Interview mit Patricia Strasburger in Textform
In der am 26. März 2024 veröffentlichten Folge 129 von Miauz Genau! ist Patricia Strasburger zu Gast, Pokémon-Fans unter anderem als deutsche Stimme von Liko aus „Pokémon Horizonte“, Tracy aus „Pokémon Sonne und Mond“ und Hoopa aus „Pokémon der Film: Hoopa und der Kampf der Geschichte“ bekannt. Im Interview-Special „Vom Flaschengeist zur Aeronautin“ spricht Dominik mit ihr über ihre unterschiedlichen Rollen innerhalb der Pokémon-Welt, ihre Arbeit an der neuen Hauptfigur Liko und die Abläufe hinter der deutschen Synchronisation. Außerdem gibt Patricia Einblicke in die Herausforderungen und Besonderheiten, die mit der Vertonung verschiedener Figuren verbunden sind.
Auf dieser Seite findest du das Gespräch als redaktionell aufbereitetes Transkript zum Nachlesen. Die Podcast-Episode bleibt die vollständige Originalfassung, diese Textversion dient als ergänzende Möglichkeit, das Interview in Ruhe zu lesen, bestimmte Stellen wiederzufinden oder einzelne Aussagen leichter nachzuschlagen.
Da das Interview in Textform eine beachtliche Länge hat, ist es hier in ein Akkordeon-Element eingeklappt.
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Dominik:
Wo begann dein Weg in die Medien, und welche Berufswünsche hattest du als Kind?
Patricia Strasburger:
Das begann tatsächlich schon in meiner frühen Kindheit. Meine Eltern waren ziemlich genervt von mir, weil ich immer die Werbung mitsprach. Ich plapperte Werbesprüche und alles Mögliche nach und konnte sie sofort auswendig. Damit habe ich meine Mitmenschen und vor allem meine Familie wahrscheinlich unglaublich genervt.
Ich hatte natürlich auch einen kleinen Kassettenrekorder. Mit Freundinnen spielte ich Radio, oder wir produzierten unsere eigenen Kinderhörspiele. Ich war schon immer mit ganzem Herzen bei diesem Medium. „Bibi Blocksberg“ und „Die drei Fragezeichen“ standen bei mir ganz oben. Außerdem nahm ich alles auf, was im Fernsehen lief. Ich war ein richtiges Fernsehkind, schaute viel und gern Trickfilme und Anime. Ich habe damals schon sehr viel aufgesogen.
Dominik:
War der konkrete Wunsch, Schauspielerin zu werden, damals bereits vorhanden?
Patricia Strasburger:
Ich habe schon immer gesagt, dass ich Schauspielerin werden möchte. Das bewegte sich natürlich irgendwo zwischen kindlichem Spiel und einem echten Berufswunsch. Ich wusste aber schon, dass ich etwas darstellen möchte.
Bis heute ist mir vor allem wichtig, Menschen zum Lachen zu bringen und ihnen eine Freude zu machen. Das ist mein größter Ansporn. Ich möchte positive Dinge in diese Welt bringen, in welcher Kunstform auch immer. Mich faszinierte schon immer dieser eskapistische Gedanke: Viele Menschen haben im Alltag sehr viel Stress. Dann schauen sie eine tolle Serie, hören ein schönes Hörspiel oder einen guten Podcast und sind gleich etwas entspannter.
Dominik:
Du hast keine klassische Schauspielausbildung absolviert, sondern Theater-, Literatur- und Medienwissenschaft studiert. Wie verlief dein Weg während der Schulzeit und des Studiums?
Patricia Strasburger:
In der Schule hatten wir eine Radio-AG, in der ich sehr aktiv war. Wir arbeiteten mit Radio Bonn/Rhein-Sieg zusammen, und der Sender unterstützte uns wahnsinnig gut. Mit ungefähr 17 durfte ich dort eine kleine Sendung moderieren.
Die Leute sagten damals, dass ich vor dem Mikrofon sehr gut spräche. Wenn jemand jung ist und gut vor dem Mikrofon sprechen kann, wird er schnell weiterempfohlen. Das kennen sicherlich auch einige meiner Synchronkolleginnen und Synchronkollegen, die bereits als Kinder angefangen haben.
Dadurch begann ich mit 16 oder 17, in kleineren Produktionen mitzuspielen. Das waren Hörspiele, aber auch CD-ROMs, die ich besprach. Damit machte ich während des Studiums weiter und arbeitete parallel immer ein wenig als Sprecherin.
Anschließend studierte ich die von dir genannten Fächer in Bayreuth. Das Studium war sehr praxisorientiert. Während der gesamten fünf Jahre stand ich immer wieder auf der Bühne, spielte sehr viel und arbeitete mit richtigen Regisseuren zusammen. Dort erhielt ich im Grunde meine Schauspielausbildung. Es war keine klassische Ausbildung mit einem Schauspieldiplom, aber ich habe in diesen Jahren sehr viel gelernt.
Dominik:
Was fasziniert dich bis heute am Schauspiel?
Patricia Strasburger:
Man kann Dinge ausdrücken, die man selbst vielleicht nicht unmittelbar in sich trägt. Gleichzeitig muss man jeder Rolle eine Prise von sich selbst mitgeben. Nur so entsteht meiner Meinung nach gutes Schauspiel. Der Mensch, der eine Rolle spielt, muss darin ebenfalls zu spüren sein.
Ich finde es wahnsinnig spannend, vollkommen andere Situationen und Charaktere zu erleben. Wahrscheinlich würden viele Schauspielerinnen und Schauspieler etwas Ähnliches sagen. Bühnenschauspiel ist allerdings anders als Film, und Film unterscheidet sich wiederum von einer Serie. Es kommt sehr darauf an, welche Form von Schauspiel man ausübt.
Dominik:
Was sind für dich die größten Unterschiede zwischen dem Schauspiel auf der Bühne und dem Synchronschauspiel?
Patricia Strasburger:
Als Synchronschauspielerin spielt man den Film im Grunde genauso durch. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass keine Kamera auf einen gerichtet ist. Darüber bin ich manchmal sehr froh. Ich habe mich im Studio einmal filmen lassen und sah dabei furchtbar aus. Das war wirklich nicht für die Allgemeinheit bestimmt.
Trotzdem durchlebt man jede Emotion. Wie bei einem Filmdreh muss man eine Szene möglicherweise mehrfach spielen. Man sollte immer möglichst genau sein und gleichzeitig sämtliche Emotionen hineinlegen.
Dominik:
Wie ging es nach deinem Studium weiter?
Patricia Strasburger:
Nach dem Studium stand ich zunächst vor einem riesigen Fragezeichen. Ich wusste nicht, wie man überhaupt in die Synchronbranche hineinkommt. Gleichzeitig hatte ich viele unterschiedliche Dinge gelernt und wusste nicht, ob ich Schauspielerin werden, in einer Redaktion arbeiten oder mich auf das Synchronsprechen konzentrieren wollte. Ich war nach dem Studium vollkommen überfordert, weil ich jeden Bereich sehr spannend fand und mich nicht richtig entscheiden konnte.
Noch während meines Masterstudiums beschloss ich, in den Osterferien bei allen Synchronstudios anzurufen und nach einem Praktikum zu fragen. Bis dahin war ich noch nie in einem Synchronstudio gewesen und wusste überhaupt nicht, wie die Arbeit dort funktionierte. Ich musste mir das zunächst ansehen.
Einige Firmen waren nicht besonders offen. Sie erklärten, sie seien zu groß, um jemanden für ein reines Schnupperpraktikum mitlaufen zu lassen. Eine andere Firma antwortete zunächst nicht auf meine E-Mail. Ich rief noch einmal an, und dort hieß es, meine Anfrage sei etwas untergegangen. Man wollte sich beraten und mich zwei Tage später zurückrufen. Das geschah tatsächlich, und so bekam ich während der Osterferien drei Schnuppertage bei Splendid in Köln.
Das war richtig cool. Ich saß bei den Aufnahmen und dachte sofort: Das sind meine Leute. Manchmal merkt man, dass man mit bestimmten Menschen einen besonders guten Draht hat und sie genau der eigene Schlag sind. Dieses Gefühl hatte ich in der Synchronbranche und besonders bei Splendid. Ich fühlte mich dort sofort sehr wohl.
In den nächsten Semesterferien machte ich ein richtiges Praktikum. Danach sagten sie mir, dass ich gut ins Team passe und eine Aufnahmeleitung gebraucht werde. Natürlich nahm ich das Angebot an. So arbeitete ich zunächst als Synchronaufnahmeleiterin.
Dadurch bekam ich einen sehr guten Einblick in die Branche. Ich sah, wie Sprecherinnen und Sprecher arbeiteten und wie das gesamte System funktionierte. Nach anderthalb oder zwei Jahren dachte ich allerdings: Moment, ich wollte doch eigentlich Sprecherin werden. Was mache ich hier?
Daraufhin setzte ich alles auf eine Karte, kündigte im Guten und konzentrierte mich auf das Sprechen.
Dominik:
Hast du während deiner Arbeit bei Splendid selbst für das Studio gesprochen?
Patricia Strasburger:
Nein, tatsächlich habe ich nie bei Splendid gesprochen. Inzwischen lebe ich in München, während Splendid in Köln sitzt.
Dort gab es eine Regelung, nach der Menschen, die für die Firma arbeiteten, nur ungern selbst vor das Mikrofon gestellt wurden. Das gibt es wahrscheinlich auch in anderen Studios. Ich konnte das gut nachvollziehen. Synchronschauspiel ist ein professioneller Beruf, und es sollte nicht der Eindruck entstehen, dass dort einfach jeder vor das Mikrofon kann.
Dominik:
Gab es Menschen, die dich anschließend besonders unterstützt und begleitet haben?
Patricia Strasburger:
Es gab sogar mehrere. Ich lernte wahnsinnig viele tolle Menschen kennen, sowohl in der Regie als auch unter den Sprecherinnen und Sprechern.
Ekkehardt Belle war einer der Menschen, die mich an die Hand nahmen. Ihm habe ich sehr viel zu verdanken. Als ich später in München war, sagte er zu mir: „Komm, wir stellen dich jetzt in den Studios vor.“
Dann lernte ich Christian Weygand kennen. Mit ihm arbeite ich wahnsinnig gern zusammen und habe sehr schöne Projekte gemacht. Auch ihm bin ich sehr dankbar.
Hinzu kommt Matthias von Stegmann, mit dem ich ebenfalls viel zusammenarbeite und den ich immer gern sehe. Über einige gemeinsame Projekte darf ich noch nicht sprechen.
Natürlich gibt es darüber hinaus viele weitere Menschen, die an mich geglaubt haben. Diese drei waren für meine Arbeit in München aber eine wichtige Initialzündung.
Dominik:
Erinnerst du dich an den ersten Moment, in dem du deine Stimme in einer fertigen Synchronisation gehört hast?
Patricia Strasburger:
Mit Kölnsynchron machte ich damals „Tari Tari“. Das war für mich die erste richtige Synchronrolle. Ich bekam anschließend eine Blu-ray und hörte mir die fertige Fassung an.
Ich saß davor und war vollkommen beeindruckt davon, wie cool alles mit den Hintergrundgeräuschen und den anderen Stimmen klang. Natürlich war ich wahnsinnig stolz. Das bin ich ehrlich gesagt bis heute.
Wenn ich mir einige meiner Produktionen ansehe, denke ich immer noch: Wow, ich mache das tatsächlich. Ich habe lange darauf hingearbeitet. In der Synchronbranche fasst man nicht sofort Fuß. Das dauert sehr lange. Inzwischen stehe ich von morgens bis abends im Studio, und das ist mein Beruf. Ich liebe die Menschen und meine Arbeit. Darauf bin ich sehr stolz.
Dominik:
Welche wichtigen Dinge hast du in deiner Anfangszeit gelernt?
Patricia Strasburger:
Das wichtigste Learning und gleichzeitig der größte Tipp ist, entspannt zu sein. Das ist allerdings auch das Schwierigste. Eigentlich gilt das für viele Bereiche des Lebens: Wenn man entspannt ist, kann einem nicht viel passieren. In Drucksituationen ist man aber meistens verkrampft oder nervös.
Am Anfang bekommt man zunächst kleine Rollen. Man kommt vielleicht für zehn oder 15 Takes ins Studio und ist nach einer halben Stunde wieder fertig. Zunächst muss man sich akklimatisieren und herausfinden, was für eine Rolle man überhaupt spricht. Währenddessen ist man wahnsinnig angespannt, und schon ist der Termin wieder vorbei.
Für mich war es sehr schwer, diese Entspannung zu finden. Mit der Routine wurde es besser. Irgendwann kam ich entspannt ins Studio und dachte: So fühlt es sich also an, wenn man vollkommen ruhig ist und weiß, dass einem nichts passieren kann.
Während einer Aufnahme sprechen außerdem viele Menschen auf einen ein und erklären, was beim nächsten Take verändert werden soll. Das sind sehr viele Informationen, die man zunächst umsetzen muss. Deshalb sollte man durchatmen und versuchen, im Studio entspannt zu bleiben.
Das Zweite ist die Haltung. Man sollte die körperliche Haltung der Figur einnehmen. Ich mache jede Bewegung nach und stelle mich genauso hin wie der Mensch oder die Figur auf dem Bildschirm. Am Anfang dachte ich noch bewusst darüber nach. Inzwischen geschieht es automatisch.
Man hört sogar, in welcher Position sich der Kopf befindet. Die meisten Profis übernehmen zumindest die Haltung des Kopfes.
Dominik:
Wie gelingt es dir, die Emotionen einer Figur nachzuempfinden?
Patricia Strasburger:
Ich bin ein sehr empathischer Mensch. Wenn ich eine gute Schauspielerin oder einen guten Schauspieler auf dem Bildschirm sehe, bin ich sofort in der Emotion. Das funktioniert bei mir ziemlich gut.
Ich finde es teilweise sogar leichter, weil die Person bereits etwas spielt und mir damit einen Rahmen vorgibt. Wenn in einem Skript lediglich steht, dass eine Figur traurig ist, kann sich das in unzähligen Facetten äußern.
Viele Bühnenschauspieler sind nicht automatisch gute Synchronschauspieler. Einige haben keine Lust auf dieses Korsett und wollen sich niemandem unterordnen. Beim Synchron muss man aber tatsächlich das spielen, was der Mensch auf dem Bildschirm macht.
Am schwierigsten ist es, schlechte Schauspieler zu synchronisieren. Wenn jemand mit seinem Gesicht und seinem Spiel kaum etwas anbietet, kann ich nichts vollkommen Großartiges darüberlegen. Sonst würde eine zu große Schere zwischen Bild und Stimme entstehen. Gute Schauspieler sind leichter zu synchronisieren, weil sie einem bereits sehr viel geben.
Dominik:
Wo ordnest du dabei gezeichnete und animierte Figuren ein?
Patricia Strasburger:
Zeichentrick macht wahnsinnig viel Spaß, weil man sich nicht ganz so eng am Originalton orientieren muss. Manchmal stellt man sogar fest, dass etwas aus dem Original nicht besonders gut zur deutschen Fassung passt, und macht es etwas anders. Bei Zeichentrick besitzt man mehr Freiheit.
In Zeichentrick, Animation und Anime kann man außerdem stärker chargieren und verrückte Stimmen ausprobieren. Das gefällt mir sehr.
Dominik:
Wie beurteilst du die deutsche Synchronlandschaft?
Patricia Strasburger:
Durch künstliche Intelligenz ist die Zukunft natürlich etwas ungewiss. Momentan empfinde ich die Situation aber noch als normal. Viele Schauspieler haben Angst, und auch einige Studios besitzen ein ungutes Gefühl. Die Auftragslage ist momentan jedoch noch normal.
Ich gehe zunächst vom Besten aus. Wir haben in Deutschland eine sehr gute Synchronlandschaft und viele Menschen, denen die vertrauten Stimmen wichtig sind. Selbst Zuschauer, die sich sonst nicht mit Synchronisation beschäftigen, stört es oft, wenn eine bestimmte Schauspielerin, ein Schauspieler oder eine Animationsfigur nicht mehr von der gewohnten Stimme gesprochen wird.
Ich glaube, dass die deutsche Synchronbranche in dieser Hinsicht eine besondere Stellung besitzt.
Dominik:
Glaubst du, dass sich der Einsatz künstlicher Intelligenz begrenzen lässt?
Patricia Strasburger:
Wenn technische Neuerungen eingeführt werden, tritt leider häufig der schlimmstmögliche Fall ein. Ich glaube trotzdem nicht, dass menschliche Synchronisation vollständig abgeschafft wird.
Ich hoffe, dass die Technik so eingesetzt wird, dass sie in einigen Bereichen vielleicht sogar eine Erleichterung darstellt. Aufhalten können wir sie nicht. Deshalb brauchen wir Regelungen. Man könnte beispielsweise festlegen, dass ein Film nur zu einem bestimmten Prozentsatz mit künstlicher Intelligenz bearbeitet werden darf und der Rest von Menschen gemacht werden muss. Dann müssten die Produzenten entscheiden, für welche Bereiche sie diesen Anteil verwenden.
Das sind allerdings nur Gedanken. Synchronisation ist selbst bereits eine Art Workaround. Hätte man vor 100 Jahren die technischen Möglichkeiten besessen, Schauspielerinnen und Schauspieler mit ihren eigenen Stimmen in allen Sprachen sprechen zu lassen, hätte man das vielleicht direkt gemacht.
Ich versuche, positiv an das Thema heranzugehen. Die Zuschauer besitzen durchaus Macht. Ein Studio überlegt genau, ob es eine bekannte Stimme umbesetzt, weil es weiß, dass diese Entscheidung lange verfolgt und kritisiert werden kann.
Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die wesentlich negativer auf die Entwicklung blicken. Es bringt uns aber nichts, bereits jetzt alles schwarz zu malen.
Ich hoffe vor allem, dass Stimmen nicht einfach dupliziert werden. Wenn kein Nachwuchs mehr nachkommt und Menschen sich nicht selbst ausprobieren können, entstehen keine neuen Trends und Ausdrucksformen. Dann wird nur das Alte wiederholt. Im Schauspiel braucht es Seele und Leidenschaft.
Es könnte beispielsweise passieren, dass die Originaldarsteller ihre Stimmen verkaufen. Deutsche Schauspieler würden dann den gesamten Film auf Deutsch spielen, und anschließend würde ihre Stimme technisch durch die Stimme des Originals ersetzt. In diesem Fall würde nicht unsere Stimme kopiert, sondern unser Schauspiel bliebe erhalten und bekäme eine andere Klangfarbe. Ich weiß nicht, wohin sich das entwickeln wird.
Ich habe vor Kurzem ein Video gesehen, in dem, glaube ich, ein Interview mit Miley Cyrus auf Deutsch übertragen worden war. Es war gruselig, ihre Stimme plötzlich Deutsch sprechen zu hören. Es klang noch nicht wirklich gut, aber bereits so überzeugend, dass man eine Gänsehaut bekam. Solche Beispiele erzeugen natürlich ein mulmiges Gefühl.
Dominik:
An welche bisherigen Projekte und persönlichen Entwicklungsschritte erinnerst du dich besonders gern?
Patricia Strasburger:
Das ist wahnsinnig schwer, weil ich mich an sehr viele Produktionen gern erinnere. Besonders bleiben mir die Momente im Gedächtnis, in denen ein Knoten geplatzt ist oder ich eine persönliche Hürde überwunden habe.
Meine erste kleine Rolle in München hatte ich bei Christian Weygand in „Arrow“. Ich hatte vielleicht fünf Takes und war wahnsinnig aufgeregt. Ich weiß bis heute, in welchem Studio ich stand und wo ich mein Wasserglas hinstellte.
„LoliRock“ fand ich ebenfalls großartig. Das war eine Kinderserie, in der ich meine erste richtig große Hauptrolle hatte. Am Anfang hatte ich wahnsinnige Angst. Nach einigen Terminen ging ich nach Hause und dachte, dass ich es überhaupt nicht könne. Ich musste plötzlich sehr viel leisten und war diese Konzentration noch nicht gewohnt.
Auch „This Is Us: Das ist Leben“ wird mir immer in Erinnerung bleiben. Die Arbeit an einer Realserie empfand ich als schwieriger, weil ich wirklich wie ein normaler Mensch sprechen musste. Ich hatte dort eine tolle Rolle, die mich sehr weiterbrachte. Besonders die Zusammenarbeit mit Solveig Duda war großartig. Sie trat mir noch einmal in den Hintern und glaubte gleichzeitig an mich.
Natürlich gehört auch Hoopa aus Pokémon dazu. Während des Films war ich stark erkältet. Hoopa spricht sehr kehlig, und ich wusste, dass ich am Montag und Dienstag wieder den ganzen Tag im Studio stehen musste, damit wir den Film beenden konnten. Deshalb versuchte ich am Wochenende, die Erkältung innerhalb von zwei Tagen loszuwerden, und nahm sehr viele Vitamine.
Dass ich später Liko bei Pokémon sprechen würde, hätte ich mir niemals träumen lassen. Die Figur existierte damals natürlich noch nicht, aber so weit hätte ich ohnehin nicht zu träumen gewagt. Es ist großartig, Teil eines solchen Projekts zu sein.
Dominik:
Du bist außerdem eng mit Disney verbunden und unter anderem als eine der Station Voices des Disney Channels zu hören. Wie entwickelte sich diese Zusammenarbeit?
Patricia Strasburger:
Als ich nach München zog, begann ich bei Disney zu arbeiten. Ich hatte ein Vorstellungsgespräch, bekam die Stelle und arbeitete zunächst hinter den Kulissen.
Relativ schnell wurde bekannt, dass ich auch Sprecherin war. Als einmal jemand ausfiel, durfte ich etwas übernehmen. Ich erinnere mich noch daran, wie die Kolleginnen und Kollegen zunächst etwas skeptisch schauten und dachten: Na gut, jetzt darf sie es einmal machen.
Anschließend sagten sie aber, dass es sehr gut funktioniere und ich besonders jung klänge. Eine so junge Stimme hatten sie zu diesem Zeitpunkt nicht. Deshalb durfte ich immer mehr YouTube-Inhalte sprechen.
Das war im Grunde der Startschuss für meine Arbeit als Station Voice, obwohl ich damals niemals gedacht hätte, dass ich mich irgendwann tatsächlich so bezeichnen könnte. Ich übernahm immer mehr Aufgaben und bekam allmählich meine eigene Sparte.
Wir sind drei Station Voices. Ich spreche hauptsächlich die jugendlichen und etwas cooleren Themen. Die anderen beiden Stimmen übernehmen unter anderem Preschool und Primetime. Diese Jugendschiene passt sehr gut zu mir, weil ich mich mit den Inhalten identifizieren kann.
Moderieren wollte ich zunächst überhaupt nicht. Irgendwann sagte meine Chefin, sie könne sich mich als Moderatorin vorstellen. Ich war mir überhaupt nicht sicher, ob ich das konnte. Dann saß ich plötzlich an einem Star-Wars-Set, musste nach London fliegen und war so aufgeregt wie selten zuvor.
Auf diese Weise führte eines zum anderen, und über die Jahre entstand ein Portfolio. Hätte man mir das einige Jahre vorher erzählt, hätte ich es nicht geglaubt.
Disney ist inzwischen wie mein Mutterschiff. Wenn ich dorthin komme, kenne ich die Menschen sehr gut, und es fühlt sich ein wenig an, als würde ich nach Hause kommen. Am Tag dieses Interviews hatte ich dort ebenfalls Trailer gesprochen. Ich habe dort meinen Platz und arbeite sehr gern mit dem Team.
Dominik:
Wie unterscheidet sich die Arbeit an Trailern und Programmvorschauen von einer klassischen Synchronaufnahme?
Patricia Strasburger:
Bei Trailern gibt man wesentlich mehr Druck. Man hat teilweise einen bestimmten Singsang, den man abrufen kann. Ich habe für mich eine Art entwickelt, bestimmte Formulierungen hervorzuheben und einzelne Betonungen zu setzen.
Dabei besitzt man mehr Freiheit und kann einen eigenen Stil entwickeln. Ich habe das Gefühl, dass ich inzwischen meinen Voice-over-Stil für die Disney-Inhalte gefunden habe.
Beim Synchron ist das anders. Dort ist man gewissermaßen Sklave des Originaltons und versucht, möglichst nah daran zu bleiben.
In beiden Fällen hat man einen Text vor sich. Beim Synchron versucht man aber, ihn sich für den Take einzuprägen. Man liest nicht einfach ab, sondern schaut auf das Bild. Beim Voice-over lese ich den Text dagegen tatsächlich vom Blatt.
Dominik:
Wie viel eigener Nerd steckt in dir?
Patricia Strasburger:
Schon ein bisschen. Man hätte mich wahrscheinlich nicht für diese Aufgaben ausgewählt, wenn ich mich mit den Inhalten überhaupt nicht identifizieren könnte.
Natürlich gibt es einzelne Themen und Produktionen auf Disney+, die ich selbst noch nicht gesehen habe. Mit den großen Themen wie Star Wars und Marvel kann ich aber sehr viel anfangen. Ich bin keine absolute Expertin, auf die man jedes Detail festnageln sollte, aber ein wenig nerdig bin ich auf jeden Fall.
Wenn man bei Disney arbeitet, lernt man den gesamten Kosmos außerdem immer stärker zu lieben. Ich finde schön, dass sich Disney inzwischen teilweise selbst nicht mehr ganz so ernst nimmt und viele Inhalte humorvoller geworden sind. Es ist einfach eine tolle Marke.
Dominik:
Welche Filme, Serien und Anime magst du besonders?
Patricia Strasburger:
„One Piece“ ist richtig gut. Ich habe irgendwann aufgehört, weil es natürlich sehr umfangreich ist. Eigentlich müsste ich wieder einsteigen, wahrscheinlich sogar noch einmal von vorn. Darauf hätte ich schon Lust.
Die beste Serie, die ich in den letzten Jahren gesehen habe, war „Euphoria“. Sie ist zumindest beim deutschen Publikum etwas unterschätzt. Ich kenne nicht besonders viele Menschen, die sie gesehen haben, fand sie aber wahnsinnig gut und freue mich auf eine weitere Staffel.
Natürlich habe ich auch „Game of Thrones“ und „House of the Dragon“ gesehen. Es gibt so viele tolle Serien. Wenn ich eine Serie schaue, bin ich immer ihr größter Fan. Sobald ich die nächste anfange, bin ich dann deren größter Fan.
Momentan schaue ich allerdings gar keine Serie. „The Last of Us“ möchte ich eigentlich sehen, aber vorher wollte ich das Spiel durchspielen. Jemand erklärte mir, dass Spiel und Serie sehr ähnliche Inhalte haben. Bis jetzt bin ich glücklicherweise an allen Spoilern vorbeigekommen.
Dominik:
Welche nostalgische Verbindung hast du zu Pokémon?
Patricia Strasburger:
Pokémon gehörte natürlich zu meiner Kindheit. Für den ganz großen Hype war ich allerdings ein kleines bisschen zu alt.
Ich besaß als Kind auf jeden Fall eine Pummeluff-Uhr, und Pummeluff ist bis heute mein liebstes Pokémon. Ich schaute schon viel Pokémon, war aber nicht vollkommen besessen davon.
Das Sammelkartenspiel ist größtenteils an mir vorbeigegangen. Natürlich bekam ich es mit, sammelte und spielte aber nicht besonders intensiv. Die Welt mit den vielen Pokémon finde ich trotzdem wahnsinnig faszinierend.
Dominik:
War Hoopa deine erste Synchronrolle innerhalb der Pokémon-Welt, oder kam Tracy aus „Pokémon Sonne und Mond“ zuerst?
Patricia Strasburger:
Hoopa kam zuerst. Das war damals eine richtig große und großartige Rolle für mich.
Ich wurde dafür tatsächlich gecastet. Es war das erste große Casting, das ich gewann. In diesem Moment dachte ich: Wahnsinn, wie cool ist das denn?
Gesucht wurde jemand, der frech klang. Frech kann ich, deshalb entschieden sie sich für mich.
Dominik:
Wie fühlte es sich an, mit Hoopa ein Pokémon zu sprechen, das sich vollständig mit Menschen verständigen kann?
Patricia Strasburger:
Das war richtig cool. Ich erzählte allen, dass ich ein Pokémon sei, aber trotzdem sprechen könne. Dann fragten die Leute immer: „Wie, du kannst sprechen? Das ist doch nicht dein Ernst.“ Ich antwortete: „Doch, ich bin Hoopa.“
Die Rolle war allerdings anstrengend, weil ich sie sehr kehlig angelegt hatte. Nach einem ganzen Aufnahmetag dachte ich manchmal: Oh je. Gerade dadurch wurde Hoopa aber so süß. Wir haben im Studio außerdem sehr viel gelacht.
Dominik:
Gab es bei diesen Aufnahmen eine besondere Anekdote oder ein wichtiges Learning?
Patricia Strasburger:
Hoopa ist sehr direkt und spontan. Deshalb musste ich meine eigene Spontaneität nutzen.
Wenn ein Take nicht so funktionierte, wie ich es mir wünschte, hatte ich damals die Tendenz, zu fluchen oder die Aufnahme vorzeitig abzubrechen. Ich dachte dann sofort, dass daraus ohnehin nichts mehr werden könne.
Einmal brach ich einen Take ab und fluchte anschließend. Dafür bekam ich richtig Ärger. Daniela kam herein und sagte: „Du brichst jetzt keinen Take mehr ab, Patricia. Vielleicht war darin etwas Brauchbares.“
Das war ein großes Learning. Man darf sich nicht sofort selbst schlechtmachen. Man sollte zunächst abliefern und still bleiben. Anschließend kann man immer noch sagen, dass man es gern erneut versuchen würde.
Manchmal hatte jemand im Team meine Aufnahme gut gefunden, aber ich redete direkt am Ende hinein und machte sie dadurch unbrauchbar. Das ließ sich nicht immer wegschneiden. Ich begann sofort mit meiner eigenen Tirade darüber, was nicht funktioniert hatte, während die anderen sagten: „Doch, das war doch gut.“ Das war natürlich etwas ungeschickt von mir.
Dominik:
Wie läuft die Zusammenarbeit zwischen Sprecherin, Schnitt, Ton und Regie bei Pokémon ab?
Patricia Strasburger:
Wir sind meistens zu viert im Studio. Mit mir im Aufnahmeraum sitzt die Person am Schnitt. Wir können uns direkt austauschen. Hinter der Scheibe sitzen Regie und Ton.
Manchmal schalten sie ihr Mikrofon stumm und diskutieren miteinander, ohne dass wir es hören. Das ist gelegentlich etwas gemein, weil man nicht weiß, was hinter der Scheibe besprochen wird. Vielleicht sagt dort jemand: „Das haben wir jetzt schon zehnmal gemacht. Langsam muss es funktionieren.“ Ich weiß es natürlich nicht.
Nach einem Take sagt zunächst der Schnitt, ob er synchron gepasst hat. Danach beurteilt der Ton, ob die Aufnahme technisch sauber war. Die Regie besitzt das letzte Wort darüber, ob das Spiel stimmt. Es müssen also gewissermaßen drei Jas kommen.
Die Zusammenarbeit mit Daniela ist großartig. Sie hat richtig Lust auf Pokémon, liebt das Projekt und ist mit viel Herzblut dabei. Sie kennt die Serie sehr genau und weiß, wie eine Szene funktionieren muss.
Manchmal habe ich einen anderen Impuls, und sie bittet mich um eine bestimmte Spielweise. Wenn ich das Ergebnis später höre, denke ich oft: Sie hatte vollkommen recht.
Gleichzeitig arbeitet sie sehr respektvoll. Wenn ich etwas ausprobieren möchte, darf ich das tun. Manchmal sagt sie sogar, dass ich sie mit einer Idee überrascht habe und wir diese Fassung nehmen. Das ist eine echte Zusammenarbeit, bei der alle am selben Strang ziehen.
Dominik:
Wie kam es zum Casting für Tracy?
Patricia Strasburger:
Auch für Tracy gab es ein Casting. Soweit ich mich erinnere, wurde ich damals für zwei Rollen aufgenommen und bekam anschließend Tracy. Welche zweite Figur das war, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich gehörte sie ebenfalls zur Alola-Region.
Ich wollte Tracy unbedingt sprechen. Bei einem Casting merkt man manchmal sehr schnell, welcher Charakter dem eigenen Typ entspricht. Bei ihr dachte ich sofort: Die mit den blauen Haaren möchte ich haben.
Dominik:
Was gefiel dir an Tracy?
Patricia Strasburger:
Sie ist frech und gewitzt. Gleichzeitig kann sie sich zurücknehmen. Das unterscheidet sie ein wenig von mir.
Sie drängt sich nicht ständig laut in den Vordergrund. Wenn sie etwas sagt, besitzt es aber meistens Substanz. Das gefällt mir an ihr.
Außerdem liebt sie Wasser-Pokémon, und ich mag das Wasser ebenfalls sehr gern.
Dominik:
Kam es für dich überraschend, dass Tracy nach den Alola-Staffeln noch einmal kleinere Auftritte in „Pokémon Reisen“ und den folgenden Staffeln bekam?
Patricia Strasburger:
Ich hatte ehrlich gesagt gehofft, dass sie noch etwas stärker zurückkehren würde. Die Alola-Region war so schön, und mir gefiel diese Phase der Serie sehr gut.
Deshalb überraschten mich ihre Auftritte nicht vollkommen. Ich hatte mir eher noch etwas mehr davon erhofft.
Dominik:
Wann hast du erfahren, dass Ashs Reise enden und Pokémon anschließend mit neuen Hauptfiguren fortgesetzt werden sollte?
Patricia Strasburger:
Ich bin mit Felix Mayer gut befreundet und war deshalb zunächst traurig. Auch Tobias John von Freyend, der Goh sprach, kannte ich.
Mein erster Gedanke war: Das kann doch nicht sein. Für Felix und die anderen sollte diese lange Reise nun enden. Für mich fühlte sich diese Nachricht zunächst überhaupt nicht gut an.
Dominik:
Kurz darauf wurde mit Liko eine neue Protagonistin angekündigt. Wie kam es zu deinem Casting?
Patricia Strasburger:
Ich hatte irgendwann gehört, dass es eine neue Serie mit einem Mädchen und einem Jungen als Hauptfiguren geben sollte. Auf den Gängen wurde bereits etwas getuschelt. Es hieß, die neue Serie komme bald. Danach hörte ich zunächst nichts mehr davon.
Irgendwann bekam ich einen Anruf und wurde zu einem Casting für ein geheimes Projekt eingeladen. Manchmal weiß man bei einem Casting überhaupt nicht, worum es geht. Aufnahmeleiter geben einem vielleicht einen kleinen Hinweis, dürfen den Namen aber nicht nennen.
Als ich ins Studio kam und Liko sah, wusste ich sofort, dass ich sie unbedingt sprechen wollte. Ich war schockverliebt. Sie trug dieses Medaillon, und ich dachte sofort, dass sie viele Geheimnisse besaß. Sie wirkte noch schüchtern, hatte aber sichtbar Feuer in sich.
Nach dem Casting sagte ich mir: Verhexe es jetzt nicht. Denk nicht mehr daran, damit es vielleicht klappt.
Es ist etwas peinlich, aber ich machte Liko sogar für ungefähr eine Woche zum Hintergrundbild auf meinem Handy. Ich wollte dem Universum einen kleinen Hinweis geben. Das Casting hatte zu diesem Zeitpunkt bereits stattgefunden.
Natürlich sprachen mich andere darauf an und fragten, wer das sei. Ich durfte nicht erzählen, dass ich für die neue Pokémon-Serie gecastet worden war. Deshalb nahm ich das Bild wieder heraus. Ich hätte es nicht lange geheim halten können, wenn mich ständig jemand gefragt hätte, ob das die neue Pokémon-Figur sei.
Dominik:
Wie hast du auf die Zusage reagiert?
Patricia Strasburger:
Ich war unglaublich erleichtert und freute mich wahnsinnig.
Nach dem Casting hatte ich immer versucht, nicht daran zu denken. Trotzdem ertappte ich mich dabei, dass ich auf Neuigkeiten hoffte oder mich fragte, warum noch kein Anruf gekommen war. Diese Nervosität hilft einem im Alltag überhaupt nicht.
Deshalb war ich sehr froh, als diese Wartezeit vorbei war und ich endlich wusste, dass ich Liko sprechen durfte.
Dominik:
Wer ist Liko für dich?
Patricia Strasburger:
In den ersten Folgen war sie sehr schüchtern und zurückgenommen. Ich glaube aber, dass in ihr ein Vulkan und eine enorme Kraft brodeln, die sie selbst noch gar nicht entdeckt hat.
Das ist eine spannende Coming-of-Age-Geschichte. Liko befindet sich genau in dem Alter, in dem die Pubertät beginnt und man noch nicht weiß, wer man eigentlich ist. Als Zuschauer treffen wir sie an einem sehr interessanten Punkt und dürfen beobachten, wie sie sich entwickelt.
An ihr liebe ich besonders, dass sie wahnsinnig empathisch ist. Sie kann sich in andere Menschen und in Pokémon hineinversetzen. Damit kann ich mich sehr identifizieren.
Außerdem ist sie unglaublich mutig. Sie geht in diesem Alter allein auf die Akademie und schließt sich anschließend den Volttackle-Aeronauten an. Das ist ein enormer Schritt.
Dominik:
Worin unterscheiden sich Liko und Ash besonders?
Patricia Strasburger:
Ash war von Anfang an ein Draufgänger, sehr mutig und einfach cool. Natürlich ist Liko ebenfalls mutig. In einer Gruppe würde sie sich anfangs aber eher im Hintergrund halten.
Sie wäre nicht unbedingt die Person, die beim Karaoke sofort allein auf die Bühne geht. Bei Ash hatte ich immer das Gefühl, dass er ein geborener Anführer war.
Liko würde ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht als Anführerin bezeichnen. Wir wissen allerdings auch noch nicht, wie sie sich weiterentwickelt.
Dominik:
Wie viele Freiheiten hast du bei der stimmlichen Gestaltung von Liko?
Patricia Strasburger:
Ich habe bereits viele Freiheiten. Besonders liebe ich die Voice-over-Passagen der neuen Serie. Sie verleihen Liko sehr viel Tiefe.
Bislang hatte ich das Gefühl, dass ich mich dort wirklich austoben kann. Gleichzeitig habe ich Daniela an meiner Seite, die mir einen sehr guten Leitfaden gibt.
Ich hatte nie das Gefühl, dass ich die Rolle eigentlich vollkommen anders anlegen wollte. Ich fühle mich gut aufgehoben und arbeite gleichzeitig in einem Umfeld, in dem ich selbst viel einbringen kann.
Dominik:
Gab es Momente, in denen dich Pokémon an deine körperlichen oder mentalen Grenzen brachte?
Patricia Strasburger:
Dabei muss ich wieder Hoopa nennen. Die Rolle war für mich damals sehr groß. Wenn ich fluchte, weil etwas nicht funktionierte, ich mir einen Text nicht merken konnte oder andere Schwierigkeiten hatte, ging ich manchmal nach Hause und dachte: Das war wirklich anstrengend.
Dabei ging es nicht nur um die kehlige Stimme. Auch meine Konzentration, meine geistige Leistung und mein Körper waren nach solchen Aufnahmetagen vollkommen erschöpft.
Wahrscheinlich war ich in diesen Momenten auch für das Team etwas anstrengend. Am Ende eines solchen Tages ist man aber wirklich ausgelaugt.
Dominik:
Haben sich durch Pokémon besondere Freundschaften entwickelt?
Patricia Strasburger:
Das Schöne an Pokémon ist, dass beinahe jeder aus der Münchner oder Berliner Synchronbranche irgendwann Teil der Serie war. Es gibt unendlich viele Pokémon, und ich kenne fast niemanden, der noch keines gesprochen hat.
Ich glaube, dass alle meine Freunde aus der Synchronwelt ebenfalls schon einmal ein Pokémon gesprochen haben.
Mit Zina Laus bin ich sehr gut befreundet. Sie spricht Ann, Likos beste Freundin am Anfang der Serie. Ihr Name fiel mir während des Gesprächs gerade nicht ein, obwohl ich sie bildlich vor Augen hatte.
Gerade die Menschen in meinem Alter verstehen sich untereinander ziemlich gut. Wir kennen uns alle und mögen uns eigentlich auch alle. Es gibt einen Synchronstammtisch. Vorher gehen wir häufig gemeinsam Pizza essen, anschließend zum Stammtisch und stoßen auf irgendetwas an.
Dominik:
Was begeistert dich beim Aufnehmen von „Pokémon Horizonte“ besonders?
Patricia Strasburger:
Mir fiel im Studio häufig die Kinnlade herunter. Ich wusste vorher nicht, was in der Handlung passieren würde.
Dann erschien plötzlich das schwarze Rayquaza, und ich stand vor dem Bildschirm und dachte: Was passiert hier gerade?
Die anderen Beteiligten hatten die Szene möglicherweise schon mit jemand anderem aufgenommen, beispielsweise mit Mio Lechenmayr, oder Daniela kannte sie bereits, weil sie das Dialogbuch geschrieben hatte. Ich erlebte diese Momente dagegen zum ersten Mal und konnte teilweise kaum glauben, was ich sah.
Wenn ich Daniela fragte, wie es weiterging, verriet sie es mir natürlich nicht.
Genau das gefällt mir an „Pokémon Horizonte“ so gut. Die Serie ist wahnsinnig spannend. Ich möchte unbedingt wissen, wie es mit dem Antiken Abenteurer und den sechs Helden weitergeht. Auch Terapagos und die anderen Pokémon finde ich großartig. Ich stehe im Studio und möchte selbst erfahren, wie die Geschichte weitergeht.
Dominik:
Hast du dir die japanische Fassung angesehen, um die spätere Handlung bereits zu kennen?
Patricia Strasburger:
Ich hatte darüber nachgedacht, mir etwas aus der japanischen Fassung anzusehen. Dann entschied ich mich dagegen, weil ich im Studio überrascht werden wollte.
Es wäre schade, vor einer Szene zu stehen und schon genau zu wissen, welcher Charakter gleich erscheint und was anschließend passiert. Ich finde es großartig, wenn ich während der Aufnahme wirklich sagen kann: Das ist jetzt nicht tatsächlich passiert.
Von den Bösewichten hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht besonders viel mitbekommen. Wegen der fortlaufenden Erzählweise wirken sie anders als früher Team Rocket. Sie sind dieses Mal richtig ernst zu nehmende Bösewichte. Ich war sehr gespannt darauf, wie sich dieser Teil der Handlung weiterentwickeln würde.
Dominik:
Welche Figur würdest du gern noch sprechen?
Patricia Strasburger:
Bei Pokémon auf jeden Fall Pummeluff. Ich weiß gar nicht, warum ich es nicht längst spreche.
Ehrlich gesagt bin ich mit Liko allerdings so zufrieden, dass man mir bei Pokémon kaum noch etwas anbieten könnte, das darüber hinausgeht. Ich hätte mir keine bessere Rolle wünschen können.
Grundsätzlich gibt es natürlich noch viele mögliche Figuren und Projekte. Ich versuche, offen für alles zu sein und möglichst viel anzuziehen.
Es wäre beispielsweise sehr cool, bei einem großen Star-Wars-Projekt dabei zu sein. Als Synchronsprecherin kann man allerdings nicht besonders viel dafür tun. Man kann sich nicht klassisch für eine Rolle bewerben, sondern muss hoffen, dass die Verantwortlichen auf einen zukommen.
Vielleicht kann man einmal bei einer Aufnahmeleitung anrufen und sagen, dass man von einem bestimmten Projekt gehört hat. Das habe ich aber noch nie gemacht. Man muss im Wesentlichen darauf vertrauen, dass die Menschen an einen denken.
Dominik:
Wie stehst du zur häufig leidenschaftlich geführten Diskussion zwischen japanischem Originalton und deutscher Synchronfassung?
Patricia Strasburger:
Bei mir hängt es oft davon ab, womit ich angefangen habe. „Die Simpsons“ habe ich beispielsweise zuerst auf Deutsch gesehen und kann sie mir auf Englisch nicht besonders gut ansehen.
Bei anderen Produktionen begann ich mit dem Originalton. Dann funktioniert die Synchronfassung für mich manchmal nicht mehr in derselben Weise.
Wir besitzen das große Glück, dass es wahnsinnig gute deutsche Synchronfassungen gibt. Dafür können wir dankbar sein. Gleichzeitig verstehe ich vollkommen, wenn jemand Anime lieber auf Japanisch mit Untertiteln sieht. Die japanischen Sprecherinnen und Sprecher sind unglaublich gut in ihrer Arbeit und dort richtige Stars.
Jeder sollte sich eine Produktion so ansehen, wie sie für ihn am schönsten ist. Manchmal mag man eine bestimmte Stimme, manchmal geht sie einem auf die Nerven, obwohl die Leistung objektiv gut ist. Darin sehe ich kein Problem.
Dominik:
In Japan wird den ursprünglichen Stimmen häufig eine besondere Bedeutung beigemessen. Ein Beispiel ist Maike, deren Sprecherin schwer erkrankte und deshalb nicht einfach ersetzt wurde. Bei späteren Rückkehrern erhielt die Figur lediglich einen kleinen stummen Auftritt. Wie bewertest du einen solchen Umgang?
Patricia Strasburger:
Das finde ich sehr schön. Dort wurde gesagt, dass man die Sprecherin respektiert und die Figur deshalb nicht einfach neu besetzt.
Wir können uns ebenfalls glücklich schätzen, eine so engagierte Community zu besitzen, in der viele Menschen Fans der Synchronisation und ihrer Stimmen sind.
Trotzdem würde ich niemals sagen, jemand müsse unbedingt die deutsche Fassung schauen. Wenn eine Person lieber Untertitel verwendet, ist das vollkommen in Ordnung. Beide Fassungen dürfen denselben Stellenwert besitzen.
Dominik:
Was rätst du Menschen, die selbst in die Synchronbranche einsteigen möchten?
Patricia Strasburger:
Ohne Schauspiel geht es nicht. Das ist die erste und wichtigste Grundlage. Man muss dieses Handwerk beherrschen, sonst kann man der Arbeit nicht gerecht werden.
Es reicht nicht, eine coole oder besonders schöne Stimme zu besitzen. Man muss vielfältig bleiben. Wenn jemand nur eine einzige Sache gut kann, reicht das langfristig nicht.
Wer einen Dialekt besitzt oder an seiner Aussprache arbeiten möchte, kann zusätzlich Sprechtraining oder Sprecherziehung nehmen. Für den Anfang eignet sich beispielsweise das Buch „Der kleine Hey“. Darin gibt es viele sprecherzieherische Hinweise, Reime und Übungen. Damit kann man sich bestimmte Dinge abtrainieren und andere Fähigkeiten gezielt entwickeln.
Wenn man diese Schritte absolviert hat, schauspielerisch vorbereitet ist und ein solides Fundament besitzt, sollte man ein Demoband aufnehmen. Es muss nicht vollkommen perfekt sein, sollte aber verschiedene Facetten zeigen. Dieses Demoband kann man an Synchronstudios schicken.
Man sollte es allerdings nicht versenden, bevor man wirklich bereit ist. Das kann sonst kontraproduktiv sein. Der eigene Name ist möglicherweise bereits mit einer schwachen ersten Aufnahme abgespeichert, und man erhält keine zweite oder dritte Gelegenheit.
Natürlich ist niemand beim ersten Studiotermin perfekt. Auch ich stand dort wie ein Würstchen, war vollkommen aufgeregt und lieferte sicherlich Dinge ab, bei denen ich heute denke: Wie peinlich. Eine gewisse Grundvoraussetzung sollte trotzdem vorhanden sein.
Die wichtigsten Säulen sind für mich Talent für das Synchronsprechen, schauspielerisches Handwerk und Sprecherziehung.
Viele Menschen stellen sich die Arbeit sehr einfach vor, weil jeder sprechen kann. Manche sagen, sie hätten eine besonders gute oder schöne Telefonstimme. Das reicht meistens nicht.
Bis man große Rollen sprechen darf und selbst bereit ist, diese Anforderungen zu erfüllen, dauert es lange. Ich habe teilweise das Gefühl, dass ich erst vor ungefähr zwei Jahren richtig angefangen habe. Natürlich stimmt das zeitlich nicht. Damals platzte bei mir aber ein weiterer Knoten, und ich merkte, dass ich meine Bandbreite endlich gezielt abrufen konnte.
In den vergangenen Jahren hatte ich eine enorme Lernkurve, und sie ist noch nicht vorbei. Ich kann mich weiterhin verbessern. Wahrscheinlich werde ich in einigen Jahren auf meine heutige Arbeit zurückblicken und feststellen, dass ich damals ebenfalls noch nicht vollkommen auf den Punkt war.
Dominik:
Welche persönlichen Meilensteine möchtest du in Zukunft erreichen?
Patricia Strasburger:
Im vergangenen Jahr unternahm ich eine große Reise und besuchte eine Schauspielschule in New York. Das war großartig und brachte mich erneut weiter. Ich verließ meine Komfortzone.
Vorher hatte ich oft gedacht, dass eine solche Erfahrung schön wäre. Die Frage war nur, wann man es tatsächlich macht. Als selbstständige Synchronschauspielerin ist es nicht einfach zu sagen, dass man einen Monat lang nicht zur Verfügung steht. Man denkt ständig: Was ist, wenn genau in diesem Zeitraum die riesige Rolle kommt?
Deshalb traut man sich solche Auszeiten nur schwer. Wie bei vielen Dingen im Leben muss man es aber einfach machen. Ich habe diese Entscheidung nicht bereut. Einen Monat lang in New York zu leben und dort eine Schauspielschule zu besuchen, war eines der größten Abenteuer, die ich erleben durfte.
Nur weil ich inzwischen regelmäßig synchronisiere, bedeutet das nicht, dass ich nicht weiterhin wie ein Schwamm lernen und neue Erfahrungen aufsaugen möchte.
Ich habe das Gefühl, dass ich noch lange nicht fertig bin. Für mich ist das eigentlich erst der Anfang einer großen Reise, nun eben gemeinsam mit den Volttackle-Aeronauten.
Dominik:
Gibt es Produktionen, die du den Zuhörerinnen und Zuhörern besonders empfehlen möchtest?
Patricia Strasburger:
Ich hatte das Glück, dass die meisten Projekte des vergangenen Jahres ziemlich gut ankamen.
Trotzdem möchte ich „Ernest & Célestine: Die Reise ins Land der Musik“ erwähnen. Das ist ein wunderschöner Kinderfilm, der auch im Kino lief und an dem großartige Kolleginnen und Kollegen mitwirkten. Den kann ich allen ans Herz legen.
Auf dem Disney Channel gibt es außerdem „Mystery Lane: Ein Fall für Clever und Bro“. Dort spreche ich die beiden Hamster Clever und Bro. Das war eine besondere Herausforderung, weil die Figuren vollkommen unterschiedlich klingen. Eine Stimme liegt sehr hoch, die andere sehr tief. Dieser Spagat war enorm.
Im Original werden beide ebenfalls von derselben Sprecherin gesprochen. Wir beschlossen, das auch in der deutschen Fassung zu versuchen. Ich traute es mir zu, wusste aber zunächst nicht, ob die Illusion funktionieren würde.
Als wir uns die erste fertige Folge im Studio ansahen, waren wir uns alle einig: Es funktioniert. Man denkt nicht, dass beide Figuren dieselbe Stimme besitzen, sondern hält sie einfach für Geschwister. Darauf bin ich sehr stolz.
Außerdem bin ich seit der zweiten Staffel bei „The Bear: King of the Kitchen“ dabei. Ich liebe meine Rolle Claire und auch ihre Darstellerin abgöttisch. Zum Zeitpunkt des Interviews hoffte ich sehr auf eine dritte Staffel und darauf, dass die Figur noch größer werden würde.
Eine kleine Geschichte zu den Volttackle-Aeronauten habe ich ebenfalls noch. Als der Name zum ersten Mal in den Aufnahmen vorkam, bestand ich darauf, dass „Aeronauten“ anders ausgesprochen werden müsse. Im Studio wurde lange darüber diskutiert. Schließlich fanden wir heraus, dass beide Aussprachevarianten korrekt sind. Ich hatte vorher sehr selbstbewusst behauptet, dass es auf keinen Fall so ausgesprochen werden dürfe.
