Interview mit Michael Kelsch in Textform
In der am 30. August 2023 veröffentlichten Folge 117 von Miauz Genau! ist Michael Kelsch zu Gast, der in der Pokémon-Community auch unter dem Namen „MichaelderBeste“ bekannt ist. Im Interview-Special „Der Weg nach Yokohama“ spricht Dominik mit ihm über seine Begeisterung für das kompetitive Pokémon-Spiel und seinen Weg zu den Pokémon-Weltmeisterschaften 2023 in Japan. Michael erzählt, wie er es als erster deutscher VGC-Spieler bis ins Finale der Weltmeisterschaft schaffte, welche Erfahrungen er während des Turniers sammelte und wie er die besondere Atmosphäre in Yokohama erlebte.
Auf dieser Seite findest du das Gespräch als redaktionell aufbereitetes Transkript zum Nachlesen. Die Podcast-Episode bleibt die vollständige Originalfassung, diese Textversion dient als ergänzende Möglichkeit, das Interview in Ruhe zu lesen, bestimmte Stellen wiederzufinden oder einzelne Aussagen leichter nachzuschlagen.
Da das Interview in Textform eine beachtliche Länge hat, ist es hier in ein Akkordeon-Element eingeklappt.
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Dominik:
Wann hattest du deinen ersten Kontakt mit Pokémon?
Michael Kelsch:
Das müsste 2010 oder 2011 gewesen sein. Für die Menschen, die mich noch nicht kennen: Ich bin Michael und wurde 2004 geboren. Ich habe also mit sechs oder sieben Jahren angefangen, Pokémon zu spielen. Mein erstes Spiel war „Pokémon Platin“ auf dem Nintendo DS. Ich bekam es von meiner damals zehnjährigen Cousine geschenkt und war sofort darin verliebt, diese Welt zu erkunden. Vielleicht ist „Pokémon Platin“ deshalb bis heute gemeinsam mit „Pokémon Schwarze Edition 2“ mein absolutes Lieblingsspiel. „Pokémon Schwarz und Weiß“ habe ich leider übersprungen. Diese Spiele bedeuten mir sehr viel. Umso trauriger ist es, dass ich mein Exemplar von „Pokémon Platin“ ungefähr 2016 auf einem Flohmarkt verkauft habe. Ich weiß bis heute nicht, warum ich das gemacht habe. Wenn ich zurückreisen könnte, würde ich meinem jüngeren Ich sagen: „Was tust du da? Bist du verrückt?“ Trotzdem verbinde ich sehr viel mit diesem Spiel. Es legte den Grundstein für alles, was später folgte. Wegen „Pokémon Platin“ begann meine gesamte Reise, die mich letztlich auch hierhergeführt hat.
Dominik:
Was faszinierte dich als Kind an Pokémon? Waren es die Kreaturen, die Kämpfe oder etwas ganz anderes?
Michael Kelsch:
Es war eines meiner ersten Videospiele. Ich mochte diese farbenfrohe Welt und die vielen Interaktionsmöglichkeiten. Durch Pokémon lernte ich außerdem unglaublich viel. Es half mir unter anderem beim Deutschen, bei Mathematik und später auch beim Englischen. Das unterstützte mich tatsächlich in der Schule. Ich bin generell der Meinung, dass Pokémon und Videospiele Wissen fördern und dabei helfen können, sich schulisch zu verbessern. Natürlich braucht man Rahmenbedingungen und sollte es nicht übertreiben. Grundsätzlich können Videospiele meiner Ansicht nach aber pädagogisch wertvoll sein. Pokémon war danach aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken. Ich spielte täglich, entweder die eigentlichen Spiele oder später auch auf Simulatoren und Emulatoren. Mich faszinierte diese farbenfrohe Welt, in der ich etwas lernen konnte. Auch das Levelsystem war für mich etwas Besonderes. Dazu kamen natürlich die Pokémon selbst. Ich erinnere mich noch daran, wie ich Panflam als Starter sah und mich sofort verliebte. Panflam ist bis heute mein zweitliebster Starter. Ottaro liegt bei mir noch ein wenig weiter vorn, und auch Plinfa mag ich sehr gern.
Dominik:
Sind diese Starter zugleich deine allgemeinen Lieblings-Pokémon?
Michael Kelsch:
Nein. Meine Lieblings-Pokémon stammen beide aus der fünften Generation. Früher war Zurrokex mein absoluter Favorit. Ich mochte es besonders im Anime, den ich ebenfalls vollständig verfolgt und für die älteren Generationen nachgeholt habe. Zurrokex war für mich immer ein witziger Begleiter. Das gilt auch, wenn der Anime zur fünften Generation objektiv betrachtet nicht bei allen besonders gut ankam. Er bleibt trotzdem in meinem Herzen. Mein absolutes Lieblings-Pokémon ist inzwischen Victini. Ich mag seine Hintergrundgeschichte und sein Aussehen. Es ist süß, stark und das Sieger-Pokémon. Sogar mein Online-Name „MichaelderBeste“ entstand ein wenig durch Pokémon. Ich hörte damals das Titellied mit der Zeile „Ich will der Allerbeste sein“, und daraus entwickelte sich dieser Name. Bei mir hängt wirklich sehr viel mit Pokémon zusammen.
Dominik:
Das Pokémon-Fandom ist in unterschiedliche Bereiche gegliedert, beispielsweise das Sammelkartenspiel, Pokémon GO, die Videospiele und den Anime. Welche dieser Bereiche haben dich begleitet?
Michael Kelsch:
Das Sammelkartenspiel leider kaum. In der fünften und sechsten Generation sammelte ich Karten, aber ich spielte weder bei realen Veranstaltungen noch digital kompetitiv. Pokémon GO spielte ich ebenfalls nie wettbewerbsorientiert. Als es 2016 erschien, war ich natürlich dabei. Wer damals nicht Pokémon GO spielte, war beinahe schon die Ausnahme. Pokémon UNITE spielte ich dagegen sehr aktiv. Im Jahr 2022 verpassten mein Team und ich die Qualifikation für die Weltmeisterschaft nur knapp. Man kann aber nicht alles haben.
Dominik:
Die Pokémon-Spiele für Nintendo Switch polarisieren stark. Wie blickst du auf die Ära von „Pokémon: Let’s Go, Pikachu!“ und „Pokémon: Let’s Go, Evoli!“ bis zu „Pokémon Karmesin und Purpur“?
Michael Kelsch:
Ich finde es sehr schade, dass die Spiele zumindest grafisch immer schlechter wurden. „Pokémon: Let’s Go, Pikachu!“ und „Pokémon: Let’s Go, Evoli!“ sind wirklich sehr schöne Spiele. Das kann man von „Pokémon Schwert und Schild“ leider nicht in derselben Weise behaupten. „Pokémon Karmesin und Purpur“ sehen grafisch zumindest etwas besser aus, technisch waren sie aber ein Reinfall. Das muss man leider so deutlich sagen. Die angekündigten Erweiterungen sahen sehr vielversprechend aus. Neue Pokémon, neue Attacken und viele weitere Inhalte sind Dinge, auf die ich mich freue. Wenn man dabei aber die technischen Probleme im Hinterkopf hat, ist es sehr schade. Natürlich hatten auch die ersten Generationen technische Fehler. Das war allerdings vor fast 30 Jahren und lässt sich kaum vergleichen. Die neueren Spiele sind inhaltlich gut, wenn man von diesen technischen Schwächen absieht. Ich hoffe, dass sich das mit der nächsten Nintendo-Konsole verbessert. Vielleicht erscheint auch die nächste Hauptgeneration auf der neuen Hardware.
Dominik:
Welche Bedeutung haben die Handlung, der Aufbau der Welt und die Hintergrundgeschichte bei einem neuen Pokémon-Spiel für dich?
Michael Kelsch:
Ich bin mit der vierten und fünften Generation aufgewachsen. Meiner Meinung nach besitzen die Generationen drei bis fünf durchweg solide Geschichten. Die fünfte Generation hat wahrscheinlich die beste Handlung. Es würde mich zumindest wundern, wenn jemand das vollkommen anders sähe. Die achte Generation hatte dagegen beinahe gar keine Geschichte. Am Ende wurde noch etwas hineingequetscht, was ich sehr schade fand. Ich mochte die Geschichten innerhalb der Spiele immer gern. Die Handlung der siebten Generation rund um die Æther Foundation war grundsätzlich interessant, wirkte aber nicht vollständig ausgereift. In der neunten Generation gab es drei große Handlungswege. Besonders die Geschichte nach deren Abschluss war genau das, was das Spiel brauchte. Ich bin noch immer beeindruckt davon, was dort erzählt wurde. Meiner Meinung nach ist das eine wirklich gute Geschichte. Ich hoffte deshalb, dass die Erweiterungen daran anknüpfen würden. Bei der zweiten Erweiterung erwartete ich allerdings weniger Handlung, weil dort das Kämpfen stärker im Mittelpunkt stehen sollte.
Dominik:
Was macht Pokémon aus wettbewerblicher Sicht für dich so besonders?
Michael Kelsch:
Ich spiele tatsächlich kaum andere Spiele. Ich habe etwas Erfahrung mit verschiedenen Nintendo-Titeln und versuchte einmal, Fortnite kompetitiv zu spielen. Darüber sprechen wir aber lieber nicht. Ich war jung und naiv. Wegen Pokémon begann ich sogar mit Schach, weil ich merkte, wie sehr mir strategische Dinge gefallen. Was mich stärker an Pokémon als an Schach bindet, ist der Teambuilding-Aspekt. Schach ist in dieser Hinsicht wesentlich trockener. Natürlich kann man sich mit verschiedenen Eröffnungen und Formationen vorbereiten, aber man spielt grundsätzlich immer mit denselben Figuren. Bei Pokémon gibt es durch die wechselnden Reglements ständig etwas Neues. Man freut sich darauf, theoretisch zu überlegen, was nun möglich ist. Es gibt beinahe unendlich viele Kombinationen. Auch der Glücksfaktor verleiht dem Spiel zusätzlichen Nervenkitzel. Dabei ist mir egal, ob ich selbst Glück oder Pech habe. Man muss immer berücksichtigen, dass etwas mit einer Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent oder nur zehn Prozent passieren kann. Vielleicht trifft plötzlich eine ungenaue Attacke vollständig. Das verleiht dem Spiel seinen besonderen Charme.
Dominik:
Wie wichtig ist Kreativität beim Teambuilding?
Michael Kelsch:
Ich war immer der Meinung, dass man das spielen sollte, worauf man Lust hat. Natürlich muss man darauf achten, gegenüber den Trends des Metagames nicht vollkommen chancenlos zu sein. Wenn man aber eine Idee hat, sollte man zunächst daran festhalten und versuchen, das perfekte Team darum herum aufzubauen. Häufig kennt man nicht sofort alle sechs Pokémon, die man gemeinsam spielen möchte. Man besitzt zunächst einen Grundstein. Auch wenn dieser deutlich von der Norm abweicht, sollte man versuchen, ihn zu optimieren. Genau das tat ich später auch für die Weltmeisterschaft. Für mich sind Kreativität und die Frage, womit man selbst am besten zurechtkommt, sehr wichtig.
Dominik:
Wie hast du den Wechsel von der achten zur neunten Generation empfunden, und wie bewertest du die Terakristallisierung?
Michael Kelsch:
Über den unmittelbaren Wechsel kann ich nur eingeschränkt sprechen, weil ich erst im Dezember 2022 oder Januar 2023 mit VGC begann. In der achten Generation spielte ich ausschließlich Einzelkämpfe. Dort war Dynamax aus offensichtlichen Gründen beinahe überall verboten. Die Terakristallisierung finde ich dagegen sehr gelungen. Wichtig ist für mich allerdings, dass mit offenen Teamlisten gespielt wird und man die Tera-Typen der gegnerischen Pokémon kennt. Ansonsten entsteht pures Chaos. Wenn zwei gegnerische Pokémon theoretisch jeweils alle 18 Typen annehmen und zusätzlich Tera-Ausbruch einsetzen können, lässt sich nicht für jede Möglichkeit ein sinnvoller Spielzug finden. Regieleki würde Garados mit Donnerblitz normalerweise sofort besiegen. Garados könnte aber zum Boden-Typ werden und mit Erdbeben gewinnen. Regieleki könnte genau das erwarten, zum Pflanzen-Typ werden und Tera-Ausbruch einsetzen. Ohne bekannte Tera-Typen wäre das eher ein Glücksspiel und hätte meiner Ansicht nach weniger mit Können zu tun. Deshalb bin ich ein großer Befürworter der Terakristallisierung, sofern man die gegnerischen Tera-Typen kennt. Die Rangliste spiele ich aus diesem Grund weniger gern, weil der Gegner dort wirklich jeden Typ haben kann.
Dominik:
Du warst zu diesem Zeitpunkt erst seit kurzer Zeit im VGC-Format aktiv. Wie unterscheiden sich Einzel- und Doppelkämpfe, und wie konntest du dich so schnell behaupten?
Michael Kelsch:
Ich begann ungefähr 2015, Einzelkämpfe kompetitiv zu spielen. Anfangs spielte ich vor allem Draft-Ligen, bei denen man Pokémon auswählt und mit diesem Kader gegen andere Menschen antritt. Dazu kamen viele Random Battles. Dadurch erweiterte ich mein Wissen enorm. Ich lernte sehr viel über einzelne Pokémon. Ich kann wahrscheinlich bei beinahe jedem Pokémon sagen, welche Attacken es erlernen kann, und kenne auch die Basiswerte von sehr vielen. Diese jahrelange Erfahrung half mir. Der Einstieg in VGC entstand eher zufällig. Ich wollte beim Regionalturnier in Bochum vor allem teilnehmen, um Menschen kennenzulernen, die ich zuvor nur von Discord kannte. Dann dachte ich mir, dass ich auch selbst spielen könnte. Im Dezember begann ich, mich darauf vorzubereiten. Die Weltmeisterschaften 2019 und 2022 hatte ich verfolgt, zumindest die Finalspiele. Ich wusste also, dass es diese Weltmeisterschaften gab, setzte mir anfangs aber nicht das Ziel, selbst daran teilzunehmen. Erst als Bochum so gut lief, wollte ich weiterspielen. Der Übergang war für mich nicht besonders schwierig. Durch meine jahrelange Erfahrung wusste ich, was die meisten Pokémon machten, und konnte ungefähr abschätzen, wie sich das im Doppelkampfformat mit sechs Pokémon im Team und vier eingesetzten Pokémon übertragen ließ.
Dominik:
Wie funktioniert die Qualifikation für die Weltmeisterschaften, und wie verlief deine persönliche Qualifikationsreise?
Michael Kelsch:
Für die Teilnahme benötigt man Championship Points, kurz CP. In Europa waren damals 250 Punkte notwendig. In Nordamerika brauchte man 300, weil es dort mehr Regionalmeisterschaften gab. Die Punkte erhält man bei Regionalmeisterschaften, Internationalmeisterschaften und kleineren lokalen Turnieren. Bei diesen Locals treten weniger Menschen an, man kann aber ebenfalls Championship Points gewinnen. Die lokalen Turniere wurden in dieser Saison erst sehr spät angekündigt. Am Ende wurde geprüft, wer bis zum 31. Juli die erforderlichen Punkte gesammelt hatte. Im Januar gab es eine Regionalmeisterschaft in Liverpool. Dort spielte ich noch nicht selbst, verfolgte aber das Turnier. Als ich die Menschen dort spielen sah, wollte ich ebenfalls an einem solchen Tisch sitzen. Deshalb nahm ich im Februar an der Regionalmeisterschaft in Bochum teil und erreichte sofort die Top 8. Einerseits war das ein riesiger Erfolg für mich. Andererseits entstand dadurch bei späteren Turnieren kurzzeitig das Gefühl, es sei gar nicht so schwer. Ich hatte damals noch nicht realisiert, wie schwierig es tatsächlich ist, den Top Cut zu erreichen. Bochum blieb mein einziger Top Cut der gesamten Saison. Dort erhielt ich 100 Championship Points. Im März fuhr ich mit dem Zug zum Special Event in Utrecht. Der Unterschied zwischen einem Special Event und einer Regionalmeisterschaft besteht darin, dass für dieselben Platzierungen vergleichbare Championship Points vergeben werden, man aber keinen Eintritt bezahlen muss und auch kein Preisgeld erhält. In Utrecht kam ich in die Top 32 und bekam weitere 60 Punkte. Damit stand ich bei 160. Im April folgte die Europäische Internationalmeisterschaft, kurz EUIC. Dort werden wesentlich mehr Championship Points vergeben. Ein achter Platz bei einer Regionalmeisterschaft war beispielsweise ungefähr so viel wert wie ein Platz unter den besten 128 bei der Internationalmeisterschaft. Ich beendete neun Runden mit sechs Siegen und drei Niederlagen. Ungefähr die Hälfte der Menschen mit diesem Ergebnis erhielt 100 Punkte. Ich gehörte leider nicht dazu. Ich landete ungefähr auf Platz 133 und war damit nur fünf Plätze von diesen 100 Punkten entfernt. Das war sehr frustrierend. Mein Bruder buchte daraufhin direkt die Reise nach Malmö, weil er unbedingt wollte, dass ich die Einladung noch bekam. Vor Malmö fanden drei Global Challenges statt. Das waren Online-Turniere auf der Rangliste, obwohl ich diese eigentlich nicht besonders gern spiele. Auch dort konnte man Championship Points erhalten, wobei nur die beiden besten Ergebnisse zählten. Insgesamt gewann ich dort weitere 60 Punkte und stand damit bei 220. Eine Woche vor Malmö fuhr ich sieben Stunden mit dem Zug nach Berlin, um an einem lokalen Turnier mit nur fünf Teilnehmern mitzuspielen. Ich gewann das Turnier, bekam 30 Punkte und erreichte dadurch genau die erforderlichen 250. Anschließend fuhr ich trotzdem nach Malmö, holte dort noch einmal Punkte und spielte außerdem ein weiteres Local. Am Ende der Saison hatte ich insgesamt 312 Championship Points. Die Einladung war damit sicher. Ob ich wirklich nach Yokohama fliegen würde, stand allerdings weiterhin in den Sternen. Mein ursprüngliches Ziel war nur gewesen, sagen zu können, dass ich in meiner ersten Saison die Einladung zur Weltmeisterschaft 2023 geschafft hatte.
Dominik:
Wann hast du entschieden, tatsächlich nach Japan zu fliegen?
Michael Kelsch:
Finanziell war ich durch die gesamte Saison ziemlich ausgelaugt und konnte mir die Reise eigentlich nicht leisten. Dann wurde ich auf einen Server mit einigen der besten deutschen Spieler der vergangenen Jahre eingeladen. Dazu gehörten beispielsweise Markus Stadter und weitere sehr erfolgreiche deutsche VGC-Spieler. Wir unterhielten uns, und sie sagten, ich müsse diese Chance unbedingt wahrnehmen. Sie boten sogar an, mich finanziell zu unterstützen. Außerdem bekam jeder Teilnehmer ein Competitor Kit, das man theoretisch verkaufen konnte, um einen Teil der Reisekosten wieder hereinzuholen. Teilweise hatte ich das Gefühl, dass sie stärker wollten, dass ich nach Yokohama fliege, als ich selbst. Das fand ich unglaublich lieb. Schließlich entschied ich mich, den Flug zu buchen. Den Flug buchte ich ungefähr anderthalb Monate vorher, die Hotels erst eine Woche vor der Abreise. Das war alles etwas knapp, funktionierte am Ende aber. Ich wählte natürlich die günstigste Verbindung. Beim Rückflug führte das zu einem 15-stündigen Aufenthalt in Shanghai. Dort konnte ich praktisch nichts machen. Mein Handy ließ sich nicht laden, und die passenden Kabel lagen tief in meinem vollkommen überfüllten Rucksack. Ich hatte Angst, ihn nie wieder schließen zu können, wenn ich etwas herausnahm. Deshalb saß ich 15 Stunden herum und tat gar nichts. Auch das war eine Erfahrung, die man wohl einmal gemacht haben muss.
Dominik:
Wie fühlte es sich an, zu realisieren, dass du zur Weltmeisterschaft nach Japan fliegst?
Michael Kelsch:
Ich freute mich bereits vor der Reise sehr, hatte aber auch etwas Angst, weil ich eigentlich allein fliegen sollte. Am Flughafen in Frankfurt traf ich dann zufällig Jay Leon, den ich schon seit ungefähr drei Jahren kannte. Wir wussten voneinander, dass wir beide nach Japan fliegen würden, hatten aber weder über den Tag noch über den konkreten Flug gesprochen. Beim Check-in stellten wir fest, dass wir exakt denselben Flug gebucht hatten. Am ersten Tag in Japan unternahmen wir deshalb sehr viel gemeinsam. Auch auf dem Rückflug gab es einen solchen Zufall. Einen Teil der Strecke verbrachte ich gemeinsam mit meinem späteren Halbfinalgegner Federico Camporesi. Durch diese Begegnungen waren die Aufenthalte an den Flughäfen und die Reisen wesentlich angenehmer, als ich vorher erwartet hatte. Ich freute mich ohnehin sehr auf Japan und hatte einige Dinge geplant. Ich ging zum Karaoke, besuchte ein Baseballspiel und erkundete das Land, die Natur und das Essen. Das genoss ich sehr.
Dominik:
Hattest du Schwierigkeiten mit der Sprache oder der japanischen Kultur?
Michael Kelsch:
Ich war sehr überrascht, weil ich beinahe ausschließlich Englisch sprach und damit kaum Probleme hatte. Eigentlich hatte ich geplant, vorher Japanisch zu lernen. Wegen der vielen anderen Dinge fehlte mir dafür aber die Zeit. Deshalb musste Englisch reichen, und das funktionierte erstaunlich gut. Je älter die Menschen waren, desto schwieriger wurde die Verständigung teilweise. Im Hotel benutzten wir gelegentlich eine App, in die man hineinspricht und die das Gesagte in die andere Sprache übersetzt. Das kam während der gesamten Woche aber vielleicht zwei- oder dreimal vor. Insgesamt war die Verständigung mit Englisch wesentlich einfacher, als ich erwartet hatte. In ein größeres kulturelles Fettnäpfchen bin ich meines Wissens nicht getreten.
Dominik:
Wie hast du Pokémon in Japan erlebt?
Michael Kelsch:
Das war beeindruckend. In Shibuya besuchte ich ein Pokémon Center. Dort befinden sich auch der Nintendo Store und ein Kirby Café. Später war ich außerdem im besonderen Pokémon Center der Weltmeisterschaften in Yokohama. Wenn man mit der Bahn in Yokohama ankam und den Bahnhof verließ, war alles mit Pokémon dekoriert. Auf dem Boden, an den Wänden und entlang des gesamten Weges zum Veranstaltungsort waren Pokémon und Trainer zu sehen. Ich weiß nicht, ob diese Dekorationen später entfernt wurden. Einige wirkten so, als seien sie fest im Boden eingelassen. Es war wunderschön und ließ mich beinahe träumen. Seit ich meine ersten Weltmeisterschaften verfolgt hatte, wollte ich selbst einmal teilnehmen. Als ich aus dem Bahnhof kam und alles sah, dachte ich: „Jetzt bin ich wirklich hier. Jetzt muss ich die Zeit genießen und anschließend abliefern.“ Allein dort zu sein und das alles zu erleben, war eine großartige Erfahrung.
Dominik:
Wie hast du dich auf die Weltmeisterschaft vorbereitet?
Michael Kelsch:
Ich glaube, dass ich zu den Menschen gehörte, die sich vergleichsweise wenig vorbereitet haben. Die Weltmeisterschaft wurde in einem neuen Reglement gespielt, in dem zuvor kein offizielles Turnier stattgefunden hatte. Ungefähr sechs Wochen vorher fand noch die Nordamerikanische Internationalmeisterschaft statt. Dort gewann Àlex Gómez mit einem sehr starken Core aus Katapuldra und Baojian. Diese Kombination gefiel mir sofort. Ich nahm diesen Core und entwickelte in ungefähr zwei Wochen meine eigene Variante darum herum. Dabei ersetzte ich mehrere Pokémon und baute letztlich ein vollständig eigenes Team. Von der ersten bis zur letzten Version spielte ich drei sehr große Online-Turniere, die teilweise 500, 600 oder 700 Teilnehmer hatten. Bei allen drei Turnieren erreichte ich die Top 10. Danach wusste ich, dass dieses Team das richtige war. Zweieinhalb bis drei Wochen vor den Weltmeisterschaften tat ich deshalb überhaupt nichts mehr. Mein Team stand fest. Ich spielte nicht weiter und dachte möglichst wenig an die Weltmeisterschaft. Auch in Japan wollte ich zunächst einfach meine Zeit genießen. Erst als am Freitag die erste Runde begann, wechselte ich in den Gedanken: „Ich spiele jetzt wirklich die Weltmeisterschaft.“ Natürlich wusste ich, dass ich nicht ausschließlich für einen Urlaub nach Japan geflogen war. Ich wollte mich vorher aber nicht unnötig unter Druck setzen. Für mich war das die richtige Entscheidung. Vielleicht war gerade diese Pause ein Teil meines Erfolgsrezeptes.
Dominik:
Was bezeichnet man beim Teambuilding als Core, und wie sah dein Team aus?
Michael Kelsch:
Ein Core ist der grundlegende Bestandteil eines Teams und besteht meistens aus zwei oder drei Pokémon. Man kann ihn als den eigentlichen Plan bezeichnen, um den das Team herum funktionieren soll. Mein Haupt-Core bestand aus Katapuldra und Baojian. Diese Kombination hatte bereits im April eine Regionalmeisterschaft in Amerika und später die Nordamerikanische Internationalmeisterschaft gewonnen. Dazu nahm ich Heatran. In Heatran hatte ich mich bereits zu Beginn von Regulation D verliebt, als ich verschiedene neue Möglichkeiten testete. Das vierte Pokémon war Farigiraf. Es passte perfekt in das Team, weil seine Fähigkeit bestimmte Prioritätsattacken blockiert. Das war für Katapuldra unglaublich wichtig. Als Nächstes nahm ich Gortrom hinzu, um mit Mogelhieb arbeiten zu können. Das Grasfeld war ebenfalls sehr nützlich. Zuvor hatte ich Eisenhand auf diesem Platz, merkte aber, dass ich ein Pflanzen-Pokémon benötigte. Den letzten Platz besetzte ich mit Wulaosu im fließenden Stil. Zuvor hatte ich dort Flatterhaar, was ebenfalls keine ungewöhnliche Wahl gewesen wäre. Wulaosu hob das Team aber noch einmal auf ein anderes Niveau und rundete es sehr gut ab. Mit diesen sechs Pokémon ging ich in das Turnier.
Dominik:
Wie läuft ein Tag bei einer solchen Weltmeisterschaft grundsätzlich ab?
Michael Kelsch:
Das richtige Mindset war für mich sehr wichtig. Wenn man ein Spiel verliert, darf man nicht zu lange darüber nachdenken, traurig oder wütend werden. Selbst wenn man großes Pech hatte, muss man versuchen, mental stabil zu bleiben. Wenn Menschen tilten, führt das zu nichts. Am Anfang gab es die Eröffnungszeremonie. Dort wurde unter anderem viel getrommelt. Ich möchte nicht sagen, dass sie langweilig war, aber ich bin kein besonders großer Fan von Trommeln. Verglichen mit der Zeremonie von 2022 gefiel sie mir weniger. Anschließend setzt man sich seinem Gegner gegenüber an einen Tisch. Ich versuchte immer, ein wenig Small Talk zu führen. Ich fragte meine Gegner, seit wann sie spielten, gratulierte ihnen zur Qualifikation und wollte wissen, wie ihnen die Atmosphäre gefiel. Mit einigen japanischen Spielern war das schwieriger, weil sie kein Englisch sprachen. Wir fanden aber trotzdem Wege, miteinander zu kommunizieren. Eine Runde wird als Best-of-Three gespielt. Wer zuerst zwei Spiele gewinnt, gewinnt die Runde. Danach unterschreiben beide Spieler den Match Slip, der bei der Turnierleitung abgegeben wird. Anschließend wartet man, bis sämtliche Begegnungen beendet sind. Wenn das eigene Match nur 15 Minuten dauert, kann es deshalb passieren, dass man fast eine Stunde warten muss. Daran gewöhnt man sich. Danach folgen die nächsten Runden. Am ersten Tag wurden sieben Runden gespielt. Für die Qualifikation zum zweiten Tag benötigte man fünf Siege. Ich erreichte diese bereits nach der fünften Runde und hätte theoretisch gehen können. Ich blieb aber, um meine Freunde anzufeuern und die Veranstaltung weiter zu genießen. Die Stimmung war bombastisch. Dieses Erlebnis lohnt sich nicht nur als Teilnehmer, sondern auch als Zuschauer.
Dominik:
Konntest du vor Ort viele Menschen aus der Community kennenlernen?
Michael Kelsch:
Die Weltmeisterschaft ermöglichte mir, zahlreiche Online-Bekanntschaften und Menschen zu treffen, zu denen ich teilweise schon länger aufblickte. Zuvor konnte ich sie beispielsweise nur im Stream der Nordamerikanischen Internationalmeisterschaft sehen. Das ist ein großer Unterschied. Es ist vergleichbar damit, ob man einen Menschen nur aus dem Fernsehen oder von YouTube kennt oder tatsächlich mit ihm spricht. Durch das gemeinsame Hobby und das gemeinsame Spiel konnten wir uns vor Ort über unsere Erfahrungen austauschen. Ich bin sehr froh, dass ich diese Reise nicht nur wegen des Ergebnisses unternommen habe. Auch wegen der neuen Bekanntschaften und der Menschen, die ich endlich persönlich treffen konnte, hat sie sich sehr gelohnt.
Dominik:
Wie bewertest du deine Kämpfe vor dem Finale?
Michael Kelsch:
Der erste Tag war etwas stressiger, weil ich zweieinhalb Wochen lang nicht gespielt hatte. Die erste Runde war also zugleich mein erstes Spiel nach dieser Pause. Diese fehlende Praxis bemerkte ich. Die erste Runde gewann ich 2:0. In den vier folgenden Runden musste ich jeweils in ein drittes Spiel und gewann 2:1. Wenn es 1:1 steht und man weiß, dass das nächste Spiel sehr viel entscheidet, ist das nervenaufreibend. Trotzdem spielte ich am ersten Tag sehr gut. Ich war auch mit meiner Teamwahl zufrieden, weil ich nur wenige Attacken verwendete, die verfehlen oder zusätzliche Zufallseffekte auslösen konnten. Viele Spiele verliefen dadurch relativ neutral.
Dominik:
Gab es während des Turniers auch eine negative Begegnung?
Michael Kelsch:
Ja. Es war allerdings eine absolute Ausnahme. Ich spielte in dieser Saison gegen ungefähr 50 Gegner, und nur einer verhielt sich so. Das war mein Gegner in der zweiten Runde des ersten Tages. Im dritten Spiel kämpfte ich gegen die Kombination aus Heerashai und Nigiragi, durch die Heerashai seine Statuswerte erhöht. Hinter einem Reflektor konnte mein Baojian mit Knirscher ungefähr sieben Prozent Schaden verursachen. Alternativ konnte ich Eiszapfhagel einsetzen. Das machte etwas weniger Schaden, besaß aber eine Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent, den Gegner zurückschrecken zu lassen. Ich setzte die Attacke siebenmal ein. Obwohl sie eine Genauigkeit von 90 Prozent besitzt, verfehlte sie zweimal. Nur einmal löste sie den Zurückschreck-Effekt aus. Das war also eher unglücklich für mich. Nachdem ich den Match Slip genommen hatte und abgeben wollte, zog mein Gegner mich zu sich und versuchte, mir eine Ohrfeige zu geben. Ich konnte ausweichen. Danach schrie er mich an, wie schlecht ich sei und warum ich mich so stark auf Glück verließe. Dabei war Eiszapfhagel in dieser Situation der beste Spielzug. Was bringen mir zwei Prozent mehr Schaden, wenn der Gegner bei der anderen Attacke in 30 Prozent der Fälle nicht handeln kann? Außerdem hatte ich bereits zweimal verfehlt und den Effekt in vier weiteren Fällen nicht bekommen. Neben uns spielten andere Menschen, die durch das Schreien ebenfalls gestört wurden. Ein Judge kam bereits zu uns. Ein Freund meines Gegners sagte dann, er solle mich in Ruhe lassen und werde noch sein Karma bekommen. Wahrscheinlich hätte ich ihn disqualifizieren lassen können, wenn ich den Vorfall gemeldet hätte. Am Ende des Tages erreichte er nur vier Siege bei drei Niederlagen und schaffte den zweiten Tag nicht. Für mich war das tatsächlich ein verdientes Karma. Alle anderen Gegner waren sehr freundlich. Man konnte sich auch nach einem Sieg oder einer Niederlage unterhalten, wünschte sich gegenseitig Glück und gab sich die Hand oder eine Faust. Die Atmosphäre war insgesamt sehr angenehm. Ich möchte diese Ausnahme trotzdem erwähnen, damit neue Teilnehmer wissen, dass nicht immer alles vollkommen harmonisch verläuft.
Dominik:
Wie verlief der zweite Turniertag?
Michael Kelsch:
Am zweiten Tag spielte ich vollkommen über meinen normalen Möglichkeiten. Zunächst trat ich gegen einen Spieler an, der in der nordamerikanischen Rangliste auf dem siebten Platz stand und mit mehr als 1.000 Championship Points eine automatische Einladung für den zweiten Tag erhalten hatte. Ich gewann beide Spiele 4:0, ohne ein eigenes Pokémon zu verlieren. Gegen den folgenden Gegner gewann ich ebenfalls zweimal 4:0. Danach spielte ich gegen einen Franzosen, der seit 2018 antrat und bei seinen Weltmeisterschaften immer die Top 16 erreicht hatte. Auch gegen ihn gewann ich. Anschließend verlor ich gegen Emilio Forbes, den Finalisten der Weltmeisterschaft 2018. Das war eine großartige Serie, und er spielte besser als ich. Diese Begegnung war neben dem späteren Finale meine einzige Niederlage. Emilio ist außerdem ein toller Mensch. Danach spielte ich gegen Tang Shiliang. Er hatte am ersten Tag Wolfe Glick aus dem Turnier geworfen. Wolfe Glick ist in der VGC-Szene sehr bekannt. Gegen Tang Shiliang gewann ich ebenfalls zweimal 4:0. Damit stand ich bei fünf Siegen und einer Niederlage und wusste, dass ich den Top Cut erreicht hatte. Insgesamt qualifizierten sich 26 Spieler. Wenn ich auch die siebte Runde gewinnen würde, bekäme ich in der ersten K.-o.-Runde ein Freilos. Mein Gegner war Víctor Medina, den ich während der Runden sehr gut kennengelernt hatte. Wir hatten immer wieder darüber gescherzt, was passieren würde, wenn wir gegeneinander spielen müssten, und wollten das eigentlich vermeiden. Umso besser war es, dass wir erst aufeinandertrafen, als wir beide bereits sicher im Top Cut waren. Ich gewann und erhielt dadurch das Freilos.
Dominik:
Was geschah anschließend im Top Cut?
Michael Kelsch:
In den Top 16 passierte zunächst eine Katastrophe. Ich führte 1:0 und war auch im zweiten Spiel am Gewinnen, als die gesamte Verbindung an unserem Tisch abbrach. Ich weiß nicht, was der genaue Grund war. Weil bereits ein Pokémon besiegt worden war, durften wir das Spiel nicht neu beginnen. Es wurde stattdessen als Unentschieden gewertet. Im dritten Spiel hatte ich extremes Pech und verlor. Damit stand es nach dem vorgesehenen Best-of-Three 1:1 mit einem Unentschieden. In einem solchen Fall wird ein Sudden Death gespielt. Das hatte ich vorher noch nie erlebt. Am Ende jeder Runde wird dabei kontrolliert, wie viele Pokémon beide Spieler noch besitzen. Wenn es beispielsweise 4:3 steht, gewinnt der Spieler mit mehr verbliebenen Pokémon. Bei einem Gleichstand geht es weiter, bis jemand in der Überzahl ist. Meine erste Runde in diesem vierten Spiel war absolut katastrophal, die zweite ebenfalls. Ich war deutlich am Verlieren. In der dritten Runde gelang mir dann der Read meines Lebens, durch den ich doch gewann. Mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen. Danach stand ich in den Top 8. Dort spielte ich gegen Nikolaj Høj Nielsen. Als ich unsere Teams verglich, wusste ich, dass mein Team ein gutes Matchup gegen seines hatte. Ich gewann 2:0. Im Halbfinale traf ich auf Federico Camporesi, der genau dasselbe Team spielte wie Nikolaj. Deshalb gewann ich auch diese Begegnung 2:0 und stand plötzlich im Finale.
Dominik:
Während des Turniers wurden mehrere Menschen wegen manipulierter Pokémon disqualifiziert. Wie hast du das erlebt?
Michael Kelsch:
Das verursachte bei mir während des gesamten Turniers Herzklopfen. Ich war mir ziemlich sicher, dass meine Pokémon nicht manipuliert waren. Vier hatte ich selbst besorgt, zwei hatte ich von Freunden ertauscht. Dabei musste ich darauf vertrauen, dass sie mir legitime Pokémon gegeben hatten. Eine hundertprozentige Sicherheit hatte ich deshalb nicht. Gleichzeitig hörte man ständig, dass jemand disqualifiziert worden war oder ein bestimmtes Pokémon nicht mehr verwenden durfte. Man wurde nicht in jedem Fall sofort vollständig disqualifiziert. Teilweise wurde nur das betroffene Pokémon aus dem Team entfernt. Wenn man anschließend mit vier Pokémon weiterspielen muss und der Gegner bereits genau weiß, welche vier man auswählen wird, ist das beinahe unmöglich. Wenn drei Pokémon entfernt werden, kann man überhaupt nicht mehr antreten. Ich wollte deshalb am liebsten nach der zweiten Runde zur Turnierleitung gehen und mein Team sofort prüfen lassen. Das war aber nicht möglich. Während des gesamten ersten Tages wurde mein Team erst sehr spät kontrolliert. Im Hinterkopf blieb dadurch immer die Frage: Was passiert, wenn ich gerade vier Siege habe und nun plötzlich disqualifiziert werde? Glücklicherweise war mit meinem Team alles in Ordnung.
Dominik:
Wie stehst du grundsätzlich zum Generieren und Manipulieren von Pokémon?
Michael Kelsch:
Ich finde es nicht grundsätzlich verwerflich und würde es nicht verbieten, solange das Pokémon innerhalb des Spiels legal ist. Es darf natürlich keine veränderten Statuswerte oder Attacken besitzen, die es normalerweise nicht haben kann. Wenn sämtliche Eigenschaften denen eines regulär erhältlichen Pokémon entsprechen, sehe ich persönlich kein großes Problem. Viele Menschen haben nicht die Zeit, für jedes Turnier ein vollständig neues Team zu züchten und zu fangen. Hinzu kommt, dass bestimmte Pokémon oder Attacken nur in älteren Spielen erhältlich sind. Ein neuer Spieler, der erst mit „Pokémon Karmesin und Purpur“ beginnt, kann beispielsweise Wulaosu nicht einfach in diesen Spielen erhalten. Wenn er keine Freunde besitzt, die es ihm tauschen, muss er zusätzlich „Pokémon Schwert“ oder „Pokémon Schild“ und die entsprechende Erweiterung kaufen. Für Ursaluna benötigt man wiederum „Pokémon-Legenden: Arceus“. Dazu kommen möglicherweise sowohl „Pokémon Karmesin“ als auch „Pokémon Purpur“, weil manche Paradox-Pokémon nur in einer Edition vorhanden sind. Dann gibt man schnell 240 Euro für verschiedene Spiele aus und muss sie zusätzlich vollständig durchspielen, nur um an die benötigten Pokémon zu gelangen. Das ist meiner Meinung nach absurd. Eigentlich müsste The Pokémon Company eine legale und wesentlich einfachere Möglichkeit bereitstellen, wettbewerbsfähige Teams zusammenzustellen. Ich werde meine eigenen Teams weiterhin regulär beschaffen. Trotzdem halte ich ein pauschales Verbot des Generierens für übertrieben, solange an den Pokémon selbst alles legal ist. Sobald jemand unzulässige Attacken oder veränderte Werte benutzt, sieht man das und kann die Person entsprechend disqualifizieren.
Dominik:
Hattest du bei den Weltmeisterschaften den Eindruck, gegen Teams mit unzulässigen Pokémon anzutreten?
Michael Kelsch:
Nein, überhaupt nicht. Auch bei den anderen Turnieren während der Saison hatte ich dieses Gefühl nicht. Zwei Wochen vor den Weltmeisterschaften wurde eine E-Mail verschickt, in der ausdrücklich vor strengeren Kontrollen gewarnt wurde. Meiner Meinung nach war das genügend Zeit, um sich legale Pokémon zu besorgen. Einige Menschen glaubten trotzdem, dass diese Ankündigung nur ein Bluff sei, und generierten ihre Teams weiterhin. Sie gingen dieses Risiko ein und wurden teilweise dafür bestraft. Bei Regional- und Internationalmeisterschaften hatte es während der Saison meines Wissens kaum Probleme gegeben, weil die Prüfungen dort nicht so streng waren. Nun sind viele Spieler für die kommende Saison verunsichert. Müssen sie für jedes monatliche Turnier ein neues Team regulär besorgen? Werden die Kontrollen bei der nächsten Weltmeisterschaft noch strenger? Man weiß momentan nicht genau, wo die Grenze liegt.
Dominik:
Vor dem Finale hast du angekündigt, eine Überraschung vorbereitet zu haben. Was meintest du damit?
Michael Kelsch:
Ich hätte natürlich sagen können, dass Farigiraf die Überraschung sei, weil es nur von wenigen Menschen gespielt wurde. Das meinte ich aber nicht. Meine eigentliche Überraschung war eine Idee, die vielleicht in einem von 1.000 Fällen relevant wird. Ich spielte ein Katapuldra mit Wahlband und der Attacke Tiefschlag. Tiefschlag besitzt normalerweise fünf Angriffspunkte und kann auf maximal acht erhöht werden. Mein Katapuldra hatte genau sechs Angriffspunkte. Dafür gab es einen konkreten Grund. Stellen wir uns vor, vor mir steht ein Flatterhaar mit Energiekapsel und Initiative-Erhöhung. Ich habe nur noch Katapuldra, und Flatterhaar besitzt ungefähr die Hälfte seiner Kraftpunkte. Weil ich durch das Wahlband nach der ersten Attacke auf diese festgelegt bin, würde Flatterhaar zunächst Schutzschild einsetzen, um zu sehen, welche Attacke ich wähle. Wenn ich Tiefschlag einsetze, würde der Gegner anschließend Schutzschild wiederholen, bis sämtliche Angriffspunkte von Tiefschlag verbraucht sind. Manche Gegner greifen bereits nach dem fünften Versuch an, weil sie annehmen, dass keine AP-Plus-Items verwendet wurden. Deshalb wäre bereits ein sechster Tiefschlag eine kleine Überraschung. Ein erfahrener Gegner würde aber von den maximal möglichen acht Angriffspunkten ausgehen und weiter Schutzschild einsetzen. Wenn der Schutzschild in der sechsten Runde erfolgreich war, würde er es in der siebten Runde vermutlich erneut versuchen. Dann besitze ich aber keinen Tiefschlag mehr. Katapuldra setzt stattdessen automatisch Verzweifler ein und könnte damit Flatterhaar besiegen. Dasselbe Prinzip funktioniert gegen ein Baojian mit Fokusgurt. Der Gegner würde versuchen, sämtliche Tiefschläge durch Schutzschild aufzubrauchen, und könnte anschließend unerwartet durch Verzweifler besiegt werden. Das war mein besonderer Plan. Er kommt äußerst selten zum Einsatz, hätte im Finale aber theoretisch relevant werden können. Am ersten Turniertag spielte ich bereits mit sechs Angriffspunkten. Hätte man mich im Stream gesehen und diese Zahl bemerkt, hätte ich für den zweiten Tag möglicherweise sieben gewählt. Weil ich am ersten Tag nicht übertragen wurde, blieb ich bei sechs.
Dominik:
Während der übertragenen Begegnungen trugt ihr Kopfhörer. Was war darauf zu hören?
Michael Kelsch:
Leider keine schöne Musik. Ich hätte gern die Musik aus Claw City oder aus dem Sternenturnier gehört. Stattdessen lief ein starkes Störgeräusch. Dadurch sollten wir das Publikum nicht hören, weil dort Dinge gerufen werden könnten, die einen unfairen Vorteil verschaffen. Meiner Erinnerung nach konnte man wegen dieses Rauschens auch die Geräusche und die Musik des Spiels nicht mehr hören. Das war schade, auch wenn ich verstehe, warum es notwendig war. Am zweiten Tag hatte ich meine eigenen Kopfhörer im Hotel vergessen. Ich fragte einen Teilnehmer, den ich aus den großen Limitless-Online-Turnieren kannte, ob er mir welche leihen könnte. Ich brachte sie am Ende versehentlich mit nach Deutschland, weil der zweite Turniertag so lange dauerte und ich anschließend noch ein Interview geben musste. Ich gab ihm deshalb Geld dafür. Besonders kurios ist, dass ich der erste Spieler war, der ein Finale der Weltmeisterschaft erreichte, ohne zuvor in einem offiziellen Streamspiel gezeigt worden zu sein. Normalerweise werden beide Halbfinals übertragen. In diesem Jahr war das erstmals nicht der Fall, und ausgerechnet mein Halbfinale lief nicht im Hauptstream. Aus Sicht der Zuschauer war ich deshalb plötzlich einfach im Finale.
Dominik:
Wie blickst du auf das Finale gegen Shohei Kimura zurück?
Michael Kelsch:
Ich war nicht so nervös wie er. Bei seinem Interview merkte man, dass er teilweise nur mit einem Wort antwortete und etwas zitterte. Für mich fühlte sich das Match erstaunlicherweise nicht wie ein Finale an. Es war eher wie die Runden davor. Das konnte gut oder schlecht sein, war für mich aber eher hilfreich, weil ich zuvor eine Bilanz von 14 Siegen und einer Niederlage hatte. Ich hatte bereits bei einem großen Online-Turnier mit mehr als 500 Teilnehmern gegen Shohei Kimura gespielt und damals 2:0 gewonnen. In beiden Spielen hatte ich in der ersten Runde Phantomkraft mit Katapuldra eingesetzt. Vor dem Finale sagte er zu mir, dass er sich auf den Rückkampf freue. Ich wusste deshalb, dass er sich an unsere erste Begegnung erinnerte. Genau das brachte mich zum Überdenken. Ich dachte, er würde nun mit Phantomkraft rechnen. In beiden Finalspielen setzte er in der ersten Runde Pilzspore von Hutsassa auf mein Katapuldra ein. Hätte ich erneut die Geist-Terakristallisierung und Phantomkraft gewählt, wäre ich der Pilzspore ausgewichen und hätte nach meiner späteren Analyse beide Spiele gewinnen können. Im ersten Spiel verlor ich zusätzlich durch das Zurückschrecken nach einem Eiszapfhagel. Ich war darüber aber nicht besonders wütend, weil Shohei die erste Runde vollkommen richtig gelesen hatte. Im zweiten Spiel dachte ich erneut, dass er Phantomkraft respektieren würde. Wieder setzte er Pilzspore auf Katapuldra ein. Danach wusste ich beinahe schon, dass das Spiel verloren war. Pokémon ist normalerweise nicht so stark von einer einzelnen Entscheidung abhängig. In diesem besonderen Matchup und aufgrund unserer gemeinsamen Vergangenheit entstand aber genau dieses Mindgame. Gegen jeden anderen Spieler hätte ich vermutlich einfach Phantomkraft eingesetzt. Er gewann verdient. Vielleicht war die Niederlage für mich langfristig sogar gut. Es wäre beinahe schade gewesen, bereits mit 19 Jahren in meiner ersten VGC-Saison Weltmeister zu werden. Ich möchte diesen Titel auch in den nächsten Jahren weiterverfolgen. Das bedeutet nicht, dass ich nach einem Sieg aufgehört hätte. Durch die Niederlage bin ich aber noch stärker angespornt.
Dominik:
Wie ging es unmittelbar nach dem Finale weiter?
Michael Kelsch:
Direkt nach einem verlorenen Spiel möchte man ungern gefragt werden, woran es gelegen hat. Man weiß selbst sehr genau, woran es lag, möchte es aber nicht sofort erklären. Ich freute mich trotzdem für Shohei. Im Stream sah man hoffentlich, dass ich mich fair verhielt. Natürlich war ich zugleich enttäuscht. Nach dem Spiel folgte die Zeremonie, bei der die Finalisten und Sieger auf die Bühne geholt wurden. Als ich danach herunterkam, fühlte ich mich trotz der Niederlage ein wenig wie ein Star. Menschen wollten sofort Fotos und Unterschriften. Obwohl ich niedergeschlagen war, sagte ich zu niemandem Nein. Anschließend führte IGN ein Interview mit mir, ebenso „Die Welt“ und noch ein amerikanisches Medium. Mit The Pokémon Company gab es nach dem Finale kein weiteres Interview. Ich holte dort nur noch meine Preise ab. Das vor dem Finale gezeigte Interview war bereits in der Nacht von Samstag auf Sonntag gegen Mitternacht aufgenommen worden. Wegen der ganzen Termine kam ich erst ungefähr um zwei Uhr morgens in mein Hotel. Das Taxi musste ich außerdem selbst bezahlen. Insgesamt war meine Gefühlslage merkwürdig. Ich hätte mich wahrscheinlich noch stärker über das Ergebnis freuen können, hätte aber ebenso wesentlich niedergeschlagener sein können.
Dominik:
Wie viel hast du von den Reaktionen aus Deutschland mitbekommen?
Michael Kelsch:
Schon am Samstagabend und besonders am Sonntag erhielt ich unglaublich viele Nachrichten. Darüber war ich sehr glücklich, zugleich war die Menge beinahe überfordernd. Plötzlich hatte ich 256 ungelesene Discord-Nachrichten, obwohl ich normalerweise bei null stehe. Ich fand es sehr lieb und wollte mich bei jedem Menschen bedanken, konnte das aber gar nicht schaffen. Nach dem Finale las ich auf den deutschen Servern nach, wie sehr die Menschen mich angefeuert und beglückwünscht hatten. Neben der deutschen Szene unterstützten mich auch die Menschen aus der amerikanischen Tub-Nation-Gruppe und aus der Smogon-Community. Dort wurde überall auf das Finale aufmerksam gemacht. So etwas geschieht nicht jeden Tag. Es war großartig zu sehen, wie viele Menschen hinter mir standen. Ich hoffe, bei einer kommenden Weltmeisterschaft erneut das Finale zu erreichen und diesmal neue Geschichte zu schreiben.
Dominik:
Wie verlief die Rückreise und das Ankommen in Deutschland?
Michael Kelsch:
Einerseits freute ich mich darauf, nach Hause zu kommen, meine Familie und die anderen Menschen wiederzusehen. Andererseits war es traurig, Japan zu verlassen. Am Flughafen traf ich Luca Lussignoli und Federico Camporesi. Luca hatte am ersten Tag fünf Siege ohne Niederlage und am zweiten Tag sieben Siege ohne Niederlage erreicht. In den Top 16 verlor er gegen Federico ebenfalls erst nach einem Sudden Death, der aufgrund eines Verbindungsabbruchs notwendig geworden war. Die beiden Italiener waren unglaublich nett. Während der Wartezeit am Flughafen in Tokio tauschten wir uns aus und sprachen über die Zukunft. Federico streamte bereits, und ich überlegte ebenfalls, damit anzufangen. Dadurch war die Wartezeit sehr entspannt. In Shanghai konnte ich dagegen nicht schlafen. Meine Trophäe galt als Handgepäck, und ich fand kein Schließfach. Deshalb musste ich die ganze Zeit wach bleiben und auf sie aufpassen. Danach hatte der Weiterflug noch eine Stunde Verspätung. Ich war vollkommen müde und genervt. In Frankfurt fuhr ich mit dem Zug nach Düsseldorf, weil ich dort bei Freunden übernachten wollte. Ich wohne weit im Norden in der Nähe von Hamburg und konnte abends nicht mehr einfach nach Hause fahren. Außerdem wollte ich mit dem Deutschlandticket reisen und kein zusätzliches ICE-Ticket kaufen. Natürlich gab es auch auf dieser Strecke Verspätungen. In Düsseldorf wurde ich von meinen Freunden Sylvi und Tobi sehr herzlich empfangen. Ein weiterer Bekannter kam sogar extra aus Aachen und schenkte mir Karten meiner sechs Team-Pokémon, die nebeneinander in einem Bilderrahmen angeordnet waren. Das war unglaublich lieb. Danach fuhr ich weiter in Richtung Hamburg. Der Zug blieb stehen, weil Menschen über die Gleise liefen. Meine Eltern und mein Bruder warteten bereits auf mich, aber ich kam erst drei Stunden später gegen Mitternacht an. Der Empfang war trotzdem sehr herzlich. Ich freute mich sehr, meine Familie wiederzusehen, und sie war ebenso froh, dass ich wieder zu Hause war.
Dominik:
Wie sieht dein Plan für die nächste Saison und die kommenden Weltmeisterschaften aus?
Michael Kelsch:
Ich werde bei der nächsten Weltmeisterschaft dabei sein. Daran gibt es für mich keinen Zweifel. Wie viel Zeit ich in das Teambuilding investiere, hängt vom jeweiligen Format ab. In „Pokémon Schwert und Schild“ gab es beispielsweise ein Format mit zwei legendären Pokémon, die beinahe jedes Team verwenden musste. Davon war ich kein großer Freund. Vielleicht würde ich mich aber auch damit anfreunden. In der kommenden Saison wollte ich auf jeden Fall die beiden deutschen Regionalmeisterschaften in Stuttgart und Dortmund mitnehmen. Stuttgart war für den 9. und 10. Dezember geplant, Dortmund für den 10. und 11. Februar. Zwischen Dezember und Februar gab es außerdem eine Wertungsperiode für Travel Awards zur Europäischen Internationalmeisterschaft. Die acht besten Spieler dieses Zeitraums sollten eingeladen werden und die Reise bezahlt bekommen. Wenn ich in Stuttgart ein gutes Ergebnis erreichen würde, wollte ich deshalb im Januar zusätzlich nach Liverpool fahren und anschließend in Dortmund spielen. Damit hätte ich drei Gelegenheiten, genügend Punkte für einen Travel Award zur Europäischen Internationalmeisterschaft zu sammeln. Die EUIC wollte ich anschließend ebenfalls mitnehmen. Das große Ziel waren schließlich die Weltmeisterschaften im August 2024 auf Hawaii.
