Interview mit Benedict Bier in Textform
In der am 28. April 2026 veröffentlichten Folge 171 von Miauz Genau! ist Benedict Bier zu Gast, der im Jahr 2000 durch seine Pokémon-Wette bei „Wetten, dass..?“ bekannt wurde. Mit seinem Wissen über die ersten 151 Pokémon beeindruckte er damals das Fernsehpublikum und wurde zum jüngsten Wettkönig in der bisherigen Geschichte der Sendung. Im Interview-Special „Wiedersehen mit dem Wettkönig“ spricht Dominik mit ihm über seine Erinnerungen an diesen besonderen Abend, bislang offene Fragen rund um seinen Auftritt und die zahlreichen kleinen und großen Momente, durch die seine Wette bis heute ein unvergessener Teil der deutschen Pokémania geblieben ist.
Auf dieser Seite findest du das Gespräch als redaktionell aufbereitetes Transkript zum Nachlesen. Die Podcast-Episode bleibt die vollständige Originalfassung, diese Textversion dient als ergänzende Möglichkeit, das Interview in Ruhe zu lesen, bestimmte Stellen wiederzufinden oder einzelne Aussagen leichter nachzuschlagen.
Da das Interview in Textform eine beachtliche Länge hat, ist es hier in ein Akkordeon-Element eingeklappt.
Interview öffnen
Dominik:
Wie fühlt es sich an, 26 Jahre nach deinem Auftritt bei „Wetten, dass..?“ noch einmal ausführlich auf diesen Abend zurückzublicken?
Benedict Bier:
Es ist krass und aufregend. Als sich abgezeichnet hat, dass wir miteinander sprechen würden, habe ich mich gefragt, was ich überhaupt erzählen kann.
Vieles von dem, was ich im Laufe meines Lebens über diese Zeit und diesen Abend erzählt habe, sind gar nicht ausschließlich meine eigenen Erinnerungen. Wenn man mit sieben Jahren in einem solchen Scheinwerferlicht steht, kann man später nicht mehr Sekunde für Sekunde wiedergeben, was geschehen ist.
In meinem Kopf vermischen sich diffuse eigene Bilder mit den Aufzeichnungen, die wir alle paar Jahre noch einmal herausgeholt haben, und mit den Erzählungen meiner Eltern oder meines älteren Bruders. Dann sagt jemand beispielsweise: „Die Heidi Klum war damals wirklich nett.“ Daraus setzt sich meine heutige Erinnerung zusammen.
Dominik:
Wie bist du auf unsere frühere Podcastfolge über deinen Auftritt gestoßen, und was hat sie bei dir ausgelöst?
Benedict Bier:
Das ist noch gar nicht so lange her. Durch die Berichterstattung zum 30. Pokémon-Jubiläum sagte mir jemand, dass ich in einer Instagram-Fotoserie von ZDFtivi oder einem ähnlichen Angebot zu sehen sei. Ich selbst habe kein Instagram.
Eines Abends dachte ich deshalb, dass ich einfach einmal nach „30 Jahre Pokémon Wetten, dass“ suchen könnte. Dabei stieß ich auf eure Episode. Unseren kurzen Kontakt einige Jahre zuvor hatte ich ehrlicherweise schon wieder verdrängt und vergessen.
Ich hörte mir die Folge an und war vollkommen geflasht davon, dass es sie überhaupt gab. Gleichzeitig war ich wirklich berührt davon, wie liebevoll und schön ihr die Geschichte erzählt und eingeordnet habt. Das erfüllte mich mit großer Freude und Dankbarkeit.
Dominik:
Welchen Einordnungen aus dieser Folge würdest du zustimmen, und an welcher Stelle lagen wir falsch?
Benedict Bier:
Den meisten würde ich auch aus heutiger Sicht zustimmen. Wenn man sich ansieht, wie Thomas Gottschalk sich teilweise verhielt und welches Verhältnis zwischen Männern und Frauen in der Sendung gezeigt wurde, ist manches nicht besonders gut gealtert.
Meine Mutter war damals eine Frau Ende 30. Meine Frau ist heute 33. Meine Mutter empfand das Verhalten damals als vollkommen normal. Es war einfach eine andere Zeit und eine Form des Mainstream-Humors, die heute wahrscheinlich nicht mehr genauso funktionieren würde.
An einer Stelle lagt ihr allerdings falsch. Ihr hattet den Eindruck, Michael Mittermeier sei gegen mich gewesen und habe nicht an mich geglaubt. Das war vorher abgesprochen.
Die Redaktion hatte wahrscheinlich schon bei den Generalproben am Freitag und am Samstagmorgen gemerkt, dass ich die 151 Pokémon tatsächlich beherrschte. Gleichzeitig wusste niemand, wie ich reagieren würde, sobald die Scheinwerfer eingeschaltet waren.
Man erklärte mir deshalb vorher, dass Michael Mittermeier absichtlich gegen mich wetten sollte. Die Redaktion glaubte so fest daran, dass ich gewinnen würde, dass sie unbedingt seine Wettschuld sehen wollte. Ich sollte mir also keine Sorgen machen, wenn er Nein sagte. Das sei Teil des Skripts.
Die Verantwortlichen wollten ihn offenbar Panflöte spielen sehen und überlegten, wie sie das erreichen konnten. Deshalb musste er gegen mich wetten. Aus der Aufzeichnung allein kann man auf diese Idee natürlich kaum kommen.
Dominik:
Wie groß war deine eigene Begeisterung für Pokémon damals?
Benedict Bier:
Ich war schon ein Pokémon-Fan. Pokémon war für mich allerdings auch ein wenig Mittel zum Zweck, weil meine Geschichte eine Vorgeschichte besitzt.
Mein Bruder ist zwei Jahre älter als ich. Wir waren beide ziemlich fixe Kleinkinder. Er hatte sich ungefähr 1997 bei einer Kinder-Ausgabe von „Wetten, dass..?“ beworben und wollte Bundesligaspieler, ihre Vereine und weitere Informationen über sie auswendig nennen.
Ich konnte diese Dinge mit vier Jahren ebenfalls, war aber vollkommen traurig und entgeistert darüber, dass ich nicht mitmachen durfte. Sechs Jahre waren offenbar die definitive Altersgrenze.
Daraufhin beschloss meine Mutter, dass man bei mir ebenfalls überlegen könnte, was ich beherrschte, sobald ich alt genug war. Dann kam Pokémon in mein Leben.
Ich mochte Pokémon wirklich gern und spielte vor allem die Game-Boy-Spiele. Mit den Sammelkarten beschäftigte ich mich deutlich weniger. Mit den Kindern aus unserer Straße benutzten wir das Linkkabel, tauschten Pokémon, trainierten sie und trugen Kämpfe aus.
Es war in dieser Zeit richtig cool und machte mir viel Spaß. Es wäre aber zu dick aufgetragen, wenn ich behaupten würde, dass sich diese Leidenschaft anschließend durch meine gesamte Kindheit gezogen hätte.
Als nach den ursprünglichen 151 Pokémon weitere hinzukamen, war ich bereits beinahe ausgestiegen. Mein Bruder besaß noch die Goldene und die Silberne Edition. Ich blieb im Wesentlichen bei Rot, Blau und Gelb sowie bei „Pokémon Stadium“ auf dem Nintendo 64.
Dominik:
Wie hast du die damalige Pokémania und mögliche Konflikte zwischen Kindern und Eltern erlebt?
Benedict Bier:
Bei uns gab es diesen Kampf mit den Eltern nicht besonders stark. Mein Bruder und ich wurden als Kinder relativ häufig in Ruhe gelassen und durften vieles selbst ausprobieren.
Darüber diskutiere ich heute manchmal mit meiner Frau. Ich sage ihr dann, dass ihr als Kind ständig die Nutella weggenommen wurde und sie heute besonders gern Süßigkeiten isst. Ich durfte dagegen fast alles haben und bin heute ziemlich diszipliniert.
Bei unserem Medienkonsum waren meine Eltern ebenfalls entspannt. Heute ist die Situation durch die vielen Geräte und Angebote sicherlich noch komplizierter geworden.
Wir waren drei oder vier Jungen aus derselben Straße, trafen uns, tauschten unsere Pokémon, ließen sie gegeneinander antreten und wechselten zwischendurch zum Nintendo 64, wenn wir mehr Farbe und eine bessere Grafik sehen wollten.
Wie präsent Pokémon bei meinen übrigen Klassenkameraden war und ob es dort größere Auseinandersetzungen mit den Eltern gab, weiß ich nicht mehr genau. Ich war damals außerdem relativ jung. Die Kinder, die besonders intensiv mit Pokémon beschäftigt waren, waren wahrscheinlich eher neun, zehn oder elf Jahre alt.
Durch meinen älteren Bruder und meinen damals recht flinken Geist war ich bei vielen Dingen der Jüngste.
Dominik:
Wie außergewöhnlich war dieser flinke Geist tatsächlich? Handelte es sich um natürliche Begabung oder um eine besondere frühkindliche Förderung?
Benedict Bier:
Es ist immer schwer, so etwas über sich selbst zu sagen. Mit der Perspektive eines beinahe 33-Jährigen kann ich aber wohl sagen, dass ich in dieser Hinsicht ein sehr außergewöhnliches Kind war.
Mein heutiger Schwiegervater war damals mein Kinderarzt. Er erzählt bis heute eine Geschichte darüber, wie ich mit ungefähr dreieinhalb Jahren in seinem Wartezimmer saß und irgendwann sagte: „So geht das hier nicht mehr. Ich habe jetzt schon 3.600 Sekunden gewartet und möchte bitte gehen.“
Er hat in seinem Beruf sehr viele Kinder gesehen. Ihm fiel deshalb durchaus auf, dass mein Bruder und ich nicht ganz gewöhnlich waren.
Meine heutige Frau ging damals bereits mit mir auf eine Grundschule. Sie hatte die Sendung gesehen und war später auch an dem Plakat und dem Glücksbringer beteiligt, die für mich gebastelt wurden. Unser gemeinsamer Weg besitzt also eine ziemlich kuriose Vorgeschichte.
Vor allem meiner Mutter fiel meine Begabung früh auf. Anders als mein Vater wollte sie sie fördern und nutzte notfalls auch eine öffentliche Bühne, solange wir Kinder Freude daran hatten.
Egal, wie begabt ein Kind ist, irgendjemand muss es zunächst auf die Idee bringen, dass es im Fernsehen oder bei „Wetten, dass..?“ auftreten könnte. Dieser Impuls entsteht bei einem Vier- oder Sechsjährigen normalerweise nicht vollkommen von allein.
Meine Mutter gab uns diese Möglichkeit. Wir machten es gern, es hat uns nicht geschadet, und heute besitzen wir dadurch noch immer einiges zu erzählen.
Dominik:
Wie entstand nach dem Auftritt deines Bruders die Idee für deine eigene Pokémon-Wette?
Benedict Bier:
Wie die Bewerbung meines Bruders bei der Kinder-Ausgabe genau zustande kam, weiß ich nicht mehr. Möglicherweise hatte jemand zu meiner Mutter gesagt, dass wir beiden knuffig seien und ungewöhnlich viel über Fußball wüssten. Meine Mutter ist jemand, der eine solche Idee anschließend tatsächlich umsetzt.
Mein eigener Auftritt war im Grunde eine Folge dieses früheren Auftritts. Natürlich wollte ich als jüngerer Bruder ebenfalls haben, was der große Bruder erlebt hatte.
Wir ließen auch im Sport keine Gelegenheit aus, miteinander zu rangeln. Ich war zwar zwei Jahre jünger, kompensierte das aber möglicherweise mit noch drei Prozent mehr Ehrgeiz.
Irgendwann sagte meine Mutter, dass es nun eine neue Chance gebe und ich mich mit dem bewerben könnte, was ich gerade besonders gern machte: Pokémon.
Ich erinnere mich noch an ein Bild aus unserem Vorgarten. Dort erzählte mir meine Mutter, dass eine positive Antwort aus der Redaktion in Mainz gekommen sei und ich mich vorstellen dürfe. Darüber freute ich mich natürlich sehr.
Dominik:
Wie wurde überprüft, ob du die 151 Pokémon wirklich beherrschtest?
Benedict Bier:
Den genauen Ablauf weiß ich nicht mehr. Es muss aber irgendeine Überprüfung gegeben haben. Pokémon war damals ein unglaublich großes Thema, und vermutlich bewarben sich sehr viele Menschen mit ähnlichen Ideen.
Die Redaktion kannte mich bereits ein wenig. Bei der Kinder-Ausgabe mit meinem Bruder wurde ich aus dem Publikum heraus von Thomas Gottschalk interviewt. Ich durfte nicht auf die Bühne, sang aber ein kleines Ständchen.
Aus irgendeinem Grund sang ich „Steht auf, wenn ihr Schalker seid“, obwohl ich leidenschaftlicher Fan des 1. FC Kaiserslautern war. Ich weiß bis heute nicht, was mich damals geritten hat.
Wahrscheinlich war ich mit vier Jahren noch vorlauter und für die Redaktion anstrengender als später mit sieben. Sie wussten deshalb zumindest, dass ich nicht irgendein Kind war, das einfach eine Behauptung aufstellte.
Trotzdem gehe ich davon aus, dass sie ihre Mechanismen besaßen, um meine Wette zu prüfen.
Dominik:
Wie hast du dich auf die Wette vorbereitet?
Benedict Bier:
Es gab einen ausgedruckten Pokédex in einem Ordner. Damit lernte ich.
Anders als bei den Fußballspielern meines Bruders musste ich mich tatsächlich etwas vorbereiten. Das Gewicht eines einzelnen Pokémon oder die exakte Formulierung des Pokédextextes hatte ich nicht automatisch im Kopf.
Besonders schwierig war wahrscheinlich, die Texte möglichst wortgetreu wiederzugeben. Die Nummern waren irgendwann relativ selbstverständlich, wenn man sich intensiv in dieser Welt bewegte.
Auch Größe und Gewicht ließen sich leichter lernen, wenn ich bereits ein konkretes Bild des Pokémon im Kopf hatte. Bei den Beschreibungen brauchte ich mehr Wiederholungen.
Ich besitze kein fotografisches Gedächtnis. Ich las mir alles immer wieder durch, stellte Verbindungen her und speicherte es nach und nach ab. Meine Eltern fragten mich sicherlich ebenfalls gelegentlich ab.
Angeblich lernte ich ungefähr zwei Monate dafür. Das bedeutete aber kein zweimonatiges Bootcamp. Parallel ging ich ganz normal zur Schule, spielte Fußball und damals möglicherweise noch Tennis, traf Freunde und besuchte meine Großeltern.
Dominik:
Welche Pokémon wurden dir in der Sendung schließlich vorgelegt?
Benedict Bier:
Nachdem ich eure Folge gehört hatte, fiel mir noch einmal auf, dass beinahe nur ungewöhnlichere Pokémon ausgewählt wurden. Es waren Piepi, Maschock, Muschas, Pantimos und Rettan.
Keines davon gehörte damals zu den sechs Pokémon, die ich normalerweise in meinem Team besaß. Eine Reihe wie Kadabra und Simsala oder andere häufig verwendete Pokémon wäre für mich wesentlich vertrauter gewesen.
Auch bei der Generalprobe hatte ich das Gefühl, dass eher bekannte Pokémon wie Bisasam oder Pikachu verwendet worden waren. In der Livesendung kamen dann plötzlich die deutlich ungewöhnlicheren Kandidaten.
Dominik:
Hattest du vor dem Auftritt Zweifel daran, dass du die Wette schaffen könntest?
Benedict Bier:
Mit sieben Jahren ist man wahrscheinlich einfach unbekümmerter. Niemand weiß vorher, wie es sich anfühlt, wenn der Abend gekommen ist, die Sendung live läuft und die Scheinwerfer eingeschaltet werden.
Grundsätzlich hatte ich aber keine Zweifel. Wenn die eigene Mutter einem eine solche Aufgabe zutraut und vermittelt, dass man sie schaffen kann, denkt man in diesem Alter nicht besonders lange über ein mögliches Scheitern oder eine öffentliche Blamage nach. Man macht es einfach.
Später erlebt man solche Situationen anders. Bei meinem Auftritt in der Abschiedssendung für Michael Schumacher war ich älter und hatte kurz das Gefühl, einen Blackout zu bekommen. Mit 23 ging ich bei „Gefragt – Gejagt“ ebenfalls ganz anders mit der Fallhöhe eines Fernsehauftritts um.
In solchen Momenten wünscht man sich etwas von der Leichtigkeit seines siebenjährigen Ichs zurück.
Dominik:
Wie hast du die Reise nach Hannover und die Tage vor der Sendung erlebt?
Benedict Bier:
Es war auf jeden Fall ein Abenteuer. Gleichzeitig bestand mein Leben damals nicht ausschließlich aus diesem Auftritt.
Wir waren vorher an der Nordsee im Urlaub. Das weiß ich auch deshalb noch so gut, weil Michael Schumacher in dieser Zeit der erste Ferrari-Weltmeister seit 1979 wurde. Formel 1 war neben Pokémon eines meiner wichtigsten Themen.
Ein weiteres großes Thema war leider, dass meine Großmutter im Sterben lag. Sie starb ungefähr zwei Wochen nach der Sendung an einem Hirntumor. Sie konnte den Auftritt noch sehen und zumindest teilweise verstehen, dass einer ihrer beiden Enkel im Fernsehen war.
Das waren die Dinge, die mich in diesem Herbst beschäftigten. Wir fuhren aus dem Saarland an die Nordsee und anschließend weiter nach Hannover.
Dort fand noch die Expo statt. Auch das war aufregend. Der Fernsehauftritt war deshalb eher ein Teil einer ganzen Ferienzeit und nicht etwas, woran ich ununterbrochen dachte.
Irgendwann war dann einfach der Tag gekommen, an dem es losging. Thomas Gottschalk erschien meiner Erinnerung nach erst ziemlich spät und war auch bei den letzten Proben relativ unvorbereitet. Vorher wurde er wohl durch ein Double ersetzt.
Das passt zu dem Eindruck, den man in der Sendung bekam. Er hatte sich mit Pokémon kaum beschäftigt und lebte stark von seiner Improvisation. Genau diese Art der Unterhaltung war damals allerdings ausgesprochen erfolgreich.
Dominik:
Wie hast du Thomas Gottschalk hinter den Kulissen erlebt?
Benedict Bier:
Er war hinter der Kamera im Wesentlichen genauso wie vor der Kamera. Das ist eine Erfahrung, die ich auch bei anderen bekannten Menschen gemacht habe.
Er war ein wenig schlurig, nicht besonders organisiert, sagte spontan irgendetwas und machte sich vorher vermutlich nicht über jeden einzelnen Schritt Gedanken. Gleichzeitig war er ein zugewandter, freundlicher und unterhaltsamer Gesprächspartner.
Ich kann überhaupt nichts Negatives über seinen persönlichen Umgang mit mir sagen. Seine erfolgreiche Art bestand gerade darin, vieles zu improvisieren.
Dominik:
Gab es vonseiten der Redaktion eine besondere Betreuung für dich als siebenjähriges Kind?
Benedict Bier:
Daran erinnere ich mich nicht mehr im Detail. In meinem Kopf ist aber insgesamt eine sehr wohlwollende und kindgerechte Atmosphäre abgespeichert.
Die Redaktion hatte sich genau überlegt, an welcher Stelle der Sendung meine Wette stattfinden sollte. Ich sollte nicht die erste Wette sein, weil das möglicherweise zu viel Druck erzeugt hätte. Gleichzeitig durfte sie nicht zu spät kommen, weil ich irgendwann müde geworden wäre und wegen meines Alters möglicherweise nicht mehr auf die Bühne gedurft hätte.
Solche Überlegungen wurden mit uns besprochen. Deshalb gehe ich davon aus, dass mich auch sonst jemand betreute und auffing.
Dominik:
Stammten der Pokémon-Pullover und der Glücksbringer aus deiner Familie?
Benedict Bier:
Der Pullover kam tatsächlich von der Redaktion. Später wurde ich von Freunden häufiger dafür ausgelacht, weil er viel zu groß war. Ich war wirklich ein sehr kleiner Junge, und entsprechend hing dieses Ding an mir herunter.
Den Glücksbringer bastelten wir gemeinsam in meiner Grundschulklasse. Unsere Klassenlehrerin war eine ausgesprochen liebe und tolle Lehrerin. Sie erklärte, dass wir etwas für jemanden anfertigen würden, der es dringend brauchte. Sie verriet der Klasse aber nicht, dass es für meinen Auftritt bestimmt war.
Ich selbst zählte damals offenbar auch nicht eins und eins zusammen. Ich dachte, jeder würde etwas für eine Person basteln, an die er gerade dachte. Deshalb schenkte ich meinen eigenen Beitrag zunächst meiner kranken Großmutter.
Kurz vor der Sendung bekam ich den Glücksbringer dann wahrscheinlich von meiner Mutter überreicht. Ich meine außerdem, dass unsere Schulleiterin in Hannover und vielleicht sogar im Publikum dabei war. Dabei bin ich mir heute allerdings nicht mehr vollkommen sicher.
Dominik:
Wie wurde deine Wette geprobt?
Benedict Bier:
Wir saßen auf der Bühne und spielten einen vollständigen Durchgang mit ungefähr fünf Pokémon durch.
Wie gesagt, glaube ich, dass bei der Probe eher bekannte Pokémon wie Bisasam und Pikachu verwendet wurden. Während der Livesendung dachte ich dann, dass plötzlich ausgesprochen ungewöhnliche Pokémon auftauchten.
Die Probe fand wahrscheinlich noch mit einem Gottschalk-Double statt. Thomas Gottschalk selbst wurde uns erst relativ kurzfristig vorgestellt.
Dominik:
Was empfandest du, als du erstmals in der Livesendung auf die Bühne kamst?
Benedict Bier:
Es war überwältigend. Der Saal war voll, das Publikum tobte, und das Licht war wahnsinnig hell. Die Menschen wollten mir sicherlich ein gutes Gefühl geben. Für ein siebenjähriges Kind war das trotzdem eine leichte Überforderung.
In meinem Kopf existierte außerdem noch eine Vorgeschichte aus der früheren Kinder-Ausgabe. Damals wollte Thomas Gottschalk mich am Ende offenbar noch einmal auf die Bühne holen, weil ich ihm im Publikum aufgefallen war.
Ich lief los, sah die vielen Kameras, wusste plötzlich nicht mehr, wohin ich gehen sollte, lief zurück und weinte in den Armen meiner Mutter. Mein Bruder zog mich gefühlt meine gesamte Kindheit damit auf, dass irgendwo noch das ungeschnittene Band dieser Szene existieren müsse.
Heute würde ich sagen, dass ein vierjähriges Kind in einer solchen Situation selbstverständlich weinen darf. Damals war es mir sehr peinlich.
Bei meinem eigenen Auftritt dachte ich deshalb wahrscheinlich: Jetzt bist du schon sieben und ein großer Junge. Jetzt muss alles funktionieren.
Sobald der Small Talk vorbei war und die eigentliche Wette begann, befand ich mich aber vollkommen im Spiel.
Dominik:
Konntest du den Beginn der Sendung hinter der Bühne verfolgen?
Benedict Bier:
Ich meine, dass ein kleiner Fernseher im Backstagebereich stand. Dort bekam ich die erste Wette ein wenig mit.
Gleichzeitig wurde ich vorbereitet. Wahrscheinlich wurde noch einmal geprüft, ob das Licht passte, und ich wurde etwas abgepudert. Was man eben mit allen Gästen vor einem Auftritt macht.
Nachdem meine eigene Wette vorbei war, verfolgte ich den Rest der Sendung aus dem Publikum.
Dominik:
Thomas Gottschalk setzte dir die Pokémon-Brille verkehrt herum auf. Hast du das in diesem Moment bemerkt?
Benedict Bier:
In der Aufzeichnung hört man, glaube ich, dass ich kurz „Nein“ sage. Ich verstand wahrscheinlich überhaupt nicht, warum plötzlich alle lachten.
Ich befand mich gedanklich bereits in der Wette und dachte möglicherweise: Was wollt ihr jetzt von mir? Ich möchte anfangen.
Dass Togepi und Pikachu auf der Brille verkehrt herum standen, hatte ich vermutlich nicht richtig begriffen.
Ehrlicherweise hätte mir das selbst ebenfalls passieren können. Tollpatschigkeit und die Situation nicht sofort zu verstehen, sind auch in meinem späteren Leben wiederkehrende Motive geblieben. Wenn ich mir die Szene heute ansehe, finde ich sie deshalb sympathisch. Meine Frau würde wahrscheinlich sagen, dass sie mich genauso seit beinahe 27 Jahren kennt.
Dominik:
Das Publikum reagierte nach jeder richtigen Antwort begeisterter. Hast du dieses wachsende Momentum auf der Bühne wahrgenommen?
Benedict Bier:
Mit sieben Jahren nimmt man das nicht so reflektiert wahr. Ich war vollkommen auf das Spiel konzentriert und interpretierte nicht, wie laut das Publikum gerade applaudierte.
Wenn ich die Sendung heute ansehe, verstehe ich natürlich, wie sich dieses Momentum aufbaute. Gleichzeitig denke ich an die armen Musiker aus der Telefonzelle. Sie präsentierten ebenfalls eine tolle Wette und machten einen großartigen Job, hatten aber gegen den Kinderbonus kaum eine Chance.
Damals legte ich an mich selbst dieselbe Messlatte wie an die erwachsenen Kandidaten. Ich dachte nicht: Ich bin ein Kind und darf Fehler machen. Ich dachte, dass alles hundertprozentig funktionieren müsse und ich nichts Dummes oder Peinliches tun dürfe.
Heute würde ich sagen, dass ein Kind mit sieben Jahren selbstverständlich ebenfalls weinen oder überfordert sein darf. Damals befand ich mich aber in einem Tunnel und bekam wenig davon mit, was um mich herum geschah.
Dominik:
Hattest du das Gefühl, dass Thomas Gottschalk dich ernst nahm?
Benedict Bier:
Ja, ich fühlte mich ernst genommen.
Wenn man die Anmoderation heute hört, merkt man natürlich, dass er sich zunächst ein wenig über Pokémon lustig machte. Er sprach von noch einer Tüte und noch einer Tüte und behandelte das Thema eher als merkwürdigen Kindertrend.
Während der Wette veränderte sich die Perspektive aber. Möglicherweise merkten einige Erwachsene erstmals, dass es sich nicht nur um vollkommen hohles Zeug handelte.
Vielleicht verstand jemand, dass Rettan rückwärts gelesen Natter ergibt und dass man durch die Namen und Beschreibungen sogar etwas lernen konnte.
Die Sendung zeigte manchen Erwachsenen möglicherweise eine neue Perspektive auf Pokémon. In der eigentlichen Situation fühlte ich mich von Thomas Gottschalk jedenfalls ernst genommen.
Dominik:
Beim Eintrag zu Maschock befand sich ein Fehler in den eingeblendeten Daten. Ist dir das aufgefallen?
Benedict Bier:
Während der Wette konnte ich die Einblendung wegen der Brille natürlich nicht sehen.
Als ich mich anschließend umdrehte, fiel mir der Fehler auf. Ich glaube, dass eine Bezeichnung doppelt angezeigt wurde. Wie es dazu kommen konnte, weiß ich ebenfalls nicht.
Dominik:
Wie erinnerst du dich an das aufwendig gestaltete Pokémon-Bühnenbild?
Benedict Bier:
Das war sehr beeindruckend. Dort standen große Pokémon-Figuren wie Pinsir, und man hatte sich dem Thema gestalterisch wirklich angenähert.
Damals gab es noch richtige Bühnenbildner und aufwendig gebaute Kulissen. Mein Vater filmte an diesem Wochenende gelegentlich mit seiner Videokamera. In meiner Erinnerung sehe ich noch, wie im Hintergrund für das Bühnenbild gehämmert, geschweißt und gearbeitet wurde.
Heute würde man wahrscheinlich einen großen Bildschirm und eine Lichtshow verwenden. Damals wurde eine tatsächliche Welt aufgebaut. Das war schon sehr eindrücklich.
Dominik:
Wie hast du Michael Mittermeiers Rolle während der Sendung erlebt?
Benedict Bier:
Weil ich wusste, dass seine Gegenwette abgesprochen war, empfand ich ihn nicht als den bösen Erwachsenen, der nicht an mich glaubte.
Ich fühlte mich eher wie ein kleiner Profi, der einen Auftrag bekommen hatte. Mir war erklärt worden, dass es so laufen sollte, und deshalb machte ich meinen Job.
Wahrscheinlich hatte man mir außerdem vorgeschlagen, einen frechen Kommentar abzugeben. In der Sendung rief ich mit meiner hellen Stimme etwas wie „Wart nur ab“ in den Applaus oder die Buhrufe hinein.
Da war kein Groll und keine Wut auf Michael Mittermeier. Wir sind im Guten verblieben.
Dominik:
Löste er sein Versprechen ein, dir nach der gewonnenen Wette einen Weihnachtswunsch zu erfüllen?
Benedict Bier:
Nachdem ich eure frühere Folge gehört hatte, wollte ich meine Mutter noch einmal danach fragen, habe es im Alltag aber vergessen.
Ich bekam Backstagekarten für Michael Mittermeier. Vermutlich war das aber nicht unbedingt mein eigentlicher Weihnachtswunsch.
Ob es noch etwas anderes gab, weiß ich nicht mehr. Ich möchte Michael Mittermeier nach einem Vierteljahrhundert nicht zu Unrecht anprangern. Möglicherweise war ich nach dem Auftritt bereits ein vollkommen glückliches Kind und wünschte mir nichts Weiteres.
Über einen lokalen Radiosender erhielt ich später außerdem Backstagekarten für DJ BoBo. Auch PUR besuchte ich nach der Sendung. Ich meine, dass dieser Besuch ein Geschenk im Zusammenhang mit dem Auftritt war. Wir sahen PUR vermutlich in Karlsruhe.
Dominik:
Was geschah nach deiner Wette?
Benedict Bier:
Ich saß wieder im Publikum. Besonders erinnere ich mich an die Wette mit der Telefonzelle, die ich damals schon unglaublich stark fand.
Danach springt meine Erinnerung beinahe direkt zu einem riesigen, scheinbar nicht endenden Balken, auf dem irgendwann ungefähr 70 Prozent standen und der schließlich meine Wette als Sieger anzeigte.
Das ist eines der wenigen Bilder, an die ich mich noch aus meiner unmittelbaren damaligen Perspektive erinnere.
Dominik:
Thomas Gottschalk nahm dich anschließend auf den Arm und brachte dich noch einmal auf die Bühne. Wie hast du diesen Moment erlebt?
Benedict Bier:
Das war sehr besonders und wertschätzend. Auch die Art, wie er die Situation löste, war charmant.
Ich war wahrscheinlich froh, dass ich nicht mehr besonders viel sagen musste. Einem Kind wird vorher erklärt, wann sein eigentlicher Auftritt stattfindet und was es tun soll. Danach fällt die Spannung ab.
Mit sieben Jahren kann man dann vielleicht noch weniger spontan interagieren als ein Erwachsener. Thomas Gottschalk hätte mir noch viele Fragen stellen oder eine weitere Leistung verlangen können. Das tat er nicht.
Ich glaube, er spürte, dass ich inzwischen etwas erschlagen und überwältigt war. Er zeigte mich noch einmal dem Publikum und gab mir meinen Applaus, verlangte aber keine weitere Performance.
Das war wahrscheinlich sein Fingerspitzengefühl und sehr gut gelöst.
Dominik:
Was geschah mit den 5.000 Mark, die du gewonnen hattest?
Benedict Bier:
Das ist wahrscheinlich die meistgestellte Frage meines Lebens.
Sie wurde mir später am Gymnasium, in neuen Sportvereinen und im Studium immer wieder gestellt, sobald jemand herausgefunden hatte, dass ich der Junge von „Wetten, dass..?“ war.
Die Antwort lautet: Ich weiß es nicht.
Wahrscheinlich legten meine Eltern das Geld für mich an. Während meines Studiums wurde irgendwann ein Fonds oder Sparbuch aufgelöst. Vermutlich waren die 5.000 Mark dort hineingeflossen.
Es gab also kein Kinderparadies, kein überlebensgroßes Pikachu und auch keine riesige Menge Boosterpacks.
Mir fehlte als Kind nichts. Ich hatte alle Möglichkeiten, die ich benötigte, und war zufrieden. Deshalb gab es wahrscheinlich auch nichts, das ich unbedingt von dem Geld kaufen wollte.
Dominik:
Hast du bis heute wenig Interesse an materiellen Dingen?
Benedict Bier:
Ja. Wir waren gerade mit einer Gruppe von acht Personen für drei Wochen in Japan. Beim Wandern unterhielten wir uns darüber, was sich die anderen als Nächstes kaufen oder gönnen wollten. Der eine träumte von einem Auto, jemand anderes von einer bestimmten Modesache.
Abends sagte ich zu meiner Frau, dass ich dieses Gefühl kaum kenne. Wenn ich unbedingt etwas möchte, handelt es sich meistens um eine Reise oder ein anderes Erlebnis. Dann versuche ich, es tatsächlich zu machen.
Von einem materiellen Gegenstand zu träumen oder lange auf ihn zu sparen, kenne ich kaum. Wahrscheinlich war das bereits als Kind so. In dieser Hinsicht bin ich relativ bodenständig.
Dominik:
Wie wurdest du nach der Sendung in deiner Schule empfangen?
Benedict Bier:
Sehr positiv. Meine heutige Frau gehörte damals bereits zu meiner Peergroup. Dazu kamen einige weitere Kinder aus unserer Nachbarschaft.
Sie bereiteten mir ein großes Plakat und einen Empfang. Natürlich waren die Eltern und unsere Klassenlehrerin daran beteiligt.
Es bestand damals ein sehr guter Zusammenhalt. Ich kann mich weder an großen Neid noch an Streitigkeiten erinnern. Die gesamte Reaktion war ausgesprochen wohlwollend und entspannt.
Dominik:
Du warst klein, hattest eine Klasse übersprungen und warst jünger als viele Mitschüler. Wurdest du deshalb oder wegen des Fernsehauftritts gemobbt?
Benedict Bier:
Eigentlich hätte ich ein gut geeignetes Mobbingopfer sein können. Ich war relativ schlau, sehr klein, hatte eine Klasse übersprungen und war dadurch noch einmal ein Jahr jünger als die anderen.
Diese Erfahrung machte ich aber praktisch nicht. Ich weiß nicht genau, woran es lag.
Möglicherweise half mir eine gewisse Schlagfertigkeit. Vielleicht verschaffte ich mir außerdem über den Sport Anerkennung und Respekt bei den älteren Kindern, die sonst vielleicht versucht hätten, mich in die Pfanne zu hauen.
Nennenswertes Mobbing habe ich jedenfalls nicht erlebt.
Dominik:
Wie lange begleitete dich der Ruf als Junge von „Wetten, dass..?“?
Benedict Bier:
Während meiner Schulzeit schwebte das durchaus ein wenig über mir, aber nicht in permanenter Präsenz.
Die Menschen wussten davon. Auch in den Parallelklassen wurde es weitererzählt. Gelegentlich sprach mich jemand darauf an, und ich bestätigte einfach, dass ich damals dieser Junge gewesen war.
Ich fühlte mich aber nicht begafft oder ständig angestarrt. Es war ähnlich wie bei deiner späteren Nachricht auf Facebook: Jemand interessiert sich für die Geschichte, fragt freundlich nach, und ich antworte gern.
Anschließend schrieb das Leben neue Geschichten. In der F-Jugend war irgendwann wichtiger, ob man am Wochenende ein Tor geschossen hatte.
Mit sieben Jahren begriff ich die Dimension des Auftritts ohnehin nicht vollständig. Heute erkenne ich natürlich, dass einige Erlebnisse meiner Kindheit objektiv vollkommen außergewöhnlich waren. Damals waren sie einfach ein Teil meines Lebens, während mich zugleich viele ganz gewöhnliche Dinge beschäftigten.
Dominik:
Entstand durch diese Erfahrung der Wunsch, auch später öffentlich aufzutreten?
Benedict Bier:
Ja. Lange Zeit wollte ich Sportjournalist werden.
Sogar während meines Studiums bewarb ich mich bei einer offenen Ausschreibung von Sky, die neue Kommentatoren suchten. Ich dachte, das sei meine Chance.
Bis dahin hatte ich häufiger die Erfahrung gemacht, dass sich eine Möglichkeit ergab, wenn ich etwas wirklich wollte und mich darum bemühte.
Bei Sky funktionierte das überhaupt nicht. Ich strengte mich an und versuchte, in diese Auswahl hineinzukommen, bekam aber nicht einmal eine Antwort.
Trotzdem blieb der Wunsch erhalten, mich gelegentlich selbst herauszufordern und aus meiner Komfortzone herauszugehen.
Dominik:
2006 tratst du gemeinsam mit deinem Bruder in einer „stern TV“-Sendung zum ersten Karriereende Michael Schumachers auf. Wie kam es dazu?
Benedict Bier:
Diese Geschichte entstand letztlich ebenfalls aus „Wetten, dass..?“.
Nach meinem Auftritt hatte „stern TV“ bei uns angefragt und eine kleine Homestory gedreht. Meine Mutter sagte zu. Aus heutiger Sicht weiß ich nicht, ob ich das mit einem eigenen Kind genauso machen würde.
Der Beitrag wurde wahrscheinlich mangels langfristiger Relevanz nicht ausgestrahlt. Zwei Wochen später interessierte sich die breite Medienöffentlichkeit vermutlich nicht mehr genug dafür. Möglicherweise war mein Alltag auch zu gewöhnlich. Ich spielte Fußball, hatte normale Freunde und saß nicht den ganzen Tag als kleines Superhirn am Computer.
Die Redaktion hatte sich aber gemerkt, dass mein Bruder und ich große Formel-1-Fans waren.
Als Michael Schumacher 2006 sein erstes Karriereende ankündigte, plante „stern TV“ eine Sondersendung. Man fragte uns, ob wir sämtliche Rennergebnisse seiner Karriere auswendig lernen und gegen ihn antreten könnten.
Das war im Grunde eine Auftragsleistung für RTL und wesentlich schwieriger als meine Pokémon-Wette.
Es klingt zunächst überschaubar, ungefähr 250 Rennen zu lernen. Tatsächlich muss man aber auseinanderhalten, ob Michael Schumacher 1992 in Belgien in einer bestimmten Runde ausschied, von welchem Startplatz er losfuhr und welche Platzierung er erreichte.
Wenn derselbe Grand Prix über viele Jahre immer wieder stattfindet und man bei den frühen Rennen noch nicht einmal geboren war, wird das sehr kompliziert.
Wir schafften es trotzdem. Bei der ersten Frage hatte ich auf der Bühne allerdings kurz das Gefühl, einen Blackout zu bekommen. Mein Bruder rettete mich in diesem Moment gedanklich und half mir, wieder hineinzufinden.
Dominik:
Wie hast du Günther Jauch bei dieser Sendung erlebt?
Benedict Bier:
Auch Günther Jauch war hinter der Kamera genauso angenehm wie vor der Kamera.
So, wie er bei „Wer wird Millionär?“ mit den Kandidatinnen und Kandidaten spricht, unterhielt er sich auch backstage mit uns. Er war wirklich ausgesprochen nett.
Ich möchte noch immer gern bei „Wer wird Millionär?“ antreten, bevor Günther Jauch irgendwann aufhört. Ich erzähle jedem in meinem privaten Umfeld, dass man mich bitte vorschlagen soll.
Meine eigenen Bewerbungen werden anscheinend nicht gelesen. Im Scherz verspreche ich inzwischen jedem, der mich in die Sendung bringt, 20 Prozent meines Gewinns.
Dominik:
Hat dein Auftritt bei „Wetten, dass..?“ den Grundstein für deinen späteren Spieltrieb gelegt?
Benedict Bier:
Das kann man nicht leugnen.
Ich möchte etwas schaffen, gewinnen und eine Herausforderung bewältigen. Dieser Ehrgeiz begleitet mich bis heute.
Wenn es meine Zeit zulässt, nehme ich jeden Dienstag an einem Pubquiz in Saarbrücken teil. Die Moderatorin heißt Agneta und macht ein wunderbares Quiz.
Gerade in der Woche vor unserem Gespräch gewann unsere Gruppe. Es gibt wahrscheinlich in ganz Saarbrücken niemanden, der sich darüber so sehr freuen kann wie ich.
Meine Freunde sagen sogar, dass sie am liebsten nur teilnehmen, wenn ich dabei bin, weil ich diesen Ehrgeiz und Spirit in das Team bringe. Sie freuen sich manchmal weniger über ihren eigenen Sieg als darüber, wie sehr ich mich über unseren gemeinsamen Erfolg freue.
Dominik:
In den Medien wurde später auch über dein sehr gutes Abitur berichtet. Wie verlief dein akademischer Weg?
Benedict Bier:
Ein weiterer wichtiger Punkt war 2011 meine Bewerbung bei der Studienstiftung des deutschen Volkes.
Das Auswahlseminar war eine Weggabelung. Man musste ein Referat halten, an Gruppendiskussionen teilnehmen und sich in unterschiedlichen Situationen zeigen. Ich wusste, dass es für mich schwierig werden könnte, weil ich mich selbst nicht als besonders akademischen oder intellektuellen Typen wahrnehme.
Trotzdem bekam ich das Stipendium. Das war für mich sehr besonders.
Anschließend studierte ich Medizin in Freiburg. Durch mein Abitur kam ich in dieses Studium hinein und befand mich plötzlich unter vielen Menschen, die ebenfalls hervorragende Schulabschlüsse besaßen.
Nach ungefähr drei Wochen fragte ich mich, ob ich mich dort behaupten könnte oder untergehen würde. Meine Freunde aus dem Studium sagten mir später, dass dem Semester durchaus aufgefallen sei, dass ich nicht ganz gewöhnlich war. Ich selbst nahm das nicht so stark wahr und kann bis heute nicht genau erklären, woran es lag.
Dominik:
Warum beschreibst du dich trotz dieser Leistungen nicht als klassischen Akademiker?
Benedict Bier:
Ich bin nicht besonders belesen und besitze in vielen klassischen Bildungsbereichen große Lücken.
Durch das wöchentliche Pubquiz kann ich das ziemlich genau benennen. Bei Filmen bin ich katastrophal schlecht. Wir bekommen jeden Dienstag einen Filmausschnitt gezeigt. Zwischen der Moderatorin und mir ist es inzwischen ein Running Gag, dass sie ihn mir eigentlich gar nicht mehr zeigen muss.
Literatur liegt mir ebenfalls nicht besonders. Dasselbe gilt für klassische Musik, Kunst und altsprachliche Bildung. Ich hatte weder Latein noch Griechisch.
Ich bin eher der Typ für die erste Seite einer Zeitung und weniger für die Frage, welcher Komponist wann welche Sonate geschrieben hat.
Dominik:
Wie kam es zu deiner Teilnahme bei „Gefragt – Gejagt“?
Benedict Bier:
Mein Vater machte mich auf die Sendung aufmerksam. Er meinte, dass sie etwas für mich sein könnte.
„Gefragt – Gejagt“ ist stark auf Geschwindigkeit ausgelegt. Genau das liegt mir.
Auch beruflich passt dazu, dass ich heute Hausarzt bin. Ich bin damit der größte Generalist, den man innerhalb der Medizin beinahe finden kann. Wenn es zu speziell wird und immer tiefer in ein einzelnes Thema hineingeht, beginnt es mich etwas zu langweilen.
Ich möchte lieber von allem ein wenig verstehen. Genauso spiele ich Quiz. Ich besitze in vielen Bereichen ein gutes Oberflächenwissen und kann es vor allem schnell abrufen. Mein Prozessor arbeitet in solchen Situationen relativ schnell.
Für die Sendung bereitete ich mich trotzdem gezielt auf meine Schwächen vor. In der Schnellraterunde wurde beispielsweise nach einem impressionistischen Gemälde gefragt. Ich konnte zumindest einen Impressionisten nennen, auch wenn es der falsche war. Darauf war ich beinahe schon stolz.
Dominik:
Deine Folge von „Gefragt – Gejagt“ verlief außergewöhnlich erfolgreich. Wie bewertest du sie heute?
Benedict Bier:
Manches war einfach Glück und Momentum.
Im Finale fragte Alexander Bommes nach einem britischen Modeschöpfer. Ich kannte genau einen und nannte ihn, ohne zu wissen, bei welchem Modehaus er gearbeitet hatte. Er war richtig.
Bei einer Fußballfrage zum Kosovo fiel mir aus dem hintersten Winkel meines FCK-Gedächtnisses Albert Bunjaku ein, der dort Nationalspieler geworden war.
So setzten sich die Antworten zusammen.
Ich wurde während der Sendung ein wenig unterschätzt. Es wurde geraunt, weil ich in der Einzelrunde die niedrigere Sicherheitsstufe wählte.
Ich wusste mich aber realistisch einzuschätzen. In dieser Multiple-Choice-Runde konnten Fragen aus Bereichen kommen, von denen ich kaum etwas verstand. Tatsächlich riet ich zweimal vollkommen blind und lag beide Male richtig. Dadurch wirkte es anschließend so, als hätte ich keinen Fehler gemacht.
Mein eigentliches Ziel war, das Finale zu erreichen. Dort kam es wieder auf Geschwindigkeit an, und ich wusste, dass ich dem Team helfen konnte.
Dann brachte Ulrich 70.000 Euro in den Pot. So entstand das perfekte Drehbuch für diese Sendung: Einer bringt unglaublich viel Geld mit, ein anderer hilft, das Team durch das Finale zu retten, und der Jäger erwischt nicht seinen besten Tag.
Alles funktionierte. Es war eine dieser vielleicht hundert Sendungen, in denen der Ablauf nicht besser hätte sein können.
Dominik:
Michael Schumacher schenkte dir und deinem Bruder nach eurem gemeinsamen Fernsehauftritt Skihelme. Welche Bedeutung hat diese Erinnerung für dich?
Benedict Bier:
Als du von diesen außergewöhnlichen Sendungen und besonderen Momenten gesprochen hast, musste ich an diese Geschichte denken.
Michael Schumacher schenkte meinem Bruder und mir nach der Sendung jeweils einen Skihelm. Es war kurz vor Weihnachten, und offenbar hatte jemand überlegt, was man uns noch geben könnte. Wir waren gerade aus unseren alten Helmen herausgewachsen.
Ich bin nicht besonders abergläubisch und glaube nicht stark an Schicksal. Trotzdem ist das eine ziemlich besondere Randnotiz in meinem Leben.
Dominik:
Wie blickst du insgesamt auf diese ungewöhnliche mediale Lebensgeschichte zurück?
Benedict Bier:
In vielerlei Hinsicht fühlt sich mein Leben vollkommen normal an.
Wir sitzen heute wieder in Saarbrücken und damit in der Gegend, in der ich aufgewachsen bin. Meine Eltern und Schwiegereltern leben nicht weit entfernt.
Ich spiele wieder Fußball, wie ich vor ungefähr 28 Jahren damit angefangen habe. Mein jüngstes sportliches Highlight war ein 6:3-Auswärtssieg in der Bezirksliga.
Ansonsten überlegt man, ob man am Wochenende mit den Freunden Padel-Tennis spielt oder wandern geht. Das ist alles ausgesprochen bodenständig.
Zwischendurch wird dieses normale Leben allerdings durch objektiv vollkommen verrückte Geschichten gewürzt. Genau das ist wahrscheinlich meine Biografie.
Dominik:
Gab es nach „Gefragt – Gejagt“ weitere Fernsehauftritte?
Benedict Bier:
Nein. Seitdem gibt es eigentlich nur meine verzweifelten Versuche, noch zu „Wer wird Millionär?“ zu kommen.
Deshalb bedeutete mir auch eure frühere Podcastfolge viel. Ihr hattet euch die gesamte „Wetten, dass..?“-Sendung angesehen und sie ausführlich eingeordnet.
Wenn ich die Aufzeichnung mit Freunden oder Studienkollegen ansah, wollten sie meistens direkt zu meiner Wette springen. Vielleicht schauten wir noch die Telefonzellenwette und landeten anschließend schnell bei der Verkündung des Wettkönigs.
Durch euren Podcast lernte ich selbst noch einmal vieles über den gesamten Abend. Das war eine wunderschöne Zeitreise.
Dominik:
Welche Rolle spielt Pokémon heute noch in deinem Leben?
Benedict Bier:
Pokémon verschwand relativ schnell aus meinem unmittelbaren Alltag. Vollkommen verdrängt habe ich es aber nicht.
Das Nintendo 64 wurde gelegentlich aus Kultgründen noch einmal hervorgeholt. Dann stellte sich die Frage, ob wir „Mario Kart“ oder doch Pokémon spielen.
Auch mit 14 oder 15 griff ich an einem verregneten Herbsttag möglicherweise noch einmal zum Game Boy.
Ich blieb allerdings bei den ursprünglichen 151 Pokémon und verfolgte die weiteren Generationen nicht mehr. Dass es inzwischen 1.025 gibt, wusste ich vor unserem Gespräch nicht.
Diese Zahl muss ich mir merken. Zweimal im Jahr moderiere ich für einen guten Zweck ein Pubquiz. Daraus lässt sich sicherlich eine schöne Schätzfrage machen.
Ob ich mögliche eigene Kinder später mit Pokémon sozialisiere, habe ich mir bislang nicht überlegt.
Dominik:
Was sagt dir deine Geschichte über den Umgang mit Kindern und über deine eigene Persönlichkeit?
Benedict Bier:
Ich glaube, dass man Kindern grundsätzlich vermitteln sollte, dass sie alles schaffen können, was sie wirklich wollen.
Natürlich muss das in einem realistischen Rahmen geschehen. Wenn eine 14-Jährige keinen einzigen Ton trifft, wird eine Karriere als Opernsängerin möglicherweise schwierig.
Trotzdem sollte man zunächst an das Gelingen denken, ein Kind nicht sofort bremsen und seine Begeisterung nutzen. Es gibt nur wenige Dinge, die sich so schnell entwickeln können wie ein begeisterungsfähiges Kind.
Diese Begeisterungsfähigkeit sollte man sich auch als Erwachsener bewahren. Ich glaube, dass mir das gelungen ist.
Außerdem nahm ich den Mut und den Wunsch mit, meine Komfortzone gelegentlich zu verlassen.
Als ich dir nach dem Anhören der früheren Folge schrieb, war mir klar, dass vermutlich die Frage nach einem Interview folgen würde. Durch mein Medizinstudium habe ich gelernt, Dinge bis zu ihrem Ende zu denken.
Ich musste mich deshalb fragen, ob ich dazu bereit war. Dann entschied ich mich dafür, weil ich noch nie Teil eines Podcasts gewesen war und vielleicht nie wieder diese Gelegenheit bekommen würde.
Auch bei „Gefragt – Gejagt“ hatte ich im Studium scherzhaft gesagt, dass ich schon zu lange nicht mehr im Fernsehen gewesen sei und wieder etwas machen müsse. Das war salopp formuliert, aber nicht vollkommen unwahr.
Darin steckte bereits der Gedanke, meine Komfortzone zu verlassen und zu prüfen, ob ich es noch konnte.
Dominik:
Wie fühlt es sich an, dass Pokémon-Fans dich bis heute als Kultfigur der frühen Pokémania betrachten?
Benedict Bier:
Es fühlt sich verrückt an.
Mein übriges Leben ist in vieler Hinsicht normal und bodenständig. Wenn am nächsten Morgen wieder eine Patientin oder ein Patient vor mir sitzt und sich über irgendetwas beschwert, bin ich sofort wieder vollständig in diesem Alltag.
Deshalb ist der Gedanke schwer zu begreifen, dass Menschen mich als Kultfigur betrachten.
Bei deiner ersten Anfrage wusste ich außerdem überhaupt nicht, wie dein Podcast aufgebaut war. Ich glaubte, es handele sich um ein sehr nischiges und nerdiges Pokémon-Thema, zu dem ich kaum etwas beitragen könnte. Deshalb hielt ich mich selbst nicht für den richtigen Ansprechpartner.
Erst später loggte ich mich wieder bei Facebook ein und sah, dass du versucht hattest, mich erneut zu erreichen. Ich fand ausgesprochen liebenswert, dass du im Podcast trotzdem freundlich über unseren Kontakt gesprochen hattest.
Du hättest mit gutem Recht sagen können, dass dieser Idiot einmal kurz angebunden geantwortet und sich danach nie wieder gemeldet habe.
So verhalte ich mich normalerweise überhaupt nicht. Deshalb ärgerte es mich selbst, dass unser Kontakt damals abgebrochen war. Umso schöner ist es, dass wir das nun gewissermaßen heilen konnten.
Dominik:
Welche Momente des damaligen Abends würdest du am liebsten konservieren?
Benedict Bier:
Auf jeden Fall den scheinbar nicht endenden Balken, an dessen Ende meine Wette als Sieger erschien. Darin zeigt sich wahrscheinlich mein sportlicher Ehrgeiz.
Aus der Perspektive eines erwachsenen Mannes müsste ich außerdem den Moment nennen, in dem Heidi Klum mich hinter der Bühne abknutschte.
Meine Eltern erinnerten sich später an eine ziemlich frostige Stimmung zwischen Boris und Barbara Becker. In welchem zeitlichen Zusammenhang das mit ihrer späteren Trennung stand, weiß ich nicht mehr.
Justin Timberlake war ebenfalls in der Sendung. Aus heutiger Sicht war er möglicherweise der größte internationale Star des Abends. Für mich als siebenjähriges Kind spielte das aber überhaupt keine Rolle, und ich nahm daraus nichts mit.
Ganz sicher würde ich außerdem den Moment konservieren, in dem Thomas Gottschalk mich auf den Arm nahm und noch einmal auf die Bühne brachte.
Schön war auch seine überraschende Zusatzfrage nach dem Bundeskanzler. Der Zufallsgenerator setzte sich scheinbar noch einmal in Bewegung, und ich rechnete mit einem weiteren Pokémon. Plötzlich fragte er etwas vollkommen anderes.
Dass ich sofort Gerhard Schröder nennen konnte, gab mir das Gefühl, den Menschen zu zeigen, dass ich nicht nur ein Jahr lang mit dem Pokédex herumgesessen hatte. Ich bekam auch mit, was sonst in der Welt geschah.
Diese Eigenschaft besitze ich bis heute. Ich stecke meine Nase gern in viele unterschiedliche Themen und schnappe überall etwas auf, ohne in jedem Gebiet ein Spezialist zu sein.
So spiele ich Quiz, und als Hausarzt bin ich beruflich ebenfalls bei einer generalistischen Aufgabe gelandet.
Dominik:
Wer ist Benedict Bier heute?
Benedict Bier:
Ein Mensch, der das Glück hatte, dass sein Talent und sein Ehrgeiz immer wieder auf fruchtbaren Boden fielen.
Ich wurde in den Dingen gefördert, die ich gern machte.
Heute bin ich in erster Linie ein ganz normaler, bodenständiger Ehrgeizling.
Dominik:
Was würdest du deinem siebenjährigen Ich unmittelbar vor dem Auftritt sagen?
Benedict Bier:
Mach dir keine Sorgen darüber, wie du auf andere wirkst. Du bist auf jeden Fall ein süßes Kind.
Ich nahm damals wahrscheinlich bereits stark die Perspektive eines Erwachsenen ein. Ich dachte, dass ich nun groß sei, abliefern und seriös sowie erwachsen wirken müsse.
Ich würde ihm sagen, dass er so sein darf, wie der 32-jährige Benedict heute beim Pubquiz ist. Du darfst ehrgeizig sein. Du darfst dich über Erfolge freuen und dich über Misserfolge ärgern. Du darfst authentisch sein.
Wahrscheinlich würde man seinem jüngeren Ich unabhängig von dieser Sendung immer etwas Ähnliches sagen: Sei gelassen, sei zufrieden mit dir und akzeptiere dich so, wie du bist.
Dominik:
Du engagierst dich außerdem für das Hilfsprojekt deiner Schwiegereltern. Worum geht es bei „Hilfe für Ayacucho“?
Benedict Bier:
„Hilfe für Ayacucho“ ist ein kleiner und sehr liebevoll geführter Verein, den meine Schwiegereltern vor mehr als 20 Jahren gegründet haben.
Mein Schwiegervater ist Kinderarzt, meine Schwiegermutter stammt aus Peru. Dadurch schließt sich beinahe wieder ein Kreis zu „Wetten, dass..?“, weil Michael Mittermeier damals einen wenig freundlichen Kommentar über Peru machte.
Die Geschichte des Vereins begann bei einem Besuch meiner Schwiegereltern in der Heimatstadt meiner Schwiegermutter. Mein Schwiegervater wurde dort zum Ehrenbürger ernannt.
In solchen Situationen spielt möglicherweise eine problematische Form von Demut gegenüber einem weißen Arzt aus Deutschland eine Rolle. Gleichzeitig hofften die Menschen verständlicherweise, dass er ihnen helfen könnte.
Mein Schwiegervater beschloss deshalb, dieser Ehrung nachträglich gerecht werden zu müssen.
Zunächst wurden in Deutschland Kleidung und andere Dinge gesammelt. Später entstanden weitere Projekte.
In einem kleinen Dorf in den peruanischen Anden auf mehr als 3.000 Metern Höhe wurde ein Gesundheitsstützpunkt aufgebaut.
Seit 2016 bin ich Teil dieser Familie. Meine Frau und ich sind inzwischen seit ungefähr zehn Jahren zusammen und waren in dieser Zeit zweimal vor Ort.
Wir sammelten und verteilten Sonnenbrillen, um die Augen der Kinder in der großen Höhe etwas vor der starken Sonneneinstrahlung zu schützen.
Außerdem gibt es eine Nähwerkstatt. Dort werden unter anderem kleine Stofftiere und Decken hergestellt. Mütter, die unter teilweise schwierigen sozialen Bedingungen und häufig bereits als Jugendliche ihre Kinder bekommen, erhalten im Krankenhaus solche Willkommensgeschenke.
Das gesamte Projekt wird mit sehr viel Liebe von meiner Schwiegermutter organisiert. Sie verbringt jedes Jahr mehrere Wochen vor Ort.
In Deutschland veranstalten wir über das gesamte Jahr Aktionen, um Spenden zu sammeln. Der Verein lebt von seinen Mitgliedern, Spenden und Benefizveranstaltungen.
Mein Schwiegervater besitzt im Gegensatz zu mir eine sehr klassische Bildung. Deshalb gibt es beispielsweise Wohnzimmerkonzerte. Wir haben außerdem Flohmärkte und ein Bike-Event veranstaltet.
Ich überlegte irgendwann, was ich selbst beitragen könnte. Seit Anfang 2023 organisiere ich deshalb zweimal jährlich ein Kneipenquiz im Wohnzimmer meiner Schwiegereltern.
Das ist für uns immer eine große Sause und macht unglaublich viel Spaß. Dabei darf ich in die Rolle des Quizmasters schlüpfen und meinen heimlichen Traum vom Sportjournalisten oder Quizmoderator ein wenig ausleben.
Diese Veranstaltungen bringen dem Verein verlässlich Einnahmen.
Sämtliche Spenden fließen vollständig in das Projekt. Unsere Flüge und alle eigenen Ausgaben bei den Reisen nach Peru bezahlen wir selbst.
Wir möchten den Verein bewusst klein halten und nicht durch eine große Verwaltung erweitern. Die Dimension soll so bleiben, dass meine Schwiegermutter und die Familie alle Vorgänge selbst überblicken und unmittelbar begleiten können.
