Interview mit Monika Take-Hülsmann in Textform

In der am 16. Februar 2026 veröffentlichten Folge 167 von Miauz Genau! ist Monika Take-Hülsmann zu Gast, die durch ihre außergewöhnliche Begeisterung für Pokémon GO als „Pokémon-Go-Omi“ bekannt geworden ist. Im Interview-Special „PokéMoni, die Poké-Omi“ spricht Dominik mit ihr über ihre langjährige Leidenschaft für das Spiel, ihre täglichen Touren mit mehreren Smartphones und die persönlichen Beweggründe hinter ihrem besonderen Hobby. Außerdem erzählt Monika, wer sie abseits von Pokémon GO ist, was sie innerhalb des Spiels antreibt und wie sie mit der teilweise oberflächlichen Darstellung ihrer Person in verschiedenen Medien umgeht.

Auf dieser Seite findest du das Gespräch als redaktionell aufbereitetes Transkript zum Nachlesen. Die Podcast-Episode bleibt die vollständige Originalfassung, diese Textversion dient als ergänzende Möglichkeit, das Interview in Ruhe zu lesen, bestimmte Stellen wiederzufinden oder einzelne Aussagen leichter nachzuschlagen.

Da das Interview in Textform eine beachtliche Länge hat, ist es hier in ein Akkordeon-Element eingeklappt.

Dominik:
Wer bist du, und was gehört unabhängig von Pokémon GO zu deinem Leben?

Monika Take-Hülsmann:
Ich bin Monika, 73 Jahre alt und seit 2017 in Rente. Seitdem habe ich endlich Zeit für Dinge, für die früher wenig Raum blieb. Ich habe immer viel Handarbeit gemacht und gern gerätselt. Außerdem fuhr ich Fahrrad und ging spazieren, merkte aber schnell, dass mir beides allein zu langweilig war. Dann machte ich sehr viel Sport im Verein. Meine Ärztin sagte mir schon vor ungefähr zwölf Jahren, dass ich regelmäßig nach draußen gehen müsse. Ich ging morgens los, hörte die Vögel und sang unterwegs, aber ohne Begleitung verlor ich daran wieder die Lust und saß schließlich doch im Wohnzimmer. Eine feste Aufgabe habe ich durch meine Enkeltochter. Seit ungefähr 14 Jahren fuhr ich zunächst einen Tag in der Woche zu ihr. Seit ich nicht mehr in der Schule arbeite, sind es zwei Tage pro Woche. Diese Zeit gehört fest zu meinem Alltag.

Dominik:
Was gibt deinem Alltag heute zusätzlich Struktur?

Monika Take-Hülsmann:
Als ich noch in der Schule arbeitete, war die Struktur natürlich vorgegeben. Ich war vom Morgen bis zum Nachmittag dort, arbeitete anschließend nach, las abends noch etwas, häufig auch einen Krimi, und ging schlafen. Musik spielte aber immer eine große Rolle. Ich spiele bis heute Klavier und habe mir neue Noten gekauft. Vor knapp einem Jahr entdeckte ich außerdem die Ukulele. Ich übe für mich, singe dazu und bin in einem Chor. Die Musik ist mein anderes Leben.

Dominik:
War Musik auch ein Schwerpunkt deiner Arbeit als Grundschullehrerin?

Monika Take-Hülsmann:
Ja. Als Grundschullehrerin unterrichtet man zunächst alles. Als ich später an eine andere Schule wechselte, sagte ich, dass ich gern einen Chor gründen wollte. Anfangs kam das nicht überall gut an. Ich erklärte aber, dass die Kinder zu mir kommen, gemeinsam singen und dafür einfach eine Schulstunde nutzen könnten. Daraus entwickelte sich etwas sehr Schönes. Später hatte ich keine eigene Klasse mehr und gab hauptsächlich Musikunterricht in allen Klassen. Das machte mir unglaublich viel Spaß. Wir sangen, tanzten, spielten Instrumente und arbeiteten natürlich trotzdem nach dem Lehrplan. Wenn wegen eines Ausfalls kurzfristig eine weitere Klasse betreut werden musste, sagte ich häufig, dass sie einfach zu mir in den Musikraum kommen könne. Die Kinder machten mit, hatten Freude daran, und mir fiel diese Arbeit leicht.

Dominik:
Hattest du dich bewusst für den Lehrerberuf und besonders für die Arbeit mit jüngeren Kindern entschieden?

Monika Take-Hülsmann:
Meine Eltern wollten gern, dass ich Lehrerin werde. Sie hielten den Beruf für sicher und hofften, dass er mir Freude machen würde. Als ich älter wurde und gefragt wurde, was ich werden wollte, sagte ich zunächst Opernsängerin. Das fanden meine Eltern nicht besonders passend. Danach wollte ich Dompteuse werden, weil ich Tiere sehr mochte. Auch davon waren sie nicht begeistert. Irgendwann überlegte ich, dass ich selbst sehr gern Musik machte und sie Kindern von Grund auf vermitteln könnte. Mit sieben Jahren hatte ich Klavierunterricht begonnen und spielte bis zum Abitur weiter. Deshalb entschied ich mich für das Lehramtsstudium. Ich wollte ausschließlich an die Grundschule, weil ich mich damals nicht an ältere Kinder herantraute. Zu dieser Zeit musste man allerdings für Grund- und Hauptschule gemeinsam studieren. Ich hatte das Glück, anschließend tatsächlich an einer Grundschule arbeiten zu können. Dort mit ganzen Klassen Musik zu machen, war genau mein Ding.

Dominik:
Hattest du während deiner aktiven Zeit als Lehrerin bereits Berührungspunkte mit Pokémon und der ersten großen Pokémania um die Jahrtausendwende?

Monika Take-Hülsmann:
Nur durch meine eigenen Kinder. Sie zeigten mir Pokémon und wollten gern die Sammelkarten haben. Ich konnte ihnen damals leider nicht viele Karten kaufen. Das finden sie heute noch schade, weil manche davon inzwischen viel wert wären. Ein oder zwei Karten hatten sie natürlich, aber eine richtige Sammlung konnten sie nicht aufbauen. In der Schule war Pokémon für mich kein Thema. Dort wurden eher Diddl-Blätter gesammelt. Ich selbst war eine Zeit lang verrückt nach Ü-Eiern, schüttelte sie und hoffte auf bestimmte Figuren. Den großen Pokémon-Hype mit Fernsehsendungen, Sammelkarten und all den Menschen, die sich damit beschäftigten, bekam ich überhaupt nicht mit.

Dominik:
Wann wurde Pokémon erstmals zu einem wirklichen Teil deines eigenen Alltags?

Monika Take-Hülsmann:
Das geschah vor ungefähr neuneinhalb Jahren. Mein Sohn besuchte mich und sagte: „Mama, schau einmal, auf deinem Tisch sitzt ein Pokémon.“ Ich sah natürlich nichts. Dann sollte ich durch sein Handy schauen, und plötzlich war das Pokémon tatsächlich auf meinem Tisch zu sehen. Ich kannte diese Wesen vom Sehen und war sofort begeistert.

Dominik:
Wie wurde aus diesem ersten Augmented-Reality-Moment deine eigene Begeisterung für Pokémon GO?

Monika Take-Hülsmann:
Ich fragte sofort, ob das auch mit meinem Handy funktionierte und ob ich es ebenfalls spielen könnte. Mein Sohn erklärte mir, dass er das Spiel herunterladen könne. Meine nächste Frage war, was es kostete. Als er sagte, dass es kostenlos sei, sollte er es mir sofort installieren. Noch am selben Tag gingen wir gemeinsam ins Dorf. Er zeigte mir, wie man Pokémon fängt. Anfangs warf ich den Ball einfach von unten nach oben. Später erklärte er mir den Curveball, bei dem man den Ball vorher dreht. Nachdem mein Sohn wieder abgereist war, ging ich allein weiter. Ich erinnere mich genau daran, wie ich auf dem Marktplatz in Warendorf vor einer Arena stand und etwas machen wollte, das nicht funktionierte. Ich rief meinen Sohn an. Er erklärte mir, dass ich noch nicht weit genug sei. Ich verstand zunächst überhaupt nicht, was er damit meinte, weil ich jeden Tag mehrere Stunden unterwegs war. Irgendwann konnte ich auch keine Pokémon mehr fangen, weil mir die Bälle fehlten. Ich wusste noch nicht, dass ich an PokéStops drehen musste, um neue zu bekommen. Damals sah ich außerdem keinen einzigen anderen Menschen, der mit einem Handy Pokémon GO spielte. Sonst hätte ich ihn sofort gefragt. Erst später bemerkte ich die Gruppen, gemeinsamen Raids und weiteren Möglichkeiten.

Dominik:
Wie bist du damals mit den möglichen Ausgaben innerhalb des Spiels umgegangen?

Monika Take-Hülsmann:
Mein Sohn erklärte mir früh, dass man echtes Geld ausgeben könne, beispielsweise wenn einem die Pokébälle ausgingen. Er schlug aber vor, dass wir uns zum Grundsatz machten, kein echtes Geld zu investieren. Stattdessen sollte ich jeden Tag bis zu 50 Münzen über die Arenen sammeln. Wenn ich keine Bälle mehr hatte, musste ich hinausgehen und PokéStops drehen. An dieses Motto halten wir uns grundsätzlich bis heute. Später kamen allerdings Veranstaltungstickets hinzu, die man nicht mit den erspielten Münzen bezahlen konnte. Ein Ticket für einen Community Day kostete damals beispielsweise 99 Cent. Dafür gab ich dann doch Geld aus, weil es keine andere Möglichkeit gab. Auch dabei musste mein Sohn mir zunächst zeigen, wie der Kauf funktionierte.

Dominik:
Wann hast du gemerkt, dass Pokémon GO für dich mehr als eine gelegentliche Beschäftigung geworden war?

Monika Take-Hülsmann:
Am Anfang spielte ich zwar jeden Tag, aber es war noch nicht so wichtig wie heute. Wenn ich einige Tage ausließ, war das eben so. Ich arbeitete damals außerdem noch in der Schule und hatte wenig Zeit. Ein entscheidender Moment entstand in einem Park in Münster. Ich sah einen Mann, der meiner Meinung nach ebenfalls mit seinem Handy spielte. Obwohl ich eigentlich nicht besonders mutig bin, ging ich zu ihm und fragte, ob er Pokémon GO spielte. Wir kamen ins Gespräch, und er erklärte mir verschiedene Items und Entwicklungsbedingungen, von denen ich noch nichts wusste. Dann schlug er vor, dass wir im Spiel Freunde werden könnten. Ich antwortete, dass ich gar nicht aus Münster sei, weil ich das Freundesystem noch nicht verstanden hatte. Weil ich häufiger in Münster war, begann ich danach, weitere Spielerinnen und Spieler anzusprechen und nach Freundschaften zu fragen. So lernte ich immer mehr Menschen kennen und zog bei Community Days gemeinsam mit ihnen los. Obwohl wir einander vorher fremd gewesen waren, verband uns das Spiel sofort.

Dominik:
Sind durch Pokémon GO auch dauerhafte Freundschaften entstanden?

Monika Take-Hülsmann:
Ja, allerdings weniger in Münster, weil mir die Entfernung zu groß war. In den näher gelegenen Orten Westkirchen und Ennigerloh entwickelten sich eher dauerhafte Kontakte. Anfangs fiel mit einem Handy kaum auf, was ich machte. Als ich zwei und später drei Geräte benutzte, wurden die Menschen neugieriger. Mit dem Brett voller Handys konnte niemand mehr übersehen, dass ich spielte. Ich sprach auch Kinder an, die an PokéStops standen. Dann zogen wir gemeinsam durch Westkirchen. Ich fühlte mich teilweise wie eine Mutter mit einer ganzen Gruppe von Kindern. Sie waren vielleicht zehn, elf oder zwölf Jahre alt, manche sogar jünger. Einige spielen heute noch mit mir, andere sind inzwischen älter, aus der Schule heraus und haben weniger Zeit. In Ennigerloh habe ich zwei Freunde, von denen mir einer bis heute sehr viel hilft. Ich finde diesen generationenübergreifenden Aspekt wunderschön. Die meisten Menschen, mit denen ich spiele, sind deutlich jünger als ich. Es gab auch eine ältere Dame, die zeitweise dabei war. Wie alt die anderen Erwachsenen genau sind, frage ich allerdings nicht.

Dominik:
Wie kam es zum Wechsel von einem Handy zu mehreren Geräten?

Monika Take-Hülsmann:
Mein erstes Handy ging kaputt. Mein Sohn sagte, dass es nicht mehr zu retten sei, besorgte mir ein neues Gerät und richtete alles ein. Das alte Handy funktionierte aber noch gut genug für Pokémon GO. Mein bisheriger Account wurde auf das neue Gerät übertragen, und auf dem alten fing ich noch einmal von vorn an. Dabei merkte ich, wie viel Spaß mir ein Neustart machte. Am Anfang steigt man schnell auf, erreicht bald Level 20 und bekommt bei den Levelaufstiegen viele Belohnungen. Es dauerte nicht lange, bis der neue Account ebenfalls ungefähr Level 32 erreicht hatte. Zwei Handys konnte ich problemlos in einer Hand halten. Irgendwann wollte ich noch einmal von vorn beginnen und fragte meinen Sohn, ob er ein günstiges Handy besorgen könne, das nur Pokémon GO beherrschen musste. So kam das dritte Gerät hinzu. Mein erster Account gehörte zum gelben Team, weil Gelb meine Lieblingsfarbe ist. Für den zweiten nahm ich Blau und für den dritten Rot. Damit konnte ich meine eigenen Pokémon aus Arenen entfernen und auf den verschiedenen Accounts die täglichen Münzen bekommen.

Dominik:
Wie entstanden die ersten Tragebretter für deine Handys?

Monika Take-Hülsmann:
Drei Geräte konnte ich noch mit großen Büroklammern verbinden und gemeinsam halten. Beim vierten ging das nicht mehr. Mein Sohn und ich überlegten, wie ich sie transportieren könnte. Er baute ein schmales Brett, befestigte die Handyhüllen darauf und brachte einen sorgfältig abgeschliffenen, leicht schrägen Griff an. Damit zog ich los. Als das fünfte Handy hinzukam, machte er ein größeres Brett. Das wurde allerdings zu schwer für eine Hand. Deshalb befestigte er einen alten Gurt daran, sodass ich es umhängen konnte. Ohne meinen Sohn hätte ich all das nicht machen können. Er hat mir die Handys besorgt, alles eingerichtet und immer neue Lösungen entwickelt.

Dominik:
Mehrere Accounts und das gegenseitige Entfernen aus Arenen werden in der Community teilweise als unfair oder als Schummeln betrachtet. Ist dir dieser Vorwurf begegnet?

Monika Take-Hülsmann:
Nein, das hat mir noch nie jemand gesagt. In Ostenfelde ist so wenig los, dass ich meine täglichen Münzen sonst häufig überhaupt nicht bekommen würde. Schon vor Corona hatte ich vier oder vielleicht fünf Handys, und auch damals äußerte niemand diesen Vorwurf. Viele andere Spieler besaßen ebenfalls zwei Accounts. Über eine WhatsApp-Gruppe verabredeten wir uns zu Raids. Damals musste man noch tatsächlich vor Ort sein. Für manche starken Pokémon brauchten wir zehn oder zwölf Menschen beziehungsweise Geräte. Die anderen freuten sich deshalb sogar, wenn ich mit mehreren Handys kam. Nach dem Raid musste jeder sein Pokémon selbst fangen. Das gelang mir häufig nicht. Wenn nur noch wenige Bälle übrig waren, fragte ich, wer so lieb sei und es für mich fangen könne. Es fand sich immer jemand. Irgendwann warf ich kaum noch selbst, sondern gab das Handy direkt weiter. Mit Corona kamen die Fern-Raid-Pässe. Plötzlich spielte ich allein und musste die starken Pokémon selbst fangen. Das war für mich zunächst schlimm, aber ich übte es schließlich.

Dominik:
Gibt es rückblickend etwas, das du während deiner ersten Jahre mit Pokémon GO gern anders gemacht hättest?

Monika Take-Hülsmann:
Eigentlich nicht. Ich habe die gesamte Entwicklung genossen und tue das noch heute. Meine wichtigste Motivation ist, dass das Spiel mich nach draußen bringt. Mein Sohn sagte bereits am ersten Tag, dass Pokémon GO für mich einen Nachteil habe: Im Wohnzimmer würde ich vielleicht drei oder vier Pokémon sehen, danach müsste ich hinausgehen. Genau dieser vermeintliche Nachteil war für mich das Beste. Vorher wollte ich weder allein spazieren gehen noch allein Fahrrad fahren. Das war mir zu langweilig. Durch Pokémon GO gehe ich bei Wind und Wetter hinaus. Selbst bei Glätte streue ich zuerst vor meinem Haus und suche anschließend einen sicheren Weg durch das Dorf. Ohne das Spiel würde ich bei solchem Wetter niemals freiwillig auf die Straße gehen.

Dominik:
Hast du deiner Ärztin erzählt, dass Pokémon GO dich zu der von ihr empfohlenen Bewegung motiviert?

Monika Take-Hülsmann:
Ja. Bevor ich spielte, hatte ich ihr offen gesagt, dass ich keine Lust habe, hinauszugehen. Sie meinte, ich müsse mich dazu zwingen. Später erzählte oder schrieb ich ihr, dass ich nun ein Ziel für meine Spaziergänge hatte und dabei Pokémon jagte. Das fand sie gut. Welche Motivation ich benutze, ist für sie schließlich nicht entscheidend. Hauptsache, ich bewege mich draußen.

Dominik:
Wie reagiert deine Familie auf deine Leidenschaft?

Monika Take-Hülsmann:
Überwiegend positiv. Ich erzähle natürlich nicht ununterbrochen davon. Wenn ich merke, dass jemand genug gehört hat, höre ich auf. Mein Sohn spielt selbst, deshalb kann ich mit ihm darüber sprechen. Irgendwann sagte meine Schwiegertochter, sie habe sich Pokémon GO während einer langen Wartezeit an der Kasse bei IKEA installiert. Sie spielte eine Weile, hatte später wegen ihrer Arbeit und anderer Interessen aber kaum noch Zeit. Ihr Mann, mein Sohn, begann ebenfalls und hatte sogar einen PokéStop bei seiner Arbeitsstelle. Auch er hörte irgendwann weitgehend auf. Meine Tochter installierte das Spiel, weil ihr Sohn es spielen wollte, und blieb dabei. Wenn ich sie besuche, tauschen wir, sind Glücksfreunde und gehen gemeinsam mit den Kindern los. Jedes Kind bekommt eines meiner Handys. Solche gemeinsamen Ausflüge machen mir sehr viel Freude. Von meinen Angehörigen sagt niemand grundsätzlich etwas Negatives über das Spielen selbst.

Dominik:
Wie sieht ein typischer Pokémon-GO-Tag bei dir aus?

Monika Take-Hülsmann:
Wenn ich beispielsweise morgens um neun Uhr Sport oder einen anderen Termin habe, stehe ich ungefähr drei Stunden vorher auf. Bei einem Termin um acht beginne ich also gegen fünf Uhr. Diese Zeit brauche ich, um alles vorzubereiten und trotzdem pünktlich zu sein. Zunächst nehme ich die Handys von den Ladegeräten. Dann verschicke ich Geschenke, leere die Beutel und erledige Feldforschungsaufgaben, die sich bereits zu Hause machen lassen. Meine Item- und Pokémon-Aufbewahrungen sind fast immer voll. Bei zwei Accounts habe ich die mögliche Erweiterung inzwischen vollständig ausgereizt. Anschließend befestige ich alle sechs Handys auf meinem Brett. Mein Haupthandy stellt über einen mobilen Hotspot die Verbindung für die anderen Geräte bereit. Dann gehe ich los. Von meinem Haus sind es ungefähr 150 oder 200 Meter bis zur Kirche. Dort befindet sich ein sehr kleiner Park mit drei Arenen. Zuerst kümmere ich mich darum, die täglichen Münzen zu bekommen. Danach gehe ich von PokéStop zu PokéStop. Im Sommer laufe ich auch bis zu unserem Schloss. Außerhalb des Dorfes gibt es allerdings nur sehr wenige Pokémon, Arenen und PokéStops. Für längere Strecken benutze ich deshalb manchmal das Fahrrad. Dafür habe ich ein zweites, schmaleres Brett, das hinten auf den Gepäckträger kommt. Wenn ich sonntags viel Zeit habe, gehe ich dieselben Strecken auch zu Fuß. Selbst bei sehr kaltem Wetter bin ich mindestens ungefähr anderthalb Stunden unterwegs. Über das Jahr gerechnet sind es eher zwei Stunden täglich. Wenn ich währenddessen Eier ausbrüte oder an Rüpel-Kämpfen hängen bleibe, dauert es entsprechend länger. Gerade im Winter ist das anstrengend, weil ich für die Kämpfe stehen bleiben muss und kalte Füße bekomme.

Dominik:
Wie löst du das Problem, die Touchscreens bei Kälte bedienen zu müssen?

Monika Take-Hülsmann:
Mein Sohn schenkte mir sehr warme Handschuhe, die auch etwas höher über die Handgelenke gehen. Für Pokémon GO braucht man aber den Zeigefinger. Bei meinen vorherigen Handschuhen schaute ungefähr ein Zentimeter des Fingers heraus. Der wurde so kalt und hart, dass ich den Bildschirm kaum noch bedienen konnte. Mein Sohn besorgte mir deshalb zusätzlich einen Touchstift. Mit den sehr dicken Fingerhandschuhen konnte ich den Stift allerdings nicht richtig greifen. Deshalb ziehe ich rechts häufig doch wieder einen anderen Handschuh an, bei dem der Zeigefinger frei bleibt. Mein Sohn sieht solche Schwierigkeiten und versucht immer, eine Lösung für mich zu finden.

Dominik:
Wie viel Zeit investierst du insgesamt pro Tag und pro Woche in Pokémon GO?

Monika Take-Hülsmann:
Allein die Vorbereitung am Morgen dauert ungefähr 35 oder 40 Minuten. Draußen bin ich je nach Wetter mindestens anderthalb, im Durchschnitt aber ungefähr zwei Stunden. Damit ist der Tag noch nicht beendet. Abends muss ich vor Mitternacht auf allen sechs Handys die Geschenke öffnen, damit ich die tägliche Möglichkeit nicht verliere. Normalerweise kann man 30 öffnen, bei besonderen Aktionen zeitweise 40. Das dauert mit sechs Accounts sehr lange. Zwischendurch muss ich außerdem immer wieder Platz in den Beuteln und in der Pokémon-Aufbewahrung schaffen. Früher schrieb ich zusätzlich auf, wie weit ich jeden Tag gelaufen war und wie viele Pokémon ich gefangen hatte. Das wurde mir zu aufwendig. Heute merke ich auch ohne Statistik, ob ich mich genügend bewegt habe. Insgesamt komme ich täglich schnell auf ungefähr fünf Stunden, manchmal mehr. Auf eine Woche hochgerechnet ist das natürlich sehr viel Zeit.

Dominik:
Bleibt daneben noch genügend Raum für deine anderen Hobbys?

Monika Take-Hülsmann:
Zum Lesen komme ich kaum noch. Meistens lese ich nur ungefähr fünf Minuten im Bett und schlafe dann ein. Die Musik lasse ich aber nicht weg. Ich spiele jeden Tag Ukulele, und auch das Klavier steht direkt neben mir, sodass ich mich schnell daran setzen kann. Mein Lehrer sagte einmal, dass zehn Minuten täglich ausreichen, um weiterzukommen. Ich kann sogar um Mitternacht spielen, weil wir in einem eigenen Haus wohnen. Früher spielte ich außerdem Schlagzeug und setzte es auch im Musikunterricht mit den Kindern ein. Akkordeon spiele ich ebenfalls. Zwei-, drei- oder viermal im Jahr begleite ich damit Seniorinnen und Senioren. Sie trinken vorher Kaffee, danach singen und schunkeln wir gemeinsam. Viele alte Lieder kenne ich noch von meinem Vater. Wenn wir früher in die Berge fuhren, ging er mit meinen beiden Schwestern und mir voran und wir sangen. Meine Mutter lief lieber mit etwas Abstand hinter uns, weil ihr das peinlich war. Wenn ich diese Lieder heute mit älteren Menschen spiele, denke ich an meine Eltern. Das ist sehr schön. Demnächst nehme ich außerdem an einem Anfängerworkshop für Veeh-Harfe teil. Harfe wollte ich immer lernen, hielt das Instrument und den Unterricht aber für zu teuer. Bei diesem Workshop werden die Instrumente gestellt, deshalb kann ich es nun doch ausprobieren. Vollständig verschwunden ist dagegen die Handarbeit. Seit ungefähr neuneinhalb Jahren habe ich kaum noch eine Stick- oder Stricknadel in der Hand gehabt. Die angefangene Decke und die Nadeln liegen noch sichtbar herum, aber ich gehe dann doch lieber hinaus und spiele Pokémon GO.

Dominik:
Hast du Reisen gezielt dazu genutzt, regionale Pokémon zu sammeln?

Monika Take-Hülsmann:
Leider kaum. Ich war bei einer Cousine, die an ihrem Urlaubsort eine Wohnung besitzt und mich mehrfach einlud. Dort war allerdings noch weniger los als bei mir zu Hause, und ich fand kein Pokémon, das ich nicht bereits kannte. Zweimal war ich während meiner aktiven Spielzeit mit meinen Kindern auf Mallorca. Am Hotel gab es viele Möglichkeiten zu spielen, aber kein besonderes regionales Pokémon. Auch am Gardasee begegneten mir nur die üblichen Pokémon. Ich hätte gern etwas gesammelt, das es nur in einem anderen Land gibt, um es später mit anderen zu tauschen. Diese Erfahrung hatte ich bisher aber nicht.

Dominik:
Welche Funktionen von Pokémon GO machen dir besonders viel Spaß, und welche magst du weniger?

Monika Take-Hülsmann:
Kämpfen mag ich überhaupt nicht. Als ich anfing, spielte dieser Bereich noch keine so große Rolle. Später kamen immer mehr Kämpfe und Raids hinzu. Wenn eine Aufgabe verlangt, sechs Team-GO-Rocket-Rüpel zu besiegen, stehe ich im Winter in der Kälte und muss ständig auf die Handys tippen. Daran habe ich keine Freude. Meine Kinder und Enkelkinder kämpfen dagegen sehr gern. Dann sitzen wir gemeinsam am Tisch, sie übernehmen die Kämpfe und ich schaue ihnen zu. Das ist wiederum schön. Sehr gern tausche ich Pokémon. Meinen Kindern gebe ich grundsätzlich alles, was sie möchten, selbst wenn ich ein Pokémon nur einmal besitze. Bei anderen Spielerinnen und Spielern tausche ich am liebsten dieselbe Art gegen dieselbe Art. Anfangs kannte ich mich nicht aus und hatte manchmal das Gefühl, dass andere sich ein besseres Pokémon von mir aussuchten, als ich von ihnen bekam. Mein Sohn riet mir deshalb, möglichst gleichwertig und am einfachsten identisch zu tauschen. Daran halte ich mich. Bei Menschen, denen ich vertraue, mache ich natürlich Ausnahmen. Mit einer sehr netten Spielerin in Warendorf treffe ich mich beispielsweise gezielt zum Tauschen und weiß, dass sie mich fair behandelt.

Dominik:
Versuchst du beim Tauschen gezielt, deinen Pokédex oder bestimmte Sammlungen zu vervollständigen?

Monika Take-Hülsmann:
Der Pokédex steht für mich nicht ständig im Mittelpunkt. Häufig weiß ich gar nicht genau, was mir noch fehlt, weil mich die vollständige Übersicht nicht so sehr interessiert. Wenn jemand mit mir danach schaut und ein fehlendes Pokémon anbieten kann, nehme ich es aber natürlich gern. Das mache ich mit der Spielerin aus Warendorf und auch mit einem sehr hilfsbereiten jungen Mann aus Ennigerloh. Er hat mir sogar zweimal bei einer besonders schwierigen Levelaufgabe geholfen. Für den Aufstieg musste ich 999 fabelhafte Würfe schaffen. Durch Zufall gelang mir vielleicht einer pro Woche. Ich rechnete aus, wie lange ich bei ungefähr 52 Würfen im Jahr noch leben müsste, und dachte, dass ich das nächste Level niemals erreichen würde. In einem Fernsehbeitrag erwähnte ich dieses Problem. Daraufhin meldete sich der junge Mann und bot an, die Würfe für mich zu machen. Er nahm das Handy über ein Wochenende mit und erledigte fast alle 999 Würfe. Damals reichte das Spiel nur bis Level 50, während die Obergrenze inzwischen bei Level 80 liegt. Auf einem zweiten Account war ich später jahrelang auf Level 49. Auch dort übernahm er die Aufgabe noch einmal. Das war unglaublich lieb.

Dominik:
Wie begann die mediale Aufmerksamkeit um dich und deine sechs Handys?

Monika Take-Hülsmann:
Ich gehe jeden Tag durch Ostenfelde, und viele Menschen halten mit dem Fahrrad oder sogar mit dem Auto an und fragen, was ich da mache. Ende 2023 kam ich an einem Informationskasten vorbei. Ein Mann hatte dort gerade etwas ausgehängt, sah mich und sagte: „Jetzt habe ich Sie gefunden.“ Sein Sohn arbeitete bei der Zeitung „Die Glocke“ und hatte mich zuvor aus dem Auto heraus nach den Handys gefragt. Später war ihm eingefallen, dass er daraus ein Interview hätte machen können. Deshalb hatte er seinen Vater und offenbar auch Kolleginnen und Kollegen gebeten, mich anzusprechen, falls sie mich im Dorf sahen. So kam der Kontakt zustande. Eine sehr nette Journalistin besuchte mich, ging mit mir hinaus, machte Fotos und schrieb alles auf. Der erste Artikel erschien Anfang Dezember 2023 in der „Glocke“. Damit fing die ganze Entwicklung an.

Dominik:
Wie ging es nach diesem ersten Zeitungsartikel weiter?

Monika Take-Hülsmann:
Später war ich in Gelmer bei Münster mit meinem Brett unterwegs. Dort sah mich erneut eine Reporterin und schrieb einen ähnlichen Artikel für eine Münsteraner Zeitung. Dieser Beitrag erschien im Januar 2025 und wurde offenbar zum Aufhänger für das Fernsehen. Ein sehr freundlicher Mann sprach mir auf den Anrufbeantworter. Er hatte den Artikel gelesen und wollte mit einem Team etwas über mich drehen. Ich hatte keine Ahnung, was genau auf mich zukam, fand es aber sehr spannend. Eine Cousine von mir ist Schauspielerin und hatte mir früher mehrfach versprochen, mich einmal zu einem Dreh mitzunehmen, es aber immer vergessen. Nun konnte ich einen solchen Ablauf in meinem eigenen Wohnzimmer erleben. Drei Menschen mit Kölner Kennzeichen kamen: ein Kameramann, jemand für den Ton und ein Reporter beziehungsweise Moderator. Sie stellten Kamera und Licht auf, räumten etwas um und baten mich, meinen gewöhnlichen Morgen zu zeigen. Ich bereitete die Handys vor, befestigte sie auf dem Brett, zog mich an und ging mit dem Team hinaus. Das war mein erster richtiger Fernsehbeitrag und für mich ein großartiges Erlebnis.

Dominik:
Hattest du das Gefühl, dass die Zeitungs- und Fernsehberichte dich und deine Leidenschaft angemessen darstellten?

Monika Take-Hülsmann:
Die beiden Zeitungsartikel fand ich gut. Auch den ersten längeren Fernsehbeitrag im WDR mochte ich. Das wirkte für mich echt und freundlich. Später kam eine junge Frau vom WDR, die Material für soziale Medien aufnahm. Sie selbst war sehr lieb, und wir waren lange gemeinsam unterwegs. Mir war aber nicht klar, wo und in welcher Form das Video veröffentlicht werden sollte. Ich habe solche Plattformen nicht und bekam erst durch eine Bekannte oder einen Bekannten mit, dass ich auf YouTube oder in sozialen Medien zu sehen war. Als mir der Beitrag geschickt wurde, gefiel er mir weniger. Er bestand aus vielen sehr kurzen, auseinandergerissenen Sätzen. Ich tauchte an einer Stelle auf, sagte einen Satz, dann kam ein anderer Ausschnitt. Für mich ergab das nicht denselben natürlichen Zusammenhang wie unser tatsächliches Gespräch.

Dominik:
Wie hast du darauf reagiert, dass „TV total“ dein Handybrett in einem satirischen Beitrag aufgegriffen hat?

Monika Take-Hülsmann:
Davon wusste ich zunächst ebenfalls nichts. Ich war bei meiner Tochter und beschäftigte mich in einem anderen Zimmer mit meinen Pokémon. Plötzlich hörte ich sie im Fernsehzimmer aus vollem Herzen lachen. Das steckte mich an, obwohl ich den Grund noch nicht kannte. Dann rief sie mich herein und zeigte mir den Ausschnitt. Sebastian Pufpaff hatte bei „TV total“ mein Brett mit den sechs Handys auf die Schippe genommen. Das war am 18. März 2025. Ich fand es einerseits tatsächlich lustig und lachte selbst darüber. Was mich eher störte, war, dass ich vorher überhaupt nichts davon erfahren hatte. Das Material war offenbar aus einem WDR-Beitrag übernommen worden. Ich fragte mich, ob man das einfach so machen durfte. Kränken ließ ich mich dadurch aber nicht. Ich konnte es ohnehin nicht ändern, und meine Tochter hatte so herzlich gelacht. Im Mittelpunkt des Witzes stand vor allem mein Brett.

Dominik:
Welche Aspekte deines Lebens werden in den Medien richtig dargestellt, und was geht dabei verloren?

Monika Take-Hülsmann:
Im Grundsatz sind die gezeigten Dinge richtig. Ich beantwortete Fragen, und die Teams filmten tatsächlich das, was ich tat. Falsch erfunden wurde nichts. Vor den Aufnahmen wurde meistens auch gefragt, warum ich spiele und wie alles begonnen hatte. Ich erklärte immer, dass meine wichtigste Motivation das tägliche Hinausgehen und die Bewegung ist. Genau dieser Zusammenhang erschien in den kurzen Beiträgen aber häufig nicht. Gezeigt wurde vor allem, wie ich mit sechs Handys durch das Dorf gehe. Die tiefergehende Erklärung fiel weg.

Dominik:
Wie erlebst du es, plötzlich in sozialen Medien und in der Öffentlichkeit bekannt zu sein?

Monika Take-Hülsmann:
Es ist seltsam, weil ich vorher nie öffentlich bekannt war. Gleichzeitig habe ich selbst weder YouTube noch Instagram und lese auch keine Kommentare. Dadurch kommt vieles gar nicht unmittelbar bei mir an. Wenn jemand sagt, er habe mich wieder irgendwo gesehen, antworte ich einfach, dass mich das freut. Auf der Straße werde ich nicht ständig erkannt. Selbst in Ostenfelde fragen mich bis heute Menschen, was ich eigentlich mache. Abfällige oder beleidigende Kommentare erlebe ich dabei praktisch nicht.

Dominik:
An welche Erlebnisse mit Pokémon GO denkst du besonders gern zurück?

Monika Take-Hülsmann:
Am schönsten sind die gemeinsamen Erlebnisse mit meinen Enkelkindern. Wenn mehrere Kinder dabei sind, bekommt jedes eines meiner Handys, und wir gehen zusammen los. Auch die früheren Runden mit den Kindern in Westkirchen und die Raids mit den jungen Leuten sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Leider kann ich an den gemeinsamen Raid-Tagen heute kaum noch teilnehmen. Die Gruppe verabredet sich über WhatsApp, trifft sich an einer Arena und zieht danach schnell zur nächsten weiter. Bis ich auf sechs Handys alle Raid-Pokémon gefangen habe, sind die anderen bereits mehrere Stationen voraus. Ich könnte natürlich nur mit meinem Haupthandy mitgehen, aber dazu fehlt mir meistens die Motivation. Vielleicht mache ich es im Sommer doch noch einmal, weil ich dann wieder Gesellschaft hätte.

Dominik:
Wie kam das sechste Handy hinzu, und wie entstand das heutige große Tragebrett?

Monika Take-Hülsmann:
Eigentlich hatte ich bei fünf Handys aufhören wollen, weil Fünf meine Lieblingszahl ist. Dann wollte ich aber unbedingt noch einmal von vorn anfangen und bat meinen Sohn um ein weiteres günstiges Gerät. Er besorgte es, sagte aber ausdrücklich, dass er dafür kein neues Brett bauen würde. Deshalb trug ich die ersten fünf am Gurt und hielt das sechste zusätzlich in der freien Hand. Das war lästig. Zu dieser Zeit spielte ich plattdeutsches Theater in Ostenfelde. Leider löste sich die Gruppe später auf, weil nicht mehr genügend Menschen mitmachten. Dort gab es einen sehr geschickten Mann, der beim Theater alles reparierte. Solche Menschen braucht man für eine Bühne. Er baute mir zunächst ein langes, schmales Brett für sechs Handys. Dieses Brett benutze ich heute noch für das Fahrrad. Beim Gehen bekam ich damit allerdings starke Nackenschmerzen. Mein Arzt verschrieb Physiotherapie. Dort stellte sich heraus, dass die Schmerzen vom tiefen Blick auf das Brett kamen. Ich hielt den Kopf ständig nach unten, wodurch der große Muskel im Nacken überlastet wurde. Also brauchte ich eine Konstruktion auf Augenhöhe. Wir überlegten zunächst, etwas am Fahrradlenker oder am Gepäckträger zu befestigen. Dann traf ich den Mann vom Theater bei einem gemeinsamen Abend wieder und erzählte beiläufig von meinem Problem. Wir entwickelten zusammen die heutige Lösung. Das Brett ist breit genug für sechs Handys und reicht weiter nach unten. Es liegt an meinem Bauch an und steigt schräg nach oben, sodass die Geräte wesentlich höher stehen. Zunächst trug nur eine Schulter die Last, wodurch ich Rückenschmerzen bekam. Deshalb besitzt es jetzt zwei Gurte, die sich auf meinem Rücken kreuzen. Außerdem gibt es unten eine Halterung für den Regenschirm. Ich stecke ihn hinein und stabilisiere ihn mit dem Bauch. Zwei weitere Griffe erlauben mir, die Hände in das Brett einzuhängen. Seitdem habe ich keine Nacken- oder Rückenschmerzen mehr.

Dominik:
Du kennst auch Bilder von Spielern in Asien oder anderen Ländern, die 15 oder noch mehr Handys an einem Fahrrad befestigt haben. Was hältst du davon?

Monika Take-Hülsmann:
Ich könnte mit so vielen Geräten am Lenker überhaupt nicht sicher Fahrrad fahren, weil ich kaum noch etwas sehen würde. Außerdem glaube ich nicht, dass jemand 15 oder noch mehr Accounts wirklich vollständig jeden Tag spielen kann. Der Tag hat dafür nicht genügend Stunden. Allein Geschenke zu verschicken, sie zu öffnen und die Beutel aufzuräumen, würde ewig dauern. Vielleicht besitzt jemand tatsächlich so viele Handys, erledigt darauf aber nicht sämtliche täglichen Aufgaben. Dann erschließt sich mir der Sinn nicht vollständig. Sechs Geräte verursachen bereits einen enormen Zeitaufwand. Morgens brauche ich ungefähr drei Stunden, abends noch einmal ein oder zwei, und zwischendurch müssen die Aufbewahrungen geleert werden.

Dominik:
Wie blickst du auf die vielen Änderungen, die Pokémon GO seit 2016 erhalten hat?

Monika Take-Hülsmann:
Negativ denke ich sofort an die vielen Raids und Kämpfe. Ich kämpfe einfach nicht gern, muss es aber manchmal tun, um ein starkes Pokémon oder eine Aufgabenbelohnung zu bekommen. Auch bei Team GO Rocket stehe ich dafür draußen und friere. Meinen ersten Raid erlebte ich in Münster. Ich stand an einer Arena und wusste überhaupt nicht, was geschah. Neben mir war ein Mann, der sich etwas besser auskannte. Er tippte ununterbrochen auf sein Handy und sagte, ich solle dasselbe machen. Ich fragte, was das sollte, aber er sagte nur, ich müsse abwarten. Schließlich erklärte er, dass wir das Pokémon besiegt hätten und es nun noch fangen müssten. So kam ich durch Versuch und Irrtum in diese Funktionen hinein. Dynamax und Gigadynamax bedeuten mir ebenfalls nicht besonders viel. Manche entsprechenden Pokémon kann ich fangen, andere schaffe ich nicht, weil zu viele Mitspieler benötigt werden. Wenn es nicht funktioniert, lasse ich es irgendwann sein. Schön finde ich dagegen Glücks-Pokémon, Feldforschungsaufgaben und die Routen mit den Zygarde-Zellen. Ich habe in Ostenfelde selbst zwei oder drei Routen eingereicht. Auch neue PokéStops reiche ich gern ein, allerdings werden meine Vorschläge häufig abgelehnt, obwohl es hier meiner Meinung nach schöne und geeignete Orte gibt. Wenn es nur darum ginge, immer dieselben Pokémon zu fangen, wäre mir das inzwischen zu langweilig. Ich brauche unterschiedliche Aufgaben und Aktivitäten. Community Days mag ich ebenfalls. Manchmal spiele ich allein in Ostenfelde, manchmal fahre ich nach Westkirchen, Warendorf oder in einen anderen größeren Ort, wo mehr PokéStops und Menschen vorhanden sind.

Dominik:
Gibt es eine Funktion, die dir im Spiel noch fehlt?

Monika Take-Hülsmann:
Ich wünsche mir eine Möglichkeit, mit Freunden direkt Kontakt aufzunehmen. Ich habe Freunde in Singapur, Australien und anderen weit entfernten Ländern. Mit einigen würde ich gern Glücksfreunde werden und anschließend tauschen. Dazu müssten wir aber kommunizieren und uns irgendwann tatsächlich treffen können. Wenn man die Person nur über Pokémon GO kennt und keine Adresse oder andere Kontaktdaten besitzt, ist das unmöglich. Ein einfaches Chat- oder Kontaktfenster würde mir helfen.

Dominik:
Hat deine Bekanntheit innerhalb der Pokémon-GO-Community zu weiteren Begegnungen geführt?

Monika Take-Hülsmann:
Ja. Nach der Aufzeichnung von „Sag die Wahrheit“ kam ein junger Mann aus dem Publikum zu mir. Er war sehr schüchtern, hielt sein Handy zunächst hinter dem Rücken und sagte, er habe mich im Fernsehen oder im Internet gesehen und sehe mich nun tatsächlich in echt. Er fragte nach einem Foto und danach, ob wir im Spiel Freunde werden könnten. Meine Schwester begleitet mich häufig zu solchen Terminen und ist gewissermaßen meine Chauffeurin. Wir gingen gemeinsam in unseren Raum zurück, wo meine Handys lagen, machten Fotos und wurden Freunde. Inzwischen sind wir beinahe Glücksfreunde. Ein anderes Mal war ich abends mit meinem Brett in Holzwickede unterwegs, wo meine Schwester wohnt. Eine Frau mit Hund sah mich an und sagte, sie kenne mich aus dem Fernsehen. Das fand ich sehr süß. In einem Park traf ich außerdem einen Jungen, der Pokémon GO spielte. Er erklärte, dass seine Mutter ebenfalls spiele und mit dem Hund gleich nachkomme. Wir lernten uns kennen und wurden Freunde. Bis heute schicken wir uns Geschenke. Weil ich aber keine anderen Kontaktdaten von ihr habe, könnten wir einen Glückstausch kaum organisieren. Genau deshalb wünsche ich mir eine Kommunikationsmöglichkeit im Spiel.

Dominik:
Wie hast du deinen Auftritt bei „Kaum zu glauben!“ erlebt?

Monika Take-Hülsmann:
Die Sendung finde ich auch unabhängig von meinem eigenen Auftritt sehr schön. Kai Pflaume war nicht nur vor der Kamera, sondern auch hinter den Kulissen ausgesprochen nett. Im Rateteam saßen Wincent Weiss, Stephanie Stumph, Hubertus Meyer-Burckhardt und Bernhard Hoëcker. Das Publikum wusste, dass ich seit ungefähr neun Jahren mit sechs Handys Pokémon GO spielte, mehr als eine Million Pokémon gefangen hatte und ungefähr 10.000 Kilometer gelaufen war. Das Rateteam bekam dagegen nur einen kurzen Hinweis, sinngemäß: „Ich spiele seit neun Jahren mit sechs.“ Jede Person durfte mich ungefähr 45 Sekunden lang befragen, und ich durfte nur mit Ja oder Nein antworten. Wenn jemand mein Geheimnis nicht erriet, legte Kai Pflaume ein Säckchen mit 200 Euro vor mich. Nach den vier Einzelrunden durfte sich das Team noch einmal beraten und eine endgültige Vermutung abgeben. Niemand fand die richtige Lösung, deshalb gewann ich insgesamt 1.000 Euro. Ich freute mich riesig. Für jeweils 45 Sekunden kamen immer weitere 200 Euro hinzu.

Dominik:
Wie funktionierte dein Auftritt bei „Sag die Wahrheit“?

Monika Take-Hülsmann:
Dafür fuhr ich nach Baden-Baden. Das Studioerlebnis war noch beeindruckender, weil dort im Hintergrund 40 oder 50 Menschen arbeiteten, die man im fertigen Fernsehen überhaupt nicht sieht. Es gab mehrere Kameras, Licht und genaue Anweisungen, wann man in welche Kamera schauen sollte. Moderator war Michael Antwerpes. Vom Rateteam kannte ich vorher nur Bodo Bach. Das Spiel bestand aus mehreren Runden. In einer Runde saßen drei Frauen nebeneinander und behaupteten alle, dieselbe Person zu sein. Eine war die echte, die anderen beiden mussten sich ihre Geschichte aneignen. Ich spielte dort nicht mich selbst, sondern gab mich als eine andere Frau aus. Dafür musste ich ungefähr vier oder fünf Seiten lernen, mich in ihr Leben hineinversetzen und mich von meiner Familie immer wieder abfragen lassen, fast wie beim Theater. Das Rateteam befragte uns nacheinander. Drei von vier Personen hielten mich für die echte Frau. Die vierte kannte die tatsächliche Person bereits aus dem Fernsehen oder Internet und konnte deshalb kaum auf mich hereinfallen. Ich wertete die drei Stimmen trotzdem als Zeichen, dass ich ganz ordentlich geschauspielert hatte.

Dominik:
Wie kam deine eigene Pokémon-Geschichte später in derselben Sendung zum Einsatz?

Monika Take-Hülsmann:
In einer späteren Runde traten jeweils zwei Frauen und zwei Männer aus den vorherigen Runden erneut an. Jede Person erzählte einem Gegenüber eine kurze Geschichte zu einem vorgegebenen Thema. Das Thema lautete bei mir „Auf der Jagd“. Nur eine der Geschichten war wahr, und meine Pokémon-Geschichte war die echte. Ich hatte zunächst geglaubt, dass alle ihre Geschichten selbst erfinden müssten. Tatsächlich bekam ich meinen Text vorgegeben und sollte ihn in einer bestimmten Form erzählen. Ich lernte ihn deshalb beinahe auswendig. Meine Schwester sagte später, dass man das hörte. Auch Michael Antwerpes bemerkte bei einer Probe, dass ich sehr auswendig klang, fand das aber gerade gut, weil dann niemand vermuten würde, dass meine Geschichte wahr war. Dieser Plan ging leider nicht auf. Mein Gegenüber kannte mich bereits aus dem Fernsehen und wusste sofort, dass die Pokémon-Geschichte zu mir gehörte. Außerdem wurden die anderen Geschichten als unglaubwürdig erkannt. Damit war meine Geschichte schnell enttarnt.

Dominik:
Hättest du zu Beginn deiner Pokémon-GO-Zeit gedacht, dass daraus Zeitungsartikel, Fernsehbeiträge und Auftritte in Unterhaltungssendungen entstehen würden?

Monika Take-Hülsmann:
Auf keinen Fall. Ich hätte mir so etwas niemals vorstellen können. Mir macht diese Erfahrung Spaß, auch wenn nicht alle meine Kinder begeistert davon sind. Einige sagten mir sehr deutlich, dass sie die mediale Aufmerksamkeit nicht besonders gut finden. Dann sprechen wir darüber kaum. Dieses Podcastinterview fanden sie aber in Ordnung und gaben mir gewissermaßen ein Däumchen nach oben. Ich verstehe, dass Öffentlichkeit auch Risiken besitzt. Für mich persönlich war vieles daran trotzdem spannend und schön.

Dominik:
Was hat Pokémon GO in deinem Leben am stärksten verändert?

Monika Take-Hülsmann:
Zunächst komme ich nicht mehr zum Sticken. Das ist aber nicht unbedingt schlimm, weil ich dabei wieder nur stundenlang gesessen hätte. Ich mache mit meinen Kindern und Enkelkindern gelegentlich weiterhin Handarbeiten, aber nicht mehr jeden Abend drei Stunden lang. Vor allem komme ich durch Pokémon GO sehr viel nach draußen, treffe Menschen und spreche mit ihnen. Das finde ich schön. Fast alle Begegnungen waren freundlich. Nur einmal zeigte mir jemand den Vogel, und ein anderer Mann schrie mich sehr unangenehm an. Das liegt lange zurück. Vielleicht war er selbst nicht ganz bei sich. Ich weiß, dass ich ein wenig verrückt bin. Sonst würde ich wahrscheinlich nicht mit sechs Handys durch das Dorf gehen. Eine Tante sagte mir einmal, es sei nicht schlimm, etwas verrückt zu sein. Man sei dann eben ein wenig von der Norm weggerückt. Das stört mich nicht. Ich habe durch all diese Erfahrungen sogar mehr Selbstbewusstsein entwickelt.

Dominik:
Wie reagierst du auf Menschen in deinem Alter, die Videospiele grundsätzlich ablehnen oder dein Hobby für Unsinn halten?

Monika Take-Hülsmann:
Ich sage ihnen, dass das ihre Meinung ist und dass sie vollkommen in Ordnung ist. Ich bin eben etwas anders. Nicht alle Menschen müssen das tun oder gut finden, was ich mache. Entscheidend ist, dass ich selbst Freude daran habe. Deshalb werde ich weiterspielen.

Dominik:
Unterschätzen jüngere Menschen ältere Generationen, wenn sie behaupten, dass man sich ab einem bestimmten Alter keine neue Technik mehr erschließen könne?

Monika Take-Hülsmann:
Wenn sie das grundsätzlich behaupten, unterschätzen sie ältere Menschen. Ich kenne Personen in meinem Alter, die sich das neueste iPhone kaufen und technisch sehr gut zurechtkommen. Andere sagen, dass sie damit überhaupt nicht anfangen wollen. Ich liege irgendwo dazwischen. Ich möchte vieles können, vergesse die Abläufe aber schnell. Dann schreibe ich mir auf, wie man eine E-Mail verschickt oder etwas ausdruckt, und muss meine Kinder später trotzdem noch einmal anrufen. Einer meiner Söhne ist manchmal etwas genervt, wenn ich dieselbe Frage wieder stelle. Er hilft mir aber weiterhin. Ich möchte die Dinge lernen, muss sie mir nur häufiger erklären lassen.

Dominik:
Was würdest du tun und was würdest du am meisten vermissen, wenn Pokémon GO morgen abgeschaltet würde?

Monika Take-Hülsmann:
Morgens würde ich zunächst länger schlafen. Abends hätte ich wieder Zeit zum Sticken. Meine Freundschaften habe ich wegen Pokémon GO nicht vernachlässigt. Viele habe ich ohnehin nicht, und die vorhandenen muss man pflegen. Ich würde wahrscheinlich mehr musizieren und wieder häufiger Handarbeiten. Am meisten fehlen würde mir das tägliche Hinausgehen. Ich weiß nicht, ob ich mich ohne das Spiel weiterhin dazu zwingen könnte. In ein tiefes Loch würde ich trotzdem nicht fallen. Schon früher hatte ich mir vorgenommen, nach dem Ende von Pokémon GO mit Geocaching anzufangen. Damit hätte ich erneut ein Ziel draußen. Pokémon GO ist schließlich nicht das Ende der Welt.

Dominik:
Wirst du auch im Spiel Poké-Omi genannt, und woher kommt der Spitzname PokéMoni?

Monika Take-Hülsmann:
Im Spiel heiße ich nicht Poké-Omi. Ein Bekannter erzählte mir aber einmal, dass Kinder hinter vorgehaltener Hand fragten, ob er wieder zu Poké-Omi fahre und mich treffe. Er sagte mir das vertraulich, und ich fand den Namen sehr schön. Meine Cousine nennt mich außerdem PokéMoni, weil ich Monika heiße. Auch diesen Spitznamen mag ich sehr.