Interview mit Dagmar Bittner in Textform
Am Ende der am 28. Dezember 2024 veröffentlichten Folge 145 von Miauz Genau! ist ein Interview mit Dagmar Bittner zu hören, Pokémon-Fans vor allem als deutsche Stimme der Arenaleiterin Valerie aus Romantia City bekannt. Das Gespräch wurde von Lukas, einem früheren Co-Host des Podcasts, auf der Doctor-Who-Convention TimeLash geführt. Im Interview spricht er mit ihr über ihre vielseitige Arbeit als Synchronsprecherin und ihre Erfahrungen mit der Rolle der auf Feen-Pokémon spezialisierten Arenaleiterin Valerie.
Auf dieser Seite findest du das Gespräch als redaktionell aufbereitetes Transkript zum Nachlesen. Die Podcast-Episode bleibt die vollständige Originalfassung, diese Textversion dient als ergänzende Möglichkeit, das Interview in Ruhe zu lesen, bestimmte Stellen wiederzufinden oder einzelne Aussagen leichter nachzuschlagen.
Da das Interview in Textform eine beachtliche Länge hat, ist es hier in ein Akkordeon-Element eingeklappt.
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Lukas:
Wie verlief dein Weg in die Synchronarbeit? War das schon immer dein Berufswunsch?
Dagmar Bittner:
Ich hatte vorher einen Beruf, in dem ich sehr unglücklich war. Es gab dort eine Mobbingsituation. Eigentlich wusste ich schon während des Studiums nicht genau, was ich wirklich wollte. In meinem damaligen Beruf ging es schließlich so weit, dass ich auf ärztlichen Rat kündigte, weil es mir damit wirklich schlecht ging.
Danach nahm ich mir ungefähr ein Jahr Auszeit, um mich zu erholen und herauszufinden, worauf ich eigentlich Lust hatte. Seit der achten Klasse hatte ich Schultheater gespielt und mich immer ein wenig in Richtung Schauspiel orientiert. Darüber kam ich mit dem Hörspielsprechen in Berührung und merkte sehr schnell, dass mir das genauso viel Spaß machte wie Schauspiel, ich dafür aber keinen Text auswendig lernen musste. Außerdem stellte ich fest, dass ich ein gewisses Talent dafür besaß.
Ich produzierte vorsichtig einige erste Demos, traute mich irgendwann, sie zu verschicken, und knüpfte Kontakte. Später wurde ich zu verschiedenen Castings eingeladen. Darunter war auch etwas im Synchronbereich, das ganz gut lief, und außerdem Hörbucharbeit.
Vor allem bin ich in das Hörbuch hineingerutscht. Vorher hätte ich mir nie vorstellen können, sechs Stunden am Tag ein ganzes Buch vorzulesen. Heute macht mir das sehr viel Spaß. Auch im Synchronbereich versuchte ich, mir einen Platz zu erarbeiten. Ich wohne allerdings nicht in einer Synchronstadt. Deshalb werde ich wahrscheinlich nie ausschließlich und hauptberuflich synchronisieren. Ich nehme mit, was sich ergibt, und freue mich riesig über jede Rolle. Deshalb war Valerie für mich etwas ganz Besonderes.
Gerade die Vielseitigkeit gefällt mir an meiner Arbeit: Werbung, Hörbuch, Synchronisation und Hörspiel. Ich mache gern alles, was Spaß bereitet.
Lukas:
Erinnerst du dich noch daran, welches Hörbuch du als Erstes gesprochen hast?
Dagmar Bittner:
Ich glaube, es war irgendein Erotikprojekt, dessen Namen ich nicht nennen werde.
Lukas:
Hattest du vor deiner Arbeit an Pokémon bereits Berührungspunkte mit dem Franchise, beispielsweise mit dem Anime, den Spielen oder den Sammelkarten?
Dagmar Bittner:
Witzigerweise nicht. Als Kind geriet ich nicht in diese Pokémon-Blase. Wahrscheinlich war ich dafür schon etwas zu alt. Das kam erst einige Jahre später.
Irgendwann wurde Pokémon GO dann unglaublich populär. Ich wollte mitreden können und installierte es ebenfalls. Tatsächlich musste ich mir noch irgendeine gecrackte Version herunterladen, weil das Spiel auf meinem Handy sonst nicht funktionierte. Danach spielte ich eine Zeit lang mit.
Ich wusste grundsätzlich, was ein Pokémon war und dass es Sammelkarten gab. Im Tonstudio stand ich dann aber vor Valeries Befehlen und den Attacken ihrer Pokémon und hatte keine Ahnung, was das alles eigentlich bedeutete. Ich musste mir vieles erklären lassen. Das fand ich sehr spannend und witzig. Ich dachte, dass es eine wirklich coole, bunte Welt sei.
Bei Pokémon GO gefiel mir besonders, wie unterschiedlich die Pokémon gestaltet waren. In Evoli verliebte ich mich sofort, weil es so niedlich und flauschig aussieht.
Lukas:
Wie kamst du zur Rolle der Valerie? Gab es dafür ein Casting, oder wurdest du direkt angefragt?
Dagmar Bittner:
Ich wurde tatsächlich direkt gefragt. Ich glaube, dass ich kurz vorher etwas Leerlauf gehabt und wieder bei verschiedenen Studios angerufen oder signalisiert hatte, dass ich gerade Zeit besaß. Offenbar passte es in diesem Moment zufällig, und so wurde ich für die Rolle angefragt.
Lukas:
Die Folgen mit Valerie liefen damals bereits 2015. Erinnerst du dich noch daran, wie es war, diese Rolle zu sprechen? Abgesehen von den ungewohnten Befehlen, gab es dabei etwas Besonderes?
Dagmar Bittner:
Eigentlich nicht. Ich weiß noch, dass ich für einen ganz kurzen Moment etwas enttäuscht war, weil ich kein Pokémon sprechen durfte. Ich hätte gern ein niedliches Pokémon gehabt.
Dann merkte ich aber, dass Valerie wirklich cool war. Ich glaube, sie war zunächst in einer Doppelfolge zu sehen und kam später noch einmal kurz vor. Vor allem finde ich ihr Outfit großartig. Das tröstete mich darüber hinweg, dass ich kein Pokémon war.
Lukas:
Valerie war als Arenaleiterin eine sehr beliebte Figur. Welchen Eindruck hattest du neben ihrem auffälligen Outfit und ihrer selbstbewussten Art von ihr?
Dagmar Bittner:
Das ist beim Synchronisieren leider schwierig, weil wir nicht die vollständige Folge sehen. Ich sehe tatsächlich nur meine eigenen Ausschnitte und die Sätze, die ich spreche. Dann erklärt mir jemand das Nötigste, damit ich die Szene gut spielen kann.
Deshalb bekam ich von der gesamten Figur nicht so viel mit. Ich nahm sie aber als starke und selbstbewusste Persönlichkeit wahr. Gleichzeitig wirkte sie auf mich fröhlich. Vielleicht täusche ich mich, aber ich fand sie auf jeden Fall sehr sympathisch.
Lukas:
Erinnerst du dich an eine besonders herausfordernde Szene mit Valerie, die sich von anderen Rollen unterschied?
Dagmar Bittner:
Nein. Anime ist generell etwas Besonderes, weil das Spiel häufig sehr ausgestellt, groß, lebhaft und emotional ist. Ich bin jemand, der sich dann mit voller Kraft hineinwirft.
Wirklich überraschen kann mich dabei wahrscheinlich nichts. Ich erwarte, dass etwas Schräges passiert oder ungewöhnliche Begriffe vorkommen, weil es eine Fantasywelt mit eigenen Regeln ist. Dafür bin ich vollkommen offen. Ich lasse mir alles erklären und finde es anschließend meistens völlig logisch, dass die Dinge genau so heißen und funktionieren müssen. Mit solchen Besonderheiten kann man mich deshalb kaum aus der Ruhe bringen.
Lukas:
Wie kann man sich die Zusammenarbeit mit der Synchronregie bei Pokémon vorstellen?
Dagmar Bittner:
Die Regie kennt Pokémon sehr gut, weil das Team bereits lange an der Serie gearbeitet hat. Deshalb kann man jede Frage stellen. Ich wurde sehr gut durch die Aufnahmen geführt. Alles, was ich wissen musste, erklärte man mir im Voraus.
Das betraf Betonungen und die Frage, wie bestimmte Befehle klingen mussten oder mit welcher Intensität sie gesprochen werden sollten. Natürlich hatte ich das Original, an dem ich mich orientieren konnte. In der deutschen Fassung waren aber teilweise Entscheidungen getroffen worden, die sich bereits über viele Folgen hinweg durchzogen. Diese Informationen bekam ich von der Regie.
Man muss darauf vertrauen, dass die Regie genau weiß, wie alles im späteren Dialog zusammenspielt. Ich biete zunächst eine Fassung an, die für mich auf Grundlage des Originals und der erhaltenen Informationen richtig wirkt. Wenn die Regie sagt, dass es passt und wir mit dem nächsten Take weitermachen, muss ich darauf vertrauen, dass sie den gesamten Dialog im Kopf hat und alles am Ende zusammenpasst. Schließlich stehe ich allein im Studio und nehme nicht gemeinsam mit einem Dialogpartner auf.
Lukas:
Hast du bei den Aufnahmen mit dem japanischen oder dem englischen Originalton gearbeitet?
Dagmar Bittner:
Ich glaube, es war Japanisch. Es ist wirklich lange her. Ich habe mehrere Animeproduktionen aufgenommen, und die anderen waren auf jeden Fall auf Japanisch.
Am Japanischen finde ich schön, dass die Sprache sehr melodisch ist. Obwohl ich sie überhaupt nicht spreche, ist mir beim stummen Mitlesen des deutschen Satzes meistens klar, an welcher Stelle sich die Figur gerade befindet und was sie ungefähr sagt. Das empfinde ich nicht bei allen Sprachen so. Bei Japanisch fällt mir die Orientierung meistens relativ leicht.
Lukas:
Wie hat sich das Synchrongeschäft in den Jahren verändert, in denen du vor dem Mikrofon arbeitest?
Dagmar Bittner:
Ich weiß nicht, ob ich dafür die richtige Ansprechpartnerin bin, weil ich nicht so viel synchronisiere. Was ich allerdings bemerke, ist der zunehmende Zeitdruck. Dialogbücher kommen häufig sehr spät. Die Übersetzung muss anschließend noch so umgeschrieben werden, dass sie zu den Lippenbewegungen passt. Wenn im Bild beispielsweise bei einem B-Laut der Mund geschlossen ist, sollte das möglichst auch im Deutschen stimmen. Darin steckt sehr viel Arbeit. Von Kolleginnen und Kollegen höre ich, dass dafür immer weniger Zeit zur Verfügung steht. Das ist sehr schade.
Außerdem werden häufiger bekannte Personen auf Rollen besetzt, weil ihr Name Menschen ins Kino locken soll, obwohl sie keine ausgebildeten Synchronschauspieler sind. Das kann professionelle Kolleginnen und Kollegen verständlicherweise frustrieren.
Von vielen Menschen aus der Branche hörte ich außerdem, dass der Autorenstreik große Lücken hinterlassen hatte, weil zeitweise nicht besonders viel auf dem Markt war. Viele waren traurig darüber, dass nur wenige Rollen verfügbar waren.
Mich selbst trifft das nicht so stark, weil ich nicht in einer Synchronstadt lebe und nicht so tief in diesem Bereich stecke. Im Hörbuch bin ich sehr beschäftigt, und dort läuft es für mich gut. Trotzdem finde ich es schade, wenn Kolleginnen und Kollegen gern mehr arbeiten würden und gerade kaum Angebote vorhanden sind.
Lukas:
Was würdest du jemandem raten, der in den Synchron- oder Hörbuchbereich einsteigen möchte?
Dagmar Bittner:
Ich sage den Menschen immer, dass es letztlich egal ist, woher sie ihr Können haben. Entscheidend ist, dass sie dieses Können tatsächlich besitzen.
Man sollte nicht auf leere Versprechen hereinfallen. Es gibt Anbieter, die einem gegen viel Geld irgendein Diplom oder eine angeblich fundierte Sprechausbildung versprechen. Wenn man ehrlich ist, existiert eine solche eindeutige Ausbildung momentan kaum. Natürlich lernt man bei diesen Angeboten möglicherweise etwas. Ob es aber genau das ist, was man für den Einstieg benötigt, ist eine andere Frage.
Besser ist es, von Menschen zu lernen, die tatsächlich in der Branche arbeiten. Diese bieten vielleicht nur gelegentlich Wochenendworkshops an, weil sie selbst berufstätig sind. Dafür kennen sie den Markt, wissen, was gebraucht wird, und können realistisch erklären, wie der Arbeitsalltag aussieht.
Daneben braucht man sehr viel Durchhaltevermögen. Es reicht nicht, etwas zu können, fünf E-Mails zu verschicken und dreimal anzurufen. Man muss über mehrere Jahre immer wieder präsent sein und sich ins Gedächtnis rufen. Gute Demos sind wichtig, ebenso Netzwerken und der Besuch von Sprecherstammtischen. Solche Treffen gibt es in fast jeder Stadt. Man findet sie beispielsweise über Sprecherverbände oder soziale Netzwerke. Für den Hörbuchbereich sind Buchmessen gute Anlaufstellen.
Der letzte wichtige Punkt ist eine gesunde Selbstkritik. Man muss kritisch einschätzen können, ob man bereits professionell klingt und, falls nicht, woran es liegt. Gleichzeitig darf diese Kritik nicht selbstzerstörerisch werden. Wenn man gut genug ist, sollte man nicht weiterhin glauben, noch immer zu schlecht zu sein und sich deshalb nicht hinauswagen.
Irgendwann muss man den Mut haben, den kleinen Schmetterling fliegen zu lassen. Manche Menschen überschätzen sich zu früh. Andere besitzen zu wenig Selbstvertrauen, obwohl sie eigentlich bereit wären. Diesen Mittelweg zu finden, ist manchmal schwierig.
