kommst ja nie vor. Warum hast du so wenig zu sagen?“

Ich antwortete dann: „Habt Geduld, das wird noch. Sie bauen die Figur langsam auf, und genau das macht es doch spannend.“

Viele fanden es schade, dass Chloe so selten gezeigt wurde und ihnen eine weibliche Hauptfigur fehlte. Mich störte es nicht. Ich freute mich auf ihre Entwicklung und war selbst sehr gespannt. Ich wusste noch nicht, wie es weitergehen, wann sie stärker in die Handlung eingreifen und wann sie ein eigenes Pokémon fangen würde. Diesen langsamen Aufbau fand ich eigentlich sehr schön.

Dominik:
Was für eine Person ist Chloe?

Julia Bautz:
Chloe hat die Erwartungen anderer Menschen satt. Sie ist die Tochter eines Professors, und alle gehen deshalb davon aus, dass sie ebenfalls Professorin, Pokémon-Trainerin oder etwas Ähnliches werden wird.

Sie möchte sich davon distanzieren, ihr eigenes Ding machen und in ihrer eigenen Welt leben. Sie will zunächst nicht zu viel über ihre Zukunft nachdenken, weil sie verunsichert ist. Im Grunde denkt sie: Ich bin ein Kind und weiß noch gar nicht, was ich möchte. Lasst mir doch die Freiheit.

Gleichzeitig ist sie neugierig und grundsätzlich offen. Durch Ash und Goh erlebt sie, wie spannend das Leben mit Pokémon sein kann. Deshalb beginnt sie irgendwann zu überlegen, ob sie diesen Weg doch ausprobieren und sehen möchte, wohin er sie führt.

Chloe ist sehr weltoffen, zeigt es am Anfang aber nicht. Sie tut so, als wäre sie am liebsten für sich allein. Eigentlich stimmt das gar nicht. Im Grunde möchte sie ebenfalls Abenteuer erleben. Ich habe sie sehr lieb.

Dominik:
An welche Momente mit Chloe denkst du besonders gern zurück?

Julia Bautz:
Auf jeden Fall an die Folge, in der sie Evoli fängt. Ich war unglaublich aufgeregt und freute mich sehr. Ihr Evoli ist besonders niedlich, und für Chloe ist das ein wunderschöner Moment.

Ich hatte lange auf diese Aufnahme hingefiebert. Ich verfolgte die japanischen Folgen ein wenig im Voraus, und dort war bereits angedeutet worden, dass sie Evoli fangen würde. Von diesem Zeitpunkt an dachte ich: Mein Gott, ich werde mich so freuen, wenn wir diese Folge endlich aufnehmen.

Dominik:
Verfolgst du die japanische Ausstrahlung regelmäßig?

Julia Bautz:
Ich sehe mir die Folgen nicht vollständig an. Ich verfolge aber die Vorschauclips und die Ausschnitte, die von Fans geteilt werden.

Ein weiterer besonderer Moment war die Szene, in der Chloe Voldi zum ersten Mal den Einsatz einer Attacke befiehlt. In der Folge mit Gengar fordert sie Voldi auf, Funkensprung einzusetzen.

Das war für mich ebenfalls sehr besonders, weil ich zum ersten Mal im Studio einem Pokémon befehlen durfte, eine Attacke einzusetzen.

Dominik:
Wie sollte Chloes Reise deiner Meinung nach weitergehen?

Julia Bautz:
Das finde ich schwierig. Einerseits könnte ich mir vorstellen, dass sie eine eigenständige Trainerin wird. Andererseits könnte für sie etwas vollkommen Neues entwickelt werden, das es in dieser Form noch nicht gab.

Vielleicht wird sie Koordinatorin oder geht in eine ganz andere Richtung. Ich weiß es nicht. Ich hoffe, dass Pokémon mich mit ihrer Entwicklung überrascht, denn Chloe fällt aus dem üblichen Raster.

Ich bin mir beispielsweise nicht sicher, ob ich sie bei Wettbewerben sehe. Ich wünsche mir etwas, das es bisher noch nicht gegeben hat.

Spannend ist außerdem ihr Evoli, das sich nicht entwickeln kann. Ich spekulierte damals darauf, dass vielleicht eine vollständig neue Evoli-Entwicklung eingeführt werden könnte. Ich weiß natürlich nicht, ob das passiert wäre, aber es wäre eine interessante Möglichkeit gewesen.

Dominik:
Ich würde mir sogar ein eigenes Chloe-Spin-off wünschen. Hältst du das für realistisch?

Julia Bautz:
Das wäre sehr cool. Falls The Pokémon Company oder jemand in Japan zuhört, habt ihr hier eure Inspiration.

Zunächst wird es aber hoffentlich irgendwann einen Kinofilm geben, in dem Chloe eine Rolle spielt. Es wäre schön, wenn sie dort direkt die Protagonistin sein könnte.

Dominik:
Die Umbesetzung von Ash löste bei vielen Fans zunächst einen Schock aus. Inzwischen haben sich viele an Felix Mayer gewöhnt, der eine hervorragende Arbeit leistet. Wie hast du diesen Wechsel erlebt?

Julia Bautz:
Das ist eine schwierige Frage. Zunächst einmal: Felix ist ein großartiger und sehr vielseitiger Sprecher. Er macht seine Arbeit hervorragend. Für ihn muss ein enormer Druck entstanden sein, als er plötzlich Ash übernahm.

Ich selbst lebe sehr stark mit der Nostalgie. Wenn ich mich einmal an eine Stimme gewöhnt habe, fällt es mir sehr schwer, mich davon zu lösen.

Für mich wird Ash wahrscheinlich immer Caroline Combrinck sein. Das ist für mich persönlich einfach seine Stimme. Davon loszukommen, ist unglaublich schwierig. Ich mag es nicht, dass ich ständig Vergleiche ziehe, kann aber kaum etwas dagegen tun.

Auch Veronika Neugebauer machte die Rolle großartig. Ihre Stimmfarbe war sehr ähnlich und passte hervorragend. Trotzdem ertappte ich mich damals immer wieder bei dem Gedanken, dass Caroline für mich noch ein kleines bisschen mehr Ash sei.

Der Tod von Veronika Neugebauer war natürlich sehr tragisch. In einem solchen Fall ist eine Umbesetzung unausweichlich.

Bei Felix war die Umgewöhnung für mich noch größer, weil Ash plötzlich von einem Mann gesprochen wurde. Das lag überhaupt nicht an Felix selbst. Ich war es einfach gewohnt, dass kleine Anime-Jungen von Frauen gesprochen werden, wie es auch in Japan häufig der Fall ist. Durch die eindeutig männlichere Stimme klang Ash plötzlich sehr anders.

Felix macht im Rahmen seiner eigenen Stimme und dessen, was er anbieten kann, eine hervorragende Arbeit. Er spielt die Rolle intensiv, und man spürt, wie viel Freude er mit diesem Charakter hat.

Gleichzeitig verstehe ich Menschen, denen die Umstellung schwerfiel. Ich kann beide Seiten nachvollziehen. Durch meine eigenen Aufnahmen habe ich mich inzwischen an seine Stimme gewöhnt. Trotzdem vergleiche ich manchmal noch und denke: Wahnsinn, wie anders sich das anhört.

Dominik:
Wie fühlt es sich für dich an, bei deinen Aufnahmen die vertrauten Stimmen von Team Rocket zu hören?

Julia Bautz:
Darüber habe ich mich unglaublich gefreut. Das ist für mich Kindheit. Ich fieberte darauf hin, dass Team Rocket endlich auftaucht und Chloe gemeinsame Dialoge mit ihnen hat.

Dieser Teil meiner Kindheit ist immer noch da, und niemand kann ihn mir nehmen. Wenn ich ihre Stimmen höre, fühlt sich Pokémon wieder so an wie damals.

Ich freue mich sehr, dass Matthias Klie, Scarlet Lubowski Cavadenti und Gerhard Acktun ihre Rollen noch immer sprechen und weiterhin Freude an ihrer Arbeit haben. Dafür kann ich mich nur bedanken. Ich glaube, damit spreche ich im Namen vieler Pokémon-Fans.

Ich könnte mir kaum vorstellen, dass Team Rocket andere Stimmen bekäme. Das wäre eine enorme Umgewöhnung. Für mich ist es eine große Ehre und einfach wunderschön, mit diesen Stimmen arbeiten zu dürfen.

Dominik:
Haben sich während deiner Arbeit an Pokémon die Abläufe verändert? Unterscheidet sich die Produktion grundsätzlich von anderen Synchronprojekten?

Julia Bautz:
Die Veränderungen bei Ensembleaufnahmen betrafen natürlich auch Pokémon. Kleinere Ensembletexte wurden zunehmend von einzelnen Sprechern zusätzlich übernommen.

Grundsätzlich funktioniert Pokémon aber wie jede andere Synchronproduktion. Ungewöhnlich ist vielleicht, dass viele Sprecher, die menschliche Figuren spielen, zusätzlich auch Pokémon sprechen. Ansonsten ist es eine normale professionelle Produktion.

Es gibt möglicherweise einige besondere Sicherheitsvorkehrungen, die vom Kunden abhängen. Man darf beispielsweise keine Gäste mitbringen. Auch jemand, der nur hospitieren und zusehen möchte, kann nicht einfach dabei sein, weil mit dem Material sehr streng umgegangen wird. Die eigentliche Arbeitsweise unterscheidet sich aber nicht wesentlich.

Dominik:
Du durftest inzwischen auch Pokémon sprechen. Welche waren das?

Julia Bautz:
Ich habe Meditie gesprochen. Zwei weitere Pokémon hatte ich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls aufgenommen. Ihre Namen durfte ich damals aber noch nicht nennen, weil die betreffenden Folgen noch nicht veröffentlicht worden waren.

Dominik:
Wie unterscheidet sich die Aufnahme eines Pokémon von der Synchronisation eines menschlichen Charakters?

Julia Bautz:
Wir sehen uns den Take genauso an wie jeden anderen. Anschließend gibt es eine Vorgabe, welche Laute das Pokémon machen soll.

Bei Meditie war festgelegt, dass es beispielsweise nur „Medi“ oder „Tie“ sagen darf. Manchmal entscheidet sich die Regie während der Aufnahme kurzfristig um und sagt: „Mach an dieser Stelle lieber nur ein ,Tie‘, das passt schöner.“

Ansonsten funktioniert es wie eine gewöhnliche Synchronaufnahme.

Dominik:
Was würdest du dir ganz grundsätzlich für die weitere Entwicklung des Pokémon-Animes wünschen?

Julia Bautz:
Ich finde es etwas schade, dass man sich immer weiter vom klassischen Zeichenstil entfernt hat. Den Look der ersten drei Staffeln mit Ash und seinen Begleitern finde ich bis heute am schönsten.

Mit dem Stil von „Sonne und Mond“ kam ich optisch überhaupt nicht zurecht. Da dachte ich: Das ist nicht mehr mein Pokémon.

Bei „Pokémon Reisen“ wurde meiner Meinung nach wieder ein kleiner Schritt zurück in eine schönere Richtung gemacht. Es ist natürlich nicht genau der alte Zeichenstil, nähert sich ihm aber wieder etwas an. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass es stärker wie früher aussieht.

Sehr schön finde ich, dass ältere Figuren wieder eingebunden werden. Weil Ash und Goh in verschiedene Regionen reisen, hofft man natürlich auf Auftritte von Misty, Rocko und anderen früheren Charakteren.

Es ist schön, immer wieder neue Figuren einzuführen. Wir älteren Fans würden aber auch gern die bekannten Charaktere aus Kanto häufiger sehen.

Dominik:
„Pokémon Reisen“ wirkte damals fast wie eine Abschiedstournee für Ash. Glaubst du, dass seine Reise irgendwann enden sollte?

Julia Bautz:
Ein Teil von mir würde sich das wünschen. Irgendwann ist es vielleicht genug. Ein Charakter kann nicht 30 Jahre lang zehn Jahre alt sein, besonders wenn er immer wieder von vorn beginnt.

Für mich wäre es in Ordnung, wenn Ash irgendwann stärker zu einer Nebenfigur werden würde. Man könnte beispielsweise Goh zum neuen Protagonisten machen und die Serie mit ihm fortführen. Ebenso könnte ein vollständig neuer Hauptcharakter eingeführt werden.

Ash könnte im Hintergrund ein Teil der Serie bleiben, ohne weiterhin der zehnjährige Junge zu sein, der Pokémon-Meister werden möchte. Man könnte ihn auch einfach älter werden lassen.

Dominik:
Das entsprach sogar dem ursprünglichen Konzept des damaligen Hauptautors Takeshi Shudo, der Ash im Anime altern lassen wollte.

Julia Bautz:
Warum nicht? Das wäre doch interessant.

Dominik:
Damals gab es außerdem Gerüchte über eine Pokémon-Realserie von Netflix. Würdest du darin gern eine Rolle sprechen, oder betrachtest du eine solche Adaption eher skeptisch?

Julia Bautz:
Das käme sehr auf die Umsetzung an. Bei Realadaptionen von Anime bin ich etwas ängstlich, denn sie können gewaltig danebengehen. Beispiele dafür waren „Death Note“ oder „Dragonball Evolution“.

Ich bezweifle nicht, dass man Pokémon grundsätzlich gut als Realserie umsetzen könnte. Dafür bräuchte man aber das notwendige Budget und ein geeignetes Studio.

Solange ich nicht weiß, wie das Ganze aussehen soll, bin ich skeptisch. Bei einer guten Umsetzung würde ich sehr gern mitsprechen. Wenn es allerdings in die Richtung mancher misslungener Realadaptionen ginge, würde ich lieber Abstand halten und in meiner vertrauten Chloe-Welt bleiben.

Dominik:
Wie blickst du auf deine persönliche Reise mit Pokémon zurück, von deiner Kindheit bis zu deiner heutigen Rolle?

Julia Bautz:
Ich werde Pokémon wahrscheinlich immer spielen. Am liebsten spiele ich bis heute die älteren Editionen: Blau, Rot, Gelb, Gold, Silber und Kristall. Zu diesen Spielen kann ich immer wieder zurückkehren.

In meinem Herzen werde ich wahrscheinlich immer das Kind bleiben, das Pokémon-Trainerin werden möchte. Das wird vermutlich auch noch so sein, wenn ich 40 bin.

Zumindest kann ich inzwischen sagen, dass ich auf eine bestimmte Weise tatsächlich Pokémon-Trainerin geworden bin, wenn auch nur in der Serie. Ich habe mir diesen Wunsch erfüllt.

Früher saß ich als kleines Kind mit meinem Game Boy Color da, sprach mit dem Bildschirm und sagte: „Komm, Karnimani, du schaffst das!“ Heute bin ich jemand, der seine eigenen Pokémon hat. Ich habe es geschafft und etwas erreicht.

Dominik:
Welche Veränderungen würdest du dir für die deutsche Synchronbranche wünschen?

Julia Bautz:
In den vergangenen Jahren merkte ich, dass die Abläufe immer schneller wurden. Der Zeitdruck steigt, und es gibt immer mehr Projekte, die synchronisiert werden müssen.

Ich würde mir trotzdem wünschen, dass man sich bewusst mehr Zeit nimmt. Es kommt nur noch selten vor, dass man intensiver an einem Projekt arbeiten und auch einmal länger über einen einzelnen Take nachdenken kann.

Diese Zeit wird meistens nur noch bei sehr großen Blockbustern oder Disney-Filmen eingeräumt. Bei vielen anderen Produktionen tritt sie immer stärker in den Hintergrund.

Auch gemeinsame Aufnahmen sind zeitlich kaum noch möglich. Jeder besitzt seinen eigenen Terminplan. Trotzdem sollte die Arbeit nicht ausschließlich vom finanziellen und zeitlichen Druck bestimmt werden.

Viele meiner Kolleginnen und Kollegen kritisieren diese Entwicklung. Alles wird sehr schnell abgefrühstückt. Eine Produktion wird aufgenommen und soll möglicherweise bereits zwei Wochen später bei Netflix erscheinen. Unter solchen Bedingungen kann man nicht immer gründlich arbeiten.

Teilweise schreiben noch sehr unerfahrene Autoren die Dialogbücher. Gleichzeitig gibt es zu wenige Menschen, die diese Arbeit übernehmen können. Dadurch kann Qualität verloren gehen.

Ich würde mir wünschen, dass wir einen Weg finden, wieder etwas zeitintensiver und sorgfältiger arbeiten zu können. Ich weiß nicht genau, wie sich das realisieren lässt. Wenn alle Beteiligten gemeinsam daran arbeiten, müsste es aber eine Möglichkeit geben.

Dominik:
Was würdest du Menschen raten, die ohne Erfahrung, aber mit großer Leidenschaft in die Synchronbranche einsteigen möchten?

Julia Bautz:
Der Weg, den die meisten empfehlen würden, führt über eine Schauspielschule. Damit hat man die besten Voraussetzungen.

Wenn man beispielsweise in einer Synchronstadt wie Berlin bei den Studios anklopft, wird man gefragt: „Bist du ausgebildeter Schauspieler? Was kannst du vorweisen?“

Es gibt private Schauspielschulen, die man selbst bezahlen muss. Natürlich muss man auch dort zunächst angenommen werden. Wenn man sich eine solche Ausbildung nicht leisten kann oder sie aus anderen Gründen nicht möglich ist, sollte man zumindest professionelle Workshops besuchen.

Damit meine ich nicht kurze Angebote auf Conventions, sondern richtige Synchron-, Schauspiel- oder Sprechworkshops. Man kann gezielt nach entsprechenden Angeboten in Berlin oder anderen Städten suchen.

Diese Kurse kosten ebenfalls Geld. Leider muss man am Anfang in diesen Beruf investieren. Im besten Fall zahlt es sich später aus.

Wichtig ist, dranzubleiben, zu lernen und sich Meinungen einzuholen. Man sollte versuchen, von Studios, Regisseuren und Aufnahmeleitern eine ehrliche Einschätzung zu bekommen.

Wenn jemand einen für gut genug hält, wird man irgendwann eine Chance erhalten. Man muss proaktiv handeln, Schauspiel- und Sprechkurse besuchen, weiterlernen und immer weitermachen.

Dominik:
Welche persönlichen Meilensteine möchtest du in Zukunft noch erreichen?

Julia Bautz:
Ich hatte einige große Ziele. Pokémon war mir sehr wichtig. Außerdem wollte ich immer bei Marvel mitsprechen. Das hatte ich zum Zeitpunkt des Interviews inzwischen ebenfalls geschafft, auch wenn ich noch nicht viel darüber sagen durfte.

Bei Disney hatte ich ebenfalls bereits in Produktionen gesprochen. Einen großen Traum würde ich mir aber noch sehr gern erfüllen: Ich möchte in einem Disney-Film singen.

Wenn ich das irgendwann schaffe, kann ich sagen: Jetzt habe ich das Spiel durchgespielt, ganz egal, was anschließend passiert.

Im Grunde habe ich bereits alles erreicht, was ich mir früher hätte erträumen können. Ich bin inzwischen an einem Punkt, an dem ich unglaublich dankbar dafür bin, dass ich in meinen noch jungen Jahren so viel geschafft und mir meine Träume erfüllt habe. Das kann mir niemand mehr nehmen.

Wenn ich noch einen großen Disney-Film mitnehmen und darin singen dürfte, wäre ich vollkommen begeistert. Aber auch so bin ich bereits mehr als dankbar.

Dominik:
Gibt es noch etwas, das du den Anime-Fans und den Zuschauerinnen und Zuschauern deutscher Synchronfassungen mitgeben möchtest?

Julia Bautz:
Wenn ihr als Anime-Fans Kritik habt oder euch etwas nicht gefällt, könnt ihr euch gern mit Publishern, Sprechern und den anderen Verantwortlichen auseinandersetzen und konstruktive Rückmeldungen geben. Häufig bekommt man sogar eine Antwort. Ich selbst gebe beispielsweise sehr gern Auskunft.

Einfacher Hass im Internet führt dagegen zu nichts und hilft uns nicht weiter. Regie, Aufnahmeleitung und Sprecher sind immer daran interessiert, das Beste aus einer Produktion herauszuholen. Das ist nicht immer einfach. Wir versuchen, auf vieles Rücksicht zu nehmen, können aber nicht jede Erwartung erfüllen.

Wir geben mit den Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen, unser Bestes. Verbessern können wir uns aber nur, wenn wir konstruktive Kritik bekommen oder Menschen sich direkt an uns wenden, Fragen stellen und ihre Meinung vernünftig äußern.

Wenn jemand im Internet nur pauschal dagegen schießt und sagt, eine deutsche Synchronfassung könne ohnehin nichts werden, wird sich dadurch nichts verändern.

Umgekehrt freue ich mich unglaublich über jeden Menschen, der sich meldet, positives Feedback gibt, der deutschen Synchronisation treu bleibt und sie gern schaut. Dafür bin ich sehr dankbar. Solche Nachrichten machen mich glücklich, und ich hoffe, dass es so weitergeht. Das ist mein Wort zum Sonntag.