Interview mit Marco Eßer in Textform

In der am 30. November 2024 veröffentlichten Folge 143 von Miauz Genau! ist Marco Eßer zu Gast, Pokémon-Fans vor allem als deutsche Stimme von Tim Goodman aus dem Realfilm „Pokémon Meisterdetektiv Pikachu“ bekannt. Im Interview-Special „Ermittlungen am Mikrofon“ spricht Dominik mit ihm über seinen Einstieg in die Synchronbranche, seinen bisherigen beruflichen Weg und seine vielseitige Arbeit als Synchronschauspieler. Dabei geht es unter anderem um seine Tätigkeit als deutsche Stammstimme von Timothée Chalamet, weitere prägende Rollen und natürlich ausführlich um seine Erfahrungen bei der Synchronisation der ersten Pokémon-Realfilm-Adaption. Außerdem erzählt Marco, was ein kleiner blauer Pinguin mit seiner Karriere zu tun hat.

Auf dieser Seite findest du das Gespräch als redaktionell aufbereitetes Transkript zum Nachlesen. Die Podcast-Episode bleibt die vollständige Originalfassung, diese Textversion dient als ergänzende Möglichkeit, das Interview in Ruhe zu lesen, bestimmte Stellen wiederzufinden oder einzelne Aussagen leichter nachzuschlagen.

Da das Interview in Textform eine beachtliche Länge hat, ist es hier in ein Akkordeon-Element eingeklappt.

Dominik:
Wo begann dein Weg in die Synchronbranche?

Marco Eßer:
Aufgewachsen bin ich zunächst in Erlangen, in der Nähe von Nürnberg. Dort lebte ich ungefähr bis zur zweiten oder dritten Klasse. Meine Eltern brachten mich damals zum Klavierspielen. Einerseits wurde ich ein wenig dazu gedrängt, andererseits machte es mir auch Spaß. Manche Hobbys brauchen bei Kindern einfach etwas Zeit, bis sie sich wirklich festigen.

Ungefähr 2004 oder 2005 zogen wir in die Nähe von Berlin. Ich wollte dort weiter Klavierunterricht nehmen, weshalb wir nach einer neuen Musikschule suchten. Schließlich landeten wir bei Berton und Morgenstern in Potsdam, heute BEM. Frau Morgenstern wurde meine Klavierlehrerin.

Der Name Morgenstern ist in der Berliner Synchronwelt durchaus bekannt. Friedel Morgenstern und Lydia Morgenstern, die Töchter meiner damaligen Klavierlehrerin, waren bereits als Sprecherinnen tätig. Soweit ich weiß, waren sie durch eine Radioaktion in die Branche gekommen.

Über die Musikschule wurden gelegentlich Kinder gesucht, die Lust hatten, Schulklassen oder andere Kindermengen zu synchronisieren. Nachwuchsförderung wurde in der Branche immer wieder etwas vernachlässigt. Irgendwann fiel den Verantwortlichen dann auf, dass zu wenige Kinderstimmen verfügbar waren, und es wurde versucht, kurzfristig neue Kinder zu finden.

Einige Aufnahmeleiterinnen und Aufnahmeleiter kamen auf die Idee, an Musikschulen zu suchen. Wer musikalisches Grundverständnis, ein Gefühl für Rhythmus und eine gewisse Kreativität mitbringt, besitzt schließlich bereits eine gute Grundlage für das Synchronsprechen.

Auf diese Weise kamen über Frau Morgenstern mehrere Gruppen von Kindern in die Branche. Einige blieben dabei, andere nicht. Bei mir muss das ungefähr 2006 oder 2007 gewesen sein. Ich war etwa neun oder zehn Jahre alt und stand zum ersten Mal für eine Schulklasse vor dem Mikrofon.

Das war eine Mengenaufnahme. Dabei stehen ungefähr drei bis sieben Menschen gemeinsam vor einem Mikrofon und sprechen vor allem Hintergrundatmosphären. Bei einer gewöhnlichen Synchronproduktion erhält man häufig eine M&E-Spur, auf der Musik und Geräusche bereits vorhanden sind. Alles, was aus Stimmen oder Dialogen besteht, muss jedoch neu aufgenommen werden. Wenn die Figuren im Vordergrund Deutsch sprechen, während sich zwei Mitschüler im Hintergrund auf Englisch unterhalten, würde das die Zuschauer aus der Illusion reißen.

Bei dieser ersten Aufnahme bemerkten die Verantwortlichen offenbar, dass mir die Arbeit Spaß machte und ich mich nicht vollkommen unwohl vor dem Mikrofon fühlte. Einige Wochen oder Monate später wurde ich zu einem Casting für „The Backyardigans“ eingeladen.

Die Serie war eine Nickelodeon-Produktion und lief ungefähr parallel zu „Dora“. In Deutschland war sie nicht ganz so erfolgreich. In Brasilien war sie dagegen sehr bekannt. Ich bin halb Brasilianer, und meine Cousinen dort freuten sich sehr, als sie erfuhren, dass ich damit etwas zu tun hatte.

Bei Kinderrollen muss man berücksichtigen, dass sich Stimmen schnell verändern. Besonders bei Jungen kann der Stimmbruch sehr deutlich hörbar sein. Für die Studios ist es dann immer eine Abwägung, ob man mit der älter gewordenen Stimme weitermacht oder die Rolle neu besetzt. Manchmal werden kleine Jungen auch von Frauen gesprochen. Eine Frauenstimme kann entsprechend angelegt werden, aber wirklich authentisch wie ein Kind klingt meistens nur ein Kind.

Der vorherige Sprecher von Pablo, dem blauen Pinguin, war zu alt geworden und in den Stimmbruch gekommen. Deshalb wurde die Rolle neu gecastet. Ich hatte das große Glück, durch die verschiedenen Castingrunden zu kommen und Pablo sprechen zu dürfen.

In dieser Serie erleben fünf Fantasiewesen Abenteuer, die in ihrer Vorstellung entstehen. Außerdem wurde sehr viel gesungen. Wir nahmen, glaube ich, zwei oder drei Staffeln über einen Zeitraum von ungefähr zwei Jahren auf. Häufig produzierten wir während des Sommers eine ganze Staffel mit 20 oder 30 Folgen. In jeder Episode gab es zusätzlich mehrere Lieder.

Das war eine kalte Dusche und zugleich eine riesige Chance. Das Team nahm sämtliche Gesänge mit uns Kindern auf. Dafür braucht man Menschen, die sehr geduldig sind und anders mit einem arbeiten als mit professionell ausgebildeten erwachsenen Sprechern. Für mich war das eine indirekte Ausbildung, bei der ich sehr viele Facetten des Berufs kennenlernen konnte.

Parallel zur Schule konnte und sollte ich natürlich nur in einem überschaubaren Umfang arbeiten. Man darf nicht unterschätzen, wie belastend es für ein Kind sein kann, neben der Schule, der sozialen Entwicklung und dem persönlichen Heranwachsen zusätzlich zu arbeiten. Meine Mutter achtete sehr darauf, besprach alles mit mir und passte auf, dass es nicht zu viel wurde.

Dominik:
Wie hast du die Synchronbranche damals aus der Perspektive eines Kindes wahrgenommen?

Marco Eßer:
Ich glaube, dass ich zunächst gar nicht richtig verstand, was diese Arbeit eigentlich bedeutete. Für mich bestand sie vor allem daraus, sehr viel fernzusehen und in beeindruckende Räume zu gehen.

Die alte Berliner Synchron besaß riesige Studios, die sich teilweise über mehrere Etagen erstreckten. Dort gab es große Leinwände, Projektoren und schwere Türen. Wenn man einen solchen gedämmten Raum betritt, ist es sehr ruhig, dunkel und gedämpft. Als Kind empfand ich das als etwas Außergewöhnliches und Geheimnisvolles.

Kinder wurden in den Studios häufig besonders freundlich behandelt. Manchmal stand ein Teller mit Süßigkeiten bereit, oder man durfte sich eine Limonade aussuchen. Es fühlte sich natürlich auch ziemlich besonders an, wenn man von der Schule mit einem Taxi abgeholt wurde, weil man zur Arbeit fahren musste.

Ich war in der Grundschule und später in der weiterführenden Schule nicht besonders selbstbewusst und eher ein Einzelgänger. Deshalb wäre es gelogen, wenn ich behaupten würde, dass es sich nicht auch ein wenig cool anfühlte, in dieses Taxi zu steigen und etwas Besonderes zu machen.

Vor allem machte die Arbeit aber Spaß. Es war jedes Mal etwas Neues. Im Vorfeld wusste ich meistens kaum, was mich erwarten würde. Ich wurde gefragt, ob ich an einem bestimmten Tag sprechen wollte, sagte zu und erfuhr häufig erst im Studio, um welches Projekt und welche Rolle es ging.

Weil ich noch zu klein für die Mikrofone war, musste manchmal eine kleine Trittleiter ins Studio getragen werden. Dann stieg ich zwei oder drei Stufen hinauf, stand am Mikrofon und fühlte mich wieder wie ein König.

Dominik:
Wie war es, deine eigene Stimme erstmals in einer fertigen Produktion zu hören?

Marco Eßer:
Man könnte denken, dass es besonders merkwürdig war, mich selbst im Fernsehen zu hören. Am seltsamsten empfand ich es aber zunächst im Studio. Eine Aufnahme wurde häufig noch einmal kritisch angehört, bevor sie endgültig übernommen wurde. Die eigene Stimme synchron auf den Lippen einer animierten Figur oder eines Schauspielers zu sehen, war am Anfang schon eigenartig.

Dieses Gefühl verschwand aber relativ schnell. Nachdem man einige Aufnahmen und auch extremere Szenen gemacht hatte, die einen aus der Komfortzone holten, gewöhnte man sich daran.

Stattdessen entwickelte sich bei mir ein gewisser Perfektionismus. Wenn ich mich später selbst hörte, betrachtete ich meine Leistung eher kritisch. Ich fragte mich, ob es so geworden war, wie ich es mir vorgestellt hatte, und ob man an bestimmten Stellen noch etwas hätte verbessern können.

Meine Mutter fragte die Studios damals sehr lieb nach Erinnerungsstücken. Deshalb besitze ich noch einige selbst gebrannte DVDs mit meinen ersten Folgen von „The Backyardigans“. Sie liegen in einer Andenkenkiste im Keller. Eigentlich müsste ich sie auf eine Festplatte überspielen, bevor sie irgendwann nicht mehr funktionieren.

Zu bestimmten Anlässen hole ich sie heraus und schaue hinein. Es ist eine schöne Erinnerung, die eigene Kinderstimme in einem solchen Produkt verewigt zu haben.

Dominik:
2012 hast du Timothée Chalamet erstmals in „Homeland“ gesprochen. Wie kam es zu dieser Besetzung?

Marco Eßer:
Das war ungefähr drei Jahre vor meinem Abitur. Die Serie wurde, glaube ich, bei der FFS produziert. Ein sehr netter Aufnahmeleiter besetzte mich einfach, weil er dachte, dass meine Stimme passen könnte.

Kleinere Rollen, die für eine Folge oder einen Film keine besonders tragende Bedeutung haben, werden meistens nicht groß ausgeschrieben oder umfangreich gecastet. Die Aufnahmeleiter greifen dafür auf Sprecherinnen und Sprecher zurück, die sie kennen und in ihrem Repertoire haben.

Bei „Homeland“ war es wahrscheinlich genauso. Ich wurde auf die Rolle besetzt, ohne dass lange überlegt wurde, ob daraus eine dauerhafte Verbindung entstehen könnte. Damals wusste schließlich noch niemand, welche berufliche Entwicklung Timothée Chalamet nehmen würde. Für mich war es zunächst einfach eine weitere Rolle.

Dominik:
Gab es in deiner Anfangszeit Menschen, die für dich zu Mentoren wurden?

Marco Eßer:
Eine sehr prägende Person war Nicolás Artajo, der bei „The Backyardigans“ Regie führte. Er arbeitet selbst als Sprecher, Regisseur und Dialogbuchautor und ist eine unglaublich herzliche Person. Ich bezeichne ihn gern als meinen Synchronpapa.

„The Backyardigans“ war damals seine erste eigene Dialogregie und gleichzeitig meine erste große Synchronproduktion. Für ihn war es hoffentlich ebenfalls eine schöne Erfahrung, mit Kindern an einem solchen Herzensprojekt zu arbeiten. Für mich war es ein absoluter Glücksfall.

Er nahm sehr viel Rücksicht auf uns Kinder, führte uns durch die Arbeit und half uns, die Technik des Synchronsprechens zu lernen. Die wichtigsten Mentorinnen und Mentoren waren für mich generell die Regisseurinnen und Regisseure, die genügend Geduld besaßen.

Manche setzten sich mit mir in den Aufnahmeraum, machten mir Dinge vor und versuchten mit mir so lange an einer Szene zu arbeiten, bis sie richtig klang. Auch wenn es frustrierend wurde, gaben sie nicht auf. Dieser praktische Drill war wahrscheinlich mein größter Lernfaktor.

Ich begann bereits in einer Zeit, in der Rollen nur noch selten gemeinsam aufgenommen wurden. Früher standen zwei oder drei Schauspieler für einen Dialog oder Trialog gemeinsam vor einem Mikrofon und spielten die Szene tatsächlich miteinander.

Dabei konnte man vermutlich sehr viel lernen. Man sah, wie andere Menschen arbeiteten, sich auf eine Szene vorbereiteten und welche Techniken sie verwendeten.

Ich hatte zwar einige Mengentermine, aber Kinder- und Erwachsenenmengen wurden normalerweise getrennt aufgenommen. Möglicherweise konnte ich etwas von älteren Jugendlichen lernen, die schon länger dabei waren. Die großen und erfahrenen Sprecherlegenden traf ich bei meinen Aufnahmen aber kaum, weil diese Zeit bereits vorbei war.

Dominik:
Welche Veränderungen in der Synchronarbeit hast du seit deinen Anfängen erlebt?

Marco Eßer:
Wenn wir das Thema künstliche Intelligenz zunächst ausklammern, beginnen die Veränderungen bereits bei kleinen technischen Dingen.

Früher gab es in vielen großen Studios zusätzlich ein sogenanntes Zelt. Das war ein besonders stark gedämmter Bereich innerhalb des Aufnahmeraums. Ein Studio soll nicht vollkommen schalltot sein, sondern besitzt normalerweise noch einen gewissen natürlichen Raumklang. Effekte und weitere akustische Eigenschaften können später hinzugefügt werden.

Für bestimmte Szenen wollte man jedoch eine besonders trockene Aufnahme. Wenn eine Figur beispielsweise in einem Auto oder einem anderen stark gedämmten Raum saß, wurden schwere Moltonvorhänge um das Mikrofon gezogen, oder man ging in eine kleinere Kammer.

Dann hieß es: „Wir sind drin, bitte ins Zelt.“ Man ging mit seinem ausgedruckten Dialogbuch hinüber, suchte dort die entsprechende Textstelle und kehrte anschließend wieder an das normale Mikrofon zurück.

Heute stehen stattdessen häufig zwei Mikrofone im Raum. Eines ist stärker gerichtet und nimmt weniger Raumklang auf. Das andere ist ein Großmembranmikrofon und bildet den Raum etwas deutlicher ab. Je nach Szene wird das passende Mikrofon verwendet.

Früher waren große Leinwände und schallisoliert eingebaute Projektoren üblich. Vielleicht waren damalige Röhrenmonitore mit ihrem hohen Fiepen zu laut, oder die Verkabelung ließ sich mit einem Projektor einfacher lösen. Heute werden große Fernseher und moderne Projektoren eingesetzt. In manchen Studios hängt die alte Leinwand noch im Hintergrund, wird aber kaum noch benutzt.

Als Sprecher hatte man früher außerdem mehrere Knöpfe vor sich. Einer schaltete den Ton vollständig aus. Über einen anderen konnte man den Originalton hören. Ein weiterer spielte den bereits aufgenommenen deutschen Anschluss ein. Diese Knöpfe durfte man in vielen Studios selbst bedienen.

Später blieb teilweise nur noch ein einziger Schalter übrig. Inzwischen wird die Tonwiedergabe häufig vollständig vom Schnitt oder vom Ton gesteuert. Wahrscheinlich soll sich der Sprecher dadurch noch stärker auf das Schauspiel konzentrieren. Mir persönlich machte es allerdings Spaß, die Knöpfe selbst zu bedienen.

Auch gedruckte Dialogbücher werden immer seltener. Manche Studios legen ein Tablet hin. Andere besitzen einen senkrechten Monitor, auf dem das Buch angezeigt wird. Teilweise sieht man einfach eine gespiegelte Ansicht des Bildschirms am Schnittplatz.

Der Trend geht dahin, den Sprecherinnen und Sprechern möglichst wenige zusätzliche Aufgaben zu geben. Das ist nachvollziehbar, kann die Arbeit aber auch erschweren. In manchen Studios habe ich keine Möglichkeit mehr, mir eigene Notizen zu machen.

Ein Text kann während der Aufnahme verändert werden. Dann werden einem spontan neue Wörter, Betonungen oder Pausen zugerufen. Bei einem komplexen Take muss man sich ohnehin bereits sehr viele Dinge merken. Es wäre manchmal wesentlich einfacher, eine Änderung kurz aufzuschreiben.

Auch auf der technischen Seite wurde beinahe alles digitalisiert. Früher lief teilweise noch eine analoge Kassette als Sicherung mit. Jede Aufnahme wurde zusätzlich darauf gespeichert, falls die eigentliche Technik ausfiel.

Heute befinden sich die Daten meistens auf zentralen oder dezentral abgesicherten Servern. Die Rechner im Studio greifen nur noch darauf zu. Große analoge Mischpulte mit unzähligen Kanälen sind kaum noch notwendig. Häufig stehen dort nur noch digitale Bedienoberflächen, ein Vorverstärker und die Talkback-Technik.

Dominik:
Hast du selbst einmal einen technischen Ausfall im Studio erlebt?

Marco Eßer:
Bei einer Aufnahme in Steglitz fiel plötzlich in der gesamten Straße der Strom aus. Ich war wahrscheinlich für einen Gesangstermin von „The Backyardigans“ dort. Es gab nur den Gesangsregisseur und den Tonmeister, aber niemanden am Schnittplatz.

Plötzlich stand ich allein in einem stockfinsteren großen Aufnahmeraum. Irgendwann wurde die schwere Tür geöffnet, und der Regisseur fragte, ob bei mir alles in Ordnung sei. Dann holte er mich nach hinten. Die gesamte Straße war von dem Stromausfall betroffen.

Das könnte eine der Situationen gewesen sein, für die früher die analoge Sicherungskassette gedacht war.

Dominik:
Welche weiteren kuriosen oder besonderen Momente sind dir in Erinnerung geblieben?

Marco Eßer:
Irgendwann entwickelt man eine gewisse Normalität für die Absurditäten im Studio. Dinge, die für Außenstehende kurios wirken, fühlen sich für mich inzwischen häufig vollkommen normal an.

Man spricht Liebesszenen, Angstszenen, Ekelszenen oder Figuren, die einen Dialekt haben, stottern und gleichzeitig vollkommen überzeichnet sind. Manchmal ist zusätzlich eine Sprachberatung dabei. Mit der Zeit nimmt man solche Situationen einfach hin.

Ein besonderer Moment entstand außerhalb des Studios. Über die Synchronarbeit kam ich zu Hörbuch- und Hörspielprojekten. Seit vielen Jahren nehme ich einmal jährlich „Gregs Tagebuch“ auf.

Der Verlag organisierte irgendwann eine Kinderbuchveranstaltung und lud mich ein, dort aus einem der Bücher vorzulesen. Das war das erste Mal, dass ich etwas live vor Publikum machte. Ich war entsprechend aufgeregt.

Auf der Bühne stand außerdem jemand in einem großen „Gregs Tagebuch“-Maskottchenkostüm. Von dieser Veranstaltung existieren noch einige etwas merkwürdige Bilder im Internet.

Nach der Lesung saß ich herum und dachte, die Veranstaltung sei für mich beendet. Dann kam eine Mutter und fragte, ob sie ein Autogramm bekommen könne. Ich war vollkommen überrascht und fragte beinahe, ob sie sich wirklich sicher sei.

Nachdem ich das erste Buch unterschrieben hatte, entstand plötzlich eine kleine Schlange aus Kindern. Das war sehr herzerwärmend. Mir macht es großen Spaß, mit Kindern zu sprechen, und es gab einige sehr lustige Begegnungen. Ein Junge kam beispielsweise sehr fordernd an und verlangte gleich mehrere Widmungen für unterschiedliche Personen, ohne auch nur über ein „Bitte“ oder „Danke“ nachzudenken.

Eine andere Geschichte passierte noch in meiner Kindheit. Vor einer Aufnahme hatte ich mir aus irgendeinem Grund das Schienbein verletzt. Vielleicht war ich gestürzt oder hatte Fußball gespielt. Das Bein war stark angeschwollen und tat immer mehr weh.

Ich stand trotzdem auf meiner kleinen Trittleiter am Mikrofon und sagte nichts. Ich wusste nicht, was ich mir als Kind im Studio erlauben durfte. Ich hatte Angst, dass es unhöflich wäre, eine Aufnahme wegen Schmerzen zu unterbrechen.

Irgendwann hörte man offenbar, dass es mir nicht gut ging. Der Regisseur fragte nach, und ich erklärte, dass mein Bein sehr weh tat. Daraufhin wurde natürlich sofort gesagt, dass ich zu einem Arzt oder ins Krankenhaus müsse.

Ein weiteres Mal waren meine Tante und meine Großmutter aus Brasilien zu Besuch. Sie wollten unbedingt mit ins Synchronstudio und sich meine Arbeit ansehen. Ich glaube, dass ich damals bei „Star Trek“ den jungen Spock sprach.

Meine Tante und meine Großmutter saßen seitlich im Aufnahmeraum. Meine Tante hatte großen Hunger, und ihr Magen knurrte so laut, dass mehrere Aufnahmen unterbrochen werden mussten. Irgendwann verließ sie hochrot den Raum. Bis heute erzählen wir diese Geschichte gern in der Familie.

Dominik:
Du sprichst unter anderem Miles Morales in den animierten „Spider-Man“-Filmen und bist häufig auf Timothée Chalamet zu hören. Wie entwickelten sich solche wiederkehrenden Besetzungen?

Marco Eßer:
Die „Spider-Man“-Filme finde ich selbst unglaublich cool. Der Animationsstil des ersten Teils war vollkommen neu. Unter anderem wurde mit unterschiedlichen Bildraten für verschiedene Figuren gearbeitet. Ich liebe diese Filme und finde es sehr schade, dass wir nach dem großen Cliffhanger des zweiten Teils so lange auf die Fortsetzung warten müssen.

Bei Timothée Chalamet begann alles mit der kleinen Rolle in „Homeland“. Danach kam „Interstellar“. Auch dieser Film wurde bei der FFS produziert, und derselbe Aufnahmeleiter war für die Besetzung zuständig.

Einige Aufnahmeleiterinnen und Aufnahmeleiter finden es schön, bereits früh eine gewisse Kontinuität für einen Schauspieler aufzubauen. Andere vermeiden feste Stimmen eher, weil diese später möglicherweise höhere Gagen verlangen.

Der Aufnahmeleiter bei „Interstellar“ wollte meine Stimme offenbar beibehalten. Ob es damals zusätzlich ein Casting gab, weiß ich nicht mehr genau.

Timothée Chalamet spielte dort den jungen Sohn von Matthew McConaugheys Figur, der auf der Erde zurückbleibt. Am Anfang fährt er unter anderem mit dem Auto. Später sieht sein Vater die sehr emotionalen Videobotschaften, während für ihn im Weltraum eine andere Zeit vergeht.

Nachdem ich ihn auch dort gesprochen hatte, war die Verbindung etwas stärker etabliert. Später folgten größere Produktionen und Hauptrollen, beispielsweise „Call Me by Your Name“. Gerade bei den ersten größeren Filmen gab es meistens erneut Castings.

Studios und Regisseurinnen können Wünsche und Empfehlungen äußern. Ob diese berücksichtigt werden, entscheidet letztlich der Kunde. Ich hatte das Glück, dass meine Besetzung mehrfach gewünscht wurde und offenbar auch passte.

Bei „Dune“ wurde nicht mehr grundsätzlich darüber diskutiert, wer ihn sprechen sollte. Inzwischen gilt meine Stimme weitgehend als seine deutsche Feststimme. Trotzdem können später noch Gagenverhandlungen entstehen. Wenn ein Film beim Verleih nicht mehr als großer Blockbuster eingeordnet wird, kann sich das Budget verändern. Dieser wirtschaftliche Teil gehört dazu, auch wenn er mir nicht besonders viel Spaß macht.

Für „Wonka“ gab es ein gesondertes Gesangscasting. Timothée Chalamet besitzt eine Gesangsausbildung und kann sehr gut singen. Ich bin Sprecher und habe keine klassische Gesangsausbildung. Deshalb wollte der Kunde prüfen, ob es mit mir funktionieren würde oder ob für die Lieder ein Voice Match benötigt wurde.

Ich gab mir sehr viel Mühe und war sehr glücklich darüber, dass man sich zutraute, auch die Gesänge mit mir aufzunehmen.

Bei neuen Hauptrollen sind Castings grundsätzlich normal. In Berlin gibt es einen Pool von Sprechern mit ähnlichen Stimmprofilen. Bei solchen Terminen sieht man auf der Liste häufig dieselben Kollegen, mit denen man um Rollen konkurriert. Mal bekommt der eine eine Rolle, mal der andere.

Auch Miles Morales war ein gewöhnliches Casting. Dafür wurden Szenen ausgewählt, die unterschiedliche wichtige Emotionen und Seiten der Figur zeigten. Vor der Aufnahme nennt man seinen Namen und die Rolle, für die man vorspricht. Anschließend wird das Material an den Kunden geschickt.

Die deutsche Produktion kann eine Empfehlung abgeben. In Stein gemeißelt ist diese Empfehlung aber nicht. Am Ende entscheidet der Kunde. Bei Miles Morales hatte ich das große Glück, ausgewählt zu werden.

Dominik:
Wie entstand deine Verbindung zu Justice Smith?

Marco Eßer:
Ich sprach ihn zum ersten Mal in „Margo’s Spuren“. Auch dort war es zunächst eine Nebenrolle. Ich glaube, dass er zuvor bereits von jemand anderem gesprochen worden war.

Nur weil man einen Schauspieler einmal gesprochen hat, besitzt man keinen Anspruch auf dessen Stimme. Das gilt auch für Timothée Chalamet und Justice Smith. Es gibt keinen Vertrag, der festlegt, dass ich sie in jeder Produktion sprechen muss.

Von einem Tag auf den anderen kann jemand entscheiden, dass meine Stimme nicht mehr passt, und die Rolle umbesetzen. Bei Justice Smith gibt es Serien und andere Produktionen, in denen er von jemand anderem gesprochen wurde. Das ist vollkommen normal.

Natürlich freut man sich als Sprecher, wenn man einen Schauspieler über längere Zeit begleiten darf. Es ist eine besondere Form der Wertschätzung, sagen zu können, dass man die deutsche Stimme einer bestimmten Person ist.

Ich freue mich deshalb jedes Mal, wenn ich Justice Smith sprechen darf oder erneut zu einem Casting eingeladen werde. Jedes Casting ist eine neue Chance, in eine weitere Welt einzutauchen.

Dominik:
Welche Berührungspunkte hattest du vor „Pokémon Meisterdetektiv Pikachu“ mit dem Pokémon-Franchise?

Marco Eßer:
Es ist wahrscheinlich schwierig, überhaupt keine Berührungspunkte mit Pokémon zu haben.

Mein erster Kontakt war ein Gesellschafts- und Geschicklichkeitsspiel, das mir Verwandte aus Brasilien geschenkt hatten. Geschenke aus Brasilien waren häufig besonders laut und sollten offenbar vor allem meine Eltern ärgern.

Bei diesem Spiel wurden viele runde Karten mit unterschiedlichen Pokémon ausgelegt. Zusätzlich gab es einen Stapel quadratischer Karten. Jeder Spieler besaß einen Plastikstab, an dessen Ende sich eine kleine Hand mit einem Saugnapf befand.

Dann wurde eine quadratische Karte aufgedeckt. Man musste das abgebildete Pokémon möglichst schnell unter den ausliegenden Karten finden und mit der Saugnapfhand darauf schlagen.

Ich fand dieses Spiel großartig. Auf den Karten standen aber keine Namen. Deshalb erinnere ich mich bis heute an einige Pokémon nur anhand ihres Aussehens und weiß noch immer nicht, wie sie heißen.

Eine eigene Konsole bekam ich lange nicht. Wir besaßen zwar einen alten Game Boy, aber darauf hatten wir kein Pokémon. Es gab nur „FIFA 98“ und eine merkwürdige Spielesammlung mit ungefähr 24 Spielen, darunter „Dr. Mario“ und „Super Mario Land“.

Später spielte ich häufiger bei Freunden. Sie hatten einen Game Boy Color oder einen Game Boy Advance SP, und wir verbanden die Geräte mit einem Linkkabel.

Als ich in die Nähe von Berlin zog, besaßen viele Menschen in meinem Umfeld einen Nintendo DS. Mein erstes eigenes Pokémon-Spiel bekam ich erst relativ spät auf dem Nintendo DSi. Es müsste „Pokémon Platin“ gewesen sein.

Ich muss allerdings gestehen, dass ich es nie durchgespielt habe. Das Spiel war möglicherweise zu umfangreich für mich. Irgendwann steckte ich in einer Höhle fest. Die ständigen wilden Begegnungen machten mich fertig, und ich wusste nicht, dass es Items gab, mit denen man sie zeitweise verhindern konnte. Diese Höhle hat mich wahrscheinlich gebrochen.

In der Oberstufe mussten wir grafikfähige Taschenrechner kaufen. Wir modifizierten sie natürlich und installierten verschiedene Spiele. Darauf spielte ich ebenfalls ein Pokémon-Spiel während des Mathematikunterrichts, kam aber auch dort nicht besonders weit.

Ich habe leider nie ein Pokémon-Spiel vollständig abgeschlossen. Trotzdem besaß ich meine kleine Gruppe von Pokémon, kümmerte mich um sie und hatte viel Spaß damit, Items zu sammeln und herauszufinden, wie ich bestimmte Stellen auf der Karte erreichen konnte.

Eine etwas gemeine Erinnerung stammt aus der Grundschule. Auf einer Klassenfahrt versuchte unser Mitschüler Robert, die Top Vier zu besiegen. Man musste mehrere schwere Kämpfe hintereinander absolvieren.

Wir waren ziemliche Idioten und schalteten seinen Nintendo DS immer wieder aus, kurz bevor er es geschafft hatte. Er musste die gesamten Kämpfe drei oder vier Mal wiederholen. Das tut mir bis heute leid. Es war definitiv keine Glanzleistung von uns.

Dominik:
Wie hast du vom Casting für „Pokémon Meisterdetektiv Pikachu“ erfahren?

Marco Eßer:
Bis dahin kannte ich Pokémon vor allem durch die klassische Animationsserie von RTL II. Als die Anfrage kam, war ich deshalb zunächst etwas verwirrt und fragte mich, ob ich für Ash oder eine andere Figur aus dieser Welt vorsprechen sollte.

Ich wusste damals nicht genau, dass der Film auf dem Spin-off-Spiel „Meisterdetektiv Pikachu“ für den Nintendo 3DS beruhte.

Nachdem ich von dem Projekt gehört hatte, suchte ich natürlich nach dem englischen Trailer. Ich hatte sofort große Lust darauf. Der Trailer sah vollkommen verrückt und beeindruckend aus.

Das Casting gehörte zu den besonders geheimen Produktionen. Man musste verschiedene Vertraulichkeitserklärungen unterschreiben. Das gezeigte Bildmaterial war teilweise unscharf, schwarz-weiß und stark bearbeitet. Im Grunde konnte man kaum etwas erkennen.

Soweit ich mich erinnere, gehörte zu den Castingszenen eine Passage vom Anfang des Films, in der Tim sein erstes Pokémon fangen soll und anschließend von ihm verjagt wird.

Danach hörte ich zunächst sehr lange nichts. Bei solchen Projekten sitzt man im Studio, sieht unvollständiges und stark geschütztes Material, darf mit kaum jemandem darüber sprechen und wartet anschließend auf eine Entscheidung.

Als ich erfuhr, dass ich die Rolle bekommen hatte, freute ich mich natürlich wahnsinnig. Auch wenn Pokémon bis dahin nicht den größten Teil meines Lebens ausgemacht hatte, war es ein Franchise, das mich seit meiner Kindheit begleitet hatte. Ich wusste, dass es ein besonderes Projekt und eine große Ehre war, daran mitwirken zu dürfen.

Außerdem spielte Ryan Reynolds Pikachu. Ich mochte ihn bereits und dachte, dass daraus eigentlich nur etwas Großartiges entstehen konnte.

Dominik:
Konntest du den Film vor den Aufnahmen vollständig ansehen?

Marco Eßer:
Ich glaube, dass ich ihn vorab in einer besonderen Studiovorführung sehen durfte. Viele Synchronfirmen besitzen einen Vorführraum, in dem man eine vorläufige Fassung anschauen kann.

Dabei sind Bild und Ton häufig noch nicht vollständig fertiggestellt. Es können sichtbare Greenscreens, fehlende Effekte und andere unbearbeitete Elemente vorhanden sein.

Bei „Meisterdetektiv Pikachu“ waren vor allem einige Szenen gegen Ende noch nicht fertig. Die riesigen Chelterrar und die Sequenz, in der die Figuren über sie hinabrutschen, sahen in der unfertigen Fassung ziemlich merkwürdig aus.

Während der Synchronaufnahmen erhält man teilweise bereits aktualisiertes Material. Den vollständig fertigen Film sah ich aber erst im Kino.

Soweit ich mich erinnere, gab es auch eine Premiere oder eine große Veranstaltung, zu der wir als deutscher Cast eingeladen wurden. Möglicherweise verwechsle ich einzelne Erinnerungen mit der Premiere von „Margo’s Spuren“. Dort war ich, weil eine Freundin Karten gewonnen hatte. Justice Smith begegnete ich dabei zumindest indirekt, wir sprachen aber nicht miteinander.

Den fertigen Pokémon-Film im Kino zu sehen, machte auf jeden Fall unglaublich viel Spaß.

Dominik:
Unterschied sich diese große und streng geheime Produktion von gewöhnlichen Synchronaufträgen?

Marco Eßer:
Verglichen mit anderen großen Produktionen, die ebenfalls strengen Vertraulichkeitsvereinbarungen unterliegen, gab es keine grundlegend anderen Abläufe. Bei besonders geheimen Projekten wird das bereitgestellte Bildmaterial mit der Zeit allerdings gefühlt immer schlechter.

Bei einer gewöhnlichen Produktion erhält man häufig bereits relativ fertiges Material. Änderungen können etwas unkomplizierter vorgenommen werden.

Bei einem großen Franchise investieren die Studios mehr Zeit. Die Dialogbücher werden mehrfach geprüft und abgenommen. Besonders wichtig ist, dass die festgelegte Sprache des Franchise stimmt. Pokémon-Namen und ihre Aussprache wurden deshalb doppelt und dreifach kontrolliert.

Man kann schließlich nicht davon ausgehen, dass ein Synchronregisseur, dessen Aufgabe eine gute schauspielerische Fassung ist, automatisch ein Pokémon-Experte ist.

Deshalb wurden einzelne Namen noch einmal recherchiert. Soweit ich mich erinnere, existierten sogar eingesprochene Aussprachedateien von einer fachkundigen Person.

Ansonsten wurde der Film wie ein gewöhnlicher Realspielfilm behandelt. Er war in Takes eingeteilt, die wir Szene für Szene aufnahmen. Die Dialogarbeit unterschied sich grundsätzlich nicht von anderen Spielfilmen.

Dominik:
War es schwierig, mit computergenerierten Pokémon zu interagieren, die im vorläufigen Material möglicherweise noch nicht vollständig fertiggestellt waren?

Marco Eßer:
Die Figuren selbst waren meiner Erinnerung nach bereits weitgehend vorhanden. Besonders die Pantimos-Szene fand ich schon im Studio unglaublich lustig. Tim spielt darin sehr trocken dieses Pantomime-Spiel mit Pantimos.

Ich musste mir das Pokémon nicht abstrakt vorstellen, sondern besaß trotz des schwarz-weißen Materials eine klare visuelle Referenz.

Beim Synchronisieren gibt es meiner Meinung nach zwei mögliche Philosophien. Die eine lautet: Ich möchte hören, was ich sehe, und sehen, was ich höre. Dabei muss nicht zwingend exakt dasselbe passieren wie im Original. Entscheidend ist, dass eine glaubwürdige eigenständige deutsche Version entsteht. Das ist stärker ein eigenes Kunstprojekt, in das man mehr von seinem persönlichen Spiel einbringt.

Die andere Philosophie orientiert sich möglichst eng an der bereits vorhandenen Vorlage. Man versucht, eine deutsche Version dieser Darstellung zu schaffen, die so nah wie möglich am Original bleibt und nur so weit verändert wird, wie es für die deutsche Sprache notwendig ist.

Bei „Meisterdetektiv Pikachu“ war es wichtig, eng am Original zu bleiben. Jede größere Änderung hätte erneut durch verschiedene Freigabeinstanzen gemusst. Deshalb orientierten wir uns an Justice Smiths Spiel, seiner Betonung und seiner Interaktion mit den Pokémon.

Die eigentliche Herausforderung bestand nicht darin, mit einer computergenerierten Figur zu sprechen. Schwieriger war es, die Nuancen aus Justice Smiths Spiel herauszuhören, den Verlauf einer Szene zu verstehen und diese Entwicklung in die einzelnen Takes zu übertragen.

Dominik:
Was unterscheidet Tim Goodman von anderen Rollen, die du gesprochen hast?

Marco Eßer:
Tim besitzt eine relativ tiefe und kräftige Stimme. Meine normale Sprechstimme lag besonders damals etwas höher.

Deshalb versuchte ich bewusst, etwas mehr Volumen hinter meine Stimme zu bringen, ohne künstlich oder forciert zu klingen. Dadurch wollte ich die tieferen Nuancen und das Alter der Figur besser abbilden und nicht zu jugendlich wirken.

Justice Smith arbeitet sehr stark mit seinem Gesicht. Er spielt viel über seine Augen und seine Mimik und zieht teilweise deutliche Grimassen. Das macht mir die Arbeit etwas leichter. Wenn ein Schauspieler bereits sehr viel sichtbar transportiert, muss ich nicht versuchen, eine Emotion ausschließlich mit der Stimme künstlich zu erzeugen.

Als Sprecher habe ich mit der Zeit ohnehin einen besonderen Blick für Gesichter entwickelt und ziehe sehr viele Informationen aus der Mimik.

Tim besitzt außerdem seine persönliche Geschichte als Außenseiter. Dazu kommen die tragischen Aspekte seiner Vergangenheit, das Abenteuer, in das er hineingerät, und seine Liebesgeschichte. Diese eher zurückhaltende und teilweise etwas devote Seite musste in der Stimme vorhanden sein.

Es dauerte natürlich eine Weile, sich in die Figur einzufinden. Dabei half es sehr, den Film vorher vollständig gesehen zu haben und zu wissen, wohin sich der Charakter entwickeln würde.

Dominik:
Könntest du dir vorstellen, Tim Goodman in einer Fortsetzung erneut zu sprechen?

Marco Eßer:
Sofort. Zunächst freut es mich sehr, zu hören, dass der Film bei den Fans so gut angekommen ist.

Als Sprecher arbeitet man häufig in einer Art Schattengewerbe. Hunderte Tausende Menschen hören einen Film, aber man bekommt davon nicht zwangsläufig unmittelbares Feedback. Wer nicht stark in den sozialen Medien oder auf öffentlichen Veranstaltungen präsent ist, erfährt teilweise kaum, wie die eigene Arbeit aufgenommen wurde.

Deshalb bedeutet es mir viel, wenn Fans sagen, dass sie den Film und die deutsche Fassung mochten.

Ich hätte auf jeden Fall Lust auf eine Fortsetzung. Bei Fortsetzungen und Vorgeschichten bin ich allerdings auch etwas vorsichtig. Wenn ein Film sehr erfolgreich war, entsteht eine hohe Erwartungshaltung.

Ich verstehe, wenn ein Studio sagt, dass es lieber mit einer positiven Erinnerung aufhören möchte, anstatt durch einen schwächeren zweiten Teil etwas kaputtzumachen.

Unter der Voraussetzung, dass eine Fortsetzung mindestens genauso gut wird, wäre ich sofort dabei. Auch unabhängig davon würde ich die Rolle natürlich gern wieder sprechen. Meine Unterschrift für eine entsprechende Petition ist hiermit gegeben.

Dominik:
Wie viel bekommen Synchronschauspieler vom Erfolg eines großen Franchise und von den Reaktionen der Fans mit?

Marco Eßer:
Lange Zeit bekamen viele Sprecherinnen und Sprecher davon kaum etwas mit. Das verändert sich inzwischen, weil einige Kolleginnen und Kollegen sehr öffentlich auftreten und ihre Arbeit sichtbar machen.

Früher fehlten teilweise die Plattformen und Möglichkeiten, das Feedback an die Menschen im Studio heranzutragen.

Man muss außerdem berücksichtigen, dass jemand nicht automatisch selbst Fan eines Franchise ist, nur weil er darin eine Rolle spricht. Synchronisation ist ein Beruf. Viele Sprecher arbeiten gleichzeitig an zahlreichen Projekten. Von einer einzelnen Pokémon-Serie kann man meistens nicht leben.

Es ist zeitlich unmöglich, in jede Welt vollständig einzutauchen, sämtliche Hintergründe zu verfolgen und bei jedem Jubiläum oder jeder Fanaktion mitzufiebern.

Umso schöner ist es, wenn über Umwege Rückmeldungen ankommen. Formate wie die Videos der Datteltäter, in denen bekannte Sprecherinnen und Sprecher öffentlich auftreten, werfen ein Licht auf die Arbeit hinter den Stimmen.

Ich freue mich, wenn ich dort Kolleginnen und Kollegen sehe und anschließend positive Kommentare oder auch konstruktive Kritik lese. Jemand kann einen Sprecher sympathisch finden und trotzdem erklären, warum er ihn nicht auf eine bestimmte Rolle besetzt hätte. Das ist vollkommen legitim.

Ansonsten erreicht man die Menschen vor allem über eigene Profile bei Instagram, TikTok oder anderen Plattformen. In speziellen Foren muss man sich teilweise erst durch unzählige Beiträge arbeiten, um eine relevante Rückmeldung zu finden. Das machen wahrscheinlich nur wenige Menschen aus der Branche regelmäßig.

Ich glaube, ich spreche für viele Kolleginnen und Kollegen, wenn ich sage, dass wir uns über ehrliches Lob sehr freuen. Es ist eine Form der Wertschätzung, aus der wir Kraft ziehen können.

Manchmal unterschätzt man selbst ein Projekt, weil man keinen persönlichen Zugang dazu besitzt und einfach für die Aufnahme gebucht wurde. Wenn dann jemand schreibt, dass die Serie ihn seit Jahren begleitet, ihm in einer schwierigen Zeit geholfen oder jeden Samstag ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hat, verändert das die eigene Sicht auf die Arbeit.

Dominik:
Wie blickst du auf die derzeitige Situation und die Zukunft der deutschen Synchronbranche?

Marco Eßer:
Ich würde möglichst realistisch darauf blicken. Meiner Wahrnehmung nach gibt es momentan eine gewisse Flaute in der Synchronbranche und allgemein bei neuen Produktionen.

Eine mögliche Erklärung sind die langen Schauspieler- und Autorenstreiks in den Vereinigten Staaten. Diese Streiks waren berechtigt und führten zu wichtigen Veränderungen. Gleichzeitig entstand dadurch ein Defizit an neuen Produktionen, das bis in die Synchronbranche hinein spürbar ist.

Hinzu kommt, dass viele Streaminganbieter nicht dauerhaft rote Zahlen schreiben können. Sie haben erkannt, dass sie nicht unendlich viele Produktionen veröffentlichen können, nur um sich auf dem Markt von anderen Diensten abzuheben.

Deshalb werden heute gezielter einzelne Filme und Serien produziert. Außerdem wird genauer geprüft, welche Produktionen überhaupt in welche Sprachen übersetzt werden. Eine Serie, die in Deutschland voraussichtlich kaum Publikum findet, wird möglicherweise nicht mehr automatisch deutsch synchronisiert.

Darüber hinaus erleben wir natürlich die Entwicklung künstlicher Intelligenz. Momentan ist noch unklar, wohin sie führt. Es gibt aber bereits einzelne Beispiele, an denen sich zukünftige Möglichkeiten erkennen lassen.

Ich studiere Luft- und Raumfahrttechnik und interessiere mich sehr für technische Entwicklungen. Aus dieser Perspektive fasziniert mich künstliche Intelligenz. Sie kann als Werkzeug in vielen Bereichen Prozesse unterstützen, vereinfachen und beschleunigen. Außerdem kann sie Zugangsbarrieren senken.

Beim Programmieren kann ein Sprachmodell beispielsweise als Tutor dienen. Wer nur ein einfaches erstes Programm schreiben möchte, kann sich Code erklären und korrigieren lassen. Auch ich habe solche Werkzeuge bereits im universitären Zusammenhang verwendet.

Bei Synchronisation, Musik und anderen Kunstformen betrachte ich die Entwicklung allerdings anders. Eine Synchronfassung ist für mich keine reine Dienstleistung, bei der eine Übersetzung mit möglichst wenig Aufwand und möglichst geringem Budget erzeugt werden soll.

Sie ist ein neues eigenständiges Kunstprodukt. Man kann einen Text nicht einfach wortwörtlich übersetzen. Es ist eine kreative Leistung, Inhalte aus einer Fremdsprache in das Deutsche zu übertragen, passende Formulierungen zu finden und gleichzeitig darauf zu achten, dass alles auf dem Bild funktioniert.

Deshalb finde ich es sehr bedauerlich, wenn die Arbeit von Kunstschaffenden automatisiert und ihre wirtschaftliche Grundlage zerstört wird, nur damit ein ohnehin profitables Unternehmen noch mehr Geld sparen kann.

Gleichzeitig wäre es naiv zu glauben, dass diese Entwicklung vollständig aufgehalten werden kann. Früher oder später wird es wahrscheinlich KI-Synchronisationen geben. Für einen Auftraggeber steht ein wirtschaftlicher Aspekt dahinter. Wenn eine künstlich erzeugte Fassung deutlich billiger ist und aus seiner Sicht ein vergleichbares Ergebnis liefert, wird er sich fragen, warum er mehr Geld ausgeben sollte.

Ich wünsche mir deshalb, dass künstliche Intelligenz nur dort unterstützend eingesetzt wird, wo sie ein tatsächliches Problem löst.

Vorstellbar wäre beispielsweise, die Mundbewegungen einer Figur technisch leicht an die deutsche Fassung anzupassen. Dann müsste man nicht manchmal eine schlechtere deutsche Formulierung wählen, nur damit sie synchron aussieht. In einem solchen Fall würde die Technik die kreative Arbeit unterstützen und zusätzliche Möglichkeiten schaffen.

Problematisch fände ich dagegen eine Zukunft, in der keine echten Sprecherinnen und Sprecher mehr benötigt werden. Vielleicht würde ein Mensch nur noch eine vorläufige Aufnahme liefern, die anschließend durch künstlich erzeugte Stimmen in unzählige Rollen und Sprachen aufgeteilt wird. Dabei gingen menschliche Motivation, Persönlichkeit und Emotion verloren.

Dominik:
Welche Probleme siehst du beim Schutz der Stimmen und bei den verwendeten Trainingsdaten?

Marco Eßer:
Jede künstlich erzeugte Sprache basiert auf einem trainierten System. Dafür werden Daten benötigt.

Bei großen Sprachmodellen ist teilweise nicht mehr nachvollziehbar, aus welchen konkreten Texten und zu welchen Anteilen eine einzelne Antwort entstanden ist. Soweit ich es verstanden habe, haben manche Unternehmen bereits erklärt, dass sich diese vollständige Rückverfolgung kaum leisten lässt.

Bei synthetischen Stimmen könnte es ähnlich sein. Vielleicht besteht eine Stimme zu einem bestimmten Anteil aus Tom Holland, Ryan Reynolds und vielen anderen Menschen. Es wäre aber nicht mehr nachvollziehbar, welcher Sprecher wie stark daran beteiligt ist.

Selbst wenn eine faire Vergütung nach einem Modell ähnlich der GEMA geschaffen würde, fehlt momentan wahrscheinlich die Technik, mit der diese Anteile zuverlässig ermittelt werden könnten.

Deshalb brauchen wir gesetzliche Grundlagen und klare Regeln. Es darf nicht möglich sein, sich einfach Trailer, Filme und andere Aufnahmen zu nehmen, daraus eine künstliche Stimme zu erzeugen und anschließend kommerziell Geld damit zu verdienen, ohne die beteiligten Menschen zu fragen, zu nennen oder zu vergüten.

Bei nicht kommerziellen Fanprojekten kann man noch einmal gesondert diskutieren. Vielleicht erstellt jemand aus Begeisterung einen Fandub einer Pokémon-Serie. Auch das wirft rechtliche und ethische Fragen auf.

Besonders schwierig wird es für mich aber, sobald jemand mit den Stimmen anderer Menschen Geld verdient, ohne sie an diesem Produkt zu beteiligen.

Dominik:
Was rätst du Menschen, die trotz dieser unsicheren Zukunft in die Synchronbranche einsteigen möchten?

Marco Eßer:
Den Weg über eine Familie, die bereits in der Branche arbeitet, können wir als Empfehlung natürlich ausklammern. Es gibt einige Nachnamen, die man im Synchronbereich häufiger liest.

Der klassische Weg führt über eine Schauspielausbildung oder eine andere Form der Sprecherziehung. Heutzutage trauen sich wahrscheinlich nur noch wenige Studios, jemanden auf eine Rolle oder in ein Ensemble zu stellen, bei dem keinerlei Ausbildung oder Erfahrung erkennbar ist.

Es gibt aber nicht nur einen möglichen Weg. Eine klassische Schauspielausbildung kann durch Synchronworkshops ergänzt werden. Jemand kann bereits seit Jahren einen Podcast produzieren, beim Radio arbeiten, als Station Voice tätig sein oder in einem anderen Bereich viel mit der eigenen Stimme gearbeitet haben.

Natürlich existieren weiterhin außergewöhnliche Quereinstiegsgeschichten. Vielleicht ist jemand ein leidenschaftlicher Streamer, und zufällig hört ein Aufnahmeleiter zu. Solche Fälle gibt es. Verlassen sollte man sich darauf aber nicht.

Die wichtigste Grundlage ist, sich intensiv mit der eigenen Stimme auseinanderzusetzen. Man muss ein Gefühl für sie entwickeln und Freude am Sprechen besitzen.

Außerdem benötigt man eine gewisse Sturheit. Im schlimmsten Fall muss derselbe Satz 20 Mal aufgenommen werden. Irgendwann hört man selbst kaum noch, welche Nuance verändert werden soll, muss aber trotzdem konzentriert weitermachen.

Eine günstige Übungsmöglichkeit besteht darin, sich eine Filmszene oder einen Trailer zu nehmen, den Ton zu entfernen und die Szene selbst nachzusynchronisieren. Besonders interessant kann es sein, vom englischen Original auszugehen und die eigene Fassung anschließend mit der professionellen deutschen Synchronisation zu vergleichen.

Dann erkennt man, wie nah man an der Vorlage geblieben ist, welche Lösungen die Dialogbuchautoren gefunden haben und was anders umgesetzt wurde.

Ein Grundgefühl für die Stimme kann aus Gesangsunterricht, Sprecherziehung, Schauspiel oder einem anderen Beruf entstehen, in dem man häufig sprechen muss. Wichtig ist auch, die eigene Stimme gesund einsetzen zu können. Wer einmal kräftig schreit, sollte am nächsten Tag nicht vollständig heiser sein.

Anschließend muss man Zugang zu den Studios finden. Man kann von Firma zu Firma gehen, seinen Lebenslauf und Sprachproben abgeben und sich vorstellen.

Dabei darf man die notwendige Hartnäckigkeit nicht unterschätzen. Aufnahmeleiterinnen und Aufnahmeleiter müssen häufig mehrere Studios für den nächsten Tag vollständig besetzen. Sie beschäftigen sich mit vielen dringenden Dingen und vergessen möglicherweise eine sympathische Person, die sich einmal vorgestellt hat.

Man muss deshalb präsent bleiben, nachfragen und mehrmals anklopfen. Selbst eine bekannte Rolle oder eine feste Stimme bedeutet nicht automatisch, dass jeder Mensch in der Branche einen kennt. Auch ich habe mit vielen Aufnahmeleiterinnen und Aufnahmeleitern noch nie gesprochen, weil ich mich bei ihnen nicht vorgestellt habe.

Es gibt zusätzlich Workshops von Menschen aus der Branche, bei denen man einen Schnuppertag im Synchronstudio erleben und praktische Erfahrungen sammeln kann. Manche dieser Angebote sind sehr teuer. Trotzdem sind sie häufig eine der wenigen Möglichkeiten, überhaupt in ein Studio zu kommen, weil viele Firmen die Nachwuchsförderung vernachlässigen.

Man kann außerdem Sprecherinnen und Sprecher freundlich fragen, ob man sie zu einem Termin begleiten darf. Wegen vertraulicher Produktionen und entsprechender Vereinbarungen ist das nicht immer möglich. Wenn es organisatorisch passt, freuen sich viele Kolleginnen und Kollegen aber über das Interesse und die Wertschätzung.

Das Beobachten anderer Menschen bei der Arbeit ist besonders wichtig, weil gemeinsame Aufnahmen inzwischen selten geworden sind.

Dominik:
Welche technischen und sprachlichen Grundlagen sollte ein Anfänger beherrschen?

Marco Eßer:
Die Arbeit im Studio besteht zu einem großen Teil aus Routinen. Wenn man später größere Rollen sprechen möchte, sollte das Stehen vor dem Mikrofon vollkommen normal geworden sein. Die eigene Konzentration muss dann hauptsächlich dem Schauspiel gelten.

Man sollte wissen, wie ein Dialogbuch aufgebaut ist, welche Kürzel dort stehen und wie man mit spontanen Anweisungen umgeht. Man muss verstehen, was „off“ bedeutet, wo eine Pause eingetragen ist oder welche Figur an einer bestimmten Stelle anschließt.

Die Texte müssen in einem gewissen Tempo gelesen und umgesetzt werden können, weil im Studio ein bestimmter Durchsatz erwartet wird.

Hochdeutsch ist ebenfalls eine wichtige Grundlage. Natürlich kann man mit einem Dialekt oder Akzent besondere Rollen sprechen. Für den Großteil der Synchronrollen muss man aber klares Hochdeutsch anbieten können. Ein Dialekt ist eher eine zusätzliche Qualifikation.

Man sollte sehr viel ausprobieren, sich selbst aufnehmen, die eigene Stimme anhören und mit professionellen Fassungen vergleichen.

Dominik:
Machst du dir Sorgen um den Nachwuchs in der Synchronbranche?

Marco Eßer:
Meine größere Sorge ist, dass Menschen ihre gesamte Karriere auf die Synchronisation ausrichten und später von einer Technik überrumpelt werden, die sie ersetzt.

Jemand besitzt vielleicht den großen Traum, ausschließlich Synchronsprecher zu werden. Dann verschwindet dieser Beruf möglicherweise in seiner heutigen Form, oder die Arbeit wird so schlecht bezahlt, dass man nicht mehr davon leben kann.

Ich möchte niemandem seinen Traum ausreden. Wenn jemand diese Arbeit unbedingt machen möchte, soll er es versuchen.

Trotzdem schadet es nicht, mit einem gesunden Realismus heranzugehen und über einen Plan B nachzudenken. Man kann sich auch bewusst dafür entscheiden, alles auf diesen Weg zu setzen und später etwas vollkommen anderes zu machen, falls es nicht funktioniert.

Ich bin selbst noch jung und stehe am Anfang meines Lebens. Deshalb kann ich nicht rückblickend behaupten, genau zu wissen, welche Entscheidung langfristig richtig ist. Das ist lediglich meine aktuelle Perspektive.

Dominik:
Welche beruflichen Wünsche und Ziele hast du für deine eigene Zukunft?

Marco Eßer:
Ich befinde mich momentan auf der Zielgeraden meines Studiums. Wenn alles funktioniert und meine Masterarbeit angemeldet wird, sollte ich den Master in Luft- und Raumfahrttechnik Anfang des nächsten Jahres abgeschlossen haben.

Ich würde sehr gern so lange wie möglich weiter synchronisieren. Diese Arbeit ist meine Leidenschaft. Ich liebe die Menschen in der Branche und freue mich darauf, mich auf neue Projekte einzulassen.

Für mich ist es eine große Ehre, an diesen Kunstwerken mitwirken und mir das fertige Ergebnis später ansehen zu dürfen.

Selbst wenn irgendwann nur noch zwei oder drei Projekte im Jahr menschlich synchronisiert würden, weil beispielsweise ausschließlich große Blockbuster übrig blieben, wäre ich dankbar, weiterhin daran teilnehmen zu dürfen. Es würde mich glücklich machen, diese Arbeit mein Leben lang in irgendeiner Form fortsetzen zu können.

Darüber hinaus bin ich ziemlich planlos. Nach dem Studium sehe ich mich momentan nicht unbedingt in einer klassischen Festanstellung bei einem Unternehmen aus der Luft- und Raumfahrttechnik.

Ich bin seit meiner Kindheit selbstständig und fühle mich in dieser Arbeitsweise wohl. Vielleicht kann ich Synchronisation mit anderen selbstständigen Tätigkeiten verbinden.

Ich habe keine klassische Schauspielausbildung und bisher kaum vor einer Kamera gespielt. Falls sich einmal eine kleine Rolle oder eine Komparsentätigkeit ergibt, würde ich das gern ausprobieren.

Auch einen Podcast oder ein anderes eigenes Format könnte ich mir vorstellen, wenn ich dafür eine passende Nische finde.

Am wohlsten fühle ich mich bei einer Verbindung aus Technik und Kunst. Ich kann mich für ein optimiertes Audio-Setup begeistern und anschließend über Kunst sprechen. Ebenso kann ich versuchen, meine Buchhaltung zu automatisieren und gleichzeitig als Synchronschauspieler zu arbeiten. In dieser Kombination werden beide Seiten meines Denkens angesprochen.

Dominik:
Was möchtest du den Menschen abschließend mitgeben, die deutsche Synchronfassungen ansehen und hören?

Marco Eßer:
Wenn euch eine Synchronisation gefällt, freuen wir uns sehr über eine Nachricht, einen Kommentar oder eine andere kleine Rückmeldung. Solches Feedback bedeutet uns viel.

Ihr müsst natürlich nichts davon machen. Der größte Dank besteht für mich darin, dass jemand zu Hause seinen Lieblingsfilm ansieht, sich darüber freut und die deutsche Fassung gern hört.

Ich wünsche allen weiterhin viel Freude mit den Synchronisationen, die noch entstehen werden.

Wenn ihr nicht möchtet, dass die menschliche deutsche Synchronisation verschwindet, könnt ihr als Konsumentinnen und Konsumenten ebenfalls ein Zeichen setzen. Wenn künstlich erzeugte Fassungen kein Publikum finden und kein Geld einspielen, hat das eine Wirkung.

Am wichtigsten ist aber, dass die Filme, Serien und Spiele den Menschen Freude bereiten und ihnen vielleicht beim Kochen, Einschlafen oder in einer schwierigen Zeit ein Lächeln schenken.