Interview mit Anna Hilbert in Textform
In der am 31. Juli 2026 veröffentlichten Folge 177 von Miauz Genau! ist die Sängerin Anna Hilbert zu Gast. Pokémon Fans kennen sie als Stimme des deutschen Openings „Mit dir“ aus „Pokémon Ultimative Reisen“, das die 25. Staffel des Animes und damit die letzte große Etappe von Ash Ketchums Reise begleitet. Im Interview „Stimme in Bewegung“ spricht Dominik mit ihr darüber, wie sie ihren Weg zur Musik fand, wie sich ihre Karriere von ersten Auftritten und Studioerfahrungen über Dance Produktionen und große Bühnenshows bis hin zu Pokémon entwickelte und wie die Arbeit an einem deutschen Pokémon Intro konkret abläuft. Dabei geht es auch um die Frage, weshalb die Musik trotz unterschiedlicher beruflicher Stationen stets der rote Faden in ihrem Leben geblieben ist.
Auf dieser Seite findest du das Gespräch als redaktionell aufbereitetes Transkript zum Nachlesen. Die Podcast Episode bleibt die vollständige Originalfassung. Diese Textversion dient als ergänzende Möglichkeit, das Interview in Ruhe zu lesen, bestimmte Stellen wiederzufinden oder einzelne Aussagen leichter nachzuschlagen.
Da das Interview in Textform eine beachtliche Länge hat, ist es hier in einem Akkordeonelement eingeklappt.
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Dominik:
Bist du ein Sci-Fi-Fan? Ich kann dich vielleicht zu einem machen, denn du hast jetzt die einmalige Chance, in eine Zeitmaschine zu steigen und das Steuer zu übernehmen. Was ist der früheste Ankerpunkt deines musikalischen Schaffens? Wo würdest du uns absetzen, was würden wir sehen und in welchem Umfeld wären wir?
Anna Hilbert:
Dann würde man die kleine Anna sehen, die ungefähr vier Jahre alt ist und ihre ersten Versuche an einem kleinen Casio Keyboard macht, erste Lieder spielt und im Schlafzimmer meiner Eltern auf dem Bett vor dem Spiegel verschiedene Songs performt. Davon gibt es auch ein paar kleine Aufnahmen. Das waren die Anfänge. Da hat man schon gemerkt, dass ich Musik machen und auf die Bühne wollte.
Mein Papa ist Musiker. Wahrscheinlich kam es daher, dass ich ihn bei Auftritten gesehen habe. Er hat zu Hause immer musiziert und mit mir zusammen Musik gemacht. Meine Mama war früher Artistin, hat also Akrobatik gemacht, und war Tänzerin. Sie hat auch mit mir getanzt. Überall war immer Musik.
Ich habe schon immer gesagt, dass ich Sängerin werden will. Kleine Kinder sagen vielleicht, dass sie Feuerwehrmann werden wollen, weil das greifbare Berufe sind. Für mich war immer klar: Ich will Sängerin werden. Deshalb kann ich mich gar nicht an einen bestimmten Zeitpunkt erinnern, an dem ich plötzlich dachte, dass es das jetzt sei. Von manchen Sängern gibt es solche Geschichten, dass sie auf einem Konzert waren und danach sagten: Da will ich auch stehen, wie Michael Jackson oder jemand anderes. Bei mir war das eigentlich immer da. Ich wusste, das ist mein Ding. Später wurde es allerdings ein Streitthema mit meinen Eltern.
Dominik:
Was ist da geschehen, sofern du darüber sprechen möchtest?
Anna Hilbert:
Mir wurde gesagt, ich solle etwas Vernünftiges lernen, keine Sängerin werden oder das nur nebenbei machen. In Weimar gab es damals, und ich glaube, es gibt ihn immer noch, einen Studiengang für Popularmusik beziehungsweise Jazz und Popgesang. Dort wollte ich mich bewerben, alternativ für Musicalgesang in Hamburg. Als Teenager hatte ich darüber heftige Diskussionen, vor allem mit meiner Mama. Mein Vater hat ebenfalls einmal eine klare Ansage gemacht und gesagt, ich solle etwas Ordentliches machen.
Er selbst hatte die Musik irgendwann nur noch neben seinem Handwerkerberuf ausgeübt und nicht mehr hauptberuflich. Durch den Umbruch zur Wendezeit, ich bin genau 1990 geboren, war für ihn alles weggebrochen. In der DDR war Musik viel stärker gefördert worden und er war in einem größeren Netzwerk. Natürlich hätte er sich wieder etwas aufbauen können, so wie ich es heute getan habe. Aber letztlich habe ich mich nach meinen Eltern gerichtet und doch etwas Vernünftiges gelernt.
Dominik:
Das finde ich angesichts deiner Erzählung sehr spannend. Dass du aus einer künstlerisch geprägten Familie kommst, war mir durch meine Recherche bewusst. Ich hätte aber nicht gedacht, dass es zu diesem Dissens kam. Glaubst du, dass es nur an der Umbruchzeit rund um die Wende und ihren Folgen lag, oder gab es weitere Faktoren, die deine Eltern zu diesen warnenden Worten gebracht haben? Es sind schließlich beide sehr künstlerisch orientierte Menschen.
Anna Hilbert:
Mittlerweile glaube ich, dass sie ihre Ängste auf mich übertragen haben. Wir standen finanziell nicht besonders gut da. Falls etwas schiefgegangen wäre und ich kein Geld verdient hätte, hätten meine Eltern mich nicht unterstützen können, weil sie gerade sich selbst versorgen konnten. Ich glaube, das war eine große Angst.
Ich glaube nicht, dass sie dachten, ich hätte zu wenig Talent. Das haben sie zum Glück auch nie direkt gesagt. Später habe ich mitbekommen, wie stolz sie waren und wie sie mich gelobt haben. Es gibt Eltern, die sagen: So toll ist es nun auch wieder nicht, was du da mit deiner Band machst. Das war bei meinen Eltern zum Glück nie der Fall. Ich konnte aus ihrer Zurückhaltung lesen, dass sie doch stolz waren, aber einfach riesige Angst hatten.
Dominik:
Gerade mit diesem DDR Hintergrund hört man aus vielen Richtungen, dass Kunst und Kultur in der damaligen DDR einen höheren Stellenwert und mehr Wertschätzung erfahren hätten. Hast du aus den Erzählungen deiner Familie etwas darüber mitbekommen? Wie ordnest du dieses Kulturverständnis aus deiner Wahrnehmung ein?
Anna Hilbert:
Meine Eltern haben berichtet, dass es ein viel größeres Netzwerk und mehr Veranstaltungen gab, auf denen Musik dargeboten wurde. Meine Mutti ist dort als Artistin aufgetreten. Auch die Musik der DDR, etwa Karat oder die Puhdys, bestand aus sehr durchdachten Kompositionen. Das galt ebenso für die Texte. Darin lag schon ein Unterschied zur Musik aus Westdeutschland. Es gab ein großes Verständnis, und die Musiker wurden auch musiktheoretisch ausgebildet.
Mein Vater musste einen Musikerschein machen. Er sagt heute noch, hier könne jeder beliebige Mensch irgendetwas spielen und auf eine Bühne gehen. Er musste dagegen vor einem Komitee oder einer Jury eine Prüfung ablegen, damit er offiziell auftreten und Geld damit verdienen durfte.
Dominik:
Erinnerst du dich an den ersten Moment, in dem du vor Publikum gespielt hast und zum ersten Mal musikalisch oder künstlerisch aufgetreten bist?
Anna Hilbert:
Meine ersten Auftritte hatte ich tatsächlich mit einer Girlyband, die wir in der Grundschule mit vier Freundinnen gegründet hatten. Wir waren, glaube ich, in der vierten Klasse. Beim Herbstfest im Hort haben wir drei oder vier Lieder gesungen und zusammen mit meinem Papa sogar selbst etwas komponiert.
Er hat uns dabei sehr süß unterstützt. Diese Unterstützung war eigentlich immer da. Er hat mir Gitarre und ein bisschen Klavier beigebracht. Ich wollte damals Keyboard lernen, aber an der Musikschule in Potsdam, wo ich aufgewachsen bin, gab es keine freien Plätze. Deshalb habe ich es mir mit Notenbüchern selbst beigebracht. Mein Papa hat mir ein paarmal gezeigt, wo die Noten liegen und wie ich etwas spielen soll. Auch unserer Band hat er geholfen, die Anlage hingefahren und uns sehr unterstützt. Das waren meine ersten größeren Auftritte, natürlich nicht allein.
Die Soloauftritte kamen später auf dem Gymnasium. Dort bemerkten die Leute, dass ich ganz schön singe. Bei einem Konzert für die Eltern, irgendwo in einer Aula, war ich ungefähr 14 Jahre alt und sang „Greensleeves“. Das war mein erster Soloauftritt. Ich war ganz verschüchtert. Davon gibt es noch ein schlimmes Video, aufgenommen mit einer der ersten digitalen Videokameras und mit völlig verzerrtem Ton. Das kann man niemandem antun, aber für mich ist es eine Erinnerung.
Dominik:
Wie ging es dir damals damit? Die Leidenschaft für Musik kann durchaus mit Lampenfieber kollidieren. Du stehst heute regelmäßig auf Bühnen und kannst auf ein vielfältiges musikalisches Portfolio zurückblicken. Welchen Ratschlag würdest du deinem jungen Ich geben?
Anna Hilbert:
Meditationsübungen oder Atemübungen vor dem Auftritt zu machen, denn ich war wirklich sehr aufgeregt. Eine Freundin kam danach zu mir und sagte, ich hätte die ganze Zeit gezittert. An diesem Abend habe ich, glaube ich, auch „Sometimes“ von Britney Spears gesungen. Dabei wackelte das Mikrofon in meiner Hand richtig. Das waren meine allerersten Auftritte.
Dominik:
Du hast dich diesen Hürden gestellt und bist weitergegangen. Du hattest Potsdam schon erwähnt, und ich meine, du warst später auch an einer Musikschule. Wann war das?
Anna Hilbert:
Irgendwann bekam ich doch einen Platz für Keyboardunterricht an der städtischen Musikschule in Potsdam. Mein Keyboardlehrer hat mich dort gewissermaßen entdeckt und unterstützt. Er bemerkte, dass ich ganz schön singe, und leitete die Musikschulbands. Er hatte damals, glaube ich, zwei oder drei davon. Aus den Bereichen Bass, Schlagzeug, Gitarre und Klavier suchte er die besten Schülerinnen und Schüler heraus, sprach mit ihren Lehrern darüber, wer Lust auf eine Band hatte, und stellte unsere erste Musikschulband fast wie bei einem Casting zusammen.
Dominik:
Wie kam es zu deinem Fokus auf den Gesang? Du hast häufig das Keyboard erwähnt, aber wenn man dein Portfolio betrachtet, steht der Gesang deutlich im Vordergrund. Täuscht dieser Eindruck?
Anna Hilbert:
Nein, der Eindruck täuscht nicht. Ich hatte noch sehr lange Keyboardunterricht, der irgendwann in Klavierunterricht überging, und gebe heute selbst Klavierunterricht. Aber ich habe mich mit dem Instrument nie wirklich auf der Bühne gesehen, weil es mich immer abgelenkt hat. Natürlich hatte ich Keyboard und Klaviervorspiele und spielte bei Vorführungen vor Publikum. Ich spiele auch heute noch für mich. Auf der Bühne wollte ich mich aber auf den Gesang und die Performance konzentrieren. Ich wollte kein großes Klavier im Weg haben und mich auch nicht dahinter verstecken.
Zu Hause habe ich die Lieder am Klavier geübt, aber auf der Bühne habe ich das nur sehr selten gemacht. Irgendwann habe ich sicher einmal Klavier gespielt und dazu gesungen, doch es kam kaum vor.
Dominik:
Was war aus deiner Perspektive der nächste Meilenstein?
Anna Hilbert:
Die Musikschulband bestand fast zehn Jahre. Wir hießen Audio Flat. Auf dem Gymnasium hatte ich außerdem im Nikolaisaal in Potsdam einige größere Auftritte bei Schulkonzerten und Weihnachtskonzerten. Das war für mich ein weiterer Meilenstein, gerade weil ich so viel Lob bekam. Ich sang dort etwas von Whitney Houston, was wirklich hoch gegriffen war, und trotzdem kam es sehr gut an. Da merkte ich zum ersten Mal, wie viel Feedback zurückkam. Mit der Band hatte ich ebenfalls die ersten Auftritte.
Dann kam ein Scheideweg, an dem ich mich entscheiden musste, was ich nach dem Abitur beruflich machen wollte. Ich lernte Mediengestalterin Bild und Ton an der Filmhochschule in Babelsberg. Das war trotzdem eng mit Medien und Musik verknüpft. Dort haben sie mich ebenfalls sehr unterstützt. Meine Konzerte wurden mitgefilmt, ich schnitt das Material und bearbeitete den Ton. Wenn ich heute darüber nachdenke, hatte ich wirklich viele Unterstützer, die mein Talent gesehen haben.
Dominik:
Viele Menschen fremdeln anfangs mit der eigenen Stimme. Mir ging es als Podcaster genauso. Gab es in deiner Kindheit, Jugend oder während der Ausbildung zur Mediengestalterin einen Punkt, an dem sich deine Wahrnehmung der eigenen Stimme verändert hat? Oder war dieses Fremdeln durch deinen frühen Kontakt mit Musik und Gesang bei dir weniger ausgeprägt?
Anna Hilbert:
Meine Gesangsstimme habe ich mir schon immer sehr gerne angehört. Viele meiner Gesangsschüler tun sich schwer damit, sich selbst zu hören. Ich habe aber genau auf diese Weise singen gelernt. Ich nahm das Diktiergerät meines Papas, damals noch mit Kassette, nahm mich selbst auf, hörte es mir an und korrigierte mich. Dann hörte ich meine Vorbilder wie Whitney Houston und verglich mich mit ihnen. So habe ich singen gelernt und mich relativ schnell an meine Gesangsstimme gewöhnt.
Es gibt auch heute ganz selten Momente, in denen ich denke: Oh Gott, wie habe ich denn da gesungen? Im Allgemeinen höre ich mir meine Gesangsstimme aber gerne an. Mit meiner Sprechstimme war es schwieriger. Wenn ich Ansagen oder Moderationen von mir auf der Bühne hörte, dachte ich manchmal: Oh Gott, wie klinge ich denn? Daran habe ich mich inzwischen ebenfalls gewöhnt. Vielleicht hat sich meine Sprechstimme auch verändert.
Dominik:
Die Ausbildung zur Mediengestalterin Bild und Ton umfasst viele verschiedene Themen. Was hat dir daraus später als Sängerin am meisten geholfen?
Anna Hilbert:
Vor allem die Tontechnik. Das merke ich bei Auftritten immer wieder. Schon als ich jünger war, wusste ich etwas über Mischpulte, Widerstände, Effekte und alles, was man beachten muss. Wenn man als blonde Sängerin zu einem Auftritt kommt und ein Techniker einem ein X für ein U vormachen will, merken die Leute schnell, dass ich doch ein bisschen Ahnung habe. Ich kann im Vergleich zu anderen Sängerinnen vermutlich recht präzise sagen, wie ich meinen Monitorsound oder In-Ear-Sound haben möchte.
Das hat mir sehr geholfen. Mein Ausbilder Mike war auf Tontechnik spezialisiert, deshalb lag der Fokus stärker darauf als auf Bild und Kamera. Er hat sehr geprägt, wie ich Musik höre, wie ich später selbst Musik produzierte und wie ich mein Gehör ausbildete.
Dominik:
Ich kann mir vorstellen, dass ein technisches Grundverständnis auch manche zähe Studiositzung verständlicher macht.
Anna Hilbert:
Auf der Bühne habe ich häufiger erlebt, dass etwas nicht funktionierte. Im Studio oder Synchronstudio kam das dagegen nur sehr selten vor. Dort funktionierte eigentlich fast immer alles. Mich hat die Technik trotzdem interessiert. Ich habe gerne zugesehen, und mein Weg zum Synchron führte schließlich über meinen Beruf als Cutterin.
Dominik:
Auf deiner Website habe ich gelesen, dass du auch in der Tonproduktion für Fernsehformate, Filmformate und andere Produktionen gearbeitet hast. Wie verlief dein Werdegang ab diesem Zeitpunkt?
Anna Hilbert:
Ich zog nach Berlin und bekam nach ungefähr drei Monaten einen Job bei SDI Media. Das Unternehmen gibt es in dieser Form heute nicht mehr. Dort schlug ich mich zunächst als Trainee durch und machte mich relativ schnell selbstständig. Ich war damals noch nicht einmal Mitte 20.
Ich bekam sehr viele Kontakte und Telefonnummern von Sprechern, die sagten, irgendwo werde eine Cutterin gesucht und ich solle mich dort melden. Das machte ich dann ungefähr sieben oder acht Jahre lang. 2021 hörte ich damit auf.
Dominik:
Was hast du aus dieser Zeit am meisten mitgenommen? Du hast die Kontakte erwähnt, aber vielleicht gab es auch handwerkliche Erfahrungen oder Freundschaften, die daraus entstanden sind.
Anna Hilbert:
Mir war bei der Arbeit immer wichtig, dass das Umfeld nett, freundlich und fast familiär oder freundschaftlich ist. Das war dort fast immer gegeben. Es herrschte ein ganz spezieller Humor, und ich würde mich selbst als humorvolle Person bezeichnen. Mir war wichtig, dass man bei der Arbeit etwas zu lachen hatte. Daraus sind tatsächlich Freundschaften entstanden. Wir gingen zusammen aus und feiern, und es gab einige lustige Abende, an die ich gerne zurückdenke.
Auch musikalisch half mir die Arbeit als Cutterin. Das rhythmische Schneiden von Audios in Pro Tools war für meine eigenen Produktionen sehr nützlich. Ich produzierte mit meinem DJ Musik, nahm Songs und meine Stimme auf und profitierte enorm von diesen Fähigkeiten. Das war eine tolle Erfahrung.
Dominik:
Du hattest also einen festen DJ, mit dem du eigene Projekte gemacht hast?
Anna Hilbert:
Genau. Neben meiner selbstständigen Arbeit als Cutterin machte ich immer weiter Musik und hatte zeitweise drei oder vier Bands. Ich stieg in die Oldie-Rockband meines Papas ein, und die Musikschulband lief ebenfalls noch weiter. Sie bestand insgesamt ungefähr zehn Jahre, bis ich 26 oder 27 war und sie sich langsam auflöste. Wir gewannen einige Wettbewerbe und nahmen eine eigene EP auf. Wenn ich heute darüber nachdenke, habe ich im Hintergrund wirklich hart gearbeitet.
Mein DJ heißt Carsten Ludwig und tritt als DJ Mister Cee auf. Mit ihm machte ich Remixe. EDM und Elektropop waren damals mit Felix Jaehn, Alle Farben und anderen sehr im Kommen. Wir remixten viel und bekamen 2019 einen Plattenvertrag bei Mental Madness in Hamburg, das über Kontor veröffentlichte. Mit unserem Remix von „Allein Allein“ von Polarkreis 18 hatten wir einen relativ großen Erfolg. Neben der ganzen Arbeit war das ein Meilenstein, bei dem ich dachte: Jetzt habe ich wirklich etwas geschafft. Der Remix erreichte Platz 15 in Dancecharts und hat bis heute Millionen Streams.
Dabei halfen mir meine Erfahrungen mit Aufnahmen, Audioschnitt und Produktion sehr. Ich konnte hören, wie ein Synthesizer klingt, wie man ihn mit einer kleinen Gitarre im Hintergrund kombinieren kann, welcher Synthiebass passt und welche Frequenzen sich überlagern. Wir hatten wirklich großartige Sessions.
Dominik:
„Allein Allein“ ist eines dieser Projekte, bei denen man beim Blick auf dein Portfolio denkt: Das ist auch von ihr? Wie blickst du darauf zurück, und wie kam es dazu, dass ihr diesem bekannten Song einen neuen Charakter verliehen habt?
Anna Hilbert:
Hattest du den Remix vorher schon einmal gehört?
Dominik:
Ja.
Anna Hilbert:
Das bekomme ich sonst kaum mit. Die Sprecher haben auch immer gesagt, man merke nie, wie viele Menschen etwas sehen und hören oder wie gut es ihnen gefällt. Zu „Allein Allein“ bekam ich nur wenige Nachrichten. Beim Pokémon Song schreiben mir deutlich mehr Leute, wie toll er klingt. Bei „Allein Allein“ sahen wir vor allem die steigenden Zahlen bei den Streams und auf YouTube. Da dachten wir: Offenbar mögen die Leute das. Ein paar Autogrammanfragen bekam ich zwar, aber insgesamt sehr wenig. Vielleicht ist das in der DJ Szene so. Die Musik wird gespielt und die Leute tanzen dazu, aber es gibt wenig direktes Feedback. Freunde kamen zu mir und sagten: Dein Song lief in diesem oder jenem Club. Das war verrückt.
Der Kontakt zu Felix Räuber entstand über Carsten. Zuvor hatten wir einen Kinderchor aufgenommen und daraus eine Art Remix mit einem Rapteil gemacht, den Carsten eingesprochen hatte. Während meiner Ausbildung nahm ich einen Kinderchor an einer Grundschule in der Bornholmer Straße auf und verkaufte das als Ausbildungsprojekt. Dafür benutzte ich Mikrofone der Filmhochschule.
Carsten hielt den Kontakt. Als Remixe von Felix Jaehn, Alle Farben, Robin Schulz und anderen sehr populär wurden, meinte er, „Allein Allein“ eigne sich hervorragend für einen Remix. Wir nahmen Kontakt zu Felix Räuber auf, und er sagte, wir könnten das machen. Er schickte uns, glaube ich, sogar noch die Originaldateien von damals.
Dann gab es Probleme mit den Rechten, weil sie bei Universal lagen. Uns wurde gesagt, dass wir den ursprünglichen Chor nicht verwenden dürften und einen eigenen aufnehmen müssten. Also nahm ich meine Familie auf. Wir trafen uns sehr spontan im Proberaum meines Vaters. Meine Familie ist recht musikalisch, auch wenn mein Papa und ich vielleicht ein bisschen herausstechen. Alle sagten zunächst, sie würden „Allein Allein“ nie hinbekommen. Dann nahmen wir den Chor in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf, weil der Song fertig werden musste. Deshalb hört man im Hintergrund meine Familie.
Dominik:
Das ist eine großartige Anekdote. Was bedeutet dir diese Veröffentlichung persönlich und für deine Karriere?
Anna Hilbert:
Sie war ein erster Meilenstein neben der ganzen Arbeit im Synchronstudio. Es fühlte sich wie eine Belohnung an. An den Streams und Downloads sah ich, dass meine Stimme offenbar gut ankam und die Leute sie mochten. Die Anna in mir fühlte sich dadurch bestätigt. Wir hatten den Nerv der Zeit getroffen.
Gleichzeitig zeigt das Projekt, wie vergänglich alles ist. Der Song wird noch immer gestreamt und gehört, aber Musik ist nicht in Stein gemeißelt. Trends ändern sich. Für Carsten und mich bedeutete der Erfolg damals einen großen Aufschwung. Danach machten wir einen eigenen Song. Im Nachhinein glaube ich, dass wir damit zu schnell waren. Vielleicht hätten wir zunächst noch einen Remix machen sollen. Viele DJs und Bands covern erst eine Weile, bauen sich eine Fanbasis auf und veröffentlichen dann einen eigenen Song, der den vorherigen Tracks ähnelt.
Dann kam Corona. Wenn wir noch einen Remix in der Hinterhand gehabt hätten, wäre es vielleicht anders gelaufen. Aber im Februar oder März 2020 schlossen die Clubs. Sie gehörten zu den Orten, die am längsten geschlossen blieben, teilweise anderthalb Jahre. Für Dennis, den Chef von Mental Madness, war das besonders schwierig, weil er viel über Clubs und DJs promotete. „Allein Allein“ wurde durch sein Netzwerk bis nach Tschechien in Clubs gespielt. Das fiel alles weg.
Später nahmen die Streams noch einmal zu, weil der Song offenbar in vielen Corona Playlists landete. Der Titel passte natürlich. Aber insgesamt orientierten wir uns in dieser Zeit neu. Corona war für viele Menschen eine große Umbruchsphase, in der sie zwangsläufig umdenken mussten.
Dominik:
Bist du trotz dieses Einbruchs gut durch diese Phase gekommen? Gab es andere Wege, die du als Alternative zu Bühnenauftritten ausprobiert hast?
Anna Hilbert:
Ich arbeitete weiterhin viel im Synchronstudio und als Cutterin. Das war relativ schnell wieder möglich, weil die Studios Wege fanden, trotz der Hygienevorschriften aufzunehmen. Im Sommer hatte ich mit der Oldieband meines Papas ein paar Auftritte und trat gelegentlich mit Carsten bei einem Sommerfest auf. Ansonsten war fast alles zum Stillstand gekommen.
Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, hatte ich eine depressive Verstimmung, vielleicht war es sogar eine Depression. Mir fehlte die Freude, die nicht nur bei Auftritten entsteht, sondern auch beim Ausgehen, Tanzen und Zusammensein mit anderen Menschen. Das war wirklich hart. Gleichzeitig zeigte es mir, wie sehr ich das brauche.
Im Nachhinein bin ich dankbar, weil sich 2021 plötzlich ein Schalter umlegte. Ich beschloss, nicht mehr als Cutterin im Studio zu arbeiten. Zu Hause schnitt ich noch ein bisschen, aber der entscheidende Impuls entstand bei einem netten Abend mit Andi Krösing und Fritz Rott. Beide sagten mir, ich solle mit dem Singen weitermachen, daneben als Cutterin arbeiten und vor allem das Sprechen ausprobieren.
Ich hatte zwischendurch gelegentlich schon etwas eingesprochen. Sie fanden, dass es gut klang, und bemerkten meine gute Artikulation und meinen guten Stimmensitz, den ich als Sängerin entwickelt hatte. Besonders Andi gab mir den nötigen kleinen Tritt. Ich hatte etwas Geld angespart, und er sagte: Dann probiere es doch aus und sieh, wie es läuft, wenn du versuchst, deinen Weg als Sprecherin zu machen. Ab 2022 kamen langsam wieder Auftritte hinzu.
Ich bin ihm bis heute dankbar. Ich glaube, ich war damals auch etwas ausgebrannt. Als Cutterin oder Tonmeisterin wiederholen sich viele Abläufe. Andere Kollegen lieben diese Arbeit, aber ich bin ein sehr kreativer Mensch. Manchmal redete ich schon hinein und schlug vor, einen Text anders zu formulieren. Ich versuchte mich zwar zu zügeln, aber manche Regisseure reagierten sinngemäß: Macht die Cutterin jetzt hier Textvorschläge? Da merkte ich, dass ich über meine Rolle und ihre Grenzen hinauswuchs und etwas anderes machen musste.
Dominik:
Wie ging es nach diesem Befreiungsschlag für deine Kreativität weiter?
Anna Hilbert:
Dann kam Tom Luca. Auf ihn kommen wir wegen des Pokémon Songs später noch zu sprechen. Wir waren uns im Synchronbereich wahrscheinlich ein paarmal über den Weg gelaufen, hatten aber nie zusammengearbeitet. Er war ebenfalls oft in dem alten SDI Studio, das inzwischen abgerissen wurde. Über meine Gesangslehrerin suchte er Ende 2021 eine Agnetha für seine ABBA Band.
Zunächst dachte ich: Eine Coverband? Darauf hatte ich nicht besonders viel Lust. Er erklärte mir aber, dass es keine gewöhnliche Coverband, sondern eine Tribute Show mit hohem Anspruch sei. In meinen bisherigen Coverbands hatte man sich vielleicht etwas schicker angezogen, die Männer spielten in Jeans und mit Notenpult, und es lief nach dem Motto: Rock ’n’ Roll, ohne Proben ganz nach oben.
Tom hatte dagegen einen professionellen Anspruch. Er sah mein Talent, schulte mich stark und half mir, mich gesanglich Agnetha anzunähern und sie gut interpretieren zu können. Dafür bin ich ihm in vielerlei Hinsicht dankbar. Später kam über ihn auch der Pokémon Song.
Dominik:
Ich würde gerne noch einen Moment bei ABBA bleiben. Agnetha ist keine beliebige Popstimme, sondern eine sehr markante und ikonische Stimme. Wie nähert man sich ihr an?
Anna Hilbert:
Ich arbeitete dabei auch mit meiner Gesangslehrerin Doro, bei der ich seit fast zehn Jahren Unterricht nehme. Das ist gewissermaßen meine privat finanzierte Ausbildung. Ich gehe wöchentlich oder alle zwei Wochen zu ihr und lasse mich gesangstechnisch schulen.
Sie hörte sich die Aufnahmen sehr genau an und sagte zum Beispiel, dass Agnetha an einer Stelle einen größeren Sprechanteil habe oder früher in die Kopfstimme wechsle. Wir analysierten alles sehr präzise. Auch Tom Luca hat ein sehr feines Gehör, und ich selbst natürlich ebenfalls. Ich hörte mir die Aufnahmen immer wieder an, imitierte sie, sang viel, probierte aus und nahm mich selbst auf. Damit sind wir wieder beim Diktiergerät. Ich reflektierte, wie es klingt, hörte die ABBA Aufnahmen immer wieder und versuchte trotzdem, meinen eigenen Weg und Stil zu finden.
Dominik:
Wie kann man sich eine solche Tribute Show vorstellen? Du warst anfangs selbst skeptisch und dachtest an eine Coverband. Wie viel Schauspiel, Performance, Körperhaltung und Bühnengefühl jenseits des Gesangs stecken in dieser Arbeit?
Anna Hilbert:
Schauspiel spielt tatsächlich eine Rolle, weil wir versuchen, die Bewegungen und typischen Gesten der Bandmitglieder zu imitieren. Bei ABBA gibt es nicht besonders viele große Konzertaufnahmen, die man heute noch finden kann. Die Gruppe tourte nicht so viel, unter anderem, weil Agnetha Flugangst hatte. Auf YouTube findet man, glaube ich, nur drei größere Konzertaufnahmen.
Vieles läuft über die Haltung und darüber, sich in diesem Moment vorzustellen, man sei diese Person. Gleichzeitig darf man sich selbst nicht verlieren, denn wir sind nun einmal nicht ABBA. Man darf es auch nicht überspitzen. Bei manchen Elvis oder Michael Jackson Imitatoren denke ich manchmal: Glaubst du wirklich, du bist Michael Jackson? Das ist mir zu viel. Man muss einen Mittelweg finden.
Anfangs moderierten wir sogar auf Englisch, weil wir dachten, das passe zur Rolle. Gerade in Ostdeutschland blickten einige Leute aber irritiert oder sogar verärgert, weil sie uns nicht verstanden. Deshalb wechselten wir später ins Deutsche. Das kommt viel besser an und wird vom Publikum stärker angenommen. Entscheidend ist, dass die Songs möglichst originalgetreu gespielt und gesungen werden. Wir hören sehr oft, dass wir dem Original sehr nahekommen. Wenn die Leute die Augen schließen, denken sie, dort stehe ABBA. Ein ungefähr 80-jähriger Mann, der die Band noch live erlebt hatte, sagte einmal, es habe wirklich wie damals geklungen. Das war sehr süß.
Tom achtet als Leiter stark auf die Details. Er sagt nach einem Auftritt zum Beispiel, dass ich mich zu sehr zum Publikum heruntergebeugt hätte und Agnetha das nicht getan habe. Diese Korrekturen sind wichtig. Bei anderen Tribute Bands fehlt manchmal eine Person, die solche Ansagen macht. Es gibt leider viele lieblos gemachte Produktionen, bei denen die Leute einfach Kostüme anziehen und alles ein wenig wie Karneval wirkt. Deshalb haben Tribute Bands in der Musikerszene nicht immer den besten Ruf.
Man sollte sich wirklich in die Rolle hineinbegeben und sie für den Moment glaubhaft verkaufen, aber trotzdem etwas Eigenes bewahren. Eine Frau aus dem Publikum sagte einmal, es sei wie ABBA gewesen, aber mit etwas Eigenem darin. Solche Aussagen muss man sich später noch einmal bewusst machen. Direkt nach dem Auftritt ist man oft völlig überwältigt und mit vielen Dingen beschäftigt. Wenn dann Menschen kommen und etwas Nettes sagen, antwortet man nur: Danke, danke, danke. Erst später denkt man darüber nach, wie besonders dieses Kompliment eigentlich war.
Ich glaube, diese Balance ist uns gut gelungen. Auch unsere diesjährige Tour war sehr gut besucht. Dafür bin ich sehr dankbar.
Dominik:
Ich möchte die ABBA Geschichte als Anlass nehmen, um einen anderen Bereich zu öffnen, den ich spontan als Identitätskaleidoskop bezeichnen würde. Auf deiner Website steht sinngemäß, Musik sei für dich kein Genre, sondern ein Gefühl, das in vielen Farben klingt. Deine Stimme wechselt zwischen Soul, Rock, Jazz, ABBA Tribute und weiteren Stilen. Wie ordnest du dich gesanglich in diesem Geflecht ein?
Anna Hilbert:
Eigentlich gar nicht. Natürlich kann ich auch Rock singen und habe das lange gemacht. Mit der Zeit stelle ich aber fest, dass meine Stimme grundsätzlich eher eine zarte Soul und Popstimme ist. Trotzdem kann ich auch mehr Kraft geben und variieren. Metal kann ich nicht singen, aber ein paar rockige Nummern funktionieren. Das ist dann allerdings anstrengender für die Stimme.
Gerade Jazz und Soul muss man stark fühlen. Aber auch bei Popmusik ist es wichtig, nicht einfach alles monoton zum Beat herunterzusingen. Dasselbe gilt für Schlager, den ich inzwischen ebenfalls mache. Es sollte eine persönliche Note darin liegen und wirklich gefühlt sein.
Der Pokémon Song ist sehr sanft gesungen. Live variiere ich gerne. Manche Stellen singe ich hauchig, während ein Refrain wieder kräftiger wird. Dann merken die Leute, dass ich zunächst sehr zart angefangen habe und später doch schmettern kann. Ich würde meine Richtung vielleicht als Pop und Soul mit etwas Rock und Funk beschreiben.
Auch meinen Schülerinnen und Schülern vermittle ich, dass nicht alles monoton klingen sollte. Man muss das Publikum zwischendurch wieder aufwecken. Ich bin mit Sängerinnen wie Whitney Houston, Anastacia und Joss Stone aufgewachsen. Joss Stone kann sehr sanft und hauchig singen, dann wieder kraftvoll werden und kleine stimmliche Akzente setzen. Diese Abwechslung finde ich schön.
Dominik:
Gibt es bei all diesen Genres trotzdem eine stimmliche Identität, einen klaren Kern, den du definieren kannst? Oder besteht deine Identität gerade in der Freiheit, dich nicht festlegen zu lassen?
Anna Hilbert:
Als Kern würde ich schon eine einfühlsame, sanfte Stimme nennen. Das liegt mir gut, wie man beim Pokémon Song hört. Gleichzeitig habe ich eine markante Stimme, die im Ohr bleibt.
Dominik:
Dann holen wir den Pokémon Song nach vorne. Wie kam es dazu?
Anna Hilbert:
Tom schrieb mir 2023, glaube ich, per WhatsApp: „Hey Anna, hast du Lust, den nächsten Pokémon Song zu singen?“ So unspektakulär war das.
Tom Luca hatte mit seiner Tochter und seiner damaligen Frau viele Intros aufgenommen und teilweise selbst gesungen. Er produzierte sie für SDI, später in seinem eigenen Studio. Als er das Original von Echosmith hörte, meinte er, meine Stimme würde sehr gut dazu passen. Er hatte den deutschen Text bereits geschrieben und von der Redaktion abnehmen lassen. Die Pokémon Redaktion wollte natürlich etwas von mir hören und konnte sich meine Stimme sofort sehr gut vorstellen. Dann nahmen wir den Song bei Tom auf, damals noch in seinem Haus.
Dominik:
War das dein erster Kontakt mit Pokémon Intros und Endings? Wie wirkte dieser neue Kosmos auf dich?
Anna Hilbert:
Ganz neu war er nicht, denn ich hatte früher Pokémon gesehen.
Dominik:
Was hattest du in der Vergangenheit mit Pokémon zu tun? Wie lange hast du die Serie gesehen, und hast du auch die Spiele gespielt?
Anna Hilbert:
Das wird nur ein kleiner Exkurs, denn ich habe vor allem sehr intensiv die Sticker gesammelt. In der Grundschule tauschten wir sie auf dem Schulhof und verglichen ihre Punkte. Pummeluff war mein Lieblingspokémon, weil es so süß und flauschig war.
Die Serie sah ich irgendwann ebenfalls, verstand anfangs aber nicht richtig, worum es ging. Als Tom mich fragte, war das trotzdem eine große Ehre. Ich habe einige, vor allem männliche, Freunde, die Pokémon weiterhin schauten und sagten: Wie krass ist das denn?
Als Cutterin hatte ich wahrscheinlich auch ein paar Pokémon Aufnahmen begleitet. Die Serie wurde zu einem großen Teil in München synchronisiert, und in Berlin waren nur wenige Sprecher beteiligt. Dadurch hatte ich bereits eine gewisse Verbindung, auch wenn ich Tom damals nicht begegnete, weil er die Songs separat bei sich zu Hause aufnahm.
Meine stärkere Berührung mit Anime war „Dragon Ball Z Kai“. Dabei wurde älteres Material neu zusammengeschnitten und neu synchronisiert. Diese Produktion nahmen wir auf. Durch die Sprecher, Conventions und das Umfeld wusste ich, wie groß die Anime Fangemeinde ist, wie stark die Fans ihre Projekte unterstützen und wie lieb sie sein können.
Ich selbst war in diesem Genre nicht besonders tief unterwegs und sah auch als Kind nicht sehr viel Anime. Vielleicht fanden meine Eltern die vielen Kämpfe befremdlich. Ich sehe auch keine Horrorfilme. Natürlich ist Pokémon kein Horrorfilm, aber manches war mir vielleicht zu kämpferisch und damals gefühlt auch zu sehr auf Jungen ausgerichtet. Meine hauptsächliche Kindheitserinnerung ist deshalb das Sammeln der Sticker und das gelegentliche Schauen der Serie auf RTL II.
Auch als Cutterin arbeitete ich nur selten an Anime. Dort wird sehr viel geschrien, was für die Sprecher extrem anstrengend sein kann. Manche sagten sogar, sie würden deshalb keinen Anime mehr machen. Als Cutterin saß ich direkt neben ihnen, und die Lautstärke war auch für mich anstrengend. Neben „Dragon Ball Z Kai“ und einigen Pokémon Aufnahmen hatte ich daher nur wenige Berührungspunkte.
Dominik:
War dir bei der Aufnahme bewusst, dass die Intros und Endings für viele Fans besonders wichtig sind? Oder hat dich die starke Resonanz überrascht?
Anna Hilbert:
Sie hat mich überrascht. Ich dachte: Man macht eben das Intro. Zuvor hatte ich schon zwei oder drei Intros für kleinere Serien gesungen, ohne großes Feedback zu bekommen. Deshalb ging ich davon aus, dass die Leute das Intro überspringen oder sich währenddessen eine Tüte Chips holen.
Ich hatte nicht erwartet, dass der Song so stark in den Fokus rücken würde, zumal es schon die 25. Staffel war. Natürlich kennen fast alle noch das Lied der ersten Staffel. Eine kleine Schülerin von mir wollte es neulich singen. Dass aber der Song zur 25. Staffel und zu Ashs letzter Reise so gut ankommt und Menschen auf TikTok schreiben, es sei das allerbeste Intro, hat mich wirklich überrascht.
Das liegt natürlich nicht nur an mir, sondern auch an Tom. Er hat den Song wunderbar gemischt und die Aufnahmesitzung sehr gut geleitet. Trotzdem hatte ich nicht damit gerechnet, dass die Sängerin ähnlich viel Aufmerksamkeit bekommt wie die Synchronsprecher.
Dominik:
Wie kann man sich die Organisation und die Aufnahme vorstellen? Lief das Bildmaterial parallel, und welche Rahmenbedingungen wurden dir erklärt?
Anna Hilbert:
Ich fuhr an einem Vormittag zu Tom. Für ein so kurzes Intro waren die Aufnahmen erstaunlich aufwendig. Wir doppelten viele Passagen und nahmen zusätzliche Stimmen für den Hintergrund auf. Tom hatte alle einzelnen Spuren des Originals. Ich dachte zunächst, man singe ein solches Intro in einer Stunde ein, aber wir saßen ungefähr drei Stunden daran.
Er bat mich immer wieder, etwas heller zu singen. Die Redaktion achtete darauf, dass es kindlich und leicht klingt. Tom kannte sich damit aus und war als Experte an meiner Seite. Er sagte mir, wie ich eine Stelle singen oder ein Wort besonders deutlich aussprechen sollte.
Das Bild lief ebenfalls mit. Ich weiß nicht mehr, ob ich es direkt in meiner Kabine sehen konnte, aber durch die Scheibe sah ich es bei Tom laufen. Er zeigte mir, wie weit wir gekommen waren und an welcher Stelle wir wieder einsetzen mussten. Das erzeugte natürlich eine besondere Stimmung. Man sieht die Pokémon und Ash durch das Bild springen und denkt: In diesem Intro wird gleich meine Stimme zu hören sein. Das bereitete mich emotional auf das Ergebnis vor. Dass es so stark angenommen werden würde, ahnte ich trotzdem nicht.
Dominik:
War dir klar, wer konkret der Auftraggeber war und wie die Aufnahme organisatorisch mit der deutschen Synchronisation verbunden wurde? Wurden die Intros getrennt von den Dialogen produziert und später zusammengefügt?
Anna Hilbert:
Ja. Tom nahm nur die Intros auf und schickte sie an die Redaktion. Die Dialoge wurden zu großen Teilen in München aufgenommen. Mir war klar, dass die Staffel parallel synchronisiert wurde und das Intro später davorgesetzt wird. Bei SDI wurden die Aufnahmen aus München gemischt und alle Bestandteile zusammengefügt.
Dominik:
Du hast die Session als anspruchsvoll beschrieben. Erinnerst du dich an einzelne Stellen, die besonders schwierig waren?
Anna Hilbert:
Nicht an eine bestimmte Zeile. Im Grunde wurde jeder Satz und jeder Take sehr genau betrachtet. Beim Synchron läuft eine Szene weiter, und wenn ein einzelner Satz etwas ungewöhnlich klingt, verstehen die Menschen ihn aus dem Kontext. Ein Intro kommt dagegen in jeder Folge wieder. Deshalb muss wirklich alles sitzen.
An das Ende erinnere ich mich noch. Den Ausruf „mit dir“ nahmen wir mehrfach und in verschiedenen Dopplungen auf. Er sollte hervorstechen, aber nicht zu stark gerufen sein. Das war ein bisschen anstrengend. Ob wir zusätzlich zweite Stimmen aufgenommen haben, weiß ich nicht mehr genau.
Dominik:
Von vielen anderen Pokémon Songs wurden vollständige Versionen produziert. Gerade bei diesem großartigen Song ist es aus Fanperspektive schade, dass keine Vollversion existiert. Hättest du gerne eine längere Fassung gesungen?
Anna Hilbert:
Ja. Ich hoffte ungefähr ein Jahr lang darauf, weil Tom mir diese Möglichkeit in Aussicht gestellt hatte. Er sagte, zu den anderen Liedern seien Vollversionen aufgenommen worden. Echosmith hatten das Original schließlich ebenfalls als vollständigen Song komponiert. Es war für mich ohnehin eine Ehre, gewissermaßen ihre deutsche Stimme zu sein, weil die Band mit „Cool Kids“ sehr erfolgreich geworden war.
Nach ungefähr einem Jahr sagte Tom, dass wahrscheinlich nichts mehr komme und keine Vollversion produziert werde. Das fand ich wirklich schade. Einige Fans haben selbst längere Fassungen zusammengeschnitten, zum Beispiel mit einem erweiterten Gitarrenintro. Ich hätte die Vollversion sehr gerne gesungen.
Dominik:
Wie war deine erste Reaktion auf den Inhalt und den Text des Songs?
Anna Hilbert:
Beim Singen stelle ich mir immer etwas vor und entwickle eine innere Vision. Diesen Text bezog ich für mich eher auf eine Liebesebene, vielleicht auch auf eine sehr enge Freundschaft. Für mich hat der Song jedenfalls etwas Romantisches.
Dominik:
Gibt es noch etwas, das du über das Pokémon Thema, das Opening oder die Aufnahmesituation erzählen möchtest?
Anna Hilbert:
Ich glaube, das waren die Erinnerungen, die ich noch aus meinem Gedächtnis hervorholen konnte. Irgendwann bekam ich mit, dass die Staffel ausgestrahlt wurde. Im Winter war ich mit einer Freundin auf dem Weihnachtsmarkt und dachte, ich könnte den Song auf TikTok hochladen. Zunächst ist man wegen der Rechte vorsichtig. Als ich ihn schließlich veröffentlichte, ging es dort noch einmal richtig los. Die Leute schrieben: Du bist das? Du bist die Person, die das singt? Bis heute bekomme ich Kommentare dazu.
Schon einige Wochen nach der Veröffentlichung hatte ich mir die Reaktionen auf YouTube angesehen. Später kam die Staffel, glaube ich, auch zu Netflix. Ich las die Kommentare und war überrascht, wie begeistert die Menschen waren. Durch TikTok bekam ich noch einmal viele Follower. Auch auf Instagram lud ich den Song hoch. Bis heute schreiben mir Menschen, wie cool sie das finden. Freunde erzählen, dass sie die Serie mit ihren Kindern gesehen und dabei meine Stimme erkannt haben.
Dominik:
Gibt es große Unterschiede zwischen dem Gesang im Pokémon Intro und deinen anderen Projekten? Worauf musstest du hier besonders achten?
Anna Hilbert:
Eigentlich ähnelt die Arbeit der ABBA Tribute Show. Tom sagte mir, ich solle sehr exakt wie im Original singen und auch kleine gehauchte Stellen der Echosmith Sängerin genau imitieren. Darin erkannte ich die Arbeitsweise aus den Tribute Shows wieder.
Auch das Aufnehmen vieler Spuren kannte ich aus dem Danceprojekt mit Carsten. Dort hatten wir Stimmen ebenfalls geschichtet und zusätzliche Backings eingesungen. Deshalb unterschied sich die Arbeit gar nicht so stark von meinen anderen Studioerfahrungen.
Dominik:
Das klingt nach relativ wenig künstlerischer Freiheit. Du hast beschrieben, wie wichtig dir Kreativität ist. Fühlte sich diese Arbeit dadurch eingeschränkt an?
Anna Hilbert:
Ja, das hast du richtig gehört. Manchmal meldet sich der Gedanke: Reiche ich allein nicht aus und muss jemanden imitieren, um gesehen zu werden? Gleichzeitig hört man bei den ABBA Shows trotzdem meine Stimme, und ich stehe selbst auf der Bühne. Beim Pokémon Intro schrieb kaum jemand, dass ich besonders nah am Original sei. Die Menschen sagten vielmehr, meine Stimme klinge schön und passe sehr gut. Dadurch fühlte ich mich als Sängerin gesehen.
Dominik:
Gab es Stellen, an denen du einen eigenen Impuls hattest und dachtest, eine andere Interpretation wäre besser?
Anna Hilbert:
Ich wollte vermutlich an einigen Stellen stimmlich stärker variieren. Tom sagte dann, ich solle es so singen wie im Original. Vielleicht wollte ich eine Passage kräftiger gestalten. Das entspricht meiner Art: erst etwas sanft singen und später mehr Kraft hineingeben. Er bat mich aber, auch an einer fortgeschrittenen Stelle im Intro bei dem gehauchten Klang des Originals zu bleiben. Ich möchte überall Dynamik hineinbringen, musste mich hier aber an die Vorlage halten.
Dominik:
Deine Stimme verbindet sehr unterschiedliche Resonanzräume und Zielgruppen. Ein älterer ABBA Fan ist eine andere Zielgruppe als die Pokémon Fans, die auf das Intro reagieren. Wie gehst du mit diesen verschiedenen Welten um?
Anna Hilbert:
Ich finde das großartig. Menschen aus unterschiedlichen Altersgruppen und verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen kommen auf mich zu. Das verbindet. Durch soziale Medien bewegt sich jeder zunehmend in seiner eigenen Blase. Musik kann zwischen diesen Blasen Brücken schlagen.
Dominik:
Gibt es Rituale oder Erfahrungen, die du von einem Bereich in einen anderen überträgst? Beflügeln sich deine Arbeit auf der Bühne und im Studio gegenseitig?
Anna Hilbert:
Vor einer Aufnahme oder einem Auftritt steht zunächst das Einsingen. Vor einem Auftritt mache ich es intensiver. Bei einer Studiositzung kann man zwischendurch unterbrechen, Lippenflattern machen oder andere Übungen einbauen. Ich habe außerdem fast immer meine Blubberflasche für LAX VOX dabei, also einen Schlauch, durch den man in Wasser blubbert. Sie begleitet mich zu Auftritten und Studiositzungen.
Auch vor einer Aufnahme bin ich aufgeregt. Atemübungen aus dem Einsingen helfen mir, mich zu beruhigen. Die verschiedenen Bereiche beflügeln sich auf jeden Fall gegenseitig. Im Studio merke ich manchmal, dass ich durch eine bestimmte Bühnenerfahrung automatisch eine passende Bewegung mache. Natürlich darf das Mikrofon nicht wackeln, und man soll die Bewegung nicht hören. Aber man kann mit den Augen, dem Blick oder einer kleinen Handbewegung performen.
Ich verstehe deshalb manchmal nicht, warum manche Sprecherinnen wunderbar singen, aber nie auftreten. Aus meiner Sicht stärkt sich beides gegenseitig. Bei einer Aufnahme mit einem Großmembranmikrofon hört man, ob jemand nur gerade dasteht und Ton für Ton singt oder ob Bühnenerfahrung, Vorstellungskraft und Performance in der Stimme stecken. Es hilft, sich vorzustellen, man würde den Titelsong gerade vor Publikum singen.
Dominik:
Gibt es bei einem so vielseitigen kreativen Arbeitsalltag überhaupt einen typischen Tag? Wie gehst du mit Phasen um, in denen du stark zwischen unterschiedlichen Projekten wechseln musst?
Anna Hilbert:
Durch das Unterrichten an vier Tagen in der Woche gibt es eine gewisse Stabilität. Ich merke immer wieder, dass ich sie brauche. Früher gab mir die Arbeit als Cutterin im Synchronstudio ebenfalls diese Struktur, auch finanziell. Ich ging morgens ungefähr um neun Uhr hin und kam gegen 17 oder 18 Uhr zurück.
Gleichzeitig brauche ich immer wieder einen kleinen Impuls und Abwechslung, etwa durch Auftritte am Wochenende. Im Sommer bin ich fast jedes Wochenende unterwegs. Um mental zu wechseln, meditiere ich. Während Corona begann ich, das intensiver zu machen. Inzwischen nehme ich mir zwischendurch kleine Momente, atme tief ein und sage mir: Jetzt konzentrierst du dich auf diese Aufgabe. Das Handy kommt weg, und jetzt ist genau das wichtig. Ich brauche diesen kurzen Moment der Stille bei mir, um die nächsten Aufgaben zu bewältigen.
Dominik:
Ein relativ neues Projekt von dir ist Anna Bourell. Du wirkst wie eine kreative Tausendsasserin, die immer wieder nach neuen Horizonten greift. Was ist das für ein Projekt, und wie kam es dazu?
Anna Hilbert:
Es ist ein Schlagerprojekt. Wir haben schon über den Erfolg von „Allein Allein“ gesprochen, über eine Single, die in die Charts kommt und bekannt wird. Dieser Wunsch schlummert weiterhin in mir. Der Pokémon Song ist wunderbar, aber er ist nicht mein eigener Song. Ich möchte mir mit eigener Musik eine Karriere aufbauen und irgendwann mit einem eigenen Repertoire auf Tour gehen. Das ist weiterhin ein großes Ziel.
Das Danceprojekt mit Carsten ist ein wenig eingeschlafen, auch wegen des Einschnitts durch Corona. Danach sang ich bei einigen Coverauftritten. Irgendwann sagte jemand zu mir, ich müsse dort auch Schlager singen. Dagegen hatte ich mich sehr lange gewehrt, weil Schlager für mich etwas Eingestaubtes, Altes und Einfaches hatte.
Wenn ich Musikerkollegen, die sonst Jazz spielen, so etwas vorspiele, sagen manche, es sei einfallslos oder primitiv. Vor dieser Kritik hatte ich lange Angst. Ich dachte: Du kannst jetzt doch keinen Schlager machen, wie kommt das denn an?
Durch die ABBA Arbeit veränderte sich meine Sicht. Einige sagten, ABBA sei im Grunde auch eine Form von schwedischem Schlagerpop. Agnetha war früher ebenfalls Schlagersängerin. Bei einem Auftritt sang ich dann deutschsprachigen Schlager. Das kam beim Publikum sehr gut an, und die Menschen mochten, wie ich die Songs sang. Auch Stücke von Helene Fischer bekomme ich, würde ich behaupten, gut hin. Sie sind gesanglich keineswegs einfach. Manche haben Modulationen, für die man ein gutes musikalisches Gehör braucht. Dadurch merkte ich, dass Schlager nicht so primitiv ist, wie ich gedacht hatte.
Vor allem bereitete es mir große Freude, diese Musik mit dem Publikum zu erleben. Bei einem Silvesterauftritt vor ungefähr drei Jahren gingen die Menschen richtig mit. Ich spürte selbst eine starke Freude und konnte mich immer besser in die Lieder hineinfühlen. Hinzu kam, dass ich auf Deutsch sang. Zuvor hatte ich nur gelegentlich deutsche Popsongs gesungen.
Inzwischen sagen mir Menschen, ich hätte eine sehr passende Schlagerstimme. Sie fühlen den Gesang stärker, wenn ich auf Deutsch singe, und ich empfinde ihn ebenfalls intensiver. Auch der Pokémon Song ist deutsch. Diese Erfahrungen liefen teilweise parallel. Dadurch dachte ich: Vielleicht ist es wirklich dein Weg, in deiner Muttersprache zu singen, weil du die Menschen damit berührst und dich selbst besser ausdrücken kannst.
Dominik:
Wie fühlte es sich an, diese neue künstlerische Identität zu öffnen?
Anna Hilbert:
Sie entstand gemeinsam mit Hans-Werner Olm, dem Komiker, Schauspieler, Sprecher und Produzenten. Es war ein Stück harte Arbeit, auch in den Studiositzungen. Ich musste noch einmal eine neue Stimme oder eine neue Art zu singen finden und verstehen, wie er sich den Klang vorstellte.
Unsere erste veröffentlichte Single „Leben und Lieben“ stammt aus seiner Feder. Ich musste herausfinden, wie ich meine Stimme darin ausdrücke, wie sie hervorsticht und sich von anderen abhebt. In dieser Hinsicht bin ich sogar noch dabei, mich weiter zu finden.
Dominik:
Ist dieses Schlagerprojekt aktuell dein größter Fokus, oder gibt es weitere Bereiche, auf die du dich besonders konzentrierst?
Anna Hilbert:
Der Schwerpunkt liegt auf jeden Fall auf dem Schlagerprojekt. Mit einem anderen Kollegen plane ich außerdem ein Duett, das in Richtung Schlager und Trance mit einem gewissen 90er-Jahre-Touch gehen soll.
Wenn ich auf „Allein Allein“ zurückblicke, dessen Refrain teilweise deutsch war, denke ich manchmal: Das hättest du schon vor einigen Jahren merken können. Deutschsprachiger Gesang kommt bei dir offenbar gut an. Darauf liegt deshalb mein Fokus.
Meine liebste Musikrichtung, mit der ich aufgewachsen bin, bleibt Soul, Jazz, Pop und R&B, meistens auf Englisch. Aber wir leben in Deutschland. Bei unseren ABBA Shows beschwerten sich ältere Besucher teilweise über die englischen Moderationen, weil viele von ihnen in der Schule kaum Englisch gelernt hatten. Auch wirtschaftlich muss man sehen, womit man Auftritte bekommt und wovon man leben kann. Der deutschsprachige Schlager kommt gut an, deshalb konzentriere ich mich darauf.
Dominik:
Gibt es noch einen Bereich, den du unbedingt erschließen möchtest? Vielleicht ein Genre, eine neue Form der Performance oder auch ein weiteres Pokémon Intro?
Anna Hilbert:
Ein weiteres Pokémon Intro würde ich jederzeit gerne singen. Solche Projekte sind immer willkommen. Im Synchronbereich habe ich mich als Sprecherin im vergangenen Jahr allerdings schon weitgehend zurückgezogen, nachdem größere Projekte wie „CoComelon“, bei denen ich gesprochen und gesungen hatte, ausgelaufen waren. Durch das Thema KI, die Streiks und die immer schwierigere Lage wurde es dort zunehmend problematisch.
Deshalb konzentrierte ich mich stark auf das Unterrichten und merkte, wie sehr ich darin aufblühe. Auch hier beeinflussen sich meine verschiedenen Rollen gegenseitig. Auf der Bühne ertappe ich mich manchmal dabei, das Publikum fast wie meine Schüler zu behandeln. Wenn die Menschen nicht im Takt klatschen oder mitsingen, werde ich innerlich ein bisschen streng. Dann erinnere ich mich daran, dass ich dort Sängerin und nicht Lehrerin bin.
Für das Unterrichten habe ich eine große Leidenschaft entwickelt. Ein mögliches Ziel wäre sogar, irgendwann eine eigene Musikschule zu eröffnen. Das hat sich überraschend entwickelt. Wenn ich an meinen Keyboardlehrer zurückdenke, der mich damals entdeckte, sah ich ihn manchmal bei anderen Schülern und fand, dass er etwas lustlos wirkte. Wenn mir jemand sagte, ich könne doch selbst unterrichten, dachte ich: Wie schlimm wäre das denn? Heute macht es mir unglaublich viel Spaß.
Ich liebe Kinder, unterrichte aber auch Erwachsene. Die pädagogische Herausforderung gefällt mir. Ich bin als Quereinsteigerin hineingegangen und bilde meine pädagogischen Fähigkeiten immer weiter aus. Ich liebe neue Herausforderungen und gebe gerne etwas an Menschen weiter. Dabei merke ich, wie viel ich in den vergangenen Jahrzehnten selbst gelernt habe. Es ist schön zu sehen, wie andere durch meine Hilfe lernen und besser werden.
Man muss nicht nur das eine oder nur das andere tun. Man kann verschiedene Tätigkeiten unter einen Hut bekommen. Mit meinen Methoden gelingt mir das inzwischen ganz gut.
Dominik:
Trotz der schwierigen Lage durch KI haben noch immer viele Menschen den Wunsch, im Synchronbereich, in der Musik oder in den Medien Fuß zu fassen. Was würdest du jemandem raten, der eine gute Stimme hat und einsteigen möchte, sich aber gleichzeitig vor KI fürchtet?
Anna Hilbert:
Meine ehrliche Einschätzung ist eher zurückhaltend. Ich habe Schülerinnen und Schüler, die Sprecher werden möchten. Schon früher war es sehr schwer, in die Branche hineinzukommen. Als Cutterin sah ich viele Menschen, die einmal etwas sprachen und gut waren, aber danach nie wiederkamen.
Im Synchronbereich rate ich deshalb eher zur Vorsicht. Die Filme werden auf die eine oder andere Weise deutsch, und es gibt bereits viele faszinierende, tolle Stimmen. Im Musikbereich würde ich empfehlen, ein Gesicht zu zeigen, eine eigene Identität zu entwickeln und sichtbar zu werden. Das machen inzwischen auch viele Sprecher.
Beim ganzen DJ und Remixtrend mit Felix Jaehn und anderen waren die Sängerinnen in den Videos oft gar nicht zu sehen. Damals begann schon eine gewisse Gesichtslosigkeit. Vieles wurde stark überproduziert. An diesen Klang haben wir uns durch Programme wie Logic und andere digitale Produktionsmöglichkeiten gewöhnt. Dadurch wirken auch KI Songs heute erstaunlich vertraut.
Auf einer Geburtstagsfeier hatte eine Frau für ihren Mann einen KI Song erstellen lassen. Ich dachte wirklich: Das klingt unglaublich. Ich hörte zwar, dass es KI war, unter anderem, weil sich einzelne Zeilen nicht reimten. Eine echte Sängerin hätte vermutlich versucht, einen Reim herzustellen. Trotzdem klang es, als hätte eine wirkliche Sängerin mit einer realen Band einen fertig produzierten Song aufgenommen.
Deshalb glaube ich, dass der Fokus stärker auf Liveauftritten liegen sollte. Wir sollten hervorheben, wie besonders es ist, gemeinsam mit echten Instrumenten zu musizieren. Ich kann mir vorstellen, dass es in Zukunft Konzerte mit Avataren und Hologrammen geben wird, die ausverkauft sind. Die Veranstaltungsbranche wird diesen Bereich auf jeden Fall nutzen.
Umso wichtiger finde ich die Arbeit an Musikschulen. Gerade Kindern sollte man zeigen, was Musik mit einem Menschen machen kann. Es ist nachgewiesen, dass Musizieren die Gehirnaktivität steigern, Synchronizität fördern, das Lernen erleichtern und unterschiedliche Bereiche des Gehirns miteinander verknüpfen kann.
Dominik:
Blickst du angesichts dieser möglichen Hologrammkonzerte und KI Songs eher optimistisch oder pessimistisch in die Zukunft?
Anna Hilbert:
Ich liege irgendwo dazwischen. Viele Synchronsprecher zeigen sich inzwischen stärker in den sozialen Medien und machen auf sich oder die Situation der Branche aufmerksam. Gleichzeitig gibt es Social Media schon seit zehn oder fünfzehn Jahren. Viele Sprecher sagten früher, sie fänden es großartig, einfach ins Studio zu gehen, ihre Arbeit zu machen und wieder hinauszugehen, während die Menschen nur ihre Stimme kennen.
Manche erzählten auf Geburtstagen sogar absichtlich, sie seien Mathematiker, Meteorologen oder etwas ähnlich Kompliziertes, damit nicht die ganze Aufmerksamkeit auf ihrem Beruf liege. Das kenne ich auch. Ich sage nicht immer sofort, dass ich Sängerin bin, weil ich mit den Menschen auch über Alltag, Politik oder andere Themen reden möchte und nicht nur über meinen Beruf.
Dominik:
Was wünschst du dir für die Zukunft des Musikgeschäfts und des Gesangs?
Anna Hilbert:
Ich wünsche mir, dass die Menschen sich wieder stärker miteinander verbinden. Ich schließe mich bei der Smartphone Nutzung nicht aus, aber wir sollten öfter vom Bildschirm aufsehen und uns mit den Menschen um uns herum verbinden. Gerade Kultur kann dabei eine wichtige Rolle spielen. Menschen können sich über Tanz, eigenes Musizieren oder Gesang mit Musik verbinden.
Auch unter Musikern wünsche ich mir mehr Offenheit. Es sollte nicht abfällig heißen: Das ist doch nur Schlager. Man kann stattdessen anerkennen, dass jemand Musik macht, Menschen dazu tanzen und Freude daran haben. Ein anderer wiederum hört Jazz und denkt: Was ist das für ein merkwürdiges Geklimper? Ich wünsche mir, dass sich diese Welten stärker verbinden und Kollegen nicht herablassend übereinander sprechen.
An der Digitalisierung und am Thema KI kommen wir trotzdem nicht vorbei. Schon seit 20 oder 30 Jahren entstehen mit Programmen wie Logic oder Cubase großartige Songs. Auch Künstlerinnen wie Billie Eilish zeigen, was mit digitaler Produktion möglich ist. Wir sollten diese Werkzeuge nutzen und akzeptieren, dabei aber weiterhin sehen, was ein Mensch an einem Gerät erschaffen kann.
Auch KI Ergebnisse muss man hinterfragen. Wenn man einen KI Song hört oder ChatGPT benutzt, kann man feststellen, dass eine Antwort überhaupt nicht stimmt. Ich fragte neulich nach der Mondphase. Es war Vollmond, aber das System behauptete, wir hätten Neumond. Da dachte ich: Nein, das ist falsch.
Deshalb sollten wir kritisch bleiben, miteinander im Gespräch sein, Rückfragen stellen und uns absichern. Wir sollten nicht alles allein in unserem eigenen Kosmos mit einer KI und einem Computer erledigen.
