Interview mit Michael Schwarzmaier in Textform
In der am 14. März 2021 veröffentlichten Folge 59 von Miauz Genau! ist Michael Schwarzmaier zu Gast, vielen Pokémon-Fans vor allem als langjährige Stimme des Erzählers im Anime bekannt. Im Interview-Special „Erzähl mir vom Erzähler“ spricht Dominik mit ihm über seinen beruflichen Weg, seine Erfahrungen als Schauspieler und Synchronsprecher, die Veränderungen in der Synchronbranche und natürlich über seine Verbindung zu Pokémon.
Auf dieser Seite findest du das Gespräch als redaktionell aufbereitetes Transkript zum Nachlesen. Die Podcast-Episode bleibt die vollständige Originalfassung, diese Textversion dient als ergänzende Möglichkeit, das Interview in Ruhe zu lesen, bestimmte Stellen wiederzufinden oder einzelne Aussagen leichter nachzuschlagen.
Da das Interview in Textform eine beachtliche Länge hat, ist es hier in ein Akkordeon-Element eingeklappt.
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Dominik:
Wie kam es zu der Entscheidung, Schauspieler zu werden? Wie bist du überhaupt zum Schauspiel gekommen?
Michael Schwarzmaier:
Wenn wir ganz zurückgehen: Ich war im Internat in Neubeuern bei Rosenheim und habe dort Abitur gemacht. Da war ich die letzten drei Jahre. Wenn man damals erst in der Oberstufe dorthin kam, wurde man teilweise ziemlich gemobbt, weil das schon eine verschworene Gemeinschaft war. Dort gab es eine Theatergruppe, die mich interessiert hat. Ich habe mich gemeldet, und dann haben sie gemerkt: Der ist gar nicht so schlecht. Ich bekam zunächst eine mittlere Rolle, dann eine Hauptrolle. Schließlich haben wir „Winnetou in der Wolfsschlucht“ gespielt. Das ist etliche Jahre her, aber davon wird heute noch gesprochen. Das war richtiges Freilufttheater, alles draußen, mit selbst gemachten Gewehren und solchen Sachen. Es gab dort einen Erzieher, der früher Opernsänger gewesen war. Irgendwann war er in den Orchestergraben gefallen und hatte sich am Rücken verletzt, sodass er den Beruf nicht mehr ausüben konnte. Ich weiß nicht, wie er dann Erzieher geworden ist. Er sagte irgendwann zu mir: „Michael, ich glaube, du solltest dir diese Richtung überlegen.“ Ich sagte: „Das werde ich tun.“ Er gab mir außerdem mit auf den Weg: „Trage nie Gürtel, immer Hosenträger. Das ist gut für die Stütze und für deine Atmung.“ Das habe ich allerdings nie gemacht, denn Hosenträger waren so etwas von out. Die trugen irgendwelche alten Männer im Unterhemd, die draußen in der Sonne saßen und auf den Tod warteten. Ich dachte: Das ist nicht mein Ding. Ich habe meinen Weg trotzdem gemacht, auch mit Gürtel. Mein Vater war, wie viele Väter, sehr dagegen. Weil er damals am längeren Hebel saß, habe ich zunächst in Marburg studiert und bin dann nach Berlin gekommen. Dort hatte ich einen ehemaligen Klassenkameraden, dessen Mutter Schauspielmanagerin war. Sie verwies mich an meine spätere Schauspiellehrerin. Das war eine der großen privaten Schauspielschulen in Berlin, Else Bongers. Als zweite gab es noch Lise Ludwig. Else Bongers hatte früher das Ufa-Nachwuchsstudio geleitet. Bei ihr waren Hildegard Knef, später auch Götz George und viele andere berühmte Leute. Ich habe dort meine drei Jahre absolviert, zunächst heimlich, und nebenbei weiter studiert. Dann brach ich das Studium ab und ging zu meinem ersten Engagement nach Verden an der Aller. Natürlich gab es Ärger mit meinem Vater, aber ich dachte, das muss ich aushalten. Irgendwann muss man sich freimachen. Von da an habe ich mich sehr freigemacht und hatte eine ganze Weile nur noch losen Kontakt zu meinem Vater, überhaupt zu meinen Eltern. Das hat sich später einigermaßen gegeben. Er hat meinen Beruf erst richtig akzeptiert, als ich Erfolg hatte, am Staatstheater Hannover, später an den Kammerspielen oder als ich gedreht habe. Das hat ziemlich lange gedauert. Später habe ich herausgefunden, dass es vielleicht auch daran lag, dass er selbst als Jugendlicher und in der Schule Theater gespielt und wohl einen ähnlichen Wunsch gehabt hatte. Vielleicht dachte er: Warum soll der das machen, was ich mir immer gewünscht habe? Das wurde nie ausgesprochen, und vielleicht ist diese Deutung auch falsch. Mein Vater war jedenfalls ein sehr künstlerischer Mensch und spielte hervorragend Klavier. Trotzdem kam es bei ihm nicht gut an, dass ich Schauspieler werden wollte. Ich habe es gemacht, es hat funktioniert, und ich habe es bis heute keine Sekunde bereut.
Dominik:
Die Schauspielbranche gliedert sich in verschiedene Bereiche, etwa Fernsehen, Film und Theater. Dazu gehört auch das Synchronschauspiel, das im Volksmund oft nur als Synchronsprechen bezeichnet wird, obwohl es eine eigene Form des Schauspiels ist. Wie bist du von den anderen Schauspielbereichen zum ersten Mal zum Synchron gekommen?
Michael Schwarzmaier:
Mein allererster Kontakt war noch während der Schauspielschule. Wir wurden als Schüler bei Wenzel Lüdecke, der Berliner Synchron, in einen Film geholt. Ich habe dort einen Jugendlichen synchronisiert. Das war ein ziemlich schrecklicher Film mit brutalen Jungs und lauter brutalen Sachen. Danach passierte lange nichts mehr. Als ich in Hannover war, habe ich in Bremen etwas für den Funk gemacht. Erst später, hier in München, ging es mit dem Synchron richtig los. Was das Erste war, weiß ich gar nicht mehr. Es waren viele Sachen. Ich hatte einen großen Förderer, Dr. Rabanus. Den gibt es heute noch, er ist inzwischen über 90. Er synchronisierte auch Shakespeare-Verfilmungen und arbeitete damals viel mit Michael Ande und den Wepper-Brüdern. Bei ihm habe ich einige große Rollen gespielt, etwa „Die Sterne blicken herab“ von Cronin und „Nicholas Nickleby“. Er hat mich gefördert und immer wieder genommen. Ich hatte das ziemlich schnell heraus, auch durch meine fundierte Schauspielausbildung und meine jahrelange Theatererfahrung. Ich war zwölf oder dreizehn Jahre fest am Theater, später hatte ich noch Gastspiele an der Kleinen Komödie und am Hansa-Theater in Berlin. Danach war ich nicht mehr fest engagiert, weil ich auch viel gedreht habe. Ich merkte, dass alles eine andere Wertigkeit hat, ob man dreht, Funk macht oder synchronisiert. Inzwischen mache ich hauptsächlich Hörbücher, neben bestimmten Synchronsachen, die ich natürlich weiterhin übernehme. Man muss es können, und richtig kann man es eigentlich nur, wenn man Spaß daran hat. Das ist für mich das Wichtigste. Ich hatte immer Spaß. Wenn ich heute ein Hörbuch vorbereite, freue ich mich auf das Sprechen und danach auf das nächste. Beim Synchron ist man natürlich auch von der Nachfrage abhängig. Was wollen sie von dir? Für welche Rolle können und wollen sie dich nehmen? Viele von den ganz jungen Kollegen treffe ich gar nicht mehr. Früher standen wir gemeinsam am Mikrofon. Heute wird alles geixt, das heißt, jeder wird einzeln aufgenommen. Seinen Spielpartner muss man sich vorstellen.
Dominik:
Das ist eine gute Überleitung zu den Abläufen. Wie hat sich das Synchrongeschäft von damals bis heute verändert?
Michael Schwarzmaier:
Es hat sich sehr viel geändert. Heute ist alles digital. Früher gab es Schleifen. Jeder einzelne Take war eine Schleife, die mit einer Klebelade geklebt wurde. Es gab sogar den eigenen Beruf des Schleifenklebers, der die Schleifen einlegte. Monitore oder fernsehgroße Bildschirme gab es nicht. Wir synchronisierten an einer großen Leinwand. Es konnte passieren, dass man dachte, die Leinwand gehe in Flammen auf. Dann war nur die Schleife hinten heiß gelaufen und in Brand geraten. Man wurde zum Beispiel für zehn Uhr bestellt. Es gab ein Konversationszimmer, in dem man sich aufhielt. Dort bekam man noch viel Klatsch und Tratsch mit und traf die anderen Kollegen. Heute sieht man Kollegen nur noch, wenn jemand verspätet ist oder zu früh kommt. Damals saß man zusammen. Dann hatte man vielleicht zehn Takes, anschließend hieß es, man habe eine Pause. Man ging hinaus, wartete, trank Kaffee und unterhielt sich. Wenn man bis drei Uhr disponiert war, hatte man seine Stunden, vielleicht mit Mittagspause, und am Ende nur 50 Takes gesprochen. Heute kommt man hin, ist in drei Stunden fertig und hat 130 Takes, weil alles direkt hintereinandergeht. Das funktioniert, weil jeder einzeln aufgenommen wird. Es ist einfach ökonomischer. Gespart wird, wo es geht. Was uns Schauspieler, die auch synchronisieren, immer ärgert: Im Grunde hat sich die Gage seit 20 Jahren nicht groß verändert. Wir arbeiten noch ungefähr für das, was es vor 20 Jahren gab. Es gibt nur minimale Anpassungen. Weil wir nicht richtig gewerkschaftlich organisiert sind, wird viel darüber geredet, aber niemand handelt. Dann heißt es: „Wenn du es nicht machst, macht es ein anderer.“ In Amerika ist das ganz anders. Die Leute, die eine Folge der „Simpsons“ synchronisieren, bekommen dafür schon 50.000. Das sind völlig andere Preise. Wenn du bei uns eine Rolle bei den „Simpsons“ hast, zum Beispiel meinen Bürgermeister Quimby, kommt der vielleicht einmal vor und hat in einer Folge vier Takes. Weil wir uns alle kennen, sagt man dann: „Mach mir den auch noch“, natürlich mit einer anderen Stimme. Dann spreche ich noch ein paar andere Figuren, habe insgesamt 20 Takes und bekomme meine Komm-Gage und meine Take-Gage. Da arbeitest du für eine Handvoll Dollar. Synchron ist nichts, womit man reich wird. Es sei denn, man ist sehr gefragt und steckt von morgens bis abends im Studio. Das möchte aber auch niemand ununterbrochen. Die meisten Synchronschauspieler spielen außerdem Theater oder drehen, nicht alle, aber viele.
Dominik:
Wie sieht die Verteilung zwischen diesen Schauspielbereichen aus? Gibt es Schauspieler, die vor allem synchronisieren und weniger klassisch spielen, oder versucht man ungefähr die Waage zu halten?
Michael Schwarzmaier:
Es gibt sehr gute Schauspieler, die überhaupt nicht synchronisieren können. Ebenso gibt es Schauspieler, die keine Hörbücher sprechen können. Das muss man ausprobieren, oder man wird ausprobiert und merkt, ob es klappt. Manche kommen durch Learning by Doing zum Synchron. Mein Sohn Tim hat das Synchronisieren, ebenso wie seine Schwestern, durch mich kennengelernt. Es werden immer Kinder gebraucht, und die können natürlich noch keine Ausbildung haben. Wie sollte ein Siebenjähriger eine Sprech- oder Schauspielausbildung haben? Ich wurde gefragt, ob meine Kinder synchronisieren könnten. Ich sagte: „Keine Ahnung, das müsst ihr ausprobieren.“ Das wurde gemacht, und alle drei stellten sich als talentiert heraus. Tim hat dann Harry Potter gesprochen, allerdings nur in den ersten beiden Filmen, weil Daniel Radcliffe in den Stimmbruch kam und Tim noch nicht. Das war natürlich trotzdem etwas ganz Besonderes, gerade als Harry Potter besetzt zu werden. Tim hatte nie eine Schauspielausbildung. Heute ist er 30, lebt in Berlin, weil dort mehr gemacht wird, und arbeitet hauptsächlich im Synchron. Er macht auch Voice-over und Bücher, aber Synchron ist sein Hauptberuf. Er macht das nicht als ausgebildeter Schauspieler, sondern weil er es gelernt hat, dabeigeblieben ist und es bis heute hervorragend macht. Er ist einfach gut, und das wird akzeptiert. Es gibt Leute, die kritisieren, dass man unbedingt eine fundierte Ausbildung brauche. Ich habe ebenfalls versucht, ihn ein wenig zur Schauspielschule zu drängen, aber er sagte: „Das will ich nicht, das ist nicht mein Ding.“ Ich schlug wenigstens Abendunterricht vor, doch auch das wollte er nicht. Also dachte ich: Jeder ist seines Glückes Schmied. Mein Vater hatte versucht, mich in verschiedene Richtungen zu drängen, und ich musste mich gegen viele Widerstände durchsetzen. Deshalb wollte ich das bei meinem Sohn lieber lassen und ihn seinen Weg gehen lassen. Er wirkt sehr glücklich und ist ein gefragter Sprecher. Ich habe nie bereut, dass ich ihn nicht weiter gedrängt habe, auch wenn ich ihn gern einmal auf der Bühne oder im Film gesehen hätte. Er hat sogar Theater gespielt. Bei Cordula Trantow in Garmisch spielte er den kleinen Prinzen, und er war ein fabelhafter kleiner Prinz. Aber offenbar war das nicht sein Ding. Mein Ding war es immer. Als ich Schauspieler wurde, gab es sehr wenige Möglichkeiten. Damals gab es ARD und ZDF, das war es zunächst. Später kamen die Privatsender hinzu. Auch beim Synchron galt: Wenn du nicht in einer Metropole lebtest, in der synchronisiert wurde, wurdest du nicht gefragt. Du konntest ein Spitzenschauspieler in Darmstadt oder einer anderen kleineren Stadt sein. Selbst in Hannover wurde nicht synchronisiert, als ich dort am Theater war, ebenso wenig in Göttingen. Man musste in Köln oder Düsseldorf, Berlin, Hamburg oder München sein. Erst dann kam man überhaupt hinein.
Dominik:
Wie bereitet man sich auf eine Synchronrolle vor? Gibt es bestimmte Techniken, ein Warm-up oder eine inhaltliche Annäherung an die Rolle?
Michael Schwarzmaier:
Wenn du eine Hauptrolle sprichst, bekommst du oft die DVD und kannst dir den ganzen Film vorher ansehen. Dann kannst du dich darauf vorbereiten. Im Großen und Ganzen gehst du als sehr erfahrener Synchronsprecher hin und machst es. Du kannst vorher ein paar Sprechübungen machen, wenn du deine Stimme etwas ölen willst. Das mache ich meistens im Auto auf dem Weg zur Arbeit. Dann bist du da, bekommst deinen Take im O-Ton vorgespielt, hast den Text vor dir und weißt, wie es läuft. Du hörst die Betonung des Schauspielers, der die Rolle gespielt hat, und hast deine Erfahrungswerte. Du kennst dich und deine Stimme als Material. Du weißt, wie du sie einsetzt. Du weißt auch, dass Weinen schwer ist und Lachen am allerschwersten. Weinen ist noch leichter als Lachen. Beim Synchron natürlich zu lachen, ist eine echte Herausforderung. Eine andere Herausforderung ist es, wenn der Übersetzer dir 27-mal das Wort „schließlich“ in den Text geschrieben hat. „Schließlich“ und „Kunststoff“ sind Wörter, über die man gern stolpert. Ansonsten läuft es einfach. Als erfahrener Synchronsprecher musst du dich nicht groß vorbereiten.
Dominik:
Gibt es Momente, in denen es schwerfällt, zwischen den eigenen Emotionen und denen des synchronisierten Charakters zu trennen? Kann diese Grenze verschwimmen?
Michael Schwarzmaier:
Natürlich bringst du vieles von dir ein. Du hast dich selbst als Material. Du weißt, was du kannst, und musst dir glauben. Wenn etwas kommt, das dich sehr heftig packt, kann es passieren, dass du am Mikrofon anfängst zu weinen. Ich erinnere mich an die Anfänge meiner Synchronkarriere. Ich glaube, es war tatsächlich „Nicholas Nickleby“ von Dickens. Da kam Nicholas an die Front eines Krieges, wurde verletzt und wachte in einem Lazarett auf. Dann sprach er mit jemandem, ungefähr zehn Minuten lang, weinte, brach zusammen und erzählte, wie schrecklich dieser Krieg sei. Ich war völlig außer mir, hatte mich emotional so hineingeworfen, dass ich wirklich weinte. Zwei Kollegen waren damals bei mir, denn wir spielten noch gemeinsam. Es gab dort einen Innenhof, in dem sie mich auf und ab führten, mir über den Rücken strichen und sagten: „Es ist okay, das ist ja toll.“ Das waren Reiner Basedow und Peter Mosbacher. Es war genial. Sie wussten genau, was mit dem jungen Kollegen los war. Später entwickelt man eine gewisse Routine, die man aber nur bedingt abrufen sollte, denn die Gefühle müssen vorhanden sein. Wenn Tränen im Spiel sind, musst du nicht unbedingt wirklich weinen, aber die Leute sollen dir vollkommen glauben, dass du weinst. Es gibt auch Szenen mit Ausbrüchen und Schreien. Man kann nicht einfach losschreien. Zunächst wird der Tonmeister wahnsinnig und muss das Mikrofon entsprechend einstellen, damit man den Ton nicht zerreißt. Dann muss man den Ton setzen. Wenn du eine Minute lang schreist, wird das nicht in einem Stück aufgenommen. Das sind oft drei oder vier Takes, die du bei jeder Emotion fugenlos aneinander anschließen musst. Dafür brauchst du die Kraft und musst dir das zutrauen. Der Film wurde vielleicht über zwei Monate gedreht, und der Schauspieler hatte Zeit, sich darauf vorzubereiten. Du sollst die Emotionen an einem Tag packen und rüberbringen. Wenn der Film ausgestrahlt wird, sollen die Leute nicht sagen: „Der Schwarzmaier hatte aber wohl einen schlechten Tag, als er das synchronisiert hat.“ Sie sollen gar nicht merken, dass es synchronisiert ist. Es soll praktisch eins zu eins sein. Du sollst derjenige sein, den der Kollege verkörpert hat, der eben kein Deutsch spricht. Manche Dinge kleben einem wie Pech am Hintern. Das ist zum Beispiel Daniel Stern aus „Kevin allein zu Haus“, der lockige Gangster. Dann heißt es: „Den hast du doch gesprochen.“ Ja, den habe ich gesprochen. Wir beiden Gangster haben Kevin allerdings nie gesehen. Wir waren nur einen oder anderthalb Tage da und haben das aufgenommen. Das ist ungefähr 30 Jahre her. Trotzdem bleibt so etwas bei den Leuten hängen. Wenn du sensible Sachen machst, etwa Fabrice Luchini synchronisierst oder französische Filme sprichst, fällt das gar nicht weiter auf. Das soll es eigentlich auch nicht. Du bist im Grunde nur der Vermittler. Beim Hörbuch ist es genauso. Es geht nicht darum, dass Michael Schwarzmaier dieses oder jenes spricht. Die Leute sollen das Buch so hören, als würden sie es lesen, und vergessen, dass es ihnen erzählt wird. Als Schauspieler auf der Bühne oder beim Fernsehen kannst du deinen ganzen Körper und deine ganze Person einbringen. Wenn du synchronisierst oder ein Hörbuch sprichst, bist du ein Dienstleister für den Autor oder den Schauspieler. Du bist es nicht selbst. Oft ziehst du deine Befriedigung einfach daraus, etwas anständig gemacht zu haben. Das finde ich schön.
Dominik:
Dann reisen wir auf dem Zeitstrahl weiter zu Pokémon und zunächst zum Casting. Wie bist du auf Pokémon aufmerksam geworden, oder wie ist Pokémon auf dich aufmerksam geworden? Wie lief der Castingprozess für die Stimme des Erzählers ab?
Michael Schwarzmaier:
Ich wurde angerufen und gefragt: „Hast du dann und dann Zeit?“ Ich fragte: „Worum geht es?“ Da hieß es: „Das ist eine neue Serie, Pokémon. Wir haben gedacht, du wärst gut für den Erzähler.“ Es gab kein Casting und gar nichts. Die Leute kannten mich. Der Aufnahmeleiter wusste, wie Schwarzmaier spricht. Er wusste, dass ich warmherzig und sachlich sprechen kann, und fand mich genau richtig. Das wurde mit dem Regisseur abgesprochen, und ich hatte die Rolle, ohne zu wissen, was auf mich zukommt. Vielleicht gab es für Ash und andere Figuren ein Casting, vermutlich weil das jugendliche Stimmen waren. Meine Stimme wurde einfach genommen, und ich wurde genommen. Das war in Ordnung. Niemand dachte lange darüber nach. Wir wussten auch nicht, wie lange die Serie laufen und dass Pokémon ein riesiger Hype werden würde.
Dominik:
Du warst plötzlich Teil dieser Geschichte, und inzwischen wurde sogar das 25. Jubiläum der gesamten Pokémon-Reihe gefeiert. Wie wirkte das Pokémon-Universum damals auf dich, als du angefangen hast, dich als Erzähler damit zu befassen?
Michael Schwarzmaier:
Eigentlich wirkte es überhaupt nicht auf mich. 1999 hatte ich drei Kinder zu erziehen und musste das Geld für meine Familie verdienen. Zu der Zeit, als Pokémon lief, sah ich eigentlich nie fern. Ich weiß nicht, wie wenig Pokémon ich tatsächlich gesehen habe. Ich muss es schlicht und brutal sagen: Der Erzähler bei Pokémon war keine großartige Rolle. Ich wartete hauptsächlich darauf, dass die nächste Folge eingelegt wurde, denn der Erzähler war am Anfang, am Ende und ganz selten einmal in der Mitte zu hören. Dann hieß es: „Wir wechseln“, die Folge wurde gewechselt, und danach kam wieder etwas. Wenn man eine Rolle wie Ash, Mauzi oder eine andere Hauptfigur hatte, war das natürlich etwas anderes. Dann hielt man sich tagelang im Studio auf. Bei mir war eine ganze Staffel Pokémon an einem Vormittag oder in zwei Stunden abgefrühstückt. Weil es relativ wenig war, gaben sie mir meistens noch irgendein Pokémon dazu. Dann musste ich „Gorga“ oder „Sas“ oder Ähnliches sagen und Geräusche machen.
Dominik:
Ab 2005 wurde deine Arbeit als Erzähler um die Synchronrolle des Team-Rocket-Bosses Giovanni erweitert. Wie ging es dir damit? Da hattest du einen richtigen Charakter, mit dem du arbeiten konntest.
Michael Schwarzmaier:
Das ist immer schön. Der Erzähler ist, wie der Name sagt, ein Erzähler. Er hat keine großen Emotionen. Er muss am Anfang erzählen, was jetzt los ist, und am Schluss, was los war. Giovanni ist dagegen eine Figur wie jede andere, die man synchronisiert. Man achtet darauf, wie der Originalton klingt und wie der englische oder amerikanische Schauspieler die Figur gesprochen hat, denn es ist keine natürliche Figur und kein Mensch. Es ist trotzdem nichts, bei dem man sagt: „Das habe ich so toll gemacht. Wenn es in drei Monaten gesendet wird, muss ich mir das unbedingt ansehen.“ Bis dahin hat man schon wieder so viel anderes gemacht, dass man es gar nicht mehr weiß. Anders ist es nur, wenn man regelmäßig eine bestimmte Serie oder ein wiederkehrendes Ereignis sieht, so wie viele Menschen jeden Sonntagabend vor dem „Tatort“ sitzen. Ich habe in drei „Tatorten“ mitgespielt und sie mir angesehen. Sonst sehe ich nur ab und zu einen. Ich bin niemand, der sich regelmäßig vor bestimmte Fernsehsendungen setzt.
Dominik:
Du warst zu diesem Zeitpunkt bereits als Erzähler etabliert. Wie kam es dazu, dass du zusätzlich als größerer, wiederkehrender Antagonist Giovanni besetzt wurdest? Hast du das selbst angeregt, oder kam die Entscheidung von der Produktion?
Michael Schwarzmaier:
Das machen die einfach. Du kommst hin, und dann sagen sie: „Wir haben hier noch etwas für dich.“ Das ist dann ein Additional Character. Darüber wird nicht lange geredet. Ich bin ausgebildeter Schauspieler, ich kann das, und das wissen sie. Sie wissen auch, dass man die Figur mit einer anderen Herangehensweise sprechen muss. Giovanni kann man natürlich nicht genauso sprechen wie den Erzähler. Man macht es einfach. Darüber denkt man gar nicht lange nach, weil man weiß, dass man es hinbekommt. Man sagt nicht: „Darauf muss ich mich jetzt lange vorbereiten“ oder „Wie sind die ausgerechnet auf mich gekommen?“ So ist es nicht.
Dominik:
Wie viel Gelegenheit hattest du während der Arbeit an Pokémon, dich mit anderen Sprecherinnen und Sprechern auszutauschen?
Michael Schwarzmaier:
Es ist eigentlich egal, was man synchronisiert. Wenn du Kollegen triffst, unterhältst du dich natürlich mit ihnen. Gerade als Erzähler wurde ich allerdings oft allein bestellt. Dann sah man andere Kollegen nur, wenn man beispielsweise bis zwölf Uhr disponiert war, doch etwas länger brauchte und der nächste Kollege etwas früher kam. In dieser Pause unterhielt man sich fünf oder zehn Minuten. Gerade Pokémon war für mich schon eine gute Vorbereitung auf die einsamen Zeiten, die wir heute am Mikrofon haben. Früher gab es wirklich lustige Erlebnisse mit allen möglichen, auch hochrangigen Schauspielern, mit denen man gemeinsam synchronisierte. Aber das sind alte Schwänke. Ein junger Kollege kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, dass man zu zweit oder zu dritt nebeneinander am Mikrofon stand.
Dominik:
Gab es innerhalb der damaligen Pokémon-Besetzung konkrete Kolleginnen oder Kollegen, deren Casting du besonders bemerkenswert fandest?
Michael Schwarzmaier:
Ich habe einige Folgen gesehen und fand, dass alles sehr gut lief. Die machten das hervorragend. Besonders witzig fand ich, dass Ash immer von jungen Frauen gesprochen wurde, weil man es überhaupt nicht merkte. Das wurde von ihnen fantastisch gemacht, und sie hatten damit gar keine Probleme. Sie machten es jahrelang. Es ist ähnlich wie bei Sandra Schwittau, die bei den „Simpsons“ seit Jahrzehnten Bart spricht. Da sagt man: Anders kann diese Stimme gar nicht klingen. Was ich von Pokémon gesehen habe, war sehr rund, schlüssig und gut gemacht.
Dominik:
Ab April 2012 hast du den Erzähler nicht mehr gesprochen, weil die Rolle umbesetzt wurde. Wie kam es zu dieser Entscheidung? Ging sie vom Studio, von der Regie oder von der Produktion aus, oder war es deine Entscheidung?
Michael Schwarzmaier:
Das kam relativ überraschend. Zunächst wurde ich gar nicht benachrichtigt. Ich wunderte mich, weil ich wusste, dass Pokémon weiterlief. Die Redaktion hatte mich klammheimlich ausgetauscht. Frau Grupe erzählte mir dann, glaube ich: „Es tut mir leid, aber da gab es eine Redakteurin, die gesagt hat, der Schwarzmaier sei als Erzähler nicht mehr tragbar, weil er lispelt.“ Ich dachte: Ich habe den Erzähler jetzt zwölf Jahre lang gelispelt, und niemand hat es gemerkt. Diese Redakteurin hatte plötzlich einen Kieker auf mich. Ich habe keine Ahnung, wer sie war. Vielleicht hatte ich sie bei einer anderen Gelegenheit einmal verärgert. Ich weiß es nicht. Jedenfalls hatte sie mich abgesägt, für mich und alle anderen grundlos. Ein S-Fehler wäre doch vorher schon einmal aufgefallen. Jeder hat ein spezielles S, aber vielleicht war sie auf meines besonders allergisch. Von einem Tag auf den anderen war ich nicht mehr der Erzähler. Das war nicht so, dass mir damit meine Lebensgrundlage entzogen wurde, aber ich hatte mich daran gewöhnt. Einmal im Monat fuhr man ins Studio, sprach den Erzähler, alles war schön, und man freute sich darauf. Ich kannte schon die ganzen Arenen, wusste, wohin sie jetzt kamen und welcher Donnerblitz als Nächstes folgte. Dann war es plötzlich, als würde jemand sagen: „Du darfst nicht mehr im Esszimmer essen, du musst jetzt in der Küche essen.“ Sie hatten mir richtig den Stuhl vor die Tür gestellt. Ich begriff es nicht, und niemand, mit dem ich darüber sprach, begriff es. Manchmal passieren solche Dinge. Damit muss man sich abfinden und kann ihnen nicht lange hinterherweinen.
Dominik:
Du hattest den Erzähler über viele Jahre, Folgen und Staffeln gesprochen. Deine Stimme war für die ersten 14 Staffeln sehr prägend, und viele Fans verbinden damit viel Nostalgie. Ich erinnere mich, dass die Umbesetzung in meinem damaligen Umfeld für ratloses Kopfschütteln sorgte.
Michael Schwarzmaier:
Die Fans haben sich damals vielleicht noch nicht so sehr auf die Hinterbeine gestellt, dass man überlegt hätte, die Entscheidung rückgängig zu machen. So etwas ist aber schon passiert. Ich glaube, das erste Mal war es bei einer Serie, die Jugendliche heute nicht mehr kennen: „Bonanza“. Das lief in der Steinzeit des Fernsehens. Dort wurde, glaube ich, einmal die Stimme von Hoss geändert. Es gab einen solchen Aufstand, dass die Änderung rückgängig gemacht werden musste. Der ursprüngliche Sprecher war nicht gestorben. Aus irgendeinem Grund sollte er die Rolle nur nicht mehr sprechen. Das ging durch die Zeitungen und das Fernsehen und wurde zu einem richtigen Aufruhr. Damals gab es allerdings nur ARD und ZDF. Ich habe selbst erlebt, dass ich eine schöne Rolle nicht bekam oder verlor. Ich hatte Chris Noth jahrelang in „Law & Order“ gesprochen. Später wurde er in „Sex and the City“, oder war es „Desperate Housewives“, zu Mr. Big. Diese Serie wurde in Berlin synchronisiert, während ich in München lebte. Anfangs hatte er nur ein paar Takes. Da sagte man: „Ach komm, für diese Rolle nehmen wir den und den.“ Dann wurde die Figur immer größer, und plötzlich hatte der andere Sprecher meinen Schauspieler übernommen, weil man mich für die paar Takes am Anfang nicht geholt hatte. Später wurde die Figur leitend und groß. Aber meine Güte, darüber kann man auch nicht weinen. Das sind wirtschaftliche Überlegungen. Man müsste mich einfliegen und mir ein Hotel bezahlen, und für ein paar Takes lohnt sich das nicht. Es gibt Rollen, die mit ihren Stimmen verwachsen sind, wie Bruce Willis mit Lehmann. Bruce Willis kann keine andere Stimme bekommen. Solche Kollegen werden dann auch geholt. Meistens sind das Hauptrollen, bei denen von Anfang an klar ist, wie groß sie sind.
Dominik:
Angenommen, die Produktion würde heute sagen: „Wir wollen zurück zum Original“ und dich fragen, ob du wieder als Erzähler in Pokémon einsteigen möchtest. Hättest du Lust, die Rolle noch einmal zu übernehmen?
Michael Schwarzmaier:
Natürlich würde ich das machen. Die Serie ist mir damals ans Herz gewachsen, und ich habe die Arbeit gern gemacht. Außerdem wäre es wieder ein guter Job. Ich habe den Erzähler gern gesprochen und nie gesagt, dass ich ihn nicht mehr machen wollte. Es lag nicht an mir. Wenn man mir die Rolle wiedergeben würde, wäre ich sofort dabei. Das ist überhaupt keine Frage. Die einzige Frage ist, ob man jetzt noch einmal eine Änderung vornehmen möchte.
Dominik:
Würdest du sagen, dass Deutschland heute ein gutes Synchrongeschäft hat?
Michael Schwarzmaier:
Deutschland hat gute Synchronisationen. Beim Business ist es so, dass man sehr viel machen muss, um davon leben zu können. Wenn man nicht zur ersten Garde gehört, ist es kein Geschäft, bei dem man selbstverständlich sagen kann, dass man davon lebt. Viele Leute sagen: „Ich habe doch eine gute Stimme. Warum sollte ich nicht synchronisieren?“ Dabei bedenken sie nicht, dass eine fundierte Ausbildung und eine gewisse Erfahrung dazugehören. Synchron ist etwas, das man können und mögen muss. Man kann nicht jahrelang einen künstlerischen Beruf ausüben, an dem man keinen Spaß hat. Das kann man vielleicht im Steueramt oder an der Kasse bei Edeka machen. Etwas Künstlerisches kann man nicht machen, wenn man nicht dahintersteht.
Dominik:
Welche Anlaufstellen gibt es für Menschen, die mit dem Synchronisieren anfangen und beruflich Fuß fassen möchten? Gibt es Kurse, Hilfestellungen oder andere Ratschläge?
Michael Schwarzmaier:
Ich habe selbst einmal Synchronkurse an einer Schauspielschule gegeben. Das war noch zu der Zeit, als man gemeinsam synchronisierte. Heute gibt es weiterhin Synchronkurse. Teilweise werden sie sogar über das Arbeitsamt als Umschulung angeboten. Wenn man bisher mit der Synchronisiererei nichts zu tun hatte, weder Schauspieler noch Radiosprecher war, kann ich allerdings nur sagen: Leute, lasst die Finger davon. Es gibt so viele ausgebildete, gute Schauspieler und Sprecher, die zu Hause sitzen und darauf warten, angerufen zu werden. Dann bekommen sie vielleicht einmal eine kleine Rolle mit zehn Takes in irgendeinem Studio. Außerdem müsste man eher in Berlin als in München sein, weil es dort ungefähr zehnmal so viele Studios gibt. Natürlich kann man irgendwo Jobs bekommen, aber oft nur, wenn niemand anderes verfügbar ist, den die Verantwortlichen bereits kennen. Es wachsen immer neue Sprecher nach, aber das sind meistens junge Schauspieler, die auch Theater spielen und gedreht haben. Gerade bei Animations- und Zeichentrickfilmen geht die Tendenz außerdem dahin, prominente Stimmen zu nehmen, die nicht immer passen müssen. Das abschreckendste Beispiel war für mich Til Schweiger als Hercules. Da fragte ich mich: Warum muss Hercules nuscheln? Es fing damit an, dass Thomas Gottschalk und andere Prominente synchronisierten. Man sagt einfach, dass man diesen oder jenen hören will, nur weil er bekannt und berühmt ist. Eine gute Stimme allein reicht nicht. Wie klein willst du dich machen? Du musst zu einem Synchronstudio gehen und sagen: „Ich würde gern sprechen.“ Das ist schon sehr schwierig, weil die Studios sich kaum noch Zeit für neue Stimmen nehmen. Anders ist es, wenn man über eine außergewöhnlich gute Empfehlung kommt oder ein intelligentes, begabtes Kind oder ein Jugendlicher ist. Kinder werden immer gebraucht. Die Kinder, die jetzt synchronisieren, werden erwachsen, und deshalb braucht man neue. Begabte Kinder werden gecastet. Mein Sohn hat damals in „The Kid“ mit Bruce Willis den kleinen Jungen gesprochen, der sich später als Bruce Willis‘ jüngeres Ich herausstellt. Tim war, glaube ich, acht oder neun. Eine solche Rolle muss natürlich ein Acht- oder Neunjähriger sprechen. Das Kind wird gecastet. Wenn es nicht hölzern oder scheu ist und vielleicht schon Erfahrung hat, kann es klappen. Als Erwachsener in das Synchrongeschäft einzusteigen, ist heutzutage sehr schwierig, steinig und fast unmöglich.
Dominik:
Deine Hinweise bieten eine gute Orientierung: Synchronkurse, der Standort der Studios und gegebenenfalls eine Schauspielausbildung. Alle drei deiner Kinder sind mehr oder weniger stark in den Synchronbereich gegangen. Wie fühlt es sich an, wenn die eigenen Kinder einen beruflichen Weg einschlagen, den du mit geebnet hast? Macht dich das stolz?
Michael Schwarzmaier:
In gewisser Weise macht mich das stolz. Andererseits hätte mich auch jede andere Sache stolz gemacht, die sie anständig gemacht hätten. Meine mittlere Tochter ist nicht mehr im Synchrongeschäft, sondern Eventmanagerin. Das macht sie ebenfalls sehr gut, und darauf bin ich genauso stolz. Wenn Kinder etwas Anständiges auf die Reihe bekommen, ist man als Vater immer froh. Dass sie auch in meinem Beruf arbeiten, finde ich sehr gelungen. Ich habe sie darin gefördert und gesagt: „Ihr könnt das machen, wenn es euch Spaß macht und ihr akzeptiert werdet. Außerdem verdient ihr euch etwas dazu.“ Das Geld ging natürlich auf ihre Konten. Nach dem Abitur und als sie selbstständig waren, haben sie in unterschiedlicher Weise weitergemacht. Wenn man davon leben kann, ist das gut. Meine älteste Tochter Katharina hat eine Schauspielausbildung gemacht. Sie dreht zwischendurch, spricht Hörbücher und ist inzwischen ebenfalls in Berlin. Jetzt sind alle drei in Berlin, weil dort am meisten synchronisiert und auch gedreht wird. Eine Alternative ist Köln, aber für Synchron ist Köln wieder schlechter.
Dominik:
Wenn wir beim Thema Stolz bleiben: Gibt es in deiner Laufbahn eine Synchron-, Fernseh-, Film- oder Theaterrolle, auf die du besonders stolz zurückblickst?
Michael Schwarzmaier:
Das klingt vielleicht etwas komisch, aber was auch immer kam, ich habe es gern gemacht. Ob es eine Serie war, etwa „Lotta in Love“ oder „Jede Menge Leben“, die in Köln produziert wurde und eine der ersten Serien war, die wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ über Jahre lief: Ob mich das besonders stolz gemacht hat, weiß ich nicht. Es war natürlich auch ein Job. An den Kammerspielen habe ich damals mit Heinz Rühmann und Gerd Baltus Pinters „Der Hausmeister“ gespielt. Das war ein Drei-Personen-Stück an den Kammerspielen. Darauf kann man stolz sein. Ich habe dort aber auch andere Rollen gespielt, in Hochhuth-Stücken, in „Maria Stuart“ und in weiteren Produktionen. Das alles hat mir Freude gemacht. Ich habe außerdem ein Jahr lang eine Südamerika-Tournee gemacht. Wir probten in Buenos Aires und reisten anschließend mit den Stücken wie ein Abstechertheater durch die verschiedenen Länder. Das ist ewig her und wird heute nicht mehr gemacht. Wir spielten von „Fiesco“ bis „Change“, über „Räuber Hotzenplotz“ bis „August, August, August“. Das war eine tolle Erfahrung, und ich war stolz, dabei sein und das machen zu dürfen. Ich hatte wirklich Spaß, angefangen bei meinem ersten Engagement in Verden an der Aller, wo ich 450 Mark brutto verdiente. Das klingt heute witzig, aber dort spielte ich Zwei-Personen-Stücke und Hauptrollen und konnte mich freispielen. Danach war ich in Göttingen, Münster und Hannover, merkwürdigerweise vor allem in Norddeutschland, bis ich nach München kam. Es war toll, Theater spielen zu dürfen. Es war mein Traumberuf, und ich durfte ihn ausüben. Ich bin bis heute dabeigeblieben. Es freut mich, dass ich noch immer Jobs bekomme, zu tun habe und neben meiner Rente ordentlich weiterarbeiten und verdienen kann.
Dominik:
Gibt es noch etwas, das du den Pokémon-Fans mitgeben möchtest?
Michael Schwarzmaier:
Ich könnte mir vorstellen, dass jemand, der Pokémon-Fan ist, auch Doctor-Who-Fan sein könnte. Dazu habe ich eine besondere Verbindung, weil ich die ersten sieben Doktoren spreche. Das hat sich durch Zufall ergeben. Inzwischen gibt es auch die neuen Doktoren, aber ich kann Doctor Who nur empfehlen. Das ist ebenfalls eine schöne Sache, von der man Fan sein kann. Den Pokémon-Fans kann ich nur sagen: Leute, bleibt dabei und schaut euch das alles weiterhin an. Vielleicht gibt es irgendwann die Gelegenheit, darüber abzustimmen, ob man einen neuen Sprecher oder Erzähler haben will. Dann könnt ihr immer sagen: „Wir wollen den Schwarzmaier wiederhaben, das Original.“
—- Bonus-Frage nach dem Outro der Folge —-
Dominik:
Wie stehst du zu deinen Synchronrollen in „One Piece“? Dort hast du einige größere Charaktere gesprochen.
Michael Schwarzmaier:
Neulich kam „One Piece“ wieder, und da habe ich Kobra auch wieder gesprochen. „One Piece“ ist ein ganz eigenes Genre. Wenn ich von Animes, Zeichentrick oder animierten Sachen spreche, liegt mir Pokémon viel mehr. „One Piece“ ist für mich sehr grob und, soweit ich es gesehen habe, sehr gewalttätig. Aber meine Güte, es ist nicht so, dass ich heute noch genau wüsste, wann ich was gemacht habe. Bei uns Synchronsprechern, oder Synchronschauspielern, wie wir uns lieber nennen, ist es so: Wir haben einen Job, machen ihn, und am nächsten Tag kommt ein anderer. Deshalb denkt man nicht lange darüber nach, was man gemacht hat. Das tut ein Fan. Ein Fan sagt: „Das ist meine Serie, davon bin ich Fan, und ich möchte mehr über die Hintergründe wissen.“ Als Schauspieler muss man sich teilweise sehr zurückbesinnen. Manchmal sehe ich irgendeinen Film und stelle fest, dass ich darin eine Rolle gesprochen habe. Dann kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern, wann und wo das war, und denke: „Mein Gott, stimmt ja. Ich erinnere mich vage.“ Aber man trägt das nicht dauernd mit sich herum.
