Interview mit Gerhard Acktun in Textform
In der am 27. Februar 2023 veröffentlichten Folge 105 von Miauz Genau! ist Gerhard Acktun zu Gast, Pokémon-Fans vor allem als langjährige deutsche Stimme von Mauzi aus Team Rocket bekannt. Im Interview-Special „Miauz, genau!“ spricht Dominik mit ihm über seinen schauspielerischen Werdegang, seine vielseitige Arbeit in der deutschen Synchronbranche, seine eigenen Hörspielproduktionen und seine persönlichen Lieblingsprojekte. Natürlich steht auch Mauzi im Mittelpunkt des Gesprächs. Gerhard erzählt, wie er die unverwechselbare Stimme der Figur entwickelte und sie über viele Jahre hinweg beibehält.
Auf dieser Seite findest du das Gespräch als redaktionell aufbereitetes Transkript zum Nachlesen. Die Podcast-Episode bleibt die vollständige Originalfassung, diese Textversion dient als ergänzende Möglichkeit, das Interview in Ruhe zu lesen, bestimmte Stellen wiederzufinden oder einzelne Aussagen leichter nachzuschlagen.
Da das Interview in Textform eine beachtliche Länge hat, ist es hier in ein Akkordeon-Element eingeklappt.
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Dominik:
Wie kann man sich deine Anfänge im Schauspiel vorstellen, und was hat dich daran interessiert?
Gerhard Acktun:
Mein Vater kam aus Ostpreußen und hatte dort ein wenig Theater gespielt. Während des Krieges lernte er meine Mutter in München kennen. Nach dem Krieg eröffneten sie eine kleine Gaststätte. Dort kamen viele Gäste aus dem Filmgeschäft vorbei. Mein Vater knüpfte Kontakte, und so bin ich hineingekommen.
Ich fing bereits mit fünf oder sechs Jahren an. Im Bayerischen Fernsehen gab es damals den „Komödienstadel“, den es heute noch gibt. Das sind Theaterstücke auf Bayerisch. Es existiert eine Folge in Schwarz-Weiß, in der ich als kleiner Piefke vor einer Musikkapelle auf die Bühne marschiere und mit einem Stab dirigiere. Meine Frau sagt, wenn es ihr einmal nicht so gut geht, schaut sie sich das an und muss sofort lachen.
1964 war ich neun Jahre alt und ging mit René Deltgen und Götz George auf Theatertournee. Das war eine der ersten Rollen von Götz George. Die Tournee dauerte einige Monate, und so ging es immer weiter.
Später besuchte ich drei Jahre lang eine Schauspielschule in München. Danach bekam ich ein Engagement in der Schweiz beim Theater für den Kanton Zürich. Der Hauptsitz war in Winterthur. Das war ungefähr 1975 oder 1976. Ich fand es dort furchtbar und kündigte schon nach drei Monaten.
Wenn man bis halb elf Theater gespielt hatte, machten um elf Uhr die Kneipen zu. Das Einzige, was noch geöffnet war, war die Bahnhofskneipe. Wenn ich drei freie Tage hatte und wegfahren wollte, musste ich beim Chef einen Urlaubsschein beantragen. Die Verantwortlichen wollten mich überreden zu bleiben, aber ich sagte, dass ich wegmusste.
Später spielte ich dort noch einmal ein Stück und fuhr zwischen München und der Schweiz hin und her. Auf dem Weg zu einer Vorstellung hatte ich im Winter bei Memmingen einen Autounfall. Vor mir bremste ein Wagen, und ich fragte mich noch, warum dieser Idiot abbremste. Dann geriet mein eigenes Auto auf der glatten Straße ins Schleudern. Statt nach rechts fuhr ich in einen Lastwagen. Mir passierte glücklicherweise nichts, aber mein Wagen war vollkommen zerstört und lag im Graben.
Ich musste trotzdem zur Vorstellung. Ein Abschleppwagen brachte mich zur nächsten Werkstatt. Die Fahrt kostete 120 Mark, und ich hatte nur einen Tausendmarkschein dabei. Das war zur Zeit der Oetker-Entführung. Die Nummern bestimmter Geldscheine waren registriert, weshalb der Mann den Schein nicht annehmen wollte und mich zur Bank schickte. Der Bankangestellte kontrollierte tatsächlich erst die Nummer.
Danach nahm ich ein Taxi. Auf der Landstraße hatte es einen weiteren Unfall gegeben, und wir standen im Stau. Ich erklärte dem Taxifahrer, dass ich unbedingt zu einer Vorstellung müsse. Dann sah ich einen Wagen mit Zürcher Kennzeichen, lief hin und fragte, ob die Leute mich mitnehmen könnten. So kam ich ungefähr fünf Minuten vor Vorstellungsbeginn an. Auf der Bühne funktionierte alles. Erst danach bekam ich das große Zittern.
Anschließend drehte ich die Serie „Der Graf von Monte Christo“. Das war eine deutsch-portugiesisch-französisch-spanische Koproduktion. In manchen Szenen spielten vier oder fünf Menschen miteinander, und jeder sprach seine eigene Sprache. Man musste genau darauf achten, wann der eigene Einsatz kam. Einer sagte, man könne sich durch ein kurzes Zwinkern mit den Augen verständigen. Wir drehten lange in Lissabon und anschließend in Paris. Das war eine tolle Zeit.
Dominik:
Was hat dich langfristig am Schauspiel fasziniert?
Gerhard Acktun:
Ich habe am liebsten Bösewichte gespielt. Leider kam das nicht oft vor, weil Regisseure oder Redakteure sagten: „Der sieht zu brav aus.“ Ich fragte mich immer, ob man denn wie ein Verbrecher aussehen muss, um einen Verbrecher spielen zu dürfen. Da fehlte mir manchmal die Fantasie bei den Verantwortlichen.
Es gab einen Regisseur, der mich dreimal für Fernsehsachen engagierte. Bei ihm war ich immer der Bösewicht, und das machte mir großen Spaß.
In Berlin drehte ich vor ungefähr 15 oder 20 Jahren die Serie „Am liebsten Marlene“. Dort spielte ich einen Rechtsanwalt. Das fand ich ziemlich langweilig. Ich hätte lieber einen Bösewicht gespielt.
Dominik:
Was waren deine ersten Berührungspunkte mit der Synchronisation?
Gerhard Acktun:
Bei „Lassie“ hatte ich eine Art Casting. Am Ende waren nur noch eine Kollegin und ich übrig, und sie bekam die Rolle. Später sprach ich bei „Lieber Onkel Bill“ und in vielen weiteren Produktionen. Dadurch wurde man bei den Synchronregisseuren bekannt und bekam neue Rollen.
Eine schöne Produktion war Fellinis „Amarcord“. Vorher gingen wir in der Bavaria in eine Art Kino und sahen uns den Film im Original an. Jeder wusste dabei bereits, welche Rolle er später sprechen würde. Das fand ich toll. So etwas gibt es heute nicht mehr.
Dominik:
Gab es jemanden, der dich in dieser Anfangszeit besonders begleitet oder gefördert hat?
Gerhard Acktun:
Eigentlich nicht. Das entwickelte sich automatisch. Im Haus meiner Eltern wohnte allerdings ein bekannter Sprecher aus Hamburg, der viel Werbung sprach. Bei ihm nahm ich etwas Sprechunterricht. Ich war damals vielleicht zehn oder zwölf Jahre alt. Das hat mir einiges gebracht.
Dominik:
War die Erweiterung vom klassischen Schauspiel zur Synchronisation eine besondere Herausforderung?
Gerhard Acktun:
Nein, weil ich bereits als Kind angefangen hatte. Ich wusste, wie die Technik und die Abläufe funktionierten und wie man im Studio sprechen musste. Für mich war das keine große Herausforderung.
Dominik:
War es anfangs befremdlich, dich selbst im Fernsehen zu sehen oder zu hören?
Gerhard Acktun:
Es gibt bis heute Momente, in denen ich mich nicht hören kann. Früher war es besonders schlimm, mich selbst zu sehen.
Bei der Produktion „Exil“, die in Frankreich spielte, konnte man sich damals noch Muster ansehen. Das Material vom Dreh wurde ins Kopierwerk gebracht und ungefähr zwei Tage später vorgeführt. Der Regisseur konnte dadurch sehen, was man möglicherweise noch ändern musste.
Bei einer solchen Vorführung muss sich ein Schauspieler einmal furchtbar aufgeführt haben, weil er mit seiner eigenen Leistung so unzufrieden war. Danach durften wir Schauspieler die Muster nicht mehr ansehen.
Für mich ist es immer noch ein fremdes Gefühl, mich selbst zu sehen. Man denkt sofort, dass man etwas anders hätte machen können.
Dominik:
Du hast Ende der 1970er-Jahre auch in Frankreich gearbeitet. Gab es Unterschiede zwischen den Produktionen dort und in Deutschland?
Gerhard Acktun:
Ich fühlte mich in Frankreich sehr wohl. Es gab keinen so deutlichen Unterschied zwischen einem Star und den anderen Beteiligten. Wir aßen gemeinsam zu Mittag, die Atmosphäre war locker, und der zeitliche Druck war nicht so groß.
Ich suchte mir damals sogar einen Agenten in Paris. Er sagte allerdings, ich müsste in Frankreich leben, wenn ich dort richtig arbeiten wollte. Damals konnte man nicht einfach in einem anderen Land wohnen und kurzfristig zu Dreharbeiten anreisen. Ich wollte aber nicht dauerhaft nach Frankreich ziehen.
Ich wirkte dort in einigen deutsch-französischen Koproduktionen mit. Außerdem belegte ich einen intensiven Sprachkurs. Einen Monat lang hatte ich täglich sechs Stunden Unterricht. Nach ungefähr zwei Stunden ging der Lehrer, und ich arbeitete allein weiter. Danach konnte ich recht gut Französisch sprechen. Weil ich die Sprache später nicht regelmäßig benutzte, habe ich leider viel davon wieder vergessen.
Dominik:
Du hast mit vielen großen Namen gearbeitet, unter anderem mit Gert Fröbe und Josef Meinrad bei „Der Räuber Hotzenplotz“. Wie hast du diese Zusammenarbeit erlebt?
Gerhard Acktun:
Gert Fröbe war bereits ein großer Star und hatte in einem James-Bond-Film Goldfinger gespielt. Trotzdem hatte er überhaupt keine Allüren. Das fand ich bemerkenswert. Auch Josef Meinrad war sehr locker.
Bei „Der Räuber Hotzenplotz“ drehten wir eine schwierige Szene in einer Höhle. Gert Fröbe versprochen sich zwei oder drei Mal und sagte dann: „Jungs, ich brauche fünf Minuten Pause. Danach können wir weiterdrehen.“
Ich fand beeindruckend, dass jemand in seiner Position offen sagte, dass es gerade nicht weiterging. Daran merkte ich, dass wir alle nur Menschen sind. Es spielt keine Rolle, ob jemand bei einem Dreh ganz oben steht oder nur eine kleine Rolle hat. Jeder macht Fehler. Diese Erkenntnis macht einen lockerer, weil man nicht mehr glaubt, man müsse sofort perfekt abliefern und dürfe sich keinen Fehler erlauben.
Trotzdem braucht man beim Drehen eine gewisse Spannung. Ein Regisseur sagte mir einmal, dass die Zuschauer merken, wenn jemand seine Texte nur herunterleiert. Auch in einer lockeren Szene muss eine gewisse Spannung im Körper vorhanden sein, damit sie glaubwürdig wirkt.
Dominik:
Wie hast du den Produktionsdruck bei täglich ausgestrahlten Serien erlebt?
Gerhard Acktun:
Solche täglichen Serien wären auf Dauer nicht mein Ding. Ich spielte ungefähr zwei Monate lang einen Oberstaatsanwalt bei „Sturm der Liebe“. Dort wird an einem Tag eine ganze Folge gedreht. In der Disposition ist für jede Szene ungefähr eine halbe Stunde vorgesehen. Alles wird auf die Minute genau geplant.
Ich hatte als Oberstaatsanwalt ein Plädoyer im Gerichtssaal. Der Regisseur wollte die Szene amerikanisch inszenieren. Ich sollte nicht hinter einem Pult stehen, sondern während des Plädoyers durch den Raum gehen.
Am Freitag drehte ich noch andere Szenen und fragte den Regisseur, ob der Text für Montag so bleiben würde. Er versicherte mir, dass er unverändert bliebe. Als ich am Montagmorgen kam, gab mir der Aufnahmeleiter einen neuen Text.
Der Regisseur hatte sich am Samstag mit einem Rechtsanwalt getroffen. Danach waren in den alten Text neue Passagen eingefügt worden. Die Sätze waren in einem solchen Bürokratendeutsch geschrieben, dass man sie dreimal lesen musste, um sie überhaupt zu verstehen.
Ich schwitzte Blut und Wasser. Im Zuschauerraum saßen Komparsen und die Hauptdarsteller der Serie. Ich dachte die ganze Zeit, dass sie mich vermutlich für unfähig hielten, weil ich ein paar Sätze nicht herausbrachte. Das werde ich nie vergessen.
Dominik:
Gibt es weitere Anekdoten aus deiner Laufbahn, an die du häufig zurückdenkst?
Gerhard Acktun:
Meine Frau ist Maskenbildnerin. Wir haben nur bei zwei oder drei Produktionen gemeinsam gearbeitet.
Bei einer Ganghofer-Produktion gab es eine Szene auf einer Brücke. Dafür war ein Steg gebaut worden. Ich spielte einen Bösewicht, der einen anderen Mann mit einem Messer angreifen wollte. Anschließend sollte ich in den Fluss stürzen.
Zunächst hieß es, dafür gebe es Stuntleute. Dann hieß es plötzlich: „Wir haben keine Stuntleute, bietet einmal etwas an.“ Meine Frau sagte, sie könne sich das nicht ansehen, und ging gar nicht erst zum Drehort. Es hat dann alles funktioniert.
Eine weitere Geschichte erlebte ich bei der internationalen Produktion „Marie Vandamme“. Ich kam mit dem Flugzeug in Warschau an und wartete darauf, abgeholt zu werden. Niemand kam. Nach einer Durchsage erschien jemand von einer anderen Produktion und wollte nachsehen, was los war.
Schließlich kam ein Taxifahrer, der nur Polnisch sprach. Er erklärte mir irgendwie, dass es in Warschau keinen Schnee gebe und die Produktion nach Breslau weitergezogen sei. Das waren noch einmal drei oder vier Stunden Autofahrt.
Ich saß mit diesem Mann im Auto und konnte mich überhaupt nicht mit ihm verständigen. Irgendwann bekam ich Hunger und machte nur noch „ham, ham, ham“. Er fuhr daraufhin von der Straße ab. Ich wechselte bei ihm noch 100 Mark in Złoty. Die Nullen hörten gar nicht mehr auf. Dann gingen wir essen und fuhren weiter.
Es wurde Nacht, und die Polizei hielt uns an. Ich verstand wieder nichts. Offenbar war eine Lampe am Auto kaputt, und der Fahrer musste etwas bezahlen. Er fluchte, während ich hinten saß und nicht wusste, was geschah. Auch das werde ich nie vergessen.
Dominik:
Gibt es eine Rolle, auf die du besonders stolz bist?
Gerhard Acktun:
Ich spielte einmal einen Sexualstraftäter. Die Geschichte spielte 1939 in Deutschland und beruhte auf einem realen Fall. Der Mann lauerte Frauen in Zügen auf, stieg mit ihnen aus und brachte sie um.
Eine Frau überlebte und erkannte ihn später auf einem Weihnachtsmarkt an seiner Stimme. Er floh, wurde aber von der Polizei gefasst. In der Schlussszene schrie ich: „Nein, ich war es nicht!“, während die Polizisten mich zurückhielten.
Diese Rolle fand ich toll. Das klingt vielleicht seltsam, aber sie war eine wirkliche Herausforderung und machte mir als Schauspieler großen Spaß.
Dominik:
Wie schwierig ist es, die Emotionen eines Charakters von der eigenen Persönlichkeit zu trennen?
Gerhard Acktun:
Das ist möglich. Man muss sich in die Figur hineinversetzen.
Gert Fröbe wurde durch „Es geschah am hellichten Tag“ sehr bekannt. Dort spielte er einen Mann, der kleine Mädchen missbrauchte. Jemand sagte ihm einmal, er habe das so überzeugend gespielt, und fragte, wie er das machen könne. Gert Fröbe antwortete sinngemäß: „Ich bin doch nicht dieser Typ. Ich muss mich nur in ihn hineinversetzen.“
Genau darum geht es. Ich überlege, wie die Figur reagieren würde. Das ist das Spannende.
Der Rechtsanwalt in „Am liebsten Marlene“ war dagegen eine sehr geradlinige Figur. Er wollte unbedingt wieder mit seiner ehemaligen Frau zusammenkommen. Da gab es nicht besonders viel zu spielen.
Dominik:
Wie viele eigene Ideen kann ein Schauspieler in eine Rolle einbringen?
Gerhard Acktun:
Das hängt möglicherweise auch vom Namen des Schauspielers ab. Bei jemandem wie Götz George hatte der Regisseur vermutlich nicht mehr besonders viel zu sagen. Solche Schauspieler konnten ihre Charaktere stark nach ihren eigenen Vorstellungen ausbauen.
Heute sagt die Regie oft sehr genau, wie sie sich eine Figur vorgestellt hat. Bei der Besetzung haben außerdem die Redaktionen sehr viel mitzureden. Ein Regisseur kann vielleicht noch zwei oder drei Tagesrollen selbst besetzen. Die großen Rollen werden ihm häufig vorgegeben.
Natürlich hängt es vom Regisseur und dessen Stellung ab. Manche können sich durchsetzen und sagen, dass sie eine bestimmte Person nicht möchten. Gerade bei Serien bekommen Regisseure die Besetzung aber häufig einfach vorgesetzt. Deshalb sieht man meistens dieselben Leute. Redakteure glauben, dass bei einem bekannten Namen vielleicht noch 50.000 Zuschauer mehr einschalten.
Eigene Ideen kann man trotzdem einbringen. Bei den „Rosenheim-Cops“ spielte ich einmal einen bösen Hausbesitzer. Er stellte seinen Mietern nach, ging mit dem Schlüssel in ihre Wohnungen und schlug seine Frau.
In einer Szene sollte ich meiner Filmehefrau eine Ohrfeige geben, woraufhin sie nach hinten zu Boden fiel. Wir überlegten uns, dass ich an ihr vorbeischlagen und sie so reagieren sollte, als hätte ich sie getroffen. Sie sollte nach hinten fliegen und sich irgendwo festhalten.
Dazwischen lag die Mittagspause. Als wir zum Drehort zurückkamen, sagte ich dem Regisseur, dass wir uns etwas ausgedacht hätten. Er antwortete: „Oh Gott, wenn sich die Schauspieler etwas ausdenken.“ Dann sollten wir es vorspielen, und er fand die Lösung gut. Solche Anekdoten vergisst man nicht.
Dominik:
Wie haben sich die Abläufe beim Synchronschauspiel verändert?
Gerhard Acktun:
Früher hatten wir viel mehr Zeit. Heute ist der Druck größer, und alles muss schneller gehen.
Ein Film wird in kleine Abschnitte unterteilt, die Takes. Manche sind nur wenige Sekunden lang, andere etwas länger. Früher nahm man vielleicht 25 Takes in einer Stunde auf. Heute sind es ungefähr 35. Manchmal geht es nur noch zack, zack, zack.
Man sieht sich den Take an und nimmt ihn sofort auf. Danach sagt der Cutter, dass es nicht passt, oder der Regisseur erklärt, dass die Stimmung anders sein muss.
Früher standen mehrere Schauspieler gemeinsam vor dem Mikrofon. Heute wird fast nur noch geixt. Das bedeutet, dass jede Rolle einzeln aufgenommen wird. Man spricht seine eigenen Takes und muss darauf achten, was die andere Figur vorher gesagt hat, damit die Betonung der Antwort stimmt.
Früher konnte man etwas von den anderen Kollegen übernehmen. Man hörte direkt, wie sie eine Szene spielten. Das gibt es heute kaum noch.
Bei Pokémon haben wir drei von Team Rocket noch nie gemeinsam aufgenommen. Wenn wir Sätze unisono sprechen, also wie in einem Chor, muss jeder genau den Rhythmus und die Betonung desjenigen übernehmen, der vor ihm aufgenommen hat. Bei schwierigen Stellen arbeitet man mit Kopfhörern, hört die vorhandene Aufnahme und spricht dazu.
Dominik:
Du hast später mit Alogino einen eigenen Hörbuchverlag gegründet. Wie entstand diese Idee?
Gerhard Acktun:
Ich hatte einige Hörspiele für den Bayerischen Rundfunk gesprochen, bekam aber das Gefühl, dass dort immer weniger produziert wurde.
Dann hatte ich eine Idee für ein Kinderhörspiel mit dem Titel „Zwicky der Wolpertinger“. Ein Wolpertinger ist ein Fabelwesen, das aus verschiedenen Tieren zusammengesetzt ist. Zwicky kann sich unsichtbar machen, lernt einen Jungen kennen und erlebt mit ihm Abenteuer.
Ich produzierte das Hörspiel mit Sprecherinnen und Schauspielern, die ich gut kannte. Auch die Musik nahmen wir in einem Studio auf.
Ich kannte jemanden, der Musik für Filme und Serien komponierte. Ich fragte ihn, ob er etwas für mich hätte. Er schickte mir mehrere Stücke und sagte, ich könne nehmen, was ich wollte. Ich baute die Musik ein. Dann erklärte er mir, dass er Mitglied der GEMA sei und ich dafür bezahlen müsse. Ich hatte davon keine Ahnung.
Ich fuhr persönlich zur GEMA in München. Eine Mitarbeiterin erklärte mir, wie Musik abgerechnet wird. Frei stehende Musik kostete einen bestimmten Betrag, und wenn Sprache darüberlag, wurde nur die Hälfte berechnet. Danach saß ich zu Hause und rechnete genau aus, wie viel Musik frei und wie viel unter Sprache zu hören war.
Als das Hörspiel fertig war, suchte ich einen Verlag und einen Vertrieb. Die Verlage sagten, dass sie nur ihre eigenen Produktionen vertreiben würden. Da dachte ich vollkommen blauäugig: Dann gründe ich eben selbst einen Verlag.
Anschließend schrieb und produzierte ich unter anderem die „Viktualienmarkt-Geschichten“. Darin geht es um zwei Standlbesitzerinnen, ihre Kunden und die Dinge, die sie dort erleben.
Eine Blumenverkäuferin erzählte mir eine wahre Geschichte. Ein Mann kaufte bei ihr Rosen. Am nächsten Tag kam er zurück und fragte, ob er sie zurückgeben könne, weil seine Frau keine Rosen möge. Diese Geschichte baute ich natürlich sofort ein.
Die Produktion war sehr aufwendig. Ich arbeitete mit ungefähr 20 Sprechern, kaufte Musik und ließ CDs pressen. Wenn man nicht den bekannten Namen eines großen Verlages besitzt, ist es aber schwierig, die Produkte in den Handel zu bekommen.
Mit der Hilfe eines Tonmeisters baute ich mir ein kleines Studio auf. Dort kann ich inzwischen alles selbst aufnehmen.
Von großen Hörspielen bin ich weitgehend abgekommen, weil der Aufwand enorm ist. Teilweise hatte ich mehr als 20 Tonspuren mit den einzelnen Sprechern. Dazu kamen Geräusche und Atmosphären. Für die „Viktualienmarkt-Geschichten“ ging ich nachts auf den Viktualienmarkt und nahm dort die Atmosphäre auf.
Heute produziere ich eher Hörbücher und spreche das meiste selbst. Das Schöne daran ist, dass ich keinen Zeitdruck habe. Ich muss nicht in drei Wochen fertig sein. Ich nehme zwei Stunden auf und mache vielleicht erst zwei Tage später weiter.
Dominik:
Wie unterscheidet sich die Arbeit an einem Hörspiel von der Synchronisation?
Gerhard Acktun:
Bei der Synchronisation muss man nachvollziehen, was der Schauspieler oder die Figur auf dem Bildschirm macht. Das ist die Vorgabe. Man muss ähnlich sprechen und dieselben Pausen setzen.
Bei einem Hörspiel kann man selbst spielen. Man ist in der Figur und kann Pausen setzen, wann man möchte. Das ist das Schöne daran.
Ich fragte einmal einen Synchronkollegen, ob er in einem meiner Hörspiele einen Arzt sprechen wolle. Er tat sich sehr schwer, weil er fast ausschließlich synchronisierte und eine Figur brauchte, die er sehen konnte. Ich sagte zu ihm: „Stell dir vor, Dr. Brinkmann kommt herein und sagt: Na, wie geht es uns denn?“ So führte ich ihn an die Rolle heran.
Dominik:
Hast du dir Regie, Produktion und Tonschnitt selbst beigebracht?
Gerhard Acktun:
Ja, das war Learning by Doing. Heute kann ich selbst schneiden und Geräusche einfügen. Ein Tonmeister hat mir alles gezeigt. Dadurch bin ich nicht mehr auf andere angewiesen.
Es macht Spaß, selbst zu sehen, wie etwas wächst. Am Ende hat man ein fertiges Produkt in der Hand. Bei den CDs war das ein besonders schönes Gefühl. Wenn die erste Pressung kam, dachte ich: Das ist ja toll.
Ich bin ein Freund von CDs. Der CD-Markt ist heute allerdings stark eingebrochen. Fast alles läuft über Streaming. Das finde ich schade.
Dominik:
Wie entstand „Manni und die Isar-Hundebande“?
Gerhard Acktun:
Wir haben seit mehr als 40 Jahren Hunde. Unser heutiger Hund ist bereits der vierte. Mit den Hunden ging ich immer an der Isar spazieren. Dort lernt man andere Frauen und Männer mit Hunden kennen.
Wir waren häufig eine Gruppe aus drei oder vier Hundebesitzern und liefen ein oder zwei Stunden an der Isar entlang. Dabei hört man viele Geschichten. Ich schrieb einige davon auf.
Über das Internet kam ich mit Jörg Steegmüller in Kontakt. Er ist ein großer Hotzenplotz-Fan und baut Skulpturen für große Freizeitparks. Ich weiß gar nicht mehr genau, wie wir zusammengefunden haben.
Er kannte jemanden, der Musik machte, und jemanden, der unbedingt eine Rolle sprechen wollte. Ich verteilte die Rollen. Die Beteiligten nahmen ihre Texte zu Hause auf und schickten mir die Dateien. Ich führte alles zusammen.
Es gibt darin einen Professor, der ständig neue Dinge erfindet. Hasso soll die Erfindungen ausprobieren und bekommt jedes Mal eins auf die Birne. Manche Geschichten sind wirklich sehr lustig.
Dominik:
Auf welche deiner Hörspielproduktionen bist du besonders stolz?
Gerhard Acktun:
Ich produzierte ein Kriminalhörspiel mit dem Titel „Die Glockenbach Sheriffs“. Ich wohne in der Nähe des Glockenbachviertels. Das Viertel hat sich leider stark verändert. Kleine Läden verschwinden, und es entstehen immer mehr große, teure Wohnungen.
Für das Hörspiel entwickelte ich eine Polizeitruppe aus drei wahnsinnigen Typen. Sie haben beinahe keine Lust, dort zu arbeiten. Eine Geschichte spielt in einem Altenheim.
Ich baute viele merkwürdige Charaktere ein. Einer spricht mit einem französischen Akzent und führt Obduktionen durch. Das klingt vollkommen verrückt. Diese Produktion fand ich sehr witzig.
Inzwischen mache ich außerdem viele bayerische Sachen. Ich habe ältere Autoren entdeckt, deren Werke gemeinfrei sind. Wenn ein Autor seit mehr als 70 Jahren tot ist, kann man seine Texte verwenden.
Auf der Auer Dult suche ich an den Antiquitätenständen nach alten Büchern. Wenn ich dort beispielsweise ein Buch von Ludwig Ganghofer finde, weiß ich, dass der Autor schon lange genug tot ist und die Rechte frei sind. Solche Werke produziere ich dann als Hörbücher.
Ich würde mich natürlich freuen, wenn meine Produktionen bekannter würden und sich besser verkauften. Zum Glück bin ich nicht darauf angewiesen, davon zu leben. Es läuft nebenher.
Ich schreibe gerade wieder an einer Geschichte und frage mich zwischendurch, ob sich der ganze Aufwand lohnt. Dann muss ich mich selbst überwinden und weitermachen. Was die Zukunft bringt, wird man sehen.
Dominik:
Welche Filme oder Serien siehst du dir selbst gern an?
Gerhard Acktun:
Ich schaue inzwischen viel bei Netflix. Dort erscheinen wirklich tolle Sachen. Serien wie „Grey’s Anatomy“ und viele amerikanische Produktionen sehe ich gern. Deutsche Serien schaue ich weniger.
Ich finde amerikanische Produktionen häufig aufwendiger. Gerade bei Netflix ist erstaunlich, mit welchem Aufwand manche Sachen hergestellt werden. Sie werden vermutlich für die ganze Welt produziert und anschließend synchronisiert. Dahinter steckt mehr Geld, und das merkt man.
Dominik:
Wie lief das Casting für Mauzi bei Pokémon ab?
Gerhard Acktun:
Ich kam in das Studio, und dort hieß es: „Wir haben eine neue Serie. Das sind die Figuren, und wir haben gedacht, diese Figur wäre etwas für dich. Es gibt aber noch andere Kandidaten, deshalb machen wir ein Casting. Stell dir vor, wie du sie sprechen würdest.“
Das machte ich. Ich weiß nicht mehr, wer am Ende entschied, ob es die Redaktion von RTL II oder jemand direkt in Japan war.
Als wir anfingen, dachte ich, die Serie würde vielleicht ein oder zwei Jahre laufen. Wir wussten nie, ob es im folgenden Jahr weitergehen würde. Meistens erfuhren wir erst im November, dass im Januar oder Februar neue Folgen aufgenommen werden sollten. So ging es schließlich über viele Jahre weiter.
Dominik:
Wie belastend ist die Stimme von Mauzi?
Gerhard Acktun:
Je älter man wird, desto schwieriger wird es, diese Stimme zu sprechen.
Am Anfang war ich allein im Studio und sprach Mauzi teilweise sieben Stunden am Tag. Danach kam ich heraus und konnte fast nicht mehr sprechen. Heute sage ich, dass nach drei oder vier Stunden Schluss ist. Mehr schaffe ich nicht mehr.
Ich habe das Gefühl, dass ich mir durch die Rolle die Stimme etwas beschädigt habe. Ich komme nicht mehr so hoch, und manches klingt krächzender als früher.
Trotzdem liebe ich die Figur. Manche sagen, Zeichentrick sei besonders schwierig zu sprechen. Ich liebe Zeichentrick, weil man dabei, wie ich immer sage, die Sau rauslassen kann. Manche Sprecher haben Schwierigkeiten damit, aus sich herauszugehen und zu übertreiben. Mir macht genau das Spaß.
Mauzi schreit sehr viel. Meine Lieblingsfolge ist „Mauzi in Hollywood“. Dort musste ich auch singen. Das war nicht einfach, weil ich kein besonders guter Sänger bin. Bei Mauzi darf es aber ein wenig schräg klingen.
Dominik:
Gibt es eine Technik, mit der du wieder in die Mauzi-Stimme findest?
Gerhard Acktun:
Ich komme ins Studio, sehe die Figur und weiß sofort, wie ich sie gesprochen habe. Vorher jodle ich mich ein wenig ein. Dann ist die Stimme wieder da.
Dominik:
Erlebst du häufig, dass Menschen dich um eine persönliche Mauzi-Botschaft bitten?
Gerhard Acktun:
Bei meinem Orthopäden kamen wir einmal auf Pokémon zu sprechen. Er sagte, sein Sohn sei ein großer Fan, und fragte, ob ich ihm einen Gruß aufnehmen könnte. Dann sprach ich mit der Mauzi-Stimme: „Hallo, Sebastian!“ Der Sohn ist vollkommen ausgeflippt.
So etwas habe ich schon einige Male erlebt.
Dominik:
Was ging dir damals durch den Kopf, als du erfahren hast, dass du ein aufrecht gehendes Katzenmonster sprechen solltest?
Gerhard Acktun:
Das war mir damals gar nicht so bewusst. Man wusste nicht, dass daraus eine so wahnsinnig bekannte Figur werden würde. Es war eine neue Zeichentrickserie, und ich dachte, dass sie vielleicht 50 Folgen haben und dann wieder vorbei sein würde.
Dominik:
Wie stark bekamen die Sprecher den internationalen Erfolg und die damalige Pokémania mit?
Gerhard Acktun:
Eigentlich gar nicht. Das ist das traurige Leben eines Synchronsprechers. Man sitzt im Dunkeln, und kaum jemand kennt einen.
Bei den deutschen Stimmen von Robert De Niro oder anderen großen Schauspielern wissen manche Menschen vielleicht, wer sie spricht. Bei den meisten Rollen haben die Zuschauer aber keine Ahnung, wer dahintersteckt.
Man verbringt seine Zeit im Tonstudio, kommt anschließend heraus und bleibt unsichtbar. In Amerika besitzen Sprecher einen ganz anderen Stellenwert. Wenn man hört, was die Sprecher der „Simpsons“ dort für eine Folge bekommen, kann man hier nur mit den Ohren schlackern.
Ich war einmal wegen eines Pokémon-Jubiläums in einer Fernsehsendung und sprach dort live einige Takes. Ansonsten gab es kaum Berührungspunkte mit dem großen Franchise.
Dominik:
Zum Zeitpunkt dieses Gesprächs stand der Abschied von Ash und seinen bisherigen Begleitern bevor. Wie hast du auf diese Nachricht reagiert?
Gerhard Acktun:
Soweit ich es damals mitbekommen hatte, sollte für uns von Team Rocket Schluss sein. Es sollten neue Charaktere kommen.
Ich konnte mir kaum vorstellen, ob die neuen Figuren einen ähnlichen Erfolg haben würden. Nach so vielen Jahren war Team Rocket ein wichtiger Teil der Serie.
Dominik:
Für die folgende Serie wurde bereits ein neues Pikachu mit einer Kapitänsmütze angekündigt. Pikachu bleibt also als Maskottchen erhalten, allerdings als neuer Charakter. Wie eng stehst du heute noch mit Scarlet Lubowski Cavadenti und Matthias Klie in Kontakt?
Gerhard Acktun:
Mit Scarlet stehe ich über WhatsApp in engem Kontakt. Wir schreiben uns regelmäßig. Mit Matthias habe ich privat kaum Kontakt. Wir sehen uns manchmal im Studio.
Das Problem ist, dass wir nicht gemeinsam aufnehmen. Teilweise sieht man Kollegen monatelang nicht, weil sie zu anderen Zeiten ins Studio kommen. Scarlet lebt in Italien und kommt gelegentlich nach München. Dann sind wir in Kontakt.
Heute herrscht außerdem ein enormer Zeitdruck. Die Disposition ist auf die Minute ausgerechnet. Man ist vielleicht bis ein Uhr in einem Studio und muss um zwei Uhr in einem anderen Studio sein, obwohl man dafür durch halb München fahren muss.
Früher gab es mehr Zusammenhalt. Man ging gemeinsam essen. Heute ist jeder ein Einzelkämpfer. Das finde ich schade.
Dominik:
Unterschied sich die Synchronisation der Pokémon-Kinofilme von der Arbeit an der Serie?
Gerhard Acktun:
Für einen Kinofilm wurde ich sogar nach Berlin geflogen. Ein Studio dort hatte den Auftrag erhalten. Ich war ungefähr einen halben Tag in Berlin und nahm meine Takes auf.
Die ersten Spielfilme wurden teilweise an andere Studios vergeben. Die FFS Film- und Fernseh-Synchron machte einige davon.
Ein Sprecher, der seine Pokémon-Rolle bereits seit vielen Jahren kannte, kam einmal aus dem Studio und erzählte, dass der neue Regisseur ihm die Figur erklären wollte. Der Sprecher hatte die Rolle damals schon ungefähr zehn Jahre lang gesprochen, und nun sagte ihm jemand, wie er sie anlegen sollte.
So etwas kann bei einem Studiowechsel passieren. Es gibt Regisseure wie Daniela Arden, die Pokémon über viele Jahre betreuen und die Figuren genau kennen. Wenn ein anderer Regisseur übernimmt, kennt er vielleicht nur das Original und muss sich erst in die Charaktere hineinfinden.
Gerade bei langjährigen Rollen ist es deshalb wichtig, dass die Erfahrungen der Sprecher ernst genommen werden.
Dominik:
Du hast Mauzi auch in Pokémon-Videospielen gesprochen. Woran erinnerst du dich bei diesen Aufnahmen?
Gerhard Acktun:
Ich erinnere mich besonders an „Mauzi’s Party“ aus „Pokémon Channel“. Dafür war ich in einem eigenen Musikstudio. Wir nahmen es nicht im normalen Synchronstudio auf, sondern in einem Studio, das auf Musik für Animes spezialisiert war.
Das war sehr schwer. Im Gesang gab es mehrere Tempowechsel. Gleichzeitig musste ich in der Mauzi-Stimme singen. Das war knallharte Arbeit.
Dominik:
Wie läuft eine solche Videospielaufnahme ab?
Gerhard Acktun:
Bei „Mauzi’s Party“ funktionierte es ähnlich wie eine Synchronaufnahme. Ich sah das Bild, weil die Stimme zu den Mundbewegungen passen musste. Außerdem hörte ich das Original und bekam den Rhythmus vermutlich über Kopfhörer vorgespielt.
Für mich war es schwieriger als normales Synchronsprechen, weil ich kein großes Gesangstalent bin.
Ich hatte zwar als Kind in einigen Filmen mit Roy Black mitgespielt. Meine Eltern meinten damals schon, dass ich nun eine Gesangskarriere machen würde. Ich sagte aber: „Nein, ich werde lieber ein guter Schauspieler als ein schlechter Sänger.“
Dominik:
Hat sich die Arbeit an Pokémon im Laufe der Jahre verändert?
Gerhard Acktun:
Es gab eine Phase, in der die Zeichnungen anders und kälter wirkten. Gleichzeitig hatte Team Rocket weniger zu tun.
Wir fragten uns, ob wir aus der Serie herausgeschrieben würden. In manchen Folgen tauchten wir gar nicht auf oder hatten nur wenige Sätze. Niemand konnte uns sagen, ob es mit uns weitergehen würde. Das war eine unsichere Zeit.
Außerdem wurden die Aufnahmen immer schneller. Nach einem Studiowechsel ging es noch einmal deutlich flotter.
Dominik:
Hast du Mauzi über die Jahre ins Herz geschlossen?
Gerhard Acktun:
Auf jeden Fall. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich ins Studio komme und sehe, dass Mauzi in der Folge auftaucht.
Es gibt schöne Geschichten, in denen Mauzi als Übersetzer für andere Pokémon arbeitet oder sich verliebt. Solche Episoden gefallen mir.
Die Rolle ist anstrengend, aber ich liebe sie. Auch die vielen Laute machen Spaß, wenn Mauzi hinfällt, wegläuft oder schreit.
Dominik:
Gibt es Episoden, die du dir nachträglich gern ansiehst?
Gerhard Acktun:
Das Traurige ist, dass man bei der Aufnahme nur seine eigenen Takes sieht. Man bekommt die ganze Geschichte nicht mit.
Man muss manchmal die Regie fragen, was vorher passiert ist und warum sich die Figuren gerade beispielsweise in einem U-Boot befinden und so heftig treten müssen, um es anzutreiben.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir „Mauzi in Hollywood“, weil Mauzi dort sprechen lernt. Diese Folge fand ich toll.
Dominik:
Manchmal tauchen neben dem Team-Rocket-Mauzi weitere Mauzi auf. Wie gehst du mit solchen Doppelrollen um?
Gerhard Acktun:
Vor Kurzem gab es ein böses Mauzi. Das sprach ich tiefer. Dann gibt es kleinere Mauzi, die ebenfalls nur ihren eigenen Namen sagen können. Die Regisseurin sagte, dass ich sie höher und weniger krächzend sprechen sollte.
Das war schwierig. Ich hatte bei „Beyblade“ einmal eine Rolle, bei der der Regisseur sagte, ich müsse sehr jung und klar sprechen. Ich bekam es irgendwie hin, aber es war eine ziemliche Quälerei.
Heute spreche ich meistens ältere Personen. Bei „One Piece“ hatte ich ebenfalls mehrere Rollen, unter anderem Brownbeard. Solche tiefen, bösen Typen spreche ich gern.
Dominik:
Wie blickst du auf deine Arbeit bei „One Piece“ zurück?
Gerhard Acktun:
Die Produktion hat sich stark verändert und ist von einem Studio zum anderen gewandert. Früher standen wir teilweise zu zweit oder zu dritt vor dem Mikrofon. Manche Takes, beispielsweise mit Matrosen, nahmen wir gemeinsam auf.
Zu „One Piece“ habe ich nicht dieselbe Verbindung wie zu Pokémon. Die bösen und überdrehten Charaktere machen mir trotzdem Spaß. Diese tiefen Stimmen belasten allerdings ebenfalls die Stimme, wenn man sie längere Zeit spricht.
„Inuyasha“ fand ich teilweise furchtbar. Ich sah im Studio Szenen, in denen Menschen am Galgen hingen und bei Kämpfen Blut spritzte. Da dachte ich, dass das doch nicht für Kinder geeignet sein könne. Das ist nicht so mein Ding.
Dominik:
Kommt Mauzi manchmal unbewusst in deinem Alltag heraus?
Gerhard Acktun:
Manchmal stehe ich auf oder mache eine Bewegung und gebe dabei irgendeinen merkwürdigen Laut von mir. Meine Frau schaut mich dann an, und ich denke, dass ich wohl zu lange Zeichentrick gesprochen habe.
Solche Laute mache ich manchmal unbewusst. Mit „Miauz, genau!“ antworte ich im Alltag allerdings nicht. Das sage ich höchstens, wenn mich jemand darum bittet.
Dominik:
Wirst du auf der Straße erkannt?
Gerhard Acktun:
Überhaupt nicht. Ich spreche im Alltag mit einer ganz anderen Stimme.
Manchmal erzähle ich in einem Gespräch, dass ich bei Pokémon Mauzi spreche. Dann reagieren die Menschen vollkommen überrascht. Vor Kurzem erlebte ich das in einem anderen Studio. Dort flippten einige Leute aus und riefen: „Mauzi, das gibt es doch nicht!“
Es gibt sehr viele Pokémon-Fans, die inzwischen über 30 sind. Gleichzeitig kommen immer neue junge Fans nach. Pokémon ist wirklich ein Phänomen.
Wir fanden schade, dass Team Rocket im Realfilm „Pokémon Meisterdetektiv Pikachu“ nicht vorkam. Zumindest hätte man uns langjährige Sprecher vielleicht auf andere Charaktere besetzen können.
Dominik:
Hast du neben Mauzi weitere Pokémon gesprochen?
Gerhard Acktun:
Ja, unter anderem Hunduster. Es kam häufiger vor, dass die Regie sagte: „Da ist noch eine kleine Figur. Sprich die bitte auch und mach sie etwas tiefer.“
Bei einem Pokémon wie Hunduster muss man genau darauf achten, wann es das Maul öffnet und wann es angreift. Viel Text gibt es nicht. Man sagt im Grunde nur Teile seines Namens und macht die passenden Reaktionslaute.
Es gibt Kollegen, die mehrere Stunden im Studio sitzen und fast ausschließlich solche Laute aufnehmen. Dabei würde ich wahrscheinlich einen Knall bekommen.
Dominik:
Welches ist dein Lieblings-Pokémon?
Gerhard Acktun:
Natürlich Mauzi. Ich finde außerdem toll, dass der Podcast „Miauz, genau!“ heißt.
Die Rolle begleitet mich inzwischen seit ungefähr 25 Jahren. Früher sagte ich zum Spaß, dass ich Mauzi so lange sprechen würde, bis ich in Rente gehe. Genau das ist tatsächlich passiert. Seit ungefähr einem Jahr bin ich in Rente.
Wenn man auf diese lange Zeit zurückblickt, ist es beinahe unbegreiflich.
Dominik:
War die Ankündigung des Endes der klassischen Pokémon-Serie ein Schock für dich?
Gerhard Acktun:
Ja. Ich sprach mit der Regisseurin darüber, aber auch sie wusste nichts Genaues. Sie hatte nur gehört, dass einige Figuren ausgetauscht würden und eine andere Welt kommen sollte. Ob Team Rocket weiterhin auftauchen würde, wusste sie nicht.
Ich sprach auch mit Scarlet darüber. Wir sagten, dass 25 Jahre bereits eine sehr lange Zeit sind. Abgesehen von Serien wie den „Simpsons“ gibt es kaum Produktionen, die so lange laufen.
Dominik:
Würdest du Mauzi erneut sprechen, wenn Team Rocket in der neuen Serie für einzelne Auftritte zurückkäme?
Gerhard Acktun:
Auf jeden Fall.
Die Regisseurin sagte, es könne passieren, dass das neue Format beim Publikum nicht ankommt. Vielleicht würde man nach einem Jahr wieder zu Ash und Team Rocket zurückkehren. Man weiß nicht, wie die neue Serie angenommen wird und ob viele Zuschauer enttäuscht sein werden.
Team Rocket gehört für mich zu den wichtigsten und witzigsten Figuren der gesamten Serie. Sie bekommen ständig eins auf die Birne, und am Ende folgt der berühmte Schuss in den Ofen.
Dominik:
Wie nehmt ihr den gemeinsamen Satz „Das war mal wieder ein Schuss in den Ofen“ auf?
Gerhard Acktun:
Wir müssen ihn alle exakt gleich sprechen. Derjenige, der zuerst aufgenommen wird, hat es am einfachsten. Er kann das Tempo bestimmen und irgendwo eine Pause machen. Die anderen müssen sich anschließend genau danach richten.
Ich bin immer der Erste.
Dominik:
Von der Team-Rocket-Kampfansage gab es im Laufe der Serie verschiedene Versionen. Welche magst du am liebsten?
Gerhard Acktun:
Am besten gefällt mir die ursprüngliche Variante. Ich habe nicht verstanden, warum sie zwischenzeitlich geändert wurde.
Oft geht die Redaktion über die Texte und möchte bestimmte Sätze aus inhaltlichen Gründen anders formuliert haben. Manchmal passen diese Änderungen aber kaum noch in die vorhandene Länge. Dann muss man wahnsinnig schnell sprechen.
Dominik:
Wie genau wird bei Pokémon auf die Aussprache neuer Namen geachtet?
Gerhard Acktun:
Bei neuen Figuren gibt es häufig eine Aufnahme, auf der jemand den Namen vorspricht. Diese wird uns abgespielt, damit wir die genaue Betonung übernehmen.
Einmal stimmte die Aussprache in meiner Aufnahme offenbar nicht ganz. Für zwei Takes musste ich am nächsten Tag noch einmal ins Studio kommen. Das nennt man einen Retake.
Nur der Tonmeister war da. Wir nahmen die Stellen neu auf, und er sagte anschließend, dass die Betonung genauso wie bei der alten Aufnahme klinge. Dann hätte man eigentlich gleich die erste Fassung behalten können.
Bei Pokémon wird sehr genau darauf geachtet, wie Namen ausgesprochen und betont werden.
Dominik:
Liefen zum Zeitpunkt des Interviews bereits die Aufnahmen zu den letzten Episoden mit Ash und Team Rocket?
Gerhard Acktun:
Ich hatte zuletzt gehört, dass die Aufnahmen bis Mai laufen sollten. Es wurden offenbar immer nur zwei Folgen aufgenommen.
Die Regisseurin hatte die späteren Episoden selbst noch nicht gesehen und wusste ebenfalls nicht genau, wie es weiterging.
Wir bekommen für die Aufnahmen zunächst eine Option für einen bestimmten Zeitraum. Dann heißt es beispielsweise, dass der Termin irgendwann zwischen dem Ersten und dem Sechsten stattfinden wird. Wenn ein anderer Auftrag dazukommt, müssen sich die Studios miteinander abstimmen.
Ich hatte damals noch eine Option für die folgenden zwei Wochen, wusste aber nicht, was danach passieren würde. Die Regisseurin, die meistens auch die Dialogbücher schrieb, hatte ebenfalls noch keine Informationen.
Dominik:
Wie blickst du auf die Zukunft der deutschen Synchronbranche?
Gerhard Acktun:
Die Branche hat sich stark verändert. Ich stehe seit fast 50 Jahren im Studio. Wie schon gesagt, muss heute alles schneller gehen, und es bleibt immer weniger Zeit.
Bei großen Disney-Produktionen merkt man noch, dass Zeit und Geld vorhanden sind. Bei vielen Fernsehproduktionen muss es dagegen sehr schnell gehen.
Was uns außerdem beschäftigt, ist die Entwicklung künstlich erzeugter Stimmen. Ich habe bereits Beispiele gehört, die wirklich gespenstisch waren. Bei den Betonungen merkt man noch, dass etwas nicht stimmt. Ich glaube aber, dass sich die Technik in den nächsten Jahren stark weiterentwickeln wird.
Vielleicht erlebe ich es selbst nicht mehr, aber vermutlich werden viele Inhalte irgendwann künstlich gesprochen. Bei Dokumentationen oder Voice-over-Aufnahmen mit wenig schauspielerischer Betonung könnte man es teilweise schon heute machen. Ich hörte etwas, das mich wirklich irritierte.
Vielleicht wird die Technik irgendwann sogar richtig spielen können. Das wäre brutal, weil viele Menschen ihren Job verlieren würden.
Das betrifft nicht nur die Sprecher. Im Studio sitzen auch Cutterinnen und Cutter, die kontrollieren, ob die Aufnahme synchron ist, ob man zu spät angefangen hat oder zu früh aufgehört hat. Auch deren Arbeitsplätze könnten verschwinden.
Im schlimmsten Fall wäre das das Ende einer ganzen Branche.
Dominik:
Was würdest du Menschen raten, die heute in die Synchronisation einsteigen möchten?
Gerhard Acktun:
Man sollte möglichst im Ensemble anfangen. Früher standen mehrere Personen gemeinsam vor dem Mikrofon und sprachen beispielsweise Reporter, die durcheinanderriefen: „Halt, ich hätte noch eine Frage!“
Dabei bekommt man etwas von der Technik mit. Man lernt, nach den drei Signaltönen auf die gedachte Vier einzusetzen, und verliert die Angst vor dem Mikrofon.
Man kann sich bei einem Studio vorstellen und fragen, ob eine Sprachprobe gewünscht ist. Wenn man sich nicht ungeschickt anstellt, sitzt irgendwann vielleicht ein Aufnahmeleiter hinten in der Regie und hört zu. Dann denkt er möglicherweise: „Den könnte ich für eine kleine Rolle mit ein paar Takes besetzen.“
So entwickelt sich der Weg normalerweise Schritt für Schritt.
Dominik:
Welche Ziele und Wünsche hast du für deine eigene Zukunft?
Gerhard Acktun:
Früher hatte ich noch bestimmte Theaterrollen im Blick. Heute möchte ich vor allem meine Hörspiele weiterführen.
Vielleicht produziere ich noch einmal ein größeres Hörspiel. Dabei könnten die Sprecher ihre Rollen zu Hause aufnehmen und mir die Dateien schicken, wie wir es schon bei einer anderen Produktion gemacht haben.
Bei der Synchronisation lasse ich auf mich zukommen, was angeboten wird. Inzwischen spreche ich viele ältere Figuren.
Vor Kurzem synchronisierte ich Christopher Lloyd, der in „Zurück in die Zukunft“ den Professor gespielt hat, im Film „Queen Bees: Im Herzen jung“. Das fand ich toll.
In München gibt es nicht mehr viele ältere Sprecher. Das ist traurig, führt aber dazu, dass man häufig zu mir kommt und sagt: „Wir hätten hier eine ältere Person.“ Ich habe bereits Figuren gesprochen, die 70 oder 80 Jahre alt waren. Gerade bei Zeichentrick kann auch das großen Spaß machen.
